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Veröffentlicht am 30.12.2025

Trügerische Familienidylle

Eisnebel
1

Direkt idyllisch liegt es da, das Chalet in den Bergen. Der erste Eindruck könnte bezaubernder nicht sein. Doch dieser Blick trügt, die Wahrnehmung wird sich deutlich verschieben.

„Halt dich von Connor ...

Direkt idyllisch liegt es da, das Chalet in den Bergen. Der erste Eindruck könnte bezaubernder nicht sein. Doch dieser Blick trügt, die Wahrnehmung wird sich deutlich verschieben.

„Halt dich von Connor Dalton fern.“ Theo ignoriert diese und ähnliche Nachrichten auf ihrem Handy. Sie und ihr Verlobter sind unterwegs zum abgelegenen Winterdomizil der Daltons. Seine Familie soll sie kennenlernen, doch bald merkt sie, dass sie auf Idlewood nicht willkommen ist. Mehr noch, sie fühlt sich zunehmend bedroht, außerdem meint sie, hier schon einmal gewesen zu sein.

Heike Warmuth hat mir über 10 Stunden und 9 Minuten dieses beklemmende Gefühl vermittelt, das Theo seit ihrer Ankunft verspürt. Und nicht nur Theo, auch die anderen Figuren in all ihren Facetten bringt sie perfekt auf den Punkt. Dabei weiß man stets, wen sie gerade spricht, ihre wandlungsfähige und sehr einfühlsame Stimme höre ich immer wieder gerne.

Die Idylle bröckelt. Und das ziemlich bald. Neben der sie ablehnenden Familie Dalton ist es auch ihre Vergangenheit, die sie einholt. Die zauberhafte Landschaft, die schneebedeckten Berge und die dunklen Wälder sind nicht minder bedrohlich, alles zusammen wird zunehmend beklemmend und düster, dazu sind es Theos Albträume, die sie nicht zu fassen bekommt. Keinem ist zu trauen, weder der Familie noch den Angestellten, jeder – einschließlich Theo - scheint dunkle Geheimnisse zu haben.

Dieser EISNEBEL ist von Anfang an bedrückend mit immer wieder neuen Wendungen und durchgehend frostig bis zum Ende, das mich dann nochmal überrascht hat. Dabei enorm fesselnd, sodass ich mich der Story nicht entziehen konnte. Ein richtig guter Thriller, brillant vorgetragen, sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 28.12.2025

Nervenkitzel pur

The Woman in Cabin 10
1

Wow. Ich bin begeistert. „Es ist ein Mörder auf dem Schiff. Aber niemand glaubt mir.“ Und genau das ist so großartig ge- und beschrieben, ich habe das Buch in zwei Nächten verschlungen und war ziemlich ...

Wow. Ich bin begeistert. „Es ist ein Mörder auf dem Schiff. Aber niemand glaubt mir.“ Und genau das ist so großartig ge- und beschrieben, ich habe das Buch in zwei Nächten verschlungen und war ziemlich fertig, als dieses makabere Schauspiel sein Ende fand. Fertig, aber komplett zufrieden, dass dieses Buch, nachdem es schon lange erschienen ist, doch noch zu mir gefunden hat.

Lo Blacklock ist die Hauptakteurin, deren Bild ich direkt vor Augen habe. Eine junge Reisejournalistin, die zuvor in ihrem Zuhause ein furchteinflößendes Erlebnis hatte. Sie ist dem Alkohol nicht abgeneigt, um es mal geschönt auszudrücken. Und nun ist sie auf diesem Schiff und beobachtet, wie etwas Längliches, Schweres, ins Wasser geworfen wird. Keiner glaubt ihr, keiner außer ihr will etwas gesehen haben. Als Leser weiß ich, dass Lo mit einer jungen Frau in dieser Kabine, in der angeblich kein Gast wohnt, gesprochen hat. Das war es dann aber, alles andere könnte so gewesen sein, die Beobachtung könnte aber auch der Einbildung entsprungen, somit dem reichlich fließenden Alkohol geschuldet sein.

