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Veröffentlicht am 31.12.2025

Mordermittlungen mit französischem Flair

Der tote Bäcker vom Montmartre
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„Der tote Bäcker vom Montmartre“ von René Laffite (alias Christian Schleifer), ist der Auftakt zu einer sowohl spannenden wie unterhaltsamen Krimireihe mit ausgeprägtem Pariser Flair.

Ich bin vor einiger ...

„Der tote Bäcker vom Montmartre“ von René Laffite (alias Christian Schleifer), ist der Auftakt zu einer sowohl spannenden wie unterhaltsamen Krimireihe mit ausgeprägtem Pariser Flair.

Ich bin vor einiger Zeit mit Band 2 in die Reihe eingestiegen und habe nun den ersten Band nachgelesen. Es ist immer empfehlenswert, Reihen mit dem ersten Band zu beginnen. Er bietet Details über Commissaire Genevièves Herkunft, ihre Familie und Vorgeschichte, auch Informationen zu ihren KollegInnen, die in Folgebänden nur noch angerissen werden können.

Das Cover mit dem typisch Pariser Straßenbild vermittelt das richtige Montmartre-Ambiente. Das Buch erschien 2024. Die Handlung spielt in der nicht näher bestimmten Gegenwart, teils in Paris, teils in Cannes. Der Schreibstil ist flüssig, sehr bildhaft, reich an Sehnsucht hervorrufendem Lokalkolorit, das durch französische Ausdrücke gut dosiert unterstrichen wird. Das Flair und all die kulinarischen Genüsse machen Lust auf eine Reise nach Frankreich. Leider verfügt der erste Band noch über keine kleine Landkarte wie die Folgebände, sodass ich Google Maps konsultieren musste, um mich örtlich besser zurechtzufinden.

Der Mordfall ereignet sich in Genevièves Wohngebiet. Ausgerechnet ihr Lieblingsbäcker, der das beste Baguette von Paris zubereitet, wurde ermordet. Obwohl der Kreis der Verdächtigen überschaubar wirkt, laufen die ersten Spuren ins Leere bzw. führen welche nach Südfrankreich, in Genievièves ursprüngliche Heimat. Bald merkt sie, dass sie die Kontakte ihrer dort ansässigen Familie benötigt, die in der Unterwelt bestens vernetzt ist. Mit Spürsinn und Kombinationsgabe gelingt es ihr letztlich Motiv und Täter auszuforschen. Die Lösung hat mich doch etwas überrascht.

Geneviève ist in ihrer Familie, namhaften, sehr erfolgreichen und schwerreichen Kunstdieben, quasi das schwarze Schaf – als Polizistin. Sie weiß sich selbstbewusst durchzusetzen, sowohl innerhalb ihrer Familie als auch beruflich. Beim Alleingang in Cannes grenzt ihr Selbstbewusstsein allerdings schon sehr an Leichtsinn, da hat sie wohl für eine leitende Kommissarin zu unüberlegt gehandelt. Nur dank Coolness und hervorragender Selbstverteidigungstechnik übersteht sie das Abenteuer heil. Privat liebt sie ihre Ungebundenheit. Geprägt von einer enttäuschenden Liebe hat sie Schwierigkeiten, sich wieder auf eine Liebesbeziehung einzulassen. Sie fühlt sich zwar zu Dr. Henry Martel hingezogen, hält ihn aber noch auf Distanz. Es wird interessant, wie sich deren Liebesbeziehung weiter entwickeln wird. Ihre Großmutter Mamie, das Oberhaupt der Familie, ist meine Lieblingsfigur in dieser Reihe, wobei ihr Coup im Band 2 mich noch besser unterhalten hat.

Im Vergleich zum zweiten Band fand ich diesen Fall nicht so spektakulär, nicht so spannend. Es überwog das Lokalkolorit. Und er bot ausgiebig persönliche Details über die Protagonisten, was ich stets schätze, weil es die Charaktere verständlicher macht. Auf jeden Fall verbrachte ich vergnüglich-spannende Lesestunden und freue mich nun auf weitere Pariser Kriminalfälle mit Commissaire Geneviève.

