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Veröffentlicht am 08.12.2025

"Verschickungskinder": Wichtiges Thema lesenswert verpackt

Am Meer ist es schön
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Habt ihr schon einmal von "Verschickungskindern" gehört? Zwischen den 50er und Ende der 80er Jahre wurden Millionen Kinder in Deutschland wochenlang auf "Erholungskur" geschickt und erlebten dort traumatisierende ...

Habt ihr schon einmal von "Verschickungskindern" gehört? Zwischen den 50er und Ende der 80er Jahre wurden Millionen Kinder in Deutschland wochenlang auf "Erholungskur" geschickt und erlebten dort traumatisierende Zeiten. Körperliche, psychische und sexuelle Gewalt prägten ihren Aufenthalt - eine Aufarbeitung wird bis heute erschwert. Ich kannte diese Thematik bis dato tatsächlich nicht.

Barbara Leciejewski erzählt in ihrem fiktiven Roman die Geschichte der achtjährigen Susanne, die gemeinsam mit anderen Kindern in St. Peter-Ording untergebracht war. Maßlose Strenge, emotionale Kälte, Demütigungen und psychische Gewalt prägten ihre Zeit dort. Ihre Eltern erhielten regelmäßig geschönte Postkarten á la "Am Meer ist es schön." - sie ahnten nichts. Die Kinder waren der erwachsenen Willkür ausgeliefert. Nur ihr Zusammenhalt ließ sie die Zeit überstehen. Bis ins Erwachsenenalter sitzen die Wunden und verdrängten Erlebnisse tief. So bricht am Sterbebett ihrer Mutter all das Ungesagte aus Susanne heraus. Wir wechseln in dem Roman also zwischen Gegenwart und Kindheitserinnerungen. Aufgrund der Erzählperspektive der kindlichen Susanne wird die Geschichte noch eindringlicher, noch zerbrechlicher, noch emotionaler. Es zeigt auch, wie stark die Erlebnisse nachwirken und wie schwer die Schuld auch auf den Schultern der Eltern liegt. So oder so ähnlich könnten die Erfahrungen all der Verschickungskinder ausgesehen haben.

Der Roman von Barbara Leciejewski liest sich, trotz der schweren Thematik, sehr gut. Ich wollte das Buch kaum zur Seite legen. Es ist bewegend, erschütternd, gefühlvoll, aufklärend. Große Empfehlung! Dass niemand etwas gesehen oder unternommen hat, ist unvorstellbar. Was sagt uns das? Wir sollten mehr hinsehen. Und laut werden. Der Roman leistet definitiv seinen Beitrag.

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Veröffentlicht am 11.11.2025

So ein wunderbares Kinderbuch!

Die Goldene Schreibmaschine
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Ich bin auf Arbeit schon oft an diesem Fantasy-Buch vorbeigelaufen und immer wieder aufgrund des Covers und Titels hängen geblieben. Nachdem ich nun meinen ersten Henn-Roman gelesen hatte, wurde es Zeit, ...

Ich bin auf Arbeit schon oft an diesem Fantasy-Buch vorbeigelaufen und immer wieder aufgrund des Covers und Titels hängen geblieben. Nachdem ich nun meinen ersten Henn-Roman gelesen hatte, wurde es Zeit, endlich zu seinem Kinderroman zu greifen. So ein fantastisches und magisches Buch! Ein bisschen habe ich mich in meine eigene Kindheit und Jugend zurückversetzt gefühlt, als ich Harry Potter regelrecht verschlungen habe. Wir alle sollten zwischendurch mehr Kinderbücher lesen und die Welt mit Kinderaugen sehen.

Worum geht's? Emily entdeckt in ihrer Lieblingsbibliothek eine geheime Tür zu einer verborgenen Bibliothek, in der alle je geschriebenen Bücher lagern. Zudem steht dort eine magische goldene Schreibmaschine, mit der man Geschichten umschreiben und damit die Realität verändern kann. Als Emilys Lehrer, ein egoistischer und skrupelloser Bösewicht, versucht, die Schreibmaschine für seine eigenen Zwecke zu nutzen, muss Emily all ihren Mut aufbringen, um die Welt und auch sich selbst zu beschützen.

Worte haben Macht. Und können die Welt verändern. Genau das zeigt Carsten Henn hier fantasievoll auf. Die Protagonistin liebt Bücher, die Bibliothek ist ihr Rückzugsort. Ich konnte mich daher so gut mit ihr identifizieren. Ich bin direkt in die Geschichte versunken, hatte Bilder im Kopf und habe das Buch beinahe in einem Rutsch durchgelesen. Ich mochte es sehr sehr gern. @carsten.henn hat sprachlich mal wieder gezaubert. Für Kinder ab 10 Jahren, aber definitiv auch für ältere LeserInnen geeignet 😉

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Veröffentlicht am 21.10.2025

Feinfühlig, poetisch, großartig

Sonnenaufgang Nr. 5
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Ich würde behaupten, dass ich zu 95 Prozent Romane von Autorinnen lese. Das hat sich irgendwie in den vergangenen Jahren so ergeben. Ich mag den Schreibstil, und die Themen sowie Sichtweisen sind - für ...

