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Veröffentlicht am 16.08.2025

Wenn ein Buch Jahre später wieder bei dir anklopft und sagt: „Na, Lust auf ein bisschen Existenzialismus?“

Sofies Welt
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Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder ...

Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder war für mich genau so ein Buch. Ich habe es das erste Mal als Teenie in die Hand genommen. Oder besser gesagt: Ich habe es mit in den Ägyptenurlaub geschleppt. Damals, mit 16 oder 17, dem vagen Gefühl von Fernweh im Bauch und einem sehr ernsten Plan, am Hotelpool philosophisch zu werden.

Gelesen habe ich tatsächlich nur ein paar Kapitel. Dann kam das Meer, die Sonne, das Leben dazwischen. Sofies Welt blieb zurück und wanderte später kommentarlos ins Regal.

Fast Forward: Ein paar Jahre taucht das Buch wieder auf. Ich ziehe es halb aus Neugier, halb aus Nostalgie aus dem Regal und finde darin mein altes Lesezeichen: ein kleines Plastiktütchen, das einmal eine Kette mit meinem Namen in Hieroglyphen enthielt. Ein Souvenir aus Luxor, das auf einmal wirkt wie ein kurzes ‘Hallo’ aus einem ganz anderen Leben.

Damals hatte ich noch lauter naive Fragen im Kopf, große Lebensgedanken, keine Ahnung von Kant, aber wild entschlossen, schlauer aus dem Urlaub zurückzukommen. Jetzt, Jahre später, lese ich es wirklich. Ganz. Und ganz anders.

Und dieses Mal bin ich drangeblieben.
„Sofies Welt“ ist mehr als ein Roman. Es ist ein Crashkurs in Philosophie, verkleidet als Coming-of-Age-Geschichte mit Mystery-Vibe. Die rätselhaften Briefe, die philosophischen Ausflüge, die immer größer werdenden Fragen, all das zieht einen auf eine sehr leise Art mit. Ganz ohne Drama. Dafür mit Kant. Und Sokrates. Und Gedanken über das Sein, die einem oft erst bei den einfachsten Tätigkeiten wie dem Abwaschen wirklich bewusst werden.

‘Sofies Welt’ will klug sein, aber es bemüht sich, dich nicht zu verlieren. Es ist kein staubtrockenes Uni-Skript, sondern eine Geschichte, die groß denkt, dich aber nie überfordert.

Ich habe es oft beiseitegelegt, einfach um das Gelesene sacken zu lassen. Immer wieder kam der Moment, in dem ich für einen Augenblick inne gehalten, um nachzuspüren und dabei fühlte ich mich plötzlich wieder wie das junge Mädchen, das ich damals war. Die gleichen Fragen, die ich als Teenager hatte, tauchten wieder auf, und gleichzeitig spürte ich, wie ich langsam ein anderes Verständnis für sie bekam. Es war wie ein Gespräch mit meinem früheren Ich - nur, dass ich dieses Mal nicht einfach weiterging, sondern wirklich in die Tiefe ging.

Vielleicht ist es ein Buch, das man zweimal lesen muss. Einmal, wenn man glaubt, alles wissen zu müssen und einmal, wenn man versteht, dass es okay ist, wenn man's nicht tut.

Fazit: Sofