Aktuell und unterhaltsam
Ich habe Noch wach? mit großer Freude gelesen. Das Buch ist rasant, scharf beobachtet und oft wirklich sehr lustig. Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein enormes Gespür für Tempo, Pointen und die Absurditäten ...
Ich habe Noch wach? mit großer Freude gelesen. Das Buch ist rasant, scharf beobachtet und oft wirklich sehr lustig. Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein enormes Gespür für Tempo, Pointen und die Absurditäten eines Medienbetriebs, der sich selbst viel zu ernst nimmt. Viele Szenen sind bitterböse, überzeichnet und gleichzeitig erschreckend nah an der Realität. Ich habe oft gelacht und das Buch kaum aus der Hand legen wollen.
Gleichzeitig kommt man an der feministischen Kritik an diesem Buch nicht vorbei, und das ist wichtig. Die Perspektive bleibt überwiegend männlich, Machtverhältnisse werden häufig aus der Sicht dessen erzählt, der sie lange als normal erlebt hat. Manche Leerstellen sind spürbar, manche weiblichen Figuren bleiben Projektionen oder Randfiguren. Diese Kritik ist berechtigt und sollte Teil jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Buch sein.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – halte ich Noch wach? für einen wichtigen Beitrag im Diskurs über Machtmissbrauch. Das Buch macht sichtbar, wie Strukturen funktionieren, wie Loyalitäten, Schweigen und Wegsehen entstehen und warum Systeme Täter schützen. Es zeigt, wie schwer es ist, sich zu entziehen, wenn Macht, Karriere und Anerkennung miteinander verwoben sind. Auch wenn nicht jede Perspektive eingenommen wird, wird doch etwas Entscheidendes offengelegt.
Für mich liegt die Stärke des Buches darin, dass es Leserinnen und Leser erreicht, die sich sonst vielleicht nicht mit feministischer Kritik oder Machtmissbrauch auseinandersetzen würden. Es holt Menschen dort ab, wo sie stehen, mit Humor, Tempo und einer vertrauten Stimme, und konfrontiert sie dann mit unbequemen Wahrheiten. Das ist keine perfekte, aber eine wirksame Form von Intervention.
Noch wach? ist für mich deshalb ein gelungenes, unterhaltsames und zugleich relevantes Buch. Eines, das nicht alle Fragen richtig beantwortet, aber wichtige stellt. Und eines, das zeigt, wie notwendig es ist, weiter über Macht, Verantwortung und strukturellen Missbrauch zu sprechen. Gerade jetzt.