Es ist ein richtig guter Thriller voller überraschender Wendungen mit Charakteren, die allesamt nicht zu durchschauen sind. Zwischendurch sind es Chats, SMS, Zeitungsberichte, die für zusätzliche Verwirrung sorgen. Ruth Ware schafft eine fast durchgehend düstere Atmosphäre, die vor Spannung nur so knistert. Lo ist diejenige, die alles ins Rollen bringt, sie ist aber auch eine Getriebene, man spürt ihre Anspannung und ist über so manch Aktion verwundert. „Ich meine, dass du komplett paranoid geworden bist. Hinter jeder Ecke vermutest du einen Feind.“ Genau das ist auch mein Empfinden, ich traue niemandem, attestiere (fast) jedem böse Absichten.

Diesen Thriller kann ich jedem Fan dieses Genres uneingeschränkt empfehlen. Eine packende Story, dazu interessante, eher zwielichtige Charaktere, all dies aus Lo Blacklocks Sicht erzählt – ich habe bis zum Schluss mitgefiebert. Nervenkitzel pur!

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Veröffentlicht am 20.12.2025

Absolut gelungener zweiter Band der Rieker-und-Ahrens-Reihe

Die Farbe des Bösen
1

„Die Farbe des Bösen“, das zweite Buch um den Hamburger Criminalkommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Richters, steht dem ersten Band „Der Herzschlag des Toten“ in nichts nach. ...

„Die Farbe des Bösen“, das zweite Buch um den Hamburger Criminalkommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Richters, steht dem ersten Band „Der Herzschlag des Toten“ in nichts nach. Wir sind in Hamburg anno 1887, als eine schrecklich zugerichtete männliche Leiche auf einem Fabrikgelände aufgefunden wird.

Vorher ist es Johanna, die sich in die Büsche schlägt und dabei zwei Gestalten beobachtet, die einen schweren Gegenstand, in Tapeten eingewickelt, aus einem Hintereingang tragen. Allem Anschein nach handelt es sich um eine Leiche und nachdem sie sich vergewissert hat, dass sie unbeobachtet aus ihrem Versteck kann, wendet sie sich an Criminalcommissar Rieker. Ihn kennt sie von damals, als beide einer grausamen Mordserie auf die Spur kamen – was liegt da näher, als sich wiederum an ihn zu wenden…

…dies natürlich ohne Wissen ihrer Eltern, denn Johanna sollte mit ihren 23 Jahren endlich unter die Haube kommen. Ihre Mutter lädt geeignete Heiratskandidaten ein - was ihre Tochter jedoch nicht davon abhält, eigene Wege zu gehen. Sie lernt einen jungen Mann kennen, der nicht nur ihr soziales Herz im Sturm erobert. Durch ihn gerät sie mitten hinein in die Arbeit der Sozialisten, es geht um Arbeitsschutz und Arbeitsrechte, um die starke Position der Firmeninhaber, um die so gar nicht vorhandenen Frauenrechte und um den täglichen Kampf ums Überleben der Arbeiter und deren Familien.

Die Polizeiarbeit besteht auch darin, sich unter die aufmüpfigen Sozialisten zu mischen, was Rieker jedoch so gar nicht gefällt. Als Spitzel taugt er nichts, eher will er die Vorgänge in und um die Tapetenfabrik näher durchleuchten, denn bei dem einen Toten auf dem weitläufigen Fabrikgelände bleibt es nicht. Das Ganze entwickelt sich als sehr viel größer, Rieker ist voll eingebunden in die Aufklärungsarbeit, was nicht jedem zu gefallen scheint.