Ich würde behaupten, dass ich zu 95 Prozent Romane von Autorinnen lese. Das hat sich irgendwie in den vergangenen Jahren so ergeben. Ich mag den Schreibstil, und die Themen sowie Sichtweisen sind - für mich persönlich - oftmals passender. Darum habe ich mich riesig gefreut, dass ich bei Vorablesen ein Exemplar von Carsten Henn's neuestem Roman ergattern konnte und so mal wieder ein Buch eines Autoren in den Händen hatte. Was soll ich sagen? Ich bin begeistert.

In "Sonnenaufgang Nr. 5" lernen wir Jonas, einen jungen und noch unerfahrenen Ghostwriter mit familiären und unverarbeiteten Wunden, kennen, der die Memoiren der etwas verschrobenen Filmdiva Stella Dor verfassen soll. Tief in ihr drin ist sie jedoch eine einsame, traumatisierte Frau, die sich den Schrecken ihres Lebens nie wirklich stellen konnte. Es entsteht eine besondere Verbindung zwischen den beiden. Jonas nimmt ihr Leben genauer unter die Lupe, als es der Dame lieb ist. Daneben entspinnen sich noch weitere zwischenmenschliche Schauplätze, die die ganze Geschichte rund machen. 

Es ist ein warmherziger, tiefsinniger, ja poetischer Roman, der so viele wunderbare Zeilen enthält, dass ich es in zwei Tagen durchgelesen hatte. Henn hat mich mit seiner Art zu erzählen, dieser Feinfühligkeit und dem genauen Blick für die kleinen Dinge sehr berührt. Er sorgt dafür, dass zwischen den Zeilen philosophische Fragen aufgeworfen werden, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Über (verzerrte) Erinnerungen. Verdrängte Vergangenheiten. Ehrlichkeit zu sich und anderen. Verlust. Vergebung. Selbstfindung. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Ehrlich, authentisch, gut

Die Träume anderer Leute
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Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel ...

Die Band "Wir sind Helden" hat meine Jugend in den 2000ern begleitet und geprägt. Sie waren gesellschaftskritisch, tiefgründig, echt. Und vor allem: nicht Mainstream. Das gefiel mir. Und genauso gefiel mir die Biografie von der damaligen Lead-Sängerin Judith Holofernes.

In "Die Träume anderer Leute" schreibt Holofernes über sich und ihr Leben als Sängerin, erst bei den Helden, später als Solo-Musikerin. Sie reflektiert ihren Spagat zwischen Tourbus, Familienleben, künstlerischer Kreativität und den Mechanismen des Musikbusiness. Sie schreibt über ihre Schwächen, ihre psychische Gesundheit, über Erwartungen von anderen, übers Frausein und Älterwerden im Musikbetrieb. Und über ihre Versuche, sich nach den Helden und dem großen Ruhm selbstbestimmt und authentisch neu zu erfinden und musikalisch kreativ zu arbeiten. Es war kein leichter Weg.

Meiner Meinung nach kann, ja sollte, jeder, der in den 90ern und 2000ern groß geworden und musikinteressiert ist oder sich selbst in einer Umbruchphase befindet, diesen Roman lesen. Er ist toll geschrieben, lehrreich, ehrlich, herzlich. Innehalten oder Loslassen ist manchmal eben einfach besser als sich zu verbiegen oder um jeden Preis durchzuhalten. Das hat Judith Holofernes hier wunderbar vermittelt.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Direkt in meine Top-Lieblingsbücher aufgestiegen

Die Nacht der Bärin
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Dieser Roman ist krass. Und gut. Richtig gut. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen und habe es innerhalb weniger Stunden gelesen. Eine Geschichte, die sich mit den familiären Schattenseiten und ...

Dieser Roman ist krass. Und gut. Richtig gut. Ich konnte das Buch kaum aus den Händen legen und habe es innerhalb weniger Stunden gelesen. Eine Geschichte, die sich mit den familiären Schattenseiten und generationsübergreifenden Traumata beschäftigt. Intensiv. Emotional. Auf den Punkt.

Kira Mohns "Die Nacht der Bärin" behandelt dabei zwei Zeitebenen: die Gegenwart, in der Jule nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund Zuflucht bei ihren Eltern sucht. Und: Wir blicken in die tiefen Abgründe der Vergangenheit ihrer Mutter, Tante und Oma, die massive häusliche Gewalt erleben mussten. Diese psychischen Spuren sind eng mit Jules Lebensrealität verbunden.

Der Roman ist direkt in meine Top-Liste der Lieblingsbücher eingestiegen. Warum bin ich so begeistert? Die Autorin hat Bilder in meinem Kopf gezeichnet, ohne plakativ zu sein. Feinfühlig. Eindringlich. Sie deutet an, überlässt jedoch meist den LeserInnen die Übersetzung in die heftige Realität. Große literarische Kunst.

Viel mehr möchte ich an dieser Stelle nicht hinzufügen. Lest selbst! Ich freue mich in jedem Fall schon auf das neue Buch von Kira Mohn, das am 27. Januar 2026 erscheint und den Titel "Alle glücklich" trägt. Auch hier wird es wieder um Familienpsychologie gehen.

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