Profilbild von Esme--

Esme--

Lesejury Star
offline

Esme-- ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Esme-- über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.01.2026

Düster, komplex und gnadenlos spannend – ein intensiver Fantasyroman mit starken Krimi-Elementen

This Monster of Mine
0

Inhalt:

Vier Jahre ist es her, dass Sarai in Edessa Opfer eines grausamen Attentats wurde. Ihr Körper wurde auf bestialische Weise verstümmelt, bevor ihr Peiniger sie vom Balkon des Sidranturms in die ...

Inhalt:

Vier Jahre ist es her, dass Sarai in Edessa Opfer eines grausamen Attentats wurde. Ihr Körper wurde auf bestialische Weise verstümmelt, bevor ihr Peiniger sie vom Balkon des Sidranturms in die Tiefe stieß. Nur einem unbekannten Retter hat sie es zu verdanken, dass sie überlebte und Jahre später in einem kleinen Dorf als Schankmaid ein neues, verborgenes Leben beginnen konnte. Mithilfe von Magie hat Sarai ihre Narben versteckt. Ihre Erinnerungen an den Tathergang sind lückenhaft. Eines weiß sie jedoch ganz genau: Sie will nach Edessa zurückkehren und Rache nehmen.

Als die Gutachter in dem wohl abgelegensten Dorf von Ur Dinyé eintreffen, um im Auftrag der vier Tetrarchen von Edessa neue Petitoren auszuwählen, erkennt Sarai ihre Chance. Für einen kurzen Moment lässt sie ihre Magie aufblitzen und wird prompt von einem der Gutachter bemerkt und ausgewählt.

Ob sie tatsächlich in den Dienst eines Tetrarchen aufgenommen wird, entscheidet sich jedoch erst bei der Einkleidungszeremonie. Sarai hat dabei nur einen Wunsch: keinesfalls dem einzigen Tetrarchen zugeteilt zu werden, der über Jahre hinweg keine Petitorin erwählt hat. Kadra gilt als brutal und unbarmherzig. Zwar wird er vom Volk als gerecht verehrt, doch seine Taten erzählen eine andere Geschichte.

Ausgerechnet Kadra erhebt Anspruch auf Sarai. Als seine Stimme erklingt, durchfährt sie ein eisiger Schock, denn genau diese Stimme hat sie am Tag des Attentats gehört …



Meinung:

Als ich den Klappentext von „This Monster of Mine“ zum ersten Mal gelesen habe, war mir sofort klar, dass ich dieses Buch lesen muss. Düster, geheimnisvoll und voller Spannung. Es war genau das, wonach ich gesucht habe.

Zugegeben: Die ersten Seiten erfordern Konzentration. Shalini Abeysekara entwirft eine komplexe, durchdachte Welt, in der Frauen kaum eine Teilhabe eingeräumt wird und das Recht des Stärkeren gilt. An der Spitze dieses Systems stehen vier Tetrarchen, Richter die im Falle eines Vergehens über Leben und Tod entscheiden können. Jedem von ihnen steht jeweils ein Petitor zur Seite steht. Diese sind mithilfe von Magie in der Lage, Wahrheit und Lüge zu erkennen und Tathergänge visuell offenzulegen.

Aufgrund jüngster Vorfälle gibt es jedoch kaum noch Bewerber für diese Position. Die vorherigen Petitoren sind auf grausame Weise gestorben. Offiziell soll es sich um Selbstmorde gehandelt habe. Sarai kennt diese Gerüchte, weiß jedoch mehr als die meisten: Das geheimnisvolle Mädchen vom Sidranturm, und somit der erste Todesfall in einer Reihe von mehreren, um dessen Tod sich zahllose Legenden ranken, war sie selbst. Um jeden Preis will sie verhindern, dass dieses Geheimnis ans Licht kommt. Gleichzeitig will sie herausfinden, was damals wirklich geschah und was hinter den Todesfällen der anderen Petitoren steckt.

