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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.01.2026

Intensiv, immersiv und teilweise verwirrend

Kinderspiel
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Ich habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das ...

Ich habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das auch zu monoton und langatmig, aber insgesamt ist es wirklich ein außerordentlich starkes Werk, das sich in seiner Ungeschöntheit deutlich abzuheben vermag.

Ich bin sehr glücklich kinderfrei, interessiere mich aber für die Lebensrealität von Eltern bzw. konkret Müttern. Es ist in einer progressiven Gesellschaft meiner Meinung nach auch unerlässlich, sich mit anderen Lebensrealitäten zu konfrontieren, um Vorurteilen sowie strukturellen Diskriminierungen entgegenwirken zu können. Kilroys Roman ist wirklich in weiten Teilen eine Tour de Force und ich wurde regelrecht eingesaugt.

Die Autorin schreibt so prägnant und detailliert, dass ich seitenweise richtig angespannt war, trifft aber dennoch einen ruhigen Ton. Aufgeregt habe ich mich dennoch, vor allem über den Mann der Protagonistin, und das ist sicherlich beabsichtigt. Das Stereotype daran kann natürlich kritisiert werden, aber ich sehe den Punkt nicht wirklich. Dass Care Arbeit „Frauenarbeit“ ist und Väter für jegliches Engagement bewundert werden, ist doch ein gesellschaftlicher Fakt. Dass es Ausnahmen gibt, bestätigt dennoch die Regel und deshalb braucht es diese literarischen Figuren auch, um strukturelle Kritik zu üben. Er hat mich wirklich zur Weißglut gebracht und ich habe vielmehr nicht verstanden, wie Soldier das trotz aller Wut überhaupt akzeptieren kann.

Neben Wut geht es generell viel um Emotionen und vor allem um ihre Vermischung. In und zwischen den Zeilen ist wirklich unglaublich viel greifbar: die emotionale Ambivalenz dem Kind gegenüber, die Erschöpfung, die schiere Verzweiflung, die Ratlosigkeit, das Gefühl fehlender Kompetenz, die Isolation und neben all dem die übermenschliche Liebe. Auch das Fehlen von Worten, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu beschreiben, bildet die Autorin geschickt ab.

Ich bin extrem positiv überrascht, wie schnell sich das Buch lesen ließ, obwohl ich mit jeder Zeile glücklicher war über meine gewählte Kinderlosigkeit. Aber Kilroy macht mit ihrem dichten Schreiben auch Nicht-Eltern klar, wo Ungerechtigkeiten liegen und findet irgendwie verständliche Worte für eine eigentlich unbeschreibliche Lebensphase. Mir waren die poetischen, metaphernreichen Abschnitte dennoch etwas zu viel - davon bin ich einfach kein Fan. Ebenso lässt die Autorin manche Dinge bewusst im Unklaren, sodass ich am Ende nicht mehr sicher bin, was nun eigentlich wirklich so stattgefunden hat und was nicht. Das ist natürlich genau der Punkt, um sich in diese Ausnahmesituation hineinversetzen zu können, aber ich mag unsichere Leerstellen nicht so gern. Dennoch bleibt es ein wirklich eindrückliches Werk und die experimentelleren Abschnitte werden auf jeden Fall durch die vielen fesselnden aufgewogen.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Breit gefächerte Beiträge für einen guten Einstieg ins Thema

Unlearn Patriarchy
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Essaysammlungen sind immer eine Sache für sich und naturgemäß sprechen eine:n manche Texte mehr an als andere. Ich fand die Zusammenstellung hier aber wirklich gut gelungen, wenngleich mir der Zusammenhang ...

Essaysammlungen sind immer eine Sache für sich und naturgemäß sprechen eine:n manche Texte mehr an als andere. Ich fand die Zusammenstellung hier aber wirklich gut gelungen, wenngleich mir der Zusammenhang zum Titel nicht immer ganz deutlich erschien. Vielleicht liegt das aber auch nur an meiner Aufmerksamkeit und die Zusammenhänge erschließen sich beim erneuten Lesen.

Ich kenne einige Autor:innen bereits aus ihren eigenen Werken, sodass nicht besonders viele neue Impulse für mich in den Texten steckten. Das liegt sicherlich auch an meiner bereits recht tiefgehenden Beschäftigung mit vielen der thematisierten Aspekte. Für Menschen, die sich diesbezüglich aber noch eher am Anfang befinden und dennoch vielschichtig eintauchen wollen, empfehle ich das Werk in jedem Fall.