Schon der erste Band ist sehr viel mehr als „nur“ ein historischer Kriminalroman und auch dieser zweite, vielschichtig angelegte Fall gibt neben den Mordermittlungen Einblicke in die damalige Zeit. Die Herstellung und die Farbgebung der Tapeten ist Thema, dabei kommt dem Schweinfurter Grün besondere Bedeutung zu. Die Erstarkung der Sozialisten und deren Kampf für die Rechte der Arbeiter ist zentral, auch dem medizinischen Fortschritt wird Raum eingeräumt mitsamt sehr viel krimineller Energie.

Ralf H. Dorweiler hat mich auch mit diesem zweiten Band um die beiden Hauptcharaktere Rieker und Ahrens voll und ganz überzeugt. Beide verkörpern sie eine Schicht, die sich im gesellschaftlichen Leben nicht tangiert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass in dieser Reihe jeweils einem Körperteil eine besondere Rolle zukommt. War es in Band eins das Herz, so sind es hier die Zähne, was interessant und sehr aufschlussreich so einiges wiedergibt, das ich so nicht gewusst habe. Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, dran zu bleiben.

Der Hinweis zum Schluss dann, der Rieker einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen lässt, deutet darauf hin, dass es für ihn bald wieder genug zu tun gibt. Ich bin gespannt.

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Veröffentlicht am 20.12.2025

Der Auftaktband für Rieker und Ahrens verlangt nach mehr

Der Herzschlag der Toten
1

Der erste Fall für den Criminalcommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Hamburger Richters, hat mich in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Eine junge Frau wird in einem ...

Der erste Fall für den Criminalcommissar Hermann Rieker und Johanna Ahrens, die Tochter eines Hamburger Richters, hat mich in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Eine junge Frau wird in einem abbruchreifen Kontor tot aufgefunden. Wie sich herausstellt, wurde ihr ein Messer immer wieder in den Rücken gestoßen, sie sieht aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Rieker, der gerade zum Criminalcommissar befördert wurde, hat die Leiche in Augenschein genommen und nun will sein Vorgesetzter Criminalinspektor von Stresenbeck von ihm wissen, wie der Stand der Dinge ist. Gleichzeitig macht er ihm klar, dass er große Bedenken hat, ob er der Richtige für diesen Fall sei. Drei Tage gibt er ihm Zeit, den Mörder dingfest zu machen, allenfalls wird Commissar Breiden eingreifen. Was Rieker so gar nicht gefällt. Die Rivalität, die von Breiden ausgeht, nimmt mich sofort für Rieker ein, der von seinem Mentor und ehemaligen Vorgesetzten Kleinschmidt, der leider verstorben ist, viel gelernt hat.

Johanna, die Tochter des Richters Hans Ahrens, hatte schon immer ihren eigen Kopf, zudem ist sie sehr sozial eingestellt. Heimlich betreibt sie im Gängeviertel eine Schule für Frauen, sie lehrt ihnen Lesen und Schreiben, unterrichtet sie im Rechnen, trägt zu ihrer Allgemeinbildung bei. Eine ihrer Schülerinnen ist abgängig, sie forscht nach und stellt fest, dass es sich bei der Toten im Kontor um diese Schülerin handelt. Sie meldet dies und mischt sich, sehr zum Missfallen Riekers, in seine Ermittlungen ein, dabei spielt ein Totenfotograf eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Ich tauche tief ein in die Totenfotografie (von der ich zugegebenermaßen nicht viel gewusst habe), die ein letztes Andenken an die Verstorbenen war. Der Totenfotograf ist es auch, der mehr als der von der Polizei bestellte Totenarzt über die Ermordung der jungen Frau sagen kann. Auch Johannas Leben als höhere Tochter wird beleuchtet, sie hat einen Verehrer, der den Eltern sehr genehm wäre, vor allem die Mutter ist sehr angetan von ihm. Und natürlich sind es Rieker und sein ihm zur Seite gestellte Helfer, der Criminalsekretär Kracht, die mit den ihnen damals zur Verfügung stehenden Mitteln alle Hebel in Bewegung setzen, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Denn wie es scheint, ist hier ein Serienmörder am Werk.

