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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.12.2025

Solider, gut lesbarer und ehrlicher Krimi mit etwas schwachem Ende

Die Sonne über Berlin - Triebstau
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Wenn man sich das Biotop moderner deutscher Krimis ansieht, dann findet man zwei Extreme: Einmal völlig aus dem Ruder laufende Texte mit wenig Logik, seltsam genialen Ermittlern und einer wilden Handlung ...

Wenn man sich das Biotop moderner deutscher Krimis ansieht, dann findet man zwei Extreme: Einmal völlig aus dem Ruder laufende Texte mit wenig Logik, seltsam genialen Ermittlern und einer wilden Handlung weitab von der Realität. Und dann gibt es noch die leidigen Regional-Krimis, die fast immer ziemlich albern sind, also auch realitätsfern. Mit der Wirklichkeit ist das halt so eine Sache: Sie ist oft wenig unterhaltend.


Dieser Krimi liegt zwischen diesen Extremen. Er ist ehrlich, weil er Polizeiarbeit vermutlich dicht an der Wahrheit darstellt. Er liest sich dennoch hervorragend, ist humorvoll und mit einer mehr als ausreichenden Erzähltiefe ausgestattet. Soll heißen: Die Figuren besitzen Wiedererkennungspotential, einen realistischen Hintergrund und sehr verschiedene Motive. Wie halt im richtigen Leben auch. Und darüber hinaus ist das Buch auch erfrischend politisch inkorrekt. Das sieht man schon allein daran, dass eine der kriminellen Hauptfiguren eine Staatssekretärin mit dem klangvollen Namen Gisela Grellgass-Lühning ist, die mit einem grünen Parteibuch und der damit verbundenen selbstgefälligen Ahnungslosigkeit eine steile Karriere hingelegt hat.


Giselas wichtigster Mitarbeiter hatte gerade versucht in einem brandenburgischen Dorf die versammelte Bauernschaft davon zu überzeugen, dass Pflügen nicht mehr zeitgemäß wäre. Nach dem erwartbaren Misserfolg seiner Bemühungen und einem anschließenden Besäufnis landete der gescheiterte Agitator im Dunklen bei seiner Zimmersuche auf einem Feld, wo er in den Morgenstunden des folgenden Tages von einem Pflug geschreddert wurde. Nach diesem wenig appetitlichen Beginn versuchen die Ermittler die Ereignisse zu verstehen, was ihnen aber nicht gelingen will. Immerhin kommen sie dabei den kriminellen Machenschaften von Grellgass-Lühning auf die Spur.


Die Geschichte wird von der Autorin locker erzählt, und es kommen auch immer wieder treffende Beschreibungen der Berliner Zustände vor. Nur das Ende ist leider etwas enttäuschend. Aber vielleicht ist auch das aus dem Leben gegriffen. Nicht immer geht alles auf.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Irgendwo zwischen Märchen und Gewaltphantasien

Joshua Jackelby
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Dort ist dieses Kinderbuch angesiedelt. Wenn man das Mistle-End-Konzept des Autors kennt, dann merkt man leicht, dass er es hier variiert. Eine andere Zeit und keine Mysterien. Diese werden durch einen ...

Dort ist dieses Kinderbuch angesiedelt. Wenn man das Mistle-End-Konzept des Autors kennt, dann merkt man leicht, dass er es hier variiert. Eine andere Zeit und keine Mysterien. Diese werden durch einen steuerbaren Ballon ersetzt, der auch ein Mysterium bleibt, weil er über ein Fahrrad propellergetrieben durch die Lüfte braust. Ein besonderes Fahrrad dazu, denn man kann mit ihm auch rückwärtsfahren. Nun ja. Und natürlich gibt es für den Helden auch alles Mögliche zu retten, womit das Lieblingsthema unserer Zeit bedient wird.

Schließlich kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass es gar nicht um eine Geschichte aus dem Jahre 1851 geht, sondern nur um ein Thema, das dazu dient moderne Botschaften geschickt zu verpacken.

Joshua verdient sich seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf von Zeitungen. Er ist obdachlos und lebt irgendwo versteckt mit anderen Kinder in der Londoner Waterloo Station. Diese Gruppe bildet eine Gang, eine positiv besetzte Truppe, während auf der anderen Themse-Seite eine negativ besetzte Gang lauert, mit denen man sich gelegentlich auseinandersetzen muss. Ähnlich wie in Mistle End geht es dabei recht gewalttätig zu. Die böse Gang ist am Diebstahl eines von einem Professor entwickelten Ballons beteiligt, bei dem der Erfinder böse niedergeschlagen wurde.

Für Joshua und seine Leute geht es nun, das sie dem Professor geholfen haben, um die Aufklärung dieses Diebstahls. Viel Zeit haben sie nicht, denn das Ding soll bei der kurz vor der Eröffnung stehenden Weltausstellung die große Überraschung darstellen. Die Bösewichte brauchen dagegen den Ballon für einen spektakulären Diebstahl.

Um es kurz zu machen: So richtig stimmig ist die Geschichte nicht, dafür aber wohl hinreichend spannend für die Zielgruppe.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Seltsam gewollte Konstruktion

Der lange Schatten
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Liest man auch die Seiten des Buches aufmerksam, die eigentlich nicht zum Roman gehören, dann wird man mit einer Warnung konfrontiert. Es handelt sich um eine Neuauflage dieses 1975 erstmals erschienen ...

Liest man auch die Seiten des Buches aufmerksam, die eigentlich nicht zum Roman gehören, dann wird man mit einer Warnung konfrontiert. Es handelt sich um eine Neuauflage dieses 1975 erstmals erschienen Buches, die „diskriminierende Sprache“ enthält, heißt es dort. Das bedeutet lediglich die Wohltat, dass dieser Text nicht gegendert wurde. Nur ein paar Menschen werden sich dadurch diskriminiert fühlen, der Rest atmet eher auf.

Was sich wie ein Thriller ankündigt, ist im Nachhinein betrachtet weder spannend noch wirklich schlüssig. Gut, Thriller sind das selten. Imogen hat gerade ihren Mann bei einem Autounfall verloren. Der berühmte Professor kam bei schlechtem Wetter auf die Gegenfahrbahn und stieß dort mit einem anderen Fahrzeug zusammen. Während Imogen versucht, sich mit ihrer Rolle als Witwe zurechtzufinden und eigentlich ihre neue Freiheit in ihrem großen Haus genießen möchte, kommt ihr Stiefsohn plötzlich daher und will dort einziehen. Auch andere Mitglieder der Sippe haben dieselbe Idee.

Damit wird man als Leser mit einer seltsam wirkenden und ziemlich abwegigen Konstruktion konfrontiert. Obendrein führt der Stiefsohn auch noch ein merkwürdiges Mädchen in diese Situation ein, das auch Platz im Haus begehrt, aber in keinem erkennbaren Zusammenhang zu irgendwem steht. Damit ist die Glaubwürdigkeit der Handlung mehr als fraglich. Man hätte sich eine andere Konstellation gewünscht, die weniger komisch aussieht und stimmiger ist.

Zu allem Überfluss bekommt Imogen auch noch einen Anruf, bei dem ein Unbekannter sie beschuldigt ihren Gatten ins Jenseits befördert zu haben. Das Ganze erreicht damit die Stufe des Grotesken, die danach auch nicht mehr verlassen wird. Geschulte Leser erkennen schnell, wer hier Geist spielt und auf welchen Schluss alles hinauslaufen wird. Schließlich ist die Zahl der Verdächtigen klein. Eine Figur passt einfach nicht in dieses Drama und muss deshalb eine Rolle spielen, über die der Leser bis zuletzt im Dunklen gelassen wird.

Kurz gesagt: Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich überzeugend. Man merkt dem Buch (unabhängig von der Sprache) sein Alter an. Irgendwie altbacken.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Verdammt schwach

Verdammt wütend
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Fast wäre ich auf das seitenlange Lamento der Heldin dieses seltsamen Buches hereingefallen. Man ist es ja schon gewöhnt, dass manche Frauen darüber klagen, wie viele Bedingungen sie erfüllen müssen, bevor ...

Fast wäre ich auf das seitenlange Lamento der Heldin dieses seltsamen Buches hereingefallen. Man ist es ja schon gewöhnt, dass manche Frauen darüber klagen, wie viele Bedingungen sie erfüllen müssen, bevor sie überhaupt akzeptiert werden. Dass sie nur leiden müssen und die Welt so schrecklich ungerecht ist. Und dass an allem der völlig unbedarfte, dämliche Mann schuld ist. Es mag sein, dass so manches davon durchaus seine Berechtigung besitzt. Aber liegen die Dinge wirklich so einfach wie man es sich mit solchen Schuldzuweisungen macht?

Wenn man sich bereits nach einigen Seiten auf die Seite von Britt, der Heldin dieses Beziehungsdramas, geschlagen hat, weil man von der Autorin geschickt manipuliert wird, kommt völlig unerwartet plötzlich ein stilbrechendes Kapitel, in dem die Sicht ihres Partners Espen dargestellt wird. Und danach ist man wie vor den Kopf geschlagen, denn auf einmal sieht alles dann doch etwas anders aus.

