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Veröffentlicht am 31.03.2026

Politische Wirren und persönliches Leid

Das Ende vom Lied
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Wildenhains Roman schildert eine Zeit und einen Ort, die einmalig waren und die so niemals wiederkehren werden. Einerseits war es eine Epoche des Aufbruchs und Umbruchs. Als die Forderungen einer jungen ...

Wildenhains Roman schildert eine Zeit und einen Ort, die einmalig waren und die so niemals wiederkehren werden. Einerseits war es eine Epoche des Aufbruchs und Umbruchs. Als die Forderungen einer jungen Generation ungehört verhallten, wehrte sie sich mit Aufruhr und Gewalt. Andererseits aber litten die Älteren noch an den inneren und äußeren Blessuren des überstandenen 2.Weltkriegs.

Vater und Mutter des jugendlichen Protagonisten verkörpern eben diese Erstarrung im Leiden. Da dem Ich-Erzähler von ihrer Seite kaum Beistand im Durchleiden seiner pubertären Wirren zuteil wird, wendet er sich den Reizen der Straße zu, die ihn nach dem erzwungenen Umzug innerhalb Berlins locken. Es ist eine raue und brutale Welt, in der er sich zu behaupten sucht, und auch die Altlasten der Erwachsenen werden ihm weit über das seinen Jahren zuträgliche Maß aufgeladen. Dazu gerät er auch noch in die politischen Wirren der damaligen Zeit.

In faszinierender vielformiger Sprachgestaltung ersteht ein komplex konstruiertes Gebilde aus persönlichem Schicksal, soziologisch genau getroffenem Milieu, aus niederdrückend rückwärts gewandter Politik und ohnmächtiger Wut. Gefangen in diesem Konglomerat lädt der Held schwere Schuld auf sich, manipuliert von seiner ersten, doch unerreichbaren und ihm letztlich innerlich fremd bleibenden Liebe.

Mein Urteil: 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Avantgarde

Peggy Guggenheim
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Was für ein rasanter Lebenslauf! Atemlos verfolgt der Leser die Entwicklungen und Kehrtwendungen dieser Biographie.
Wenn unsere eigene Epoche eigentlich nur Pose, Attitüde, Anspruch zu bieten hat, so ...

Was für ein rasanter Lebenslauf! Atemlos verfolgt der Leser die Entwicklungen und Kehrtwendungen dieser Biographie.
Wenn unsere eigene Epoche eigentlich nur Pose, Attitüde, Anspruch zu bieten hat, so erscheint uns Peggy Guggenheim wie ein Blitz mit kolossalem Donnerschlag aus der Vergangenheit. Konventionen waren ihr offenkundig vollkommen gleichgültig. Diese Frau vertritt in jedem Augenblick ihres Lebens ihre Überzeugungen, brennt lichterloh für die zeitgenössische Kunst. Gut, ihre gesellschaftliche Position erlaubte ihr, zu jedem Künstler, der sie interessierte, auf Tuchfühlung zu gehen, aber sie setzte die ihr zur Verfügung stehenden Mittel rückhaltlos dafür ein, die Avantgarde zu fördern. Was haben wir heutigen Kunstliebhaber dieser Frau zu danken, deren Engagement die Kunst ihrer Epoche förderte, ermöglichte, sicherte, und wir danken der Autorin, die uns einen Einblick in das Denken und Leben dieser außergewöhnlichen Frau vermittelt.

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Veröffentlicht am 14.09.2025

Obsession

Öffnet sich der Himmel
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Emotionsgeladen und in einer poetischen, verdichteten Sprache präsentiert uns der Autor Sean Hewitt die Wirren und Wonnen eines Jahres im jungen Leben seines Protagonisten James.
Erst seit kurzem ist ...

Emotionsgeladen und in einer poetischen, verdichteten Sprache präsentiert uns der Autor Sean Hewitt die Wirren und Wonnen eines Jahres im jungen Leben seines Protagonisten James.
Erst seit kurzem ist diesem Sechzehnjährigen klar, homosexuell zu sein, was seiner latenten Einsamkeit in dieser weltvergessenen Dorfgesellschaft nur noch weiter Vorschub leistet. Eindringlich ist die Schilderung völliger Vereinzelung, die nicht nur aus James’ Naturell erwächst, sondern gespiegelt und verstärkt wird durch sein offenkundiges Anderssein.
Die Intensität dieser bedrückenden und düsteren Empfindungen schlägt ins ekstatische Gegenteil um, als er in der Nachbarschaft Luke kennenlernt, in dessen Unangepasstheit er alle seine geheimen Wünsche und Begierden hineinprojiziert.
Selbst zwar offenkundig heterosexuell orientiert, führen seine schwierigen familiären Verhältnisse Luke jedoch in eine von ihm ebenso intensiv erlebte, aber eher nonchalant gestaltete Beziehung zu James.
Im Wechsel der Jahreszeiten durchläuft James‘ Leidenschaft für Luke alle Stadien von der zögerlichen Annäherung bis hin zu der scheinbaren Erfüllung, die umso grausamer mit der unvermittelten, aber vorhersehbaren Trennung endet.
Die Rahmenerzählung zeigt uns einen erwachsenen James, der den Verlust seines Jugendfreundes nie hat verarbeiten können und an ihm gleichsam wie an einer Amputation leidet.
Betörend, wie der Autor die sprachliche Vergegenwärtigung der Landschaft verknüpft mit der feinziselierten Darstellung einer seelischen Entfaltung.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Zwei Leben gespiegelt