Riekers Ermittlungen und Johannas Nachforschungen sind es, die im Wechsel erzählt werden, die sich annähern und gefühlt immer dann den anderen Erzählstrang aufgreifen, wenn es vor Spannung knistert. Die Polizeiarbeit ist eine dieser Zeit angepasste, die Obrigkeit hat viel Gewicht. Standesdünkel spielen auch hier mit hinein, bei Johanna und der Stellung ihres Vaters als Richter sowieso.

Mit den beiden Hauptakteuren Hermann Rieker und Johanna Ahrens hat Ralf H. Dorweiler zwei Charaktere präsentiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die das gesellschaftliche Leben anno 1887 aufs Beste wiedergeben. Das Ende lässt auf einen neuerlichen historischen Kriminalroman hoffen, als Johanna zu Rieker eilt, um ihm von ihrem schrecklichen Verdacht zu berichten. Ich werde auch diesen Fall gespannt verfolgen.

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Veröffentlicht am 13.12.2025

Tieftraurig und doch so voller Hoffnung

In den Scherben das Licht
1

Oktober 1946. Gisela streift durch die Straßen Hamburgs, alles voller Schutt und Trümmer. Ihre Schlafstelle ist der steinerne Koloss, ein Bunker. Viele bleiben liegen im Feldbett, sie haben keine Kraft ...

Oktober 1946. Gisela streift durch die Straßen Hamburgs, alles voller Schutt und Trümmer. Ihre Schlafstelle ist der steinerne Koloss, ein Bunker. Viele bleiben liegen im Feldbett, sie haben keine Kraft mehr.

Gisela aber will weg, sie hat ein ganz bestimmtes Haus schon länger im Blick, im Erdgeschoss brennt Licht, auch wenn es weiter oben nicht gar so heimelig wirkt. Sie ist vierzehn, als sie sich in das Gärtchen schleicht, über das Kellerfenster steigt sie ein. „Bleib, wo du bist“ hört sie. Der sechzehnjährige Junge erwischt sie, auch er, Gert, ist ein Eindringling, aber schon länger hier. Hitlers letzte Blutreserve war er und nun lebt er im Keller von Friede Wahrlich, der einstigen Schauspielerin.

Palutke, einer ihrer Verehrer, hat Friede einst dieses Haus vermacht, zwanzig Jahre ist das nun her. Ihr Herz jedoch hat einem anderen gehört - Franke, einem Juden, was in Zeiten des Nationalsozialismus gefährlich war. Sie denkt oft an ihn – ob er das Ghetto in Litzmannstadt überlebt hat?

Von den Nachkriegsjahren in Hamburg erzählt Carmen Korn, von 1946 bis 1955. Das Hörbuch hat sie selber eingesprochen, sie vermittelt mir mit ihrem Erzählstil und auch mit ihrer Sprechweise das Gefühl, direkt dabei zu sein. Der Krieg ist zwar vorbei, aber noch gibt es nichts. Der Schwarzmarkt blüht, der Hunger ist allgegenwärtig. Es wird geplündert, es wird organisiert, Zigaretten sind ein beliebtes Tauschmittel, im Haus ist es bitterkalt, denn auch Heizmaterial ist Mangelware. Sie sind sowas wie eine Notgemeinschaft, sie müssen ganz einfach zusammenhalten. Und immer wieder die bange Frage, wer von ihren Angehörigen noch lebt und ob sie sich jemals wiederfinden werden.

Der unbedingte Überlebenswille ist deutlich spürbar, sie unterstützen und stürzen sich gegenseitig, sind voller Hoffnung und Zuversicht, dass es trotz ihres entbehrungsreichen Lebens von nun an aufwärts gehen wird. Leben in Ruinen haben wir Nachkriegskinder nie kennengelernt, von Lebensmittelmarken wissen wir aus Büchern. Carmen Korn zeichnet diese Lebensweise behutsam nach. Es gelingt ihr, die Realität dieser Jahre aufzuzeigen, dem Alltag nachzuspüren, in den Scherben das Licht zu finden.

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