Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich ...
Wie schon den Vorgänger fand ich auch die später erschienene weihnachtliche Fortsetzung wirklich extrem gut zu lesen. Sicherlich liegt das auch an meiner eigenen Einzelhandelserfahrung, dank derer ich immer wieder über Parallelen schmunzeln musste.
Und wie gewohnt finden sich in dem Text sehr viele Liebesbekundungen an das solidarische Miteinander besonders im Kollegium, aber auch seitens der Kund*innen. Doch bei aller Unterhaltsamkeit habe ich wirklich einige Erzählungen aus dem Vorgänger wiedererkannt. Mit mehr Abstand zwischen beiden Büchern ist das vielleicht weniger ein Problem und ich finde es auch nicht grundsätzlich schlimm, aber ein wenig enttäuscht war ich darüber trotzdem.
Wer einen weihnachtlichen Einblick in den Buchhandel sucht und einfach mal unkompliziert abtauchen will, ist hier dennoch an der richtigen Adresse.
Maud Ventura hatte mich schon mit ihrem Debüt „Mein Mann“ an der Angel. Und auch, wenn beide Bücher keine Highlights für mich sind, bin ich beeindruckt davon, wie gut diese junge Autorin eine ganz bestimmte ...
Maud Ventura hatte mich schon mit ihrem Debüt „Mein Mann“ an der Angel. Und auch, wenn beide Bücher keine Highlights für mich sind, bin ich beeindruckt davon, wie gut diese junge Autorin eine ganz bestimmte Art von Geschichten schreiben kann!
Während es im Debüt um eine völlig in ihren Mann vernarrte Frau ging, begleiten wir im aktuellen Roman die zu Beginn aufstrebende und später sehr erfolgreiche Sängerin Cléo. Am Anfang habe ich ein bisschen gestruggelt und etwas Zeit gebraucht, um mich in die Handlung einsaugen zu lassen. Wer aber den zäheren Anfangsteil durchhält, wird mit einer extrem immersiven, wenn auch gleichzeitig abstoßenden Geschichte belohnt.
Ventura ist wirklich schon jetzt eine Meisterin der unsympathischen, übertriebenen, fast grotesken Protagonistinnen. Cléo ist selbstgerecht, machtversessen und berechnend - also wirklich unausstehlich. Doch die Autorin schafft es sehr geschickt, auch Verständnisraum zu schaffen für ihre Hauptfigur. Wir bekommen ein Gefühl für die Selbstaufgabe, die mit dem Weg zum Ruhm einhergeht. Die Aufgabe scheinbar jeglichen Rechts auf Selbstbestimmung und Ruhe. Ohne die Protagonistin für ihren Machtmissbrauch und ihre Verantwortungslosigkeit in Schutz zu nehmen, vermittelt uns Ventura doch auch kritische Elemente des öffentlichen Interesses an einer berühmten Person.
Auch die Industrie selbst wird wie mit Peitschenschlägen entzaubert. Die Einblicke in die Maschinerie hinter Top-Promis sind so detailliert, dass ich mich frage, ob Ventura einfach nur sehr gut recherchieren bzw. fiktionalisieren kann oder ob sie lebensechte Quellen hat. Aber ungeachtet der Hintergründe seziert die Autorin hier wirklich gnadenlos die Menschen und das System.
Die Geschichte spitzt sich wie schon im Debüt konsequent zu. Das sorgt für ein Lesen mit angehaltenem Atem, ist aber auch durchaus anstrengend. Ein entspannter oder gar cozy read zum Abschalten ist es keinesfalls. Und scheinbar will die Autorin das auch nicht, sondern stattdessen Werke, die zum Nachdenken anregen. Das gelingt ihr aus meiner Sicht gut, denn auch die ein oder andere Gesellschaftskritik steckt in dem Roman. Denn nur, weil es eine Frau ist, die ganz an der Spitze der Machtpyramide steht, macht es das noch lange nicht feministisch oder überhaupt besser.