Die Vielfältigkeit der Texte hinterlässt mich mit einem guten Gefühl für das große Ganze und damit auch mit ein wenig Hoffnung - dazu haben die Schreibenden mit dem ein oder anderen konkreten Handlungsimpuls auch ganz klar beigetragen. Die meisten Beiträge fand ich zudem wirklich zugänglich geschrieben, nur wenige waren mir etwas zu zäh und kompliziert. Rundum eine gute gewählte Zusammenstellung an Personen und damit auch Themen, die mein Wissen angenehm aufgefrischt und an manchen Stellen sogar erweitert hat.

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Nett, aber greift auf viele Anekdoten aus dem Vorgänger zurück

Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung
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Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich ...

Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich immer wieder über Parallelen schmunzeln musste.

Und wie gewohnt finden sich in dem Text sehr viele Liebesbekundungen an das solidarische Miteinander besonders im Kollegium, aber auch seitens der Kund*innen. Doch bei aller Unterhaltsamkeit habe ich wirklich einige Erzählungen aus dem Vorgänger wiedererkannt. Mit mehr Abstand zwischen beiden Büchern ist das vielleicht weniger ein Problem und ich finde es auch nicht grundsätzlich schlimm, aber ein wenig enttäuscht war ich darüber trotzdem.

Wer einen weihnachtlichen Einblick in den Buchhandel sucht und einfach mal unkompliziert abtauchen will, ist hier dennoch an der richtigen Adresse.

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Veröffentlicht am 19.12.2025

Anstrengend - auf die unterhaltsamste und süchtigmachenste Art

Der Rache Glanz
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Maud Ventura hatte mich schon mit ihrem Debüt „Mein Mann“ an der Angel. Und auch, wenn beide Bücher keine Highlights für mich sind, bin ich beeindruckt davon, wie gut diese junge Autorin eine ganz bestimmte ...

Maud Ventura hatte mich schon mit ihrem Debüt „Mein Mann“ an der Angel. Und auch, wenn beide Bücher keine Highlights für mich sind, bin ich beeindruckt davon, wie gut diese junge Autorin eine ganz bestimmte Art von Geschichten schreiben kann!

Während es im Debüt um eine völlig in ihren Mann vernarrte Frau ging, begleiten wir im aktuellen Roman die zu Beginn aufstrebende und später sehr erfolgreiche Sängerin Cléo. Am Anfang habe ich ein bisschen gestruggelt und etwas Zeit gebraucht, um mich in die Handlung einsaugen zu lassen. Wer aber den zäheren Anfangsteil durchhält, wird mit einer extrem immersiven, wenn auch gleichzeitig abstoßenden Geschichte belohnt.

Ventura ist wirklich schon jetzt eine Meisterin der unsympathischen, übertriebenen, fast grotesken Protagonistinnen. Cléo ist selbstgerecht, machtversessen und berechnend - also wirklich unausstehlich. Doch die Autorin schafft es sehr geschickt, auch Verständnisraum zu schaffen für ihre Hauptfigur. Wir bekommen ein Gefühl für die Selbstaufgabe, die mit dem Weg zum Ruhm einhergeht. Die Aufgabe scheinbar jeglichen Rechts auf Selbstbestimmung und Ruhe. Ohne die Protagonistin für ihren Machtmissbrauch und ihre Verantwortungslosigkeit in Schutz zu nehmen, vermittelt uns Ventura doch auch kritische Elemente des öffentlichen Interesses an einer berühmten Person.

Auch die Industrie selbst wird wie mit Peitschenschlägen entzaubert. Die Einblicke in die Maschinerie hinter Top-Promis sind so detailliert, dass ich mich frage, ob Ventura einfach nur sehr gut recherchieren bzw. fiktionalisieren kann oder ob sie lebensechte Quellen hat. Aber ungeachtet der Hintergründe seziert die Autorin hier wirklich gnadenlos die Menschen und das System.

Die Geschichte spitzt sich wie schon im Debüt konsequent zu. Das sorgt für ein Lesen mit angehaltenem Atem, ist aber auch durchaus anstrengend. Ein entspannter oder gar cozy read zum Abschalten ist es keinesfalls. Und scheinbar will die Autorin das auch nicht, sondern stattdessen Werke, die zum Nachdenken anregen. Das gelingt ihr aus meiner Sicht gut, denn auch die ein oder andere Gesellschaftskritik steckt in dem Roman. Denn nur, weil es eine Frau ist, die ganz an der Spitze der Machtpyramide steht, macht es das noch lange nicht feministisch oder überhaupt besser.