Als Sarai schließlich ausgerechnet Kadra zugeteilt wird, ist das Entsetzen groß. Er ist ihre einzige Chance, Zugang zu den versiegelten Akten des damaligen Attentats zu erhalten, doch zugleich stellt er eine massive Bedrohung dar. Seine Stimme erkennt sie wieder, und seine brutale Vorgehensweise bei Verurteilungen bestätigt schnell die Gerüchte, die ihn umgeben. Bereits beim Auswahlverfahren wird Sarai gezwungen, entgegen ihrer moralischen Überzeugungen zu handeln und öffentlich grausame Entscheidungen zu treffen.

Mir war bewusst, dass mich eine düstere Geschichte erwarten würde, doch die Intensität hat mich dennoch überrascht. Die Triggerwarnung zu Beginn ist absolut berechtigt und sollte ernst genommen werden. Schon der Prolog gibt einen eindringlichen Vorgeschmack auf das, was folgt, und lässt erahnen, welches Leid Sarai widerfahren ist.

Sarai ist eine starke, vielschichtige Protagonistin, deren Leben früh von Gewalt geprägt wurde. Bereits als Vierzehnjährige kam sie mit Gewalt in Kontakt; ein Muster, das sich auch Jahre später fortsetzt. Als sie in Kadras Turm zieht, spitzt sich die Situation weiter zu. Als einzige Petitorin muss sie dort wohnen, täglich unzählige Fälle bearbeiten und Entscheidungen treffen.

Schnell wird deutlich, dass Kadras Methoden nicht immer gesetzeskonform sind. Sarai steht immer wieder vor der Wahl, sich ihm zu beugen oder sich ihm entgegenzustellen. Doch egal, wie sie sich entscheidet, Kadra scheint ihr stets einen Schritt voraus zu sein. Dieses Gefühl permanenter Kontrolle und Manipulation erzeugte bei mir eine konstante, beinahe beklemmende Spannung.

Gemeinsam mit Sarai versucht man als Leser, die Wahrheit hinter den Ereignissen vom Sidranturm und den mysteriösen Todesfällen der Petitoren aufzudecken. Während aktuelle Fälle verhandelt werden, zieht einen die Geschichte immer tiefer hinein in eine Welt voller Machtmissbrauch, Gewalt und moralischer Grauzonen.



Fazit:

This Monster of Mine ist weit mehr als eine düstere Fantasygeschichte. Shalini Abeysekara schreibt bildhaft und intensiv und erschafft ein komplexes, atmosphärisch dichtes Worldbuilding, das von moralischen Konflikten, struktureller Gewalt und einer deutlich patriarchal geprägten Gesellschaft durchzogen ist. Die Handlung ist schonungslos, brutal und emotional fordernd, verliert dabei jedoch nie ihre erzählerische Sogkraft.

Besonders gelungen ist die Verbindung aus Fantasy und Krimi: Die mysteriösen Todesfälle der Petitoren, die versiegelten Akten und Sarais bruchstückhafte Erinnerungen verleihen der Geschichte eine investigative Spannung. Gemeinsam mit der Protagonistin sucht man nach Wahrheit, Hinweisen und Zusammenhängen, stets begleitet von der Frage, wem man trauen kann.

Die düstere Atmosphäre, die stetige Bedrohung und die psychologische Dynamik zwischen Sarai und Kadra haben mich zunehmend in ihren Bann gezogen. Abeysekara scheut sich nicht, unangenehme Themen anzusprechen, und fordert ihre Leserinnen und Leser heraus, sich mit Macht, Schuld und Gerechtigkeit auseinanderzusetzen.

Wer eine kompromisslose, spannungsgeladene Geschichte mit starken Figuren, Krimielementen und einer beklemmenden Atmosphäre sucht, wird hier fündig, sollte sich jedoch bewusst sein, dass dieses Buch nichts beschönigt und lange nachhallt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.12.2025

Epische Fortsetzung voller Spannung, Emotionen und unerwarteter Wendungen

To Love a God
0

Achtung, Spoilerwarnung!
Da es sich um den zweiten Band einer Reihe handelt, gehe ich in dieser Rezension auch auf zentrale Ereignisse aus dem ersten Band ein.



Inhalt:

Nur knapp waren Colden und Aurora ...

Achtung, Spoilerwarnung!
Da es sich um den zweiten Band einer Reihe handelt, gehe ich in dieser Rezension auch auf zentrale Ereignisse aus dem ersten Band ein.