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Besondere Momentaufnahmen menschlicher Schicksale

Der Tod der Löwenbändigerin
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Das rd 170 Seiten umfassende Büchlein „Der Tod der Löwenbändigerin“ enthält Kurzgeschichten und Erzählungen, die der Autor Bernd Richard Knospe in den Jahren 2005 bis 2013 im Zuge einer Teilnahme in einem ...

Das rd 170 Seiten umfassende Büchlein „Der Tod der Löwenbändigerin“ enthält Kurzgeschichten und Erzählungen, die der Autor Bernd Richard Knospe in den Jahren 2005 bis 2013 im Zuge einer Teilnahme in einem Literaturforum schrieb und die verschiedenste Themen zwar nur kurz anreißen, dennoch nicht Tiefgang vermissen lassen und zum Nachdenken anregen. Ich zitiere den Autor: „Sie sollen dem Leser Lust machen, sich den Rest selber zusammenzureimen“.

Das kräftig gelbe Cover ist ein Eyecatcher, der in Scherenschnittmanier gehaltene Löwe neben einem Grabstein passt hervorragend zu dem Titel, der interessant wirkt und neugierig macht. Wie ein etwas ausführlicheres Inhaltsverzeichnis vermitteln die „Schlaglichter“ einen ersten Eindruck zur jeweiligen Geschichte.

Ich kenne fast alle Romane des Autors, die mich stets begeistert haben, und war nun recht gespannt auf seine Frühwerke. Ich wurde auch sprachlich keineswegs enttäuscht. Ich schätze seine Gabe der Beschreibung von Charakteren, Emotionen und Stimmungen. Doch wie es eben meist bei Kurzgeschichten ist – es gibt welche, die einem besser gefallen und solche, die weniger zusagen. Vor allem fehlte mir etwas Fröhliches, Leichtes, Humorvolles. Thematisch sind sie sehr vielfältig gehalten – es gibt Kriminelles, Berührendes, zum Nachdenken Anregendes, Phantasievolles bis zum Skurrilen. Je realer die Szenerie, desto wohler fühlte ich mich mit der Erzählung. Dass oft nur eine kurze Szene aus dem Leben von Menschen herausgegriffen wird, die Vorgeschichte ebenso nebulös bleibt wie das, wie es weitergeht, stellt für jemanden wie mich, die epische Romane liebt, mit Schicksalsschlägen und Wendungen, eine Herausforderung dar. Ich mag mir eigentlich nicht so gerne das Weitere ausmalen. Zudem handelt es sich primär um traurige Begebenheiten, um Tod, um Einsamkeit, um Scheitern, wenig Optimismus Verbreitendes. Leider nicht das, was ich gerne lese, in Zeiten wie diesen, privat gesehen. Nichtsdestotrotz fand ich die Geschichten interessant, insbesondere auch jene, die zeigen, wie durch die Phantasie des Autors Figuren zum Leben erwachen, zu Charakteren werden. In diesen Geschichten vermischt sich Realität mit Fiktion einigermaßen verwirrend, da sollte man konzentriert lesen.

Apropos konzentriert lesen. Ich nehme gerne Kurzgeschichtenbände für unterwegs mit, um mir die Zeit in Öffis oder Wartezimmern zu vertreiben. Diese Geschichten sind anspruchsvoll, überfliegt man sie nur oberflächlich, entgehen einem Nuancen. Ich musste daher jetzt vor Verfassung der Rezension die eine oder andere Erzählung in zweites Mal lesen. Es empfiehlt sich generell, sie nach und nach zu lesen, sie auf sich wirken zu lassen, darüber nachzudenken. Es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Macheloikes bei Schäfers Lieblings-Fußballklub

Aufstiegskampf
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„Aufstiegskampf“ von Mona Frick ist der sechste Band der Kurzkrimi-Reihe rund um Oberkommissar Schäfer.

Auf dem Cover prangt, hinter sich ein vollbesetztes Fußballstadion, wieder das Markenzeichen dieser ...

„Aufstiegskampf“ von Mona Frick ist der sechste Band der Kurzkrimi-Reihe rund um Oberkommissar Schäfer.

Auf dem Cover prangt, hinter sich ein vollbesetztes Fußballstadion, wieder das Markenzeichen dieser Reihe: eine Badeente, diesmal im Trikot der Fußballmannschaft des VfB Stuttgart. Dieser rund 75 Seiten umfassende Kurzkrimi erschien 2017, die Handlung spielt ebenfalls in diesem Jahr. Ich stieg seinerzeit bei einer Leserunde mit Band 7 in die Serie ein, habe seither fast alle Folgebände gelesen, und hole nun so nach und nach die Vorgängerbände nach, kenne daher Schäfers Umfeld bereits gut. Doch auch als Quereinsteiger überblickt man den relevanten Personenkreis problemlos und findet gut in die Geschichte hinein. Des roten Faden wegen und um die Entwicklung der Charaktere zu erkennen, empfehle ich, mit Band 1 zu beginnen.

Der Schreibstil ist flüssig, kurz und bündig, dennoch gut beschreibend. Die Stimmung während eines Fußballmatches kommt sehr anschaulich zum Ausdruck, auch für Nicht-Fußball-Fans wie mich. Im Nachhang werden einerseits die relevanten Regeln erklärt und was bezüglich dieses Spiels Fakt und Fiktion ist. Oberkommissar Schäfer ist seit seiner Kindheit Vereinsmitglied des VfB Stuttgart, in dessen nächsten Spiel sich der Aufstieg in die 1. Liga entscheiden wird. Doch dann wird eine Wette auf Nicht-Aufstieg abgegeben und ein Drohbrief geht ein. Der Fall ist relativ unspektakulär, die Handlung verläuft sehr ruhig, weist keine besonderen Spannungsmomente aber einige überraschende Wendungen auf, diesmal geht es ausnahmsweise nicht um Mord.

Wie immer genoss ich vor allem die Dialoge, Kommissar Schäfers Dialekt, der im Übrigen auch für mich als Wienerin problemlos verständlich ist. Diesen Kommissar muss man einfach mögen, seine urige, ein wenig grantelnde Art. Er löst auch diesen Fall mit Bravour, gut vernetzt und mit seinem sechsten Sinn, was Verbrechen anbelangt. Auch sein Umfeld ist äußerst sympathisch, sein junger Kollege Florian, die fürsorgliche Sekretärin und sein Freund Bromstetter, der maßgeblich zum Fang des Täters beiträgt.

Ich habe „Aufstiegskampf“ an einem Nachmittag, teils im Wartezimmer eines Arztes, teils auf der Hin- und Rückfahrt mit den Öffis ausgelesen. Von mir gibt es nicht nur für diesen unterhaltsamen Krimi eine Leseempfehlung, sondern für die gesamte Reihe.

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Veröffentlicht am 07.12.2025

Nicht packend, aber warmherzig

Der Tag, an dem Barbara starb
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„Der Tag, an dem Barbara starb“, Richard Hootons Debutroman, ist an und für sich ein sogenannter Wohlfühlkrimi im britischem Stil, aber es steckt mehr dahinter, nämlich eine sehr feinfühlige Thematisierung ...

„Der Tag, an dem Barbara starb“, Richard Hootons Debutroman, ist an und für sich ein sogenannter Wohlfühlkrimi im britischem Stil, aber es steckt mehr dahinter, nämlich eine sehr feinfühlige Thematisierung von Demenz, geschickt verwoben mit einer ruhigen Mordermittlung, die mehr oder weniger den roten Faden des Romans bildet, während Margaret Winterbottom eigentlich im Mittelpunkt steht.

Das so typisch britisch anmutende Cover, auch eine ältere Frau à la Miss Marple als Protagonistin, haben mich zum Lesen dieses Buches bewogen, das 2025 im dtv Verlag erschienen ist. Die Originalausgabe trägt den Titel „The Margaret Code“, welcher den Bezug zu Margarets besonderer Fähigkeit herstellt, nämlich Rätsel zu lösen und Codes zu dechiffrieren. Der Schreibstil liest sich locker und flüssig, doch letztlich entwickelte sich die Handlung anders als erwartet. Der Roman verläuft sehr ruhig, Spannungsmomente sind rar. Was aber nicht bedeutet, dass mir das Buch nicht gefiel.