Ich würde aber schon sagen, dass das Werk vor allem unterhalten möchte - wenn auch auf eine Weise, die es von vielen anderen abhebt. Einen Roman gänzlich ohne Sympathieträger*innen muss mensch schon wollen, aber wenn das etwas für euch ist, dann ist Ventura schlicht perfekt! Und nicht zuletzt: Meine Güte, was kann die Frau für Plot-Twists schreiben?! Der ihres Debüts war zwar ein schlicht unübertrefflicher Banger, aber auch hier habe ich ihn nicht kommen sehen.

Für mich ein bemerkenswertes Stück Literatur, das thrillerhafte Elemente in dieses Genre einbringt und sich so wirklich einen Platz in den Regalen verdient. Und auch, wenn es für mich kein Wohlfühlwerk war und ich es gern etwas mehr gestrafft gehabt hätte, hat es einen besonderes Stellenwert und ich werde mich noch eine Weile daran erinnern.

PS: In der Widmung des Buches steht "Für Mein Mann" (kein grammatikalischer Fehler) und ich liebe es?! 😍

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Veröffentlicht am 19.12.2025

Starker Auftakt, verlor für mich am Ende aber an Fokus

Standing Ovations
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Es ist nicht mein erstes Buch über Machtmissbrauch, sodass ich die verschiedenen Werke wohl ganz gut vergleichen kann. Und grundsätzlich hat mir Runcies Geschichte gut gefallen, allerdings ging sie nicht ...

Es ist nicht mein erstes Buch über Machtmissbrauch, sodass ich die verschiedenen Werke wohl ganz gut vergleichen kann. Und grundsätzlich hat mir Runcies Geschichte gut gefallen, allerdings ging sie nicht so stark zu Ende wie sie angefangen hat.

Ich fand es durchaus reizvoll und innovativ gestaltet, dass wir das Geschehen durch eine dem zentralen Mann nahestehende Frauenfigur geschildert bekommen. Sophie hegt so einige Sympathien für den Theaterkritiker Alex Lyons, was eine manchmal abstoßende, aber grundlegend wirklich interessant zu lesende Perspektive ist. Dass mit Tätern auch sympathisiert wird, lässt sich ja nicht leugnen und so können wir beim Lesen wirklich gut in uns selbst hineinfühlen. Nach und nach sieht Sophie durch den Kontakt mit vielen betroffenen Frauen, denen Alex mit seinen herabwürdigenden Kritiken das Leben schwerer gemacht hat, ihren Kollegen auch mit anderen Augen, stellt sich meinem Empfinden nach aber nie klar auf eine Seite.

Das kann mensch nun mögen oder nicht, ich fand es in Ordnung. Grundsätzlich habe ich feministische Protas, die sich solidarisch an die Seite der Betroffenen stellen, schon lieber. Aber eine diesbezüglich weniger klar abgegrenzte Hauptfigur finde ich literarisch im positiven Sinne herausfordernd. Ebenso positiv fand ich die Entwicklung Sophies, die als Alex’ Nachfolgerin im weiteren Verlauf der Handlung selbst in einen beruflichen Zwiespalt gerät. Ob sie ihre Macht dabei missbraucht, muss wohl jede:r selbst für sich einordnen.

Ich mochte also generell das Feld rund um Kritiker:innen. Ich stehe denen selbst nämlich auch eher kritisch gegenüber, weil ihre Macht teils immens ist und sie als eine Art objektive Institution angesehen werden, die ja durchaus über den Fortbestand einer Karriere entscheiden kann. Und all das, obwohl doch IMMER ein gewisses Maß an Subjektivität und vielleicht sogar Voreingenommenheit besteht.

Doch trotz aller positiven Aspekte, bin ich vom Verlauf der Geschichte etwas ernüchtert. Die erste betroffene Frau startet total stark und geht in den öffentlichen, lauten Widerstand. Zu lesen, dass so etwas wirken kann, fand ich sehr ermutigend. Dabei lässt Runcie ihren Leser:innen aber immer auch Raum, um sich selbst eine Meinung über diesen präzisen Fall der sogenannten Cancel Culture zu bilden.
Im letzten Drittel verlor die Handlung für mich jedoch zunehmend an Fokus und ich habe irgendwann kein Gefühl mehr dafür gehabt, was der Roman denn nun konkret aussagen will. Auch die Beziehung zwischen Alex und Sophie sowie das Ende waren mir zu unpassend, weil sie vom Kern des Themas ablenken.

Ich vergebe dennoch wohlmeinende 4 Sterne, weil mir das Thema so gut gefallen hat und es für mich auch innovativ war. Die Autorin hätte für meinen Geschmack aber durchaus noch einen Ticken schärfer sein dürfen und zumindest am Ende auch klarer. Ich weiß nicht, ob die Aussage des Romans ohne eine gewisse feministische und machtkritische Vorbildung so richtig ankommt.

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