Inhalt:

Nur knapp waren Colden und Aurora ihren Verfolgern entkommen. Sie waren nach Elysion geflüchtet. In die Stadt, die Colden mithilfe seiner Freunde im Geheimen wieder aufgebaut hatte und von deren Existenz der Exarch auf keinen Fall erfahren durfte.

Hier plante Colden vor Kurzem noch seinen Widerstand. Er wollte Galadon, der sich jahrelang als sein Vater ausgegeben hatte, der ihn belogen, betrogen, hintergangen und gequält hatte, stürzen. Sein großes Ziel, die Götter zurück in ihre eigene Welt zu schicken und ihre Schreckensherrschaft zu beenden, war zum greifen nah gewesen.

Doch als Colden die Augen öffnete, wurde schnell klar, dass sich etwas Wesentliches verändert hatte. Beim jüngsten Angriff war er mit einer Waffe aus Entrolit, dem einzigen Element, das einem Gott tödlichen Schaden zufügen konnte, verletzt worden. Dass Colden überlebt hatte, war Glück im Unglück. Doch der Preis war hoch: Ihm fehlten 200 Jahre seiner Erinnerung. Gedanklich wurde er zurückgeworfen in eine Zeit, in der er noch für Galadon gekämpft hatte, in der ihn Ehrgeiz zerfraß und Menschen für ihn als minderwertig galten.

Colden befand sich aktuell geistig wieder in jener Epoche, als er als Hochgeneral des Exarchen den Auftrag hatte, die Rebellion der anderen Götter niederzuschlagen. Er glaubte sich mitten in der Schlacht um Sapphire Spire. In seiner Wahrnehmung hatte er vor einer Stunde den Rückzug der Truppen befohlen.

In Wirklichkeit jedoch lag er in einem Bett in einem Haus mitten in Elysion, umringt von seinen Freunden und von Aurora. Während er seine Gefährten aus alten Tagen wiedererkannte, war Aurora, die Frau, für die er noch vor wenigen Stunden alles geopfert hätte, eine Fremde für ihn. Er erinnerte sich an nichts mehr: Weder daran, wie sie sich kennengelernt hatten, noch daran, dass er ihr das Leben gerettet und sie zu seiner Valet gemacht hatte. Und nicht einmal an die jüngsten Enthüllungen, dass Aurora selbst das Atherionzepter war, das wichtigste und mächtigste Relikt des Universums.



Meinung:

„To Love a God“ war eine der von mir am sehnsüchtigsten erwarteten Fortsetzungen dieses Jahres. Bereits der erste Band hatte mich so sehr begeistert, dass ich ihn als Jahreshighlight und All-Time-Favoriten betrachte. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an den zweiten Band der Götterlicht-Saga und sie wurden für mich übertroffen.

Nachdem ich das Buch zur Hand genommen hatte, konnte ich es kaum noch aus der Hand legen. Innerhalb von zwei Tagen verschlang ich die Geschichte. Beim Lesen entstanden vor meinem inneren Auge Bilder wie bei einem Kinofilm.

Anna Benning zählt für mich zu den talentiertesten Autorinnen im Fantasybereich. Ihre Geschichte ist durchdacht, die Ereignisse greifen logisch ineinander. Auf über 500 Seiten erwartet den Leser Spannung mit Wendungen, die man nicht vorhersehen kann. Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent Benning ihre Figuren an deren Grenzen führt.Vor allem zeigt die Autorin, dass immer ein Hoffnungsschimmer auf ein unschuldiges Glück überleben kann.

Nach Coldens Erwachen und dem Verlust seiner Erinnerungen verändert sich die Dynamik der Geschichte. Aurora muss begreifen, dass der Gott vor ihr nicht mehr der ist, dem sie kürzlich noch vertraut hatte. Sie verschweigt entscheidende Wahrheiten, um sich und andere zu schützen, und kämpft weiterhin mit ihren Gefühlen für Colden, während dieser ihr distanziert gegenübersteht.

Diese Konflikte bilden das Fundament des zweiten Bandes. Stück für Stück spinnt Benning die Geschichte weiter, führt neue Charaktere ein und behält gleichzeitig auch bereits bekannte Figuren im Blick. Der Exarch und die Götter bleiben stets präsent, während die Autorin eine kinoreife Atmosphäre erzeugt, die die Handlung intensiv trägt.