Ich würde aber schon sagen, dass das Werk vor allem unterhalten möchte - wenn auch auf eine Weise, die es von vielen anderen abhebt. Einen Roman gänzlich ohne Sympathieträger*innen muss mensch schon wollen, aber wenn das etwas für euch ist, dann ist Ventura schlicht perfekt! Und nicht zuletzt: Meine Güte, was kann die Frau für Plot-Twists schreiben?! Der ihres Debüts war zwar ein schlicht unübertrefflicher Banger, aber auch hier habe ich ihn nicht kommen sehen.
Für mich ein bemerkenswertes Stück Literatur, das thrillerhafte Elemente in dieses Genre einbringt und sich so wirklich einen Platz in den Regalen verdient. Und auch, wenn es für mich kein Wohlfühlwerk war und ich es gern etwas mehr gestrafft gehabt hätte, hat es einen besonderes Stellenwert und ich werde mich noch eine Weile daran erinnern.
PS: In der Widmung des Buches steht "Für Mein Mann" (kein grammatikalischer Fehler) und ich liebe es?! 😍
Es ist nicht mein erstes Buch über Machtmissbrauch, sodass ich die verschiedenen Werke wohl ganz gut vergleichen kann. Und grundsätzlich hat mir Runcies Geschichte gut gefallen, allerdings ging sie nicht ...
Es ist nicht mein erstes Buch über Machtmissbrauch, sodass ich die verschiedenen Werke wohl ganz gut vergleichen kann. Und grundsätzlich hat mir Runcies Geschichte gut gefallen, allerdings ging sie nicht so stark zu Ende wie sie angefangen hat.
Ich fand es durchaus reizvoll und innovativ gestaltet, dass wir das Geschehen durch eine dem zentralen Mann nahestehende Frauenfigur geschildert bekommen. Sophie hegt so einige Sympathien für den Theaterkritiker Alex Lyons, was eine manchmal abstoßende, aber grundlegend wirklich interessant zu lesende Perspektive ist. Dass mit Tätern auch sympathisiert wird, lässt sich ja nicht leugnen und so können wir beim Lesen wirklich gut in uns selbst hineinfühlen. Nach und nach sieht Sophie durch den Kontakt mit vielen betroffenen Frauen, denen Alex mit seinen herabwürdigenden Kritiken das Leben schwerer gemacht hat, ihren Kollegen auch mit anderen Augen, stellt sich meinem Empfinden nach aber nie klar auf eine Seite.
Das kann mensch nun mögen oder nicht, ich fand es in Ordnung. Grundsätzlich habe ich feministische Protas, die sich solidarisch an die Seite der Betroffenen stellen, schon lieber. Aber eine diesbezüglich weniger klar abgegrenzte Hauptfigur finde ich literarisch im positiven Sinne herausfordernd. Ebenso positiv fand ich die Entwicklung Sophies, die als Alex’ Nachfolgerin im weiteren Verlauf der Handlung selbst in einen beruflichen Zwiespalt gerät. Ob sie ihre Macht dabei missbraucht, muss wohl jede:r selbst für sich einordnen.
Ich mochte also generell das Feld rund um Kritiker:innen. Ich stehe denen selbst nämlich auch eher kritisch gegenüber, weil ihre Macht teils immens ist und sie als eine Art objektive Institution angesehen werden, die ja durchaus über den Fortbestand einer Karriere entscheiden kann. Und all das, obwohl doch IMMER ein gewisses Maß an Subjektivität und vielleicht sogar Voreingenommenheit besteht.
Doch trotz aller positiven Aspekte, bin ich vom Verlauf der Geschichte etwas ernüchtert. Die erste betroffene Frau startet total stark und geht in den öffentlichen, lauten Widerstand. Zu lesen, dass so etwas wirken kann, fand ich sehr ermutigend. Dabei lässt Runcie ihren Leser:innen aber immer auch Raum, um sich selbst eine Meinung über diesen präzisen Fall der sogenannten Cancel Culture zu bilden. Im letzten Drittel verlor die Handlung für mich jedoch zunehmend an Fokus und ich habe irgendwann kein Gefühl mehr dafür gehabt, was der Roman denn nun konkret aussagen will. Auch die Beziehung zwischen Alex und Sophie sowie das Ende waren mir zu unpassend, weil sie vom Kern des Themas ablenken.
Ich vergebe dennoch wohlmeinende 4 Sterne, weil mir das Thema so gut gefallen hat und es für mich auch innovativ war. Die Autorin hätte für meinen Geschmack aber durchaus noch einen Ticken schärfer sein dürfen und zumindest am Ende auch klarer. Ich weiß nicht, ob die Aussage des Romans ohne eine gewisse feministische und machtkritische Vorbildung so richtig ankommt.
Mein Urteil zu japanischer Literatur war bislang recht ausgewogen: Mal fand ich sie toll, mal traf sie nicht meinen Geschmack. Entsprechend gehe ich neugierig und offen an neue Werke heran und konnte mich ...
Mein Urteil zu japanischer Literatur war bislang recht ausgewogen: Mal fand ich sie toll, mal traf sie nicht meinen Geschmack. Entsprechend gehe ich neugierig und offen an neue Werke heran und konnte mich von „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ positiv überraschen lassen.
Anfänglich hatte ich noch Bedenken, dass mir die distanzierte, emotional eher oberflächliche Erzählweise zu kalt sein könnte. Denn grundsätzlich mag ich Geschichten mit hoher Emotionalität und/oder unperfekten Protas. Und ja, auch hier bleiben wir schon wirklich sehr an der Oberfläche, aber das halte ich für ziemlich authentisch und da der Roman wirklich unterhaltsam ist, konnte ich sehr gut damit leben.
Die namenlose Protagonistin sucht nach ihrem Burnout einen neuen Job und bekommt von ihrer Arbeitsvermittlerin (übrigens ein absoluter Engel der Geschichte - wäre es doch nur in der Realität auch öfter so) insgesamt fünf verschiedene Stellen vorgeschlagen. Alle Jobs sind wirklich sehr skurril und/oder zehrend langweilig, etwa das Verfassen kurzer Snacktütentexte oder die digitale Observierung einer Person. Ich sehe hier gewisse Parallelen zu sogenannten Bullshit-Jobs, da all diese Tätigkeiten ziemlich banal oder sogar überflüssig wirken. Wenn diese Analogie von der Autorin beabsichtigt war, schreibt sie sie auf jeden Fall äußerst kreativ!
Alle Jobs eint aber etwas, das durchaus als Kritik am neoliberalen Kapitalismus verstanden werden kann: Der Job wirkt sich zunehmend auf das Privatleben aus und nimmt die Hauptfigur teilweise sogar komplett ein. So freundlich und hilfsbereit die Vorgesetzten und das Kollegium auch immer sind (auch das sehr japanisch geschrieben), die Lohnarbeit nimmt im Leben spürbar zu viel Raum ein.
Ich fand nicht nur die Auswahl der Arbeitsstellen kreativ und unterhaltsam, sondern auch die Ausübung des jeweiligen Jobs. Denn immer passieren komische Dinge, welche die Hauptfigur zu verstehen und lösen versucht. Diese kleinen Spannungsmomente haben meinen Lesefluss enorm gesteigert und waren gleichzeitig nicht ZU spannend!
Positiv erwähnen möchte ich auch, dass hier wiederholt über psychische Erkrankungen, konkret auch durch die Lohnarbeit bedingte, gesprochen wird. Es bleibt stets bei der Nennung, da wir die Figuren auch einfach nicht so tiefgreifend kennenlernen, aber ich halte das bereits für bahnbrechend im japanischen Literaturbereich. Da der persönliche Karriereweg noch einmal von so viel mehr Erwartungen begleitet ist und psychische Erkrankungen entsprechend deutlich mehr stigmatisiert sind als in Deutschland, finde ich diese wiederholten Anmerkungen ganz stark! Da müssen die eigenen Erwartungen meiner Meinung nach auch an die gesellschaftlichen Umstände des Ursprungslandes angepasst werden und so verlange ich nicht, dass bspw. eine Depression auf Figurenebene noch einmal detailliert ausgebreitet wird.
Mit dem Schluss bin ich vor diesem Hintergrund allerdings nicht ganz zufrieden und an manchen Stellen hatte der Text auch seine Längen. So scharfzüngig, wie der Klappentext vermuten lässt, fand ich den Roman zwar bei Weitem nicht, doch insgesamt war es wirklich eine überraschend unterhaltsame und gut lesbare Lektüre, die ich Menschen mit Interesse an japanischer Literatur mit einem gewissen kritischen Element sehr ans Herz lege.
Der Roman hat in meinem Umfeld wirklich viel Begeisterung erfahren, außerdem ist das Cover ein optischer Traum und so war ich sehr neugierig auf das Debüt Leon Englers. Und ich bleibe so fasziniert wie ...
Der Roman hat in meinem Umfeld wirklich viel Begeisterung erfahren, außerdem ist das Cover ein optischer Traum und so war ich sehr neugierig auf das Debüt Leon Englers. Und ich bleibe so fasziniert wie unschlüssig zurück.
Johannes Nussbaum hat das Hörbuch wirklich fantastisch umgesetzt. Ich kannte den Autor bislang gar nicht und hatte doch beim Hören das Gefühl, er liest die Geschichte selbst vor. Ein Perfect Match von Sprecher und meiner Vorstellung der Autorenstimme! Da doch einige Fachbegriffe und spezifische Autor:innen sowie deren Werke referenziert werden, war das Hörverständnis manchmal erschwert. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass ich beim Lesen aus anderen Gründen mehr Schwierigkeiten gehabt hätte, sodass für mich das Hörbuch die richtige Wahl war.
Denn stilistisch und literarisch hat mir „Botanik des Wahnsinns“ weniger gut gefallen. Ich kann objektiv nachvollziehen, warum es dahingehend begeistert, aber ich habe immer meine Schwierigkeiten mit einer eher distanzierten, abgehackten Erzählweise. Die vielen Referenzen zu Philosoph:innen waren mir zu trocken, die geschichtlichen Hintergründe im Bereich Psychiatrie fand ich wiederum äußerst lehrreich.
Rein literarisch wäre es für mich eher ein 3-Sterne-Buch. Doch Leon Engler schreibt, wenn auch distanziert, so greifbar und menschlich über psychische Erkrankungen, dass es mich wirklich ergriffen hat. Der Autor kritisiert subtil, aber doch deutlich das aktuelle Psychiatrie-System, ohne dabei den darin tätigen Menschen die Schuld daran zu geben. Er wirft Fragen zu einer gesellschaftlich markierten Normalität und zu Heilung auf, die mich regelrecht aus der Fassung gebracht haben.
„Es gibt keine Erlösung, keine Vergebung, nur die Akzeptanz dessen, was ist“
Und während mir die vielen zeitlichen Sprünge und der wechselnde Fokus auf verschiedene Familienmitglieder zu wild waren, blitzt doch immer wieder durch, mit wie viel Respekt Engler diese Personen ansieht. Das zeigt sich auch in seinen Gesprächen mit Patient:innen und ich wünsche mir mehr Therapeut:innen wie ihn. Das Buch erscheint mir, nach Lektüre seiner Biografie, mindestens autofiktional. An sich ist das auch egal, aber es lässt mich wirklich den Hut ziehen vor diesem Autor. Diese Sezierung vererbter Traumata und Erkrankungen ist mutig, anders kann ich es nicht sagen. Und dass Engler dabei so verständnisvoll bleibt, obwohl auch Wut über die eigene Situation angemessen gewesen wäre, beeindruckt mich sehr.
Ein Buch, das mich zwar literarisch nicht so sehr abgeholt, dafür aber emotional trotzdem nachhaltig bewegt hat. Es wirft Fragen auf, die nachhallen und die bestenfalls eine öffentliche Debatte über Psychiatrie und den Umgang mit Erkrankten anstoßen.