Diese schockierende kalte intellektuelle Dusche hat mir am ganzen Buch am besten gefallen. Da ist von zahleichen psychischen Problemen Britts die Rede. Natürlich ändert das nichts am egozentrischen Verhalten ihres Partners. Aber Britt hat ihn damit aus eigener Schwäche immer wieder durchkommen lassen.

Vielleicht benachteiligt die Natur die Frauen auf eine subtile Weise. Frauen wollen oft gefallen, es allen recht machen. Sie verstehen nicht, dass ein solches Verhalten nicht belohnt, sondern nur ausgenutzt wird. Im Grunde geht es in diesem Roman um ein Entfliehen aus dieser Falle. Dazu stellt die Autorin ihrer Heldin die Figur von Nico entgegen, eine unabhängige, selbstbewusste Frau, also genau das Gegenteil von Britt.

Als Britt schließlich an ihrem Beziehungsunglück zusammenbricht und beschließt, dass es so nicht mehr weitergehen kann, ist Nico da und hilft. Spätestens ab dieser Stelle entscheidet sich die Geschichte ins Gewöhnliche abzugleiten. Das war sie eigentlich von Anfang an, nur vermochte es die Autorin sie so geschickt zu erzählen, dass man meint, ein besonderes Buch zu lesen. Doch das täuscht ein wenig.

Der große Knall bleibt aus, und die Geschichte strebt in ganz gewöhnliche Bahnen. So verständlich Britts Wut auch auf den ersten Blick sein mag, ganz unschuldig ist sie an ihrer Lage nicht. Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Und die Dinge ändern sich nun mal nicht, indem man sie hinnimmt und nur über sie lamentiert.

Aus meiner Sicht kann dieser Roman mit dem Erstling der Autorin nicht ganz mithalten.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Die Rettung der Welt, der x. Versuch

Mondia-Dilogie 1: Silent Secrets
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Was braucht man, wenn man solche Geschichten erfinden will? Ein Schema natürlich. Entweder gibt es irgendwo eine Lehranstalt dafür, oder aber man kann abstrakt denken und sieht die Strukturen bei anderen ...

Was braucht man, wenn man solche Geschichten erfinden will? Ein Schema natürlich. Entweder gibt es irgendwo eine Lehranstalt dafür, oder aber man kann abstrakt denken und sieht die Strukturen bei anderen Romanen dieser Gattung und wiederholt sie einfach in einer anderen Form.

Hier also wird die Welt durch eine riesige Bibliothek zusammengehalten, die sich in einer Höhle unterhalb von Paris befindet und die in gewisser Weise lebt. Mit einem Herz aus Zahnrädern, wie es so schön heißt. Aber natürlich braucht diese Bibliothek nicht nur Bibliothekare, sondern auch Wesen, die ihre Funktionalität verstehen. Das letzte Wesen dieser Art ist gerade verstorben, was zu einem riesigen Chaos auf der Welt geführt hat. Die Bibliothek verschließt sich, Notre Dame ist eingestürzt, Vulkane brechen aus. Man kann darüber lachen oder diese Konstruktion in ihrem ganzen Schwachsinn akzeptieren und den Roman als Fantasy lesen.

Natürlich bleibt es nicht bei diesem Chaos. Es findet sich eine weitere Ripari, so heißen die Wesen, die sich in den Geheimnissen der Bibliothek auskennen. Nur hat sie keine Ahnung von ihrem Schicksal, was die Sache natürlich interessant macht. Die verschlossene Bibliothek muss dringend wieder geöffnet werden, sonst droht der Weltuntergang. Dazu braucht es einen Schlüssel, den man aus verschiedenen Komponenten zusammensetzen muss. Und diese Komponenten muss man erst einmal finden.

Bei dieser Suche tritt der nächste Spannungseffekt ein, denn die Bibliothekare haben mächtige Feinde, die offenbar vor nichts zurückschrecken und zu Mord und Totschlage neigen. Damit hat man alle Komponenten für eine Geschichte, die man nun nur noch spannend erzählen muss. Das gelingt der erprobten Autorin auch leidlich. Und ehrlich: Ich bewundere Menschen, die solche Geschichten über fast 500 Seiten ausbreiten können. Da es sich hier um den ersten Teil handelt, kann man getrost von der doppelten Seitenzahl am Ende ausgehen.

Natürlich wird alles gut ausgehen. Das kann man auch ohne die Kenntnis der Fortsetzung bereits wissen. Egal – spannende Unterhaltung ist es dennoch. Jedenfalls dann, wenn man solche Romane liebt. Geschickt gemacht und gut geschrieben.

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