Auch das Setting überzeugt. Die Figuren sind vielschichtig, man kann sich in sie hineinversetzen und mit ihnen fühlen. Das Worldbuilding wird konsequent erweitert. Kleine Details wie die geheimnisvollen Weber tragen zur Tiefe der Welt bei. Besonders zentral für die Handlung ist Sapphire Spire: Eine Stadt voller Fallen, Illusionen und tödlicher Gefahren, in der ein großer Teil der Handlung spielt.

Zudem erfahren wir durch Rückblenden mehr über Coldens Vergangenheit und seine Entwicklung. Durch seinen Erinnerungsverlust werden wir als Leser Zeugen seiner transformativen Charakterentwicklung. Die Frage, ob Colden wieder zu dem Gott werden würde, der er einst war, erhält durch die aktuellen Ereignisse neue Relevanz und bildet einen zentralen Spannungspunkt.



Fazit:

„To Love a God“ ist für mich eine Fortsetzung, die in jeder Hinsicht überzeugt. Anna Benning punktet mit konsequentem Worldbuilding und ideengetriebener Spannung.

Die Geschichte ist emotional, spannungsgeladen und erzählerisch stark. Ich habe jede Seite genossen. Für Leserinnen und Leser, die epische Fantasy mit starken Charakteren und intensiven Konflikten lieben, ist dieser Band ein absolutes Highlight.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.12.2025

Selten habe ich mich so gut unterhalten gefühlt ...

Whispers of Destiny
0


Inhalt:

2096: Der Tod beschließt, sich ein neues Image zuzulegen. Er gibt sich zu erkennen und eröffnet kurz darauf seine eigene Firma. Ein Callcenter namens Death Call. Hier erhalten Menschen, die kurz ...


Inhalt:

2096: Der Tod beschließt, sich ein neues Image zuzulegen. Er gibt sich zu erkennen und eröffnet kurz darauf seine eigene Firma. Ein Callcenter namens Death Call. Hier erhalten Menschen, die kurz davor sind, ihr Leben zu lassen, die Möglichkeit, noch einmal mit einem menschlichen Mitarbeiter über ihre Ängste und Fragen zum Sterben zu sprechen.

Blue lebt mit ihrer besten Freundin Iris in einer der unteren Stufen. Ihr Traum ist es, gemeinsam eine Stufe aufzusteigen. In eine Schicht, in der es etwas mehr Essen und eine größere Überlebenschance gibt. Während Iris erfährt, dass ihr Antrag auf Aufstieg abgelehnt wurde, erhält Blue eine viel schlimmere Prognose: In ihrem Kopf befindet sich ein erbsengroßer, unheilbarer Tumor. Sie wird sterben.

Die beiden Frauen überlegen, eine Party zu besuchen, um die düsteren Gedanken für eine Weile zu vergessen. Kurze Zeit später steht Blue auf dem Dach des Gebäudes und denkt darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Doch dieser Plan wird durchkreuzt: Ein Fremder spricht sie an und bietet ihr ausgerechnet jetzt einen Job an. Bei Death Call. Mit einem ausgesprochen interessanten Angebot: Während ihrer Beschäftigung erhält sie Immunität. Die Gegenleistung? Blue muss als Mitarbeiterin des Callcenters entscheiden, wer von den Anrufern weiterleben darf und wessen Seele den Körper verlassen und in ein ungewisses Danach gehen muss.

Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Um das Gleichgewicht zu erhalten, lassen sich nicht alle Seelen retten. Welches Recht gibt einem Menschen diese Auswahl?



Meinung:

Justine Pust schreibt mit „Whispers of Destiny“ einen Roman, der auf den ersten Blick unterhaltsam wirkt. Die Idee, dass der Tod ein Callcenter eröffnet, in dem über Leben und Tod entschieden wird, hat mich sofort neugierig gemacht. Hinter der oft humorvollen und kreativen Prämisse verbergen sich jedoch einige ernste Themen.