Die Handlung spielt im Frühjahr 2012, was auch durch Erwähnung historischer Geschehnisse verdeutlicht wird. Das britische Vorstadtflair, die nachbarliche Vertrautheit sowie Traditionen wie das Teetrinken, sind gut vorstellbar beschrieben. Der Schreibstil ist flüssig, locker und bildhaft. Insbesondere ist es dem Autor empathisch und achtsam gelungen, die Ängste und Irritationen von Menschen mit beginnender Demenz, auch jene der Umwelt, zum Ausdruck zu bringen. Es ist deutlich zu spüren, dass der Roman von der Beziehung des Autors zu seiner eigenen Großmutter inspiriert ist, die an Alzheimer starb, als er Teenager war. Diese doch ernste Thematik in einen Kriminalfall zu verpacken, noch dazu die Demenz der Protagonistin für Spannungs- und Überraschungsmomente zu nützen, fand ich sehr gelungen.

Im Mittelpunkt des Romans steht Margaret, 89 Jahre alt und verwitwet, und, wie bald zu erkennen ist, leidet sie zunehmend an Vergesslichkeit und Verwirrtheit. Als ihre Nachbarin und beste Freundin Barbara ermordet aufgefunden wird, erinnert sie sich zwar, dass diese ihr beim letzten Treffen etwas Wichtiges anvertraut hat, aber was es war, hat sie verdrängt. Sie ahnt jedoch, dass diese Information für die Aufklärung des Mordes wichtig sein und zum Mörder führen könnte. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen gelingt es dem 15-jährigen Enkel James, dem Gedächtnis seiner Großmutter auf die Sprünge zu helfen. Puzzlestück für Puzzlestück rekonstruieren sie Barbaras letzte Tage und deren Bitte an Margaret. Auch wenn der Roman größtenteils ruhig verläuft, so endet er schließlich mit einem dramatischen Finale und einer für mich unerwarteten Lösung.

Die Charaktere wirken lebendig und authentisch. Insbesondere Margarets Gefühls- und Gedankenwelt kann man sehr gut nachvollziehen, da der Roman ja aus ihrer Perspektive in Ich-Form verfasst ist. Sie ist einsam, wirkt verloren ohne ihren Mann Albert, der vor einem Jahr verstarb. Sie trauert um ihn, mit dem sie an die 60 Jahre glücklich und sehr harmonisch lebte, mit dem sie alles besprochen hat, auf dessen Rat sie stets hörte. Und so führt sie nach wie vor Zwiegespräche mit ihm, lässt Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse Revue passieren. Ich fand das so berührend. Erst langsam wird ihr ihre Krankheit bewusst, das Nachlassen des Gedächtnisses, der Verlust ängstigt sie. Denn die Erinnerungen verkörpern ihr Leben, ihre Persönlichkeit, ihre Vergangenheit. Ihr Zustand, dieser Wechsel von Verlorenheit und der Fähigkeit analytisch zu denken, ist exzellent dargestellt. James, ihr Enkel, ist ein cleverer Junge, der sehr an seiner Großmutter hängt, empathisch und liebevoll mit ihr umgeht. Tochter und Schwiegersohn wirken auf den ersten Blick weniger sympathisch, doch sind ihre Reaktionen und Handlungen von Verantwortungsgefühl und Sorge getragen.

Ich mochte dieses Buch, auch wenn es nicht jene Spannung mit sich bringt, die man anhand Klappentext oder Titel erwartet. Es ist eine warmherzige, liebenswürdige und auch nachdenklich stimmende Geschichte über eine alte Dame, die eben so nebenbei eine Schlüsselrolle bei der Aufklärung eines Mordes spielt.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Englische Agentinnen im französischen Widerstand

Wir dachten, das Leben kommt noch
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„Wir dachten, das Leben kommt noch“ von Elisabeth Sandmann (erschienen 2025) beleuchtet ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das wohl wenigen geläufig ist: den Einsatz von englischen Agentinnen in Frankreich ...

„Wir dachten, das Leben kommt noch“ von Elisabeth Sandmann (erschienen 2025) beleuchtet ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das wohl wenigen geläufig ist: den Einsatz von englischen Agentinnen in Frankreich zur Unterstützung der Résistance. Es ist dies ein Folgeroman zu „Porträt auf grüner Wandfarbe“. Zwar sind dies eigenständige Romane, dennoch denke ich, dass man Gwens Umfeld besser überblickt, wenn man Band eins gelesen hat.

Elisabeth Sandmann erzählt eine fiktive Geschichte, basierend auf historischen Fakten, die im Anhang nachzulesen sind. Die Handlung verläuft einerseits in zwei Handlungssträngen, andererseits in zwei Zeitebenen – in der Gegenwart (1998) und während des Zweiten Weltkriegs (1942). In der Gegenwart stehen zwei Personen im Mittelpunkt: die BBC-Reporterin Gwen, die den Auftrag erhält, ein Buch über jene Frauen zu schreiben, die seinerzeit der von Winston Churchill ins Leben gerufenen geheimen Spezialeinheit SOE (Special Operations Executive) als Agentinnen angehört haben, und Pat, die von Gwen bezüglich eines Interviews kontaktiert wird, und eine jener Agentinnen ist, die in Frankreich im Einsatz waren.

An und für sich ist der Schreibstil flüssig und bildhaft, viele Details unterstützen das Kopfkino. Der Lesefluss leidet jedoch ein wenig durch die abrupten Perspektiven- bzw. Ortswechsel und Zeitsprünge. Ich fühlte mich immer wieder unsanft aus dem Paris des Jahres 1942 herausgerissen, wo mich Emmas Schicksal gerade gefangen hielt, um plötzlich bei Gwens Familienleben in der Gegenwart zu landen. Letzeres empfand ich eher als nebensächlich und hie und da auch als zu ausufernd geschildert.

Der Handlungsaufbau ist eigentlich geschickt arrangiert, auch wenn man sich anfangs in der Vielzahl der Personen etwas verirrt – aber da ist das Personenverzeichnis am Ende des Buches recht hilfreich (fände ich am Anfang übrigens sinnvoller). Denn all die scheinbar in keinem Zusammenhang mit Pats/Emmas Einsatz stehenden Szenen, wie die Aufzeichnungen von Gwens Großmutter Ilsabé, deren Ersuchen, Lilou zu finden, die Gespräche mit Nebenpersonen, sind Puzzlesteinchen, die so nach und nach die Fäden verknüpfen, zu überraschenden Wendungen führen und zu einem schlüssigen Ende.

Ich fand den Roman interessant, wissenserweiternd, aber nicht spannend in dem Sinn, dass man sich um Pat/Emma geängstigt hätte. Sie gerät zwar in etliche brenzlige bis lebensgefährliche Situationen, die sie bewundernswert cool meistert, aber es ist zu ruhig, zu distanziert erzählt. Ein bisschen mehr Dramatik, Action und vor allem spürbare Emotionen hätten diese Szenen lebendiger gemacht.

Was die Charaktere anbelangt, so bleiben einige der zahlreichen Nebenfiguren ziemlich blass. Der Haupttenor liegt auf Pats Entwicklung, zunächst vom unscheinbaren Mädchen, im Schatten der hübscheren und energiegeladenen Schwester stehend, zur mutigen, sich in einem riskanten Umfeld bewährenden Agentin Emma, um danach wieder in Unscheinbarkeit zu versinken, denn die Leistungen der Agentinnen gingen seinerzeit unter. Erst als über 70-Jährige, nachdem sie ihre Schuldgefühle aus der Spionagezeit aufgearbeitet hatte, verwandelte sie sich zu einer wieder lebensbejahenden, für Neues offenen Frau. Gwens Wesen offenbart sich eher nur oberflächlich. Sie kämpft mit den Problemen jeder alleinerziehenden Mutter: Beruf und Zeit für das Kind unter einen Hut zu bringen. Sie liebt ihre Selbstständigkeit, ihren Beruf. Sie liebt wohl auch Balthasar, den Vater ihrer Tochter, zu dem freundschaftlicher Kontakt besteht. Aber er ist ebenso fest verwurzelt in Bayern wie sie in London. Eine schillernde Persönlichkeit ist Gwens Großmutter Ilsabé, reich, selbstbewusst und unabhängig, wirkt sie mitten in Kriegszeiten mit ihrem hochherrschaftlichen Stil etwas aus der Zeit gefallen.

Der Roman ist historisch informativ, würdigt die Leistung der Frauen im Zweiten Weltkrieg, die Protagonistinnen wirken authentisch und sympathisch. Auf jeden Fall ein Buch für jene, die gerne Bücher über starke Frauen lesen.

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