Intensiv, immersiv und teilweise verwirrend
KinderspielIch habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das ...
Ich habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das auch zu monoton und langatmig, aber insgesamt ist es wirklich ein außerordentlich starkes Werk, das sich in seiner Ungeschöntheit deutlich abzuheben vermag.
Ich bin sehr glücklich kinderfrei, interessiere mich aber für die Lebensrealität von Eltern bzw. konkret Müttern. Es ist in einer progressiven Gesellschaft meiner Meinung nach auch unerlässlich, sich mit anderen Lebensrealitäten zu konfrontieren, um Vorurteilen sowie strukturellen Diskriminierungen entgegenwirken zu können. Kilroys Roman ist wirklich in weiten Teilen eine Tour de Force und ich wurde regelrecht eingesaugt.
Die Autorin schreibt so prägnant und detailliert, dass ich seitenweise richtig angespannt war, trifft aber dennoch einen ruhigen Ton. Aufgeregt habe ich mich dennoch, vor allem über den Mann der Protagonistin, und das ist sicherlich beabsichtigt. Das Stereotype daran kann natürlich kritisiert werden, aber ich sehe den Punkt nicht wirklich. Dass Care Arbeit „Frauenarbeit“ ist und Väter für jegliches Engagement bewundert werden, ist doch ein gesellschaftlicher Fakt. Dass es Ausnahmen gibt, bestätigt dennoch die Regel und deshalb braucht es diese literarischen Figuren auch, um strukturelle Kritik zu üben. Er hat mich wirklich zur Weißglut gebracht und ich habe vielmehr nicht verstanden, wie Soldier das trotz aller Wut überhaupt akzeptieren kann.
Neben Wut geht es generell viel um Emotionen und vor allem um ihre Vermischung. In und zwischen den Zeilen ist wirklich unglaublich viel greifbar: die emotionale Ambivalenz dem Kind gegenüber, die Erschöpfung, die schiere Verzweiflung, die Ratlosigkeit, das Gefühl fehlender Kompetenz, die Isolation und neben all dem die übermenschliche Liebe. Auch das Fehlen von Worten, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu beschreiben, bildet die Autorin geschickt ab.
Ich bin extrem positiv überrascht, wie schnell sich das Buch lesen ließ, obwohl ich mit jeder Zeile glücklicher war über meine gewählte Kinderlosigkeit. Aber Kilroy macht mit ihrem dichten Schreiben auch Nicht-Eltern klar, wo Ungerechtigkeiten liegen und findet irgendwie verständliche Worte für eine eigentlich unbeschreibliche Lebensphase. Mir waren die poetischen, metaphernreichen Abschnitte dennoch etwas zu viel - davon bin ich einfach kein Fan. Ebenso lässt die Autorin manche Dinge bewusst im Unklaren, sodass ich am Ende nicht mehr sicher bin, was nun eigentlich wirklich so stattgefunden hat und was nicht. Das ist natürlich genau der Punkt, um sich in diese Ausnahmesituation hineinversetzen zu können, aber ich mag unsichere Leerstellen nicht so gern. Dennoch bleibt es ein wirklich eindrückliches Werk und die experimentelleren Abschnitte werden auf jeden Fall durch die vielen fesselnden aufgewogen.