Das Setting hat mir gut gefallen: Die Geschichte spielt 2096, die Menschen sind in Stufen eingeteilt. Je niedriger die Stufe, desto größer die Armut. In Stufe 1 leben Ausgestoßene hinter Zäunen, in einer Gegend ohne Polizei oder staatliche Kontrolle. Einen tieferen Einblick in diese Welt hätte ich spannend gefunden; durch Blues Augen bekommen wir allerdings nur kurze, eindrückliche Bilder. Etwa von stromgeladenen Zäunen, an denen Fleisch- und Kleidungsfetzen hängen.

Blue selbst wohnt in Stufe 3, in Häusern aus Technikmüll. Staatlich subventionierte Essensrationen sichern gerade so das Überleben. Eine der größten Gefahren in dieser Zukunftswelt ist säurehaltiger Regen. Flutwellen brechen gelegentlich über die niederen Bezirke herein, das Wasser ist so stark verseucht, dass schon kurzer Hautkontakt verätzt.

Mit dem neuen Job bei Death Call muss Blue in einen anderen Bezirk ziehen: Von einem Tag auf den anderen landet sie in Stufe 9. Sie erhält eine Wohnung in einem siebzigstöckigen Turm, in dem die Firma untergebracht ist. Auch hier bleibt der Blick auf die Umgebung recht knapp: In Stufe 9 gibt es Bäume, Geschäfte, saubere Luft und ausreichend Nahrung. Doch Blue verbringt die meiste Zeit im Großraumbüro, sodass der Eindruck von Luxus begrenzt bleibt. Man könnte meinen, der Stufenwechsel mache sie glücklicher. Dieser Traum zerschellt allerdings rasch.

Die Arbeit bei Death Call verlangt den Mitarbeitenden täglich Entscheidungen über Leben und Tod ab. Einzig der kostenlose Snackautomat ist ein kleiner Trost. Entscheidungen stützen sich etwa auf das Karma-Punkte-Konto oder den prognostizierten Todeszeitpunkt. Doch das System ist nicht neutral. Menschen, die in unteren Stufen aufgewachsen sind, die von Kürzungen betroffen sind, keine medizinische Versorgung erhalten und so zunehmend in existenzielle Nöte geraten, haben selbstverständlich schlechtere Karten als Personen aus höheren Stufen.

Justine Pust verbindet in „Whispers of Destiny“ Leichtigkeit und schwarzen Humor mit ernsten, gesellschaftskritischen Untertönen. Der Tod selbst ist eine überraschend geduldige, manchmal schelmische Figur. Er hat eine Schwäche für Rosa, trägt Stock und Melone, verlangt, „Mister“ genannt zu werden, und bleibt selbst bei vorlauten Kommentaren gelassen.

Blue ist eine vorlaute, direkte Protagonistin, die sagt, was sie denkt. Manchmal mit wenig Respekt. Stellenweise war ich wirklich besorgt um ihre Zukunft, etwa wenn sie ihrem Chef mutig widerspricht. Dennoch zeigt ihr Vorgesetzter Geduld, mahnt gelegentlich zur Vorsicht, bleibt aber insgesamt nachsichtig.

Wichtig für die Handlung sind auch Iris, Blues beste Freundin, und Creek, der junge Mann, der Blue auf dem Dach das Jobangebot macht und später ihr Vorgesetzter wird. Creek und andere Kolleg*innen wie Jade begleiten Blue oft auf ihren riskanteren Wegen. Blue hinterfragt viel, bringt sich und ihr Umfeld dadurch wiederholt in Schwierigkeiten. Das treibt die Geschichte voran und sorgt für einige spannungsgeladene Momente.



Fazit:

„Whispers of Destiny“ beeindruckt mit einer außergewöhnlichen Mischung aus Witz, Ernst und gesellschaftlicher Tiefe.

Die dystopische Welt, die Justine Pust zeichnet, wirkt zugleich kreativ und erschreckend realistisch.

Es ist dabei eine klare Stärke dieses Buches, dass es Relevantes und Irrelevantes miteinander zu vermischen weiß. Die Figuren sind intelligent skizziert, ohne dass die Geschichte mit einem Übermaß an Tiefgang überfrachtet wird.

Blues Aufstieg in Stufe 9 zeigt, wie trügerisch vermeintlicher Wohlstand sein kann und wie stark das System zugunsten höherer Schichten verzerrt bleibt. Ihre Arbeit bei Death Call zwingt sie zu Entscheidungen, die niemand treffen möchte, und macht die Ungerechtigkeit dieser Welt umso spürbarer. Das verhandelte Thema ist also heikel, doch der kurzweilige Erzählstil nimmt dem Ganzen die Brisanz.
Das Gefühl für intelligente Ironie tritt oft in einer bemerkenswerten Art und Weise hervor.

