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Shilo_

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.01.2026

Zwischen Freiburg und Istanbul auf der Suche nach sich selbst

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete
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Verlassenwerden kann ein ziemlich unbequemer Anfang sein. Hier ist es der Auslöser für eine Reise, die weniger mit Kofferpacken als mit innerer Unruhe zu tun hat. Krishna Mustafa steckt fest zwischen Erwartungen, ...

Verlassenwerden kann ein ziemlich unbequemer Anfang sein. Hier ist es der Auslöser für eine Reise, die weniger mit Kofferpacken als mit innerer Unruhe zu tun hat. Krishna Mustafa steckt fest zwischen Erwartungen, Zuschreibungen und der Frage, wer oder was man eigentlich sein soll. Nicht dramatisch, nicht pathetisch, sondern eher tastend und suchend.
Der Ortswechsel nach Istanbul fühlt sich anfangs wie ein Befreiungsschlag an. Neue Straßen, neue Stimmen, neue Rhythmen. Die Stadt wirkt lebendig, laut und widersprüchlich, genau wie Krishna selbst. Moscheen stehen neben Starbucks, politische Gespräche neben Alltagsbeobachtungen, und immer wieder schiebt sich ein feiner Humor dazwischen, der hängen bleibt.
Der Roman erzählt bewusst nicht in großen Bögen. Es sind Begegnungen, Gespräche und kleine Beobachtungen, die sich nach und nach zusammenfügen. Gerade das wirkt glaubwürdig. Wer klare Antworten erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch wissen möchte, wie sich dieses Leben zwischen den Welten anfühlen kann, bekommt ein sehr stimmiges Bild.
Besonders überzeugend ist der Ton. Leicht, manchmal frech, oft sehr genau. Klischees werden benannt, gelegentlich überspitzt und dann wieder still entlarvt. Politische Themen wie Erdoğan oder der Gezi Park tauchen auf und fügen sich selbstverständlich in den geschilderten Alltag ein. Sie stehen nicht im Mittelpunkt, sind aber spürbar präsent, so wie im echten Leben.
Beim Lesen stellt sich immer wieder dieses leise Erkennen ein. Nicht weil alles vertraut wäre, sondern weil Unsicherheit, Neugier und das Nicht-Ankommen erstaunlich nah wirken. Die Suche nach guter Schokolade, Gespräche mit Verwandten und flüchtige Eindrücke aus dem Stadtleben sind keine Nebensachen, sondern tragen die Geschichte.
Am Ende bleibt kein fertiges Selbstbild. Und genau das passt zu diesem Roman. Die Reise liefert keine Lösung, aber eine ehrliche Annäherung an die eigene Zerrissenheit. Das wirkt klug, menschlich und angenehm unaufgeregt.
Vier Sterne für einen Roman, der leicht erzählt ist, fein beobachtet und noch nachwirkt, gerade weil er offen bleibt.

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Veröffentlicht am 14.01.2026

Zwischen Liebe und Selbstbestimmung

In der Liebe wollen wir frei sein
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Diese Geschichte spielt Anfang der siebziger Jahre, einer Zeit, in der vieles im Wandel ist. Alte Rollenbilder bestimmen noch den Alltag, auch wenn viele Menschen beginnen, sie zu hinterfragen. Im Mittelpunkt ...

Diese Geschichte spielt Anfang der siebziger Jahre, einer Zeit, in der vieles im Wandel ist. Alte Rollenbilder bestimmen noch den Alltag, auch wenn viele Menschen beginnen, sie zu hinterfragen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die als Journalistin arbeitet und überzeugt ist, dass man Missstände offen benennen muss.
Der Roman zeigt, wie schnell sich das Leben von Frauen verändert, sobald Ehe und Erwartungen eine Rolle spielen. Eine enge Freundschaft bekommt Risse, als Selbstständigkeit gegen Anpassung eingetauscht wird.
Der Wunsch nach Liebe ist da, aber nicht um jeden Preis. Eine Beziehung soll auf Augenhöhe stattfinden. Gleichzeitig ist ständig die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft präsent. Diese Unsicherheit begleitet viele Entscheidungen und prägt den Alltag spürbar.
Als die Diskussion um den Paragrafen 218 stärker wird, rücken persönliche Fragen und politische Themen eng zusammen. Haltung zeigen wird notwendig, im Beruf und im eigenen Leben.
Die Geschichte wird ruhig und zurückhaltend erzählt. Die Figuren wirken nah und echt, ihre Gedanken und Zweifel sind gut nachvollziehbar. Das Buch vermittelt ein klares Gefühl für diese Zeit und ihre Spannungen.
Vier Sterne für eine ruhige und nachdenkliche Geschichte.

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Wo Zeit keine Rolle spielt

Mathilde und Marie
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In Redu, einem kleinen Dorf, umgeben von Wäldern und Flüssen, geht alles langsamer. Die Menschen leben ruhig und wirken ein wenig aus der Zeit gefallen. Technik gibt es kaum, Ablenkung selten. Die Menschen ...

In Redu, einem kleinen Dorf, umgeben von Wäldern und Flüssen, geht alles langsamer. Die Menschen leben ruhig und wirken ein wenig aus der Zeit gefallen. Technik gibt es kaum, Ablenkung selten. Die Menschen haben ihre festen Gewohnheiten.
Marie kommt aus Paris und lässt ihr bisheriges Leben hinter sich. Nicht wegen eines großen Dramas, sondern weil sie merkt, dass ihr Leben so nicht weitergeht. Ohne genaues Ziel beginnt sie ihre Reise. Im Zug trifft sie Jónína, eine Isländerin, die schnell erkennt, wie es ihr geht. Jónína bringt sie nach Redu, wo sie eine kleine Buchhandlung führt.
Marie findet nach und nach ihren Platz im Dorf. Sie beobachtet, hört zu und wird ein Teil des Alltags. Das Leben in Redu ist nicht perfekt, aber ehrlich. Die Menschen sind eigenwillig, manchmal verschroben, aber auf ihre Weise herzlich. Die Gemeinschaft zeigt sich still und selbstverständlich.
Mathilde fällt sofort auf. Sie wirkt abweisend und streng, fast unnahbar. Doch nach und nach zeigen sich Risse in ihrer harten Schale. Ihre Entwicklung geschieht langsam und wirkt echt. Kleine Veränderungen sagen viel über sie aus. Und genau das macht sie menschlich.
Die Geschichte erzählt ruhig. Große Höhepunkte gibt es nicht, dafür viele kleine Momente: Gespräche, Blicke, gemeinsame Tage. Gefühle werden nicht erklärt, sondern entstehen beim Lesen von selbst. Das sorgt für Nähe und lässt sich gut lesen.
Das Buch zeigt, wie wichtig Freundschaft, Vertrauen und Zeit sind. Es ist keine Geschichte, die drängt, sondern eine, die ruhig begleitet.
Für Leserinnen und Leser, die sich gern Zeit nehmen und die kleinen Dinge des Lebens genießen, ist dieses Buch eine schöne Wahl. 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 30.12.2025

Mut und Hoffnung zwischen Glanz und Schatten

Das Herz aus Gold
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Shanghai 1925 ist laut, gefährlich und voller Gegensätze. Jeder Schritt kann Folgen haben, und niemand weiß, wem man trauen kann. In dieser Stadt muss Anyu lernen, vorsichtig zu sein und sich ihren eigenen ...

Shanghai 1925 ist laut, gefährlich und voller Gegensätze. Jeder Schritt kann Folgen haben, und niemand weiß, wem man trauen kann. In dieser Stadt muss Anyu lernen, vorsichtig zu sein und sich ihren eigenen Weg zu erarbeiten. Schon als Kind zeigt sie Mut, als sie ein wertvolles Fabergé-Ei findet und zurückgibt. Diese Begegnung öffnet ihr später Türen, die ihr Leben verändern.
Jahre später kehrt sie nach Shanghai zurück und taucht in die Welt des Schmucks und der Edelsteine ein. Sie arbeitet hart, träumt davon, selbst Juwelierin zu werden, und lernt Schritt für Schritt, sich in einer harten Welt zu behaupten. Dabei begegnet sie Menschen, die ihr helfen, aber auch solchen, die sie ausnutzen wollen. Die Stadt ist voller Gefahren: Gangster, skrupellose Rivalen und besessene Sammler erschweren das Leben. Kleine Geheimnisse, versteckte Absichten und unerwartete Begegnungen begleiten Anyu auf jedem Schritt.
Die Handlung bleibt ruhig erzählt, ohne Hektik oder große Effekte. Spannung entsteht aus dem Alltag, aus Entscheidungen und aus den Momenten, in denen man nicht weiß, wem man trauen kann. Anyus Mut, ihre Vorsicht und die kleinen Hoffnungen, die sie antreiben, spürt man in jedem Moment. Gefahren, Chancen, Freude, Angst und Geduld liegen nah beieinander.
Die Sprache ist einfach und klar. Gefühle zeigen sich in kleinen Momenten und machen Anyu greifbar. Alles wirkt nahbar und glaubwürdig. Nicht alles überrascht, doch alles passt zur Geschichte. Es ist eine ruhige Erzählung über das Wachsen, Lernen und den Versuch, in einer harten Welt einen eigenen Platz zu finden.
Der Roman überzeugt durch seine ruhige, stimmige Erzählweise, glaubwürdige Figuren und ein lebendiges historisches Shanghai. Wer historische Geschichten mit einer starken jungen Hauptfigur mag, wird gern mit Anyu durch diese Stadt gehen, ihre kleinen Schritte miterleben und gespannt auf die Geheimnisse achten, die sich nach und nach zeigen.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 30.12.2025

Zwischen Familie, Pflicht und eigenen Träumen

Die Töchter von Usedom - Rückkehr nach Swinemünde
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Im Mittelpunkt dieses dritten Bandes der Ostsee-Familiensaga stehen Lilo und Tilda. Zwei junge Frauen, die sehr unterschiedlich sind und dennoch fest zusammengehören. Lilo richtet den Blick nach vorn, ...

Im Mittelpunkt dieses dritten Bandes der Ostsee-Familiensaga stehen Lilo und Tilda. Zwei junge Frauen, die sehr unterschiedlich sind und dennoch fest zusammengehören. Lilo richtet den Blick nach vorn, möchte lernen und sich ein eigenes Leben aufbauen. Sie glaubt daran, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen können. Ihre Zeit in Berlin und der Wunsch nach einem Medizinstudium wirken stimmig und gut in die Zeit eingebettet. Tilda bleibt in Swinemünde und arbeitet in einem Kinderheim. Sie ist ruhig, fürsorglich und jemand, auf den man sich verlassen kann.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verändert sich das Leben der Familie spürbar. Pläne verlieren ihre Grundlage, Beziehungen werden auf eine harte Probe gestellt, und das bisher Verlässliche beginnt zu bröckeln. Man merkt beim Lesen schnell, dass nichts mehr einfach so weitergehen kann. Das ist nicht dramatisch erzählt, sondern zurückhaltend und nah am Erleben der Figuren, so wie es viele Menschen damals empfunden haben dürften.
Der Schreibstil ist klar und gut lesbar. Manche Entwicklungen hätten stellenweise etwas mehr Raum vertragen, und nicht jede Entscheidung ist sofort verständlich. Trotzdem bleibt die Nähe zu den Figuren bestehen, weil ihre Sorgen, Zweifel und Hoffnungen sehr lebensnah geschildert sind.
Besonders stark ist der Roman dort, wo es um Zusammenhalt geht. Um Familie, um Verantwortung und um die Frage, wie man weiterlebt, wenn nichts mehr ist wie zuvor. Hoffnung spielt dabei eine wichtige Rolle, leise, vorsichtig und ohne Pathos. Genau das macht die Geschichte glaubhaft. Am Ende bleibt das Gefühl, diese Zeit nicht nur gelesen, sondern miterlebt zu haben.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.

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