Beeren pflücken
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Diese Romanlektüre bietet alles, was Literatur für den Leser zu einem zentralen Interesse werden lässt: Schauplätze und Lebensformen, die weitgehend unbekannt sind; überzeugende Charaktere; Schicksale, ...

Diese Romanlektüre bietet alles, was Literatur für den Leser zu einem zentralen Interesse werden lässt: Schauplätze und Lebensformen, die weitgehend unbekannt sind; überzeugende Charaktere; Schicksale, die fesseln und ergreifen.

Neu dürfte für die meisten Leser die Lebensweise der kanadischen Indianer sein, die Jahr für Jahr südwärts über die Grenze ziehen, um einer untergeordneten Arbeit nachzugehen. Die Geschichte verknüpft die Lebenspfade aller Mitglieder einer indigenen Familie, die durch eine ganze Reihe von traumatischen Begebenheiten in ihrer Entwicklung geprägt werden.

Zwei Geschwister werden auf ihrem Lebensweg pointiert gegenübergestellt: Joe, der sich persönlich für die Katastrophen verantwortlich fühlt und als Konsequenz eine fundamentale Wut entwickelt, die ihn über lange Zeit aus seinem Familienzusammenhalt herauslöst; Norma, die tief in ihrem Innern ahnt, dass ihre Existenz nicht wirklich ist, was sie zu sein scheint, und mit bedenklicher äußerer Passivität reagiert.

Mit großer Sensibilität versteht es die Autorin, die Tragödie plastisch erstehen zu lassen, ohne jemals ins Kitschige oder allzu Gefühlvolle abzugleiten, so der zwangsläufigen Entwicklung der Ereignisse die Wucht einer antiken Tragödie verleihend.

Allein die gelegentlich ungelenke Sprache der Übersetzung zieht manchmal eine gewisse Kritik auf sich, die den vergeblichen Wunsch weckt, der Verlag hätte dem Text eine kritische Endredaktion angedeihen lassen.

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Vadim wird Vincent

Über allen Bergen
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Ganz und gar ungewöhnlich ist dieser französische Roman: er spielt im 2. Weltkrieg und behandelt das Thema der Besatzung, ohne dass ein einziger Deutscher die Szene betritt; er schildert Flucht und Überleben ...

Ganz und gar ungewöhnlich ist dieser französische Roman: er spielt im 2. Weltkrieg und behandelt das Thema der Besatzung, ohne dass ein einziger Deutscher die Szene betritt; er schildert Flucht und Überleben eines gefährdeten Jungen, doch das Wort ‚Jude‘ fällt erstmals nach mehr als siebzig Seiten.
Stattdessen präsentiert ‚Über allen Bergen‘ ein fein geknüpftes Netz von Themen und Motiven, die ein prägnantes Bild des Erwachsenwerdens, des Reifens zeichnen. Aus einem Kind wird ein junger Mann; ein Stadtkind integriert sich in das karge Leben im Hochgebirge; im Verlauf der Jahreszeiten Winter, Frühling und Sommer vollzieht sich die vollkommene Wandlung von Vadim zu Vincent. Eine ausdifferenzierte Persönlichkeit entfaltet sich vor den Augen des Lesers, die geradezu philosophische Frage nach der eigenen Identität, die zwischen Fremdzuschreibung und eigener Einordnung oszilliert, eine künstlerische Begabung, die die Bildwelten Wassili Kandinskys leise anklingen lässt.
Mit einer vorgeblichen Alltagsszene setzt der Roman ein. Was ist schon Besonderes an einer Eisenbahnfahrt, was soll an Winter und Landschaft exzeptionell sein? Was ist außergewöhnlich daran, wenn gesundheitliche Probleme einem radikalen Ortswechsel erfordern? Doch beides, Reise und Bestimmungsort, bringen es mit sich, dass ein sehr junger Mensch gezwungen ist, um des Lebens willen von seiner ursprünglichen Identität Abschied zu nehmen. Immer wieder ein Mysterium: wie wird einer, der er ist?

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