Trotz der düsteren Thematik also ein Roman, der fesselt, berührt und lange nachhallt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.10.2025

Magisch, interaktiv und voller Wiener Sagenzauber

Agatha und das Geheimnis der magischen Halskette
0



Inhalt:

Die Sommerferien haben gerade begonnen. Normalerweise wäre das ein für Agatha ein Grund zur Freude gewesen. Doch in diesem Jahr läuft alles anders: Die Großeltern sind auf Kreuzfahrt, der Familienurlaub ...



Inhalt:

Die Sommerferien haben gerade begonnen. Normalerweise wäre das ein für Agatha ein Grund zur Freude gewesen. Doch in diesem Jahr läuft alles anders: Die Großeltern sind auf Kreuzfahrt, der Familienurlaub wurde verschoben, und ihre beste Freundin ist ans Meer gefahren. Nur Tante Feli bleibt als Bezugsperson und die ist gerade stark eingespannt. Also bleibt Agatha vorerst nur deren Hund Spencer als Gesellschaft.

Bei einem Spaziergang reißt sich Spencer los und verschwindet ausgerechnet durch das Tor zur Sternwarte. Agatha folgt ihm und trifft dort auf eine zierliche Frau, die Spencer freudig begrüßt und zu Agathas Überraschung ihren Namen kennt. Die Fremde stellt sich als Freya vor, die Göttin des Frühlings, die seit achtundzwanzig Monden im Park lebt. Freya ist verzweifelt: Ihr magischer Halsschmuck, das Brisingamen, wurde gestohlen.

Agatha wittert ein Abenteuer und verspricht, Freya zu helfen. Auf ihrer Suche durch Wien begegnet sie zahlreichen Sagengestalten. Manche freundlich, andere weniger wohlgesinnt. Mit jedem Schritt kommt sie dem Geheimnis des Brisingamen näher und gerät tiefer in eine magische Welt voller Rätsel, Legenden und Gefahren.



Meinung:

Als mich Andrea Eder-Morawetz fragte, ob ich ihr Buch lesen möchte, war ich sofort begeistert.

Schon der Gedanke, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Geschichte, sondern um ein Spielebuch handelt, hat mich fasziniert.

Für alle, die das Konzept nicht kennen: In einem Spielebuch entscheidet der Leser selbst, welchen Weg die Hauptfigur einschlägt. Man wählt also aktiv, wie die Geschichte weitergeht. Ein Prinzip, das Andrea Eder-Morawetz wunderbar umgesetzt hat.

Besonders originell finde ich die Idee, den Würfel entscheiden zu lassen, wenn man sich nicht zwischen zwei Optionen entscheiden kann. Das ist nicht nur charmant, sondern auch spielerisch gelöst: Auf jeder Seite befindet sich unten ein kleines Würfelsymbol, das wie ein Daumenkino funktioniert. Damit braucht man keinen echten Würfel. Eine clevere Idee!

Auch das Regelwerk ist angenehm kurz, leicht verständlich und macht den Einstieg unkompliziert. So kann man direkt ins Abenteuer starten, ohne vorher seitenlange Erklärungen lesen zu müssen.

Aber nicht nur das Spielprinzip und die perfekte Umsetzung wussten mich sofort zu überzeugen. Dieses Buch zeigt einfach von vorne bis hinten, dass es aus Leidenschaft für das Genre produziert wurde. In meinem Exemplar befindet sich eine Witmung mit einem goldenen Stempel, den die Autorin augenscheinlich extra für das Buch designed hat. Es folgt eine Danksagung und eine kurze Vorstellung von Autorin und Illustratorin, die darüber berichten, dass dieses Buch wirklich ein absolutes Herzensprojekt von Andrea Eder-Morawetz war. Ein kleiner Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Selbst die hochbegabte Illustratorin war sofort begeistert von der Geschichte, als sie diese das erste Mal in der Hand gehalten hat.

Die schwarz-weißen Illustrationen sind fantasievoll, detailreich und perfekt auf die Geschichte abgestimmt. Sie laden zum Träumen und Staunen ein.

Ein weiteres Highlight ist die Karte von Wien, die die wichtigsten Schauplätze zeigt, sowie das Glossar am Ende, das die zahlreichen Sagengestalten erklärt. Ob Basilisk, Spinnerin am Kreuz oder der liebe Augustin, all diese Figuren erwachen in Agathas Abenteuer zum Leben. Dadurch vermittelt das Buch nicht nur Spannung, sondern auch spielerisch Wissen über Wiener Mythen und Geschichte.

Andrea Eder-Morawetz gelingt es meisterhaft, die 11-jährige Agatha als sympathische, mutige Heldin zu zeichnen. Ihre Begegnungen mit den Sagengestalten sind abwechslungsreich, witzig und stellenweise richtig spannend. Besonders lieb gewonnen habe ich die beiden Alraunen Thrudacias und Marion, die regelmäßig gebadet und gefüttert werden müssen. Eine wunderbar schräge Idee.

Es gibt einige Entscheidungsmöglichkeiten und Rätsel im Buch. Ich hätte mir an manchen Stellen sogar noch mehr davon gewünscht, aber das ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Meine Sorge, dass die Rätsel vielleicht zu schwer sein könnten und im schlimmsten Fall ein Weiterkommen im Buch nicht möglich ist, war unbegründet. Die Rätsel sind durchweg unterhaltsam und gut lösbar. Die Balance zwischen Erzählung und Spiel bleibt stets stimmig, sodass der Lesefluss nie unterbrochen wird.



Fazit:

„Agatha und das Geheimnis der magischen Halskette“ ist weit mehr als ein Kinderbuch. Es ist ein interaktives Leseabenteuer voller Fantasie, Wissen und Wiener Charme. Andrea Eder-Morawetz verbindet auf einzigartige Weise Mythologie, Spiel und Erzählkunst. Das Ergebnis ist ein Buch, das Jung und Alt gleichermaßen fesselt und begeistert.

Dieses Abenteuer macht Lust, Wien mit neuen Augen zu entdecken. Durch die Straßen, in denen Sagen lebendig werden und in denen selbst ein einfacher Spaziergang zum fantastischen Erlebnis werden kann.

Ein liebevoll gestaltetes Herzensprojekt, das zeigt, wie viel Magie in Büchern steckt, wenn sie mit Leidenschaft gemacht sind.

Ein absoluter Geheimtipp. Nicht nur für junge Leser!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.10.2025

Spannender, emotionaler und bildstarker Fortsetzungsband

Splitterkristall - Die Schattenchroniken Band 2
0

Inhalt:


Mira und Vanessa haben es, dank glücklicher Umstände und mit Hilfe des Gestaltwandlers Renan aus der anderen Welt, in die sie der blaue Kristall ohne Vorwarnung katapultiert hatte, zurück in ...

Inhalt:


Mira und Vanessa haben es, dank glücklicher Umstände und mit Hilfe des Gestaltwandlers Renan aus der anderen Welt, in die sie der blaue Kristall ohne Vorwarnung katapultiert hatte, zurück in ihre eigene Welt geschafft. Doch kaum dort angekommen, wartet bereits die nächste Überraschung auf sie. Im Wald, wo ihre Mitschüler sie zuvor gefesselt zurückgelassen hatten, treffen sie auf Elli, die dort steht, als hätte sie nur auf die beiden gewartet.

Elli behauptet, den Kristall gesehen zu haben, und löchert Mira und Vanessa mit Fragen. Anfangs gelingt es Mira noch, sich unwissend zu geben, doch Elli lässt sich nicht so leicht täuschen.

Sorgen bereitet Mira die Tatsache, dass Elli behauptet, die beiden Mädchen bewusstlos im Wald gefunden haben, während Eleonora überzeugt ist, dass Mira und Vanessa plötzlich wie vom Erdboden verschwunden waren.

