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Veröffentlicht am 24.02.2026

Was macht den Menschen aus?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden ...

Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden in einem Käfig ohne Tageslicht gefangen gehalten. Die Jüngste unter ihnen kennt kein anderes Leben – und aus ihrer Perspektive erleben wir alles. Niemand weiß, warum sie hier sind. Drei Wächter bewachen sie ununterbrochen, sprechen nie mit ihnen, lassen keine Nähe, keine Intimität zu. Die Toilette steht mitten im Raum, Wasser ist knapp, Kleidung kaum vorhanden. Berührungen sind verboten, ebenso wie laute Emotionen. Verstöße werden mit Peitschenhieben bestraft.
Dann, eines Tages, ein Alarm. Die Wächter fliehen. Die Schlüssel bleiben zurück. Die Frauen sind frei.
Doch die Freiheit, die sie erwartet, ist keine Erlösung, sondern nur eine andere Form der Gefangenschaft.
Während die älteren Frauen von Erinnerungen an ihr früheres Leben geprägt sind und unter dem Verlust leiden, steht die Erzählerin vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie hat nichts verloren, denn sie hatte nie etwas. Für sie ist die Welt ein unbeschriebenes Blatt. Was für die anderen Verlust bedeutet, ist für sie Anfang. Was für die anderen Schmerz ist, ist für sie Neugier.
Diese Neugier wird zu ihrem eigentlichen Überlebenswerkzeug. Unermüdlich versucht sie zu verstehen. Sie beobachtet, misst, denkt nach. Mit Hilfe von Thea entwickelt sie eigene Systeme zur Zeit- und Entfernungsmessung – kleine, verzweifelte Versuche, Ordnung in eine Welt zu bringen, die keine Antworten mehr liefert.
Ihr Hunger nach Wissen ist grenzenlos, doch die Welt bleibt stumm.
Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Buches: Es verweigert Erklärungen. Man erfährt weder, warum die Frauen gefangen waren, noch, was geschehen ist. Keine Auflösung. Kein Trost. Nur Existenz.
So wird die Erzählerin zu einer Art philosophischem Urmenschen. Ohne gesellschaftliche Prägung, ohne kulturelle Orientierung, ohne Vergangenheit. Sie stellt die grundlegendsten Fragen: Was ist Zeit? Was ist Sinn? Was ist ein Mensch?
Unwillkürlich fühlt man sich an das Kaspar-Hauser-Phänomen erinnert – ein Bewusstsein, das sich selbst und die Welt erst erschaffen muss, ohne Anleitung, ohne Kontext.
Das Buch ist ruhig, fast emotionslos erzählt, und gerade deshalb so intensiv. Es zwingt einen, sich mit der vielleicht unbequemsten Frage überhaupt auseinanderzusetzen:
Was bleibt vom Menschen, wenn alles, was ihn definiert, verschwindet?
Eine beeindruckende, verstörende und tief nachwirkende Lektüre, die keine Antworten gibt – aber Fragen, die einen noch lange begleiten werden.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Der Sommer, der nie endete

Kala
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Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, ...

Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, der weniger von der Aufklärung eines Verbrechens lebt als von der unheimlichen Macht der Vergangenheit.
Im Sommer 2003 genießen sechs fünfzehnjährige Freunde in der irischen Küstenstadt Kinlough ihren scheinbar endlosen Sommer – bis Katherine „Kala“ Lanann verschwindet und nicht gefunden wird. Fünfzehn Jahre später, kurz nachdem man Kalas Leiche entdeckte, treffen sich drei von ihnen in Kinlough wieder: Mush, der seine Narben hinter einem stillen Leben verbirgt; Helen, eine Journalistin, die ihrer Herkunft nie ganz entkommen ist; und Joe, ein gefeierter Rockstar auf der Flucht vor sich selbst.
In wechselnden Ich-Perspektiven entfaltet sich ein Geflecht aus Erinnerungen, Schuld und Verdrängung. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich, während die Figuren mit dem „Anderen Ort“ ringen – jenem inneren Rückzugsraum, in dem Wahrheit und Fantasie verschwimmen. Als schließlich neue Hinweise ans Licht kommen, zwingt die Wahrheit sie, sich dem zu stellen, was sie all die Jahre verdrängt haben.
Trotz kleiner Zufälle in der Handlung überzeugt der Roman durch seine dichte Atmosphäre, seine lebendigen Figuren und die eindringliche Darstellung der zerstörerischen und zugleich unausweichlichen Kraft von Erinnerung.Die fragmentierten Perspektiven greifen ineinander wie Zahnräder – bis zur finalen Enthüllung, die mehr kostet als nur Illusionen.
„Kala“ ist ein literarischer Thriller, der fast weniger von der Frage lebt, wer es war, als davon, was Erinnerungen mit uns machen – und was wir bereit sind, nicht wissen zu wollen.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Leben im Kalifat

Der letzte Sommer der Tauben
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Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird ...

Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider ist ein schmales Büchlein mit gerade einmal rund 200 Seiten – und doch berichtet es von einem Alltag, der schwerer wiegt als so mancher Wälzer. Erzählt wird vom Leben im Iran kurz nach der Machtergreifung der Mudschaheddin. Was für die Menschen dort „normaler Alltag“ sein mag, wirkt für uns Außenstehende erschütternd und beklemmend wie ein großes Drama.
Der 14-jährige Noah erzählt aus der Ich-Perspektive von seinem Leben. Er ist begeisterter Taubenzüchter – und muss miterleben, wie sich seine Welt radikal verändert. In dem Bekleidungsgeschäft seines Vaters hilft er nun dabei, auf Unterwäscheverpackungen die Gesichter und Körper von Frauen zu schwärzen. Im Lieblingsrestaurant seines Vaters ist nur noch religiöse Musik erlaubt – niemand singt mehr, Singen ist sowieso verboten. Noah begleitet seine Mutter jetzt regelmäßig beim Einkaufen, da Frauen nicht mehr alleine auf die Straße dürfen. Spielen mit Freunden ist ebenfalls untersagt. Sein ganzes Leben verliert an Freiheit, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit.
Trost findet Noah bei seinen Tauben, die noch immer in den Himmel fliegen und scheinbar frei sind – doch selbst diese letzte Zuflucht bleibt nicht unberührt, denn auch hier droht Unheil.
Gerade weil alles aus Noahs kindlich-jugendlicher Perspektive erzählt wird – nüchtern, direkt, ohne Pathos – wirken die Ereignisse besonders authentisch und beklemmend. Selbst eine Steinigung erlebt Noah zufällig aus nächster Nähe – ein Moment, der ihn völlig überfordert und verstört, dass er nur noch fliehen kann. Man liest oft von diesem „Rückfall ins Mittelalter“ im Iran, aber was das konkret bedeutet, bleibt meist abstrakt. Dieses Buch macht es greifbar: Ein verbotenes Buch zu lesen kann den Tod bedeuten. Und das Kalifat hat Augen und Ohren überall.
Wunderschön geschrieben über ein schreckliches Thema – leise, klar und gerade deshalb so verstörend. Ein Buch, das lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Zwischen Recht und Rache

Minnesota
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Holger Rudi, ein norwegischer Autor, reist 2022 nach Minneapolis, um für sein neues Buch zu recherchieren. Im Zentrum steht ein Serienmörder, der sechs Jahre zuvor einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse ...

Holger Rudi, ein norwegischer Autor, reist 2022 nach Minneapolis, um für sein neues Buch zu recherchieren. Im Zentrum steht ein Serienmörder, der sechs Jahre zuvor einen Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler führte. Der damalige Ermittler Bob Oz, privat schwer angeschlagen und mit deutlichem Aggressionsproblem, nimmt die Jagd auf den Täter sehr persönlich.
Um die Ereignisse möglichst authentisch darzustellen, versetzt sich Holger Rudi vor Ort in die Köpfe beider Hauptfiguren und lässt sie selbst erzählen. Ein ungewöhnlicher Kniff: ein Buch, das ein Buch erzählt. Der Einstieg wirkt zunächst etwas zäh, da lange unklar bleibt, wohin die Geschichte steuert.
Der Roman ist fest im realen Hintergrund verankert: Corona-Pandemie, der Tod von George Floyd, die folgenden Unruhen, zunehmende Armut. Vordergründig geht es um die Jagd auf einen Serienmörder, doch gleichzeitig wird überzeugend gezeigt, wie Bob Oz zu dem wurde, der er ist – vom liebenden Familienvater zum aggressiven, selbsthassenden Cop, der zu viel trinkt.
Wie so oft bei Jo Nesbø gibt es zahlreiche Überraschungen. Hinweise sind durchaus vorhanden, aber meist erkennt man sie erst beim zweiten Lesen. Und wie das wahre Leben selbst kennt auch dieses Buch kein klares Schwarz oder Weiß. Wer ist Opfer, wer Täter? Was richten die Waffengesetze der USA in den Menschen und in der Gesellschaft an? Am Ende stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie hätte ich selbst gehandelt?
Ein spannender Krimi, der nachwirkt – und durchaus ein zweites Lesen verdient.

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Veröffentlicht am 26.12.2025

Oxford, Explosionen und sehr geheime Geheimnisse

Down Cemetery Road
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Dies ist der erste Roman von Mick Herron, bereits 2003 im Original erschienen – und erstaunlich zeitlos. Auch hier (wie in vielen seiner anderen Bücher) geht es um derart geheime Geheimdiensttätigkeiten, ...

Dies ist der erste Roman von Mick Herron, bereits 2003 im Original erschienen – und erstaunlich zeitlos. Auch hier (wie in vielen seiner anderen Bücher) geht es um derart geheime Geheimdiensttätigkeiten, dass ich mich beim Lesen fragte, wer eigentlich davon weiß. Vermutlich: niemand. Und wenn doch, dann will es niemand wissen.
Im Mittelpunkt steht Sarah Tucker, die im Süden Oxfords ein unaufgeregtes, wenig erfüllendes Leben führt. Während ihr Mann Karriere macht, bleiben ihre eigenen Bemühungen erfolglos. Als in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Haus teilweise in die Luft fliegt und ein Kind verschwindet, wird Sarah aus ihrer Lethargie gerissen. Sie beginnt, Fragen zu stellen, und engagiert einen Privatdetektiv, der tatsächlich Merkwürdiges zutage fördert: Tote werden wieder lebendig, nur um erneut zu sterben; Informationen werden zurückgehalten; und Menschen sterben mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Kurz gesagt: In Sarahs Leben ist nichts mehr wie zuvor.
Das Wunderbare an Mick Herrons Büchern ist der Witz, mit dem sie erzählt werden. Obwohl es um spannende und schreckliche Geschehnisse geht – meist nur andeutungsweise geschildert –, grinst man beim Lesen immer wieder über den ironischen Ton und die herrlichen Schlagabtausche der Figuren.
Titel und Klappentext versprechen Zoë Boehm – tatsächlich ist sie eher eine Nebenerscheinung. Die eigentliche Hauptfigur ist Sarah Tucker, und das funktioniert hervorragend. Zoë Boehm tritt nur wenige Male auf und erst zum Schluss etwas deutlicher in Erscheinung. Gut möglich, dass Herron die Idee einer Serienfigur erst im Nachhinein entwickelte. Der Roman jedenfalls macht Lust auf mehr.

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