Zurück am Internat gibt es für Mira einiges zu tun. Offene Fragen müssen geklärt, ungebetene Zeugen beruhigt und schulische Herausforderungen bewältigt werden. Ihr misstrauischer Vertrauenslehrer sucht erneut das Gespräch, Eleonora und ihre Clique machen weiter Ärger und dann entdeckt Mira auf Renans Hand ein Symbol, das sie schon einmal auf einem Zettel im Büro ihrer Mutter gesehen hat. Zufall? Oder steckt mehr dahinter? Und noch immer bleibt das große Rätsel bestehen: Was ist der blaue Kristall wirklich? Wie funktionieren seine Reisen? Und welche Macht verbirgt sich hinter ihm?

Als wäre das alles nicht schon aufregend genug, will nun auch Elli selbst in die andere Welt reisen. Koste es, was es wolle. Mira weiß jedoch, wie gefährlich das ist. Niemand weiß, ob man heil zurückkehren wird. Überdies lauern dort Gefahren. Man denke nur an die Hexe, die sie und Vanessa jüngst in Wumpfratten verwandelt hat …



Meinung:


Schon der erste Band von Splitterkristall war für mich ein wahres Leseabenteuer, das ich von der ersten bis zur letzten Seite genossen habe. Band zwei knüpft nahtlos daran an und führt die Geschichte mit ebenso viel Spannung, Herz und Fantasie fort.

Bereits beim Aufklappen des Buches wird man von den liebevoll gestalteten Illustrationen empfangen. Ein bebildertes Namensglossar stellt die wichtigsten Figuren am Internat vor – ein schönes Extra, das den Einstieg erleichtert. Auf der offiziellen Homepage zu Splitterkristall findet man diese Zeichnungen ebenfalls, man ist also nicht auf sich allein gestellt, wenn man ganz in die dargebotene Welt eintauchen will.

Ein kurzer Rückblick („Was bisher geschah“) fasst auf drei Seiten die Geschehnisse des ersten Bandes prägnant zusammen. So war ich im Nu wieder in der Geschichte und mit Mira vertraut. Einer Protagonistin, die mit ihrem großen Herzen und ihrer direkten Art begeistert. Sie steht für Gerechtigkeit ein, scheut keine Konfrontation und hat dennoch ihre Ecken und Kanten. Ihre „kurze Zündschnur“ macht sie authentisch, manchmal unbequem, aber immer greifbar.

Besonders gelungen finde ich, dass Mira im zweiten Band nicht mehr die Einzelkämpferin ist, die sie einst war. Mit Vanessa und Elli erweitert sich ihr Umfeld spürbar. Diese zwischenmenschlichen Entwicklungen sind glaubwürdig und feinfühlig dargestellt. Vor allem Vanessas Wandlung vom unsicheren Mitläufer zum selbstbewussteren Charakter hat mir sehr gefallen.

Die Handlung bleibt von Anfang bis Ende spannend. Das Internatsleben, die vielen offenen Fragen, die kleinen Machtspiele und schließlich der erneute Sprung in die andere Welt. Das alles greift nahtlos ineinander. Besonders die zweite Hälfte des Buches, die in einer geheimnisvoll-viktorianischen Stadt mit Steampunk-Elementen spielt, hat mich begeistert. Dort trifft Mira auf skurrile Figuren, gefährliche Situationen und neue Rätsel. Trotz der vielen Wendungen verliert die Geschichte nie ihren roten Faden.

Auch der Kristall selbst bleibt ein faszinierendes Mysterium. Das Vorwort, das dem Leser einen kurzen Blick „von außen“ gewährt, erweitert das Verständnis, ohne zu viel zu verraten. Stück für Stück fügen sich beide Welten zu einem größeren Ganzen.



Fazit:


Splitterkristall – Band 2 setzt das fesselnde Abenteuer gekonnt fort und überzeugt mit einer packenden Handlung, starken Figuren und einer gelungenen Balance zwischen Fantasie, Spannung und Emotion.

Der Autor Michael S.V. Preis beweist erneut ein feines Gespür für Charakterentwicklung und Weltenbau.

Wie schon beim ersten Band konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen und auch diesmal bleiben am Ende einige Fragen offen, um die Vorfreude auf den nächsten Teil zu schüren.

Ein durchweg spannender, bildreich erzählter und packender Abenteuerroman, der zeigt, dass „Splitterkristall“ mehr ist als nur eine Fantasygeschichte. Es ist eine Reise zwischen den Welten, die einen nicht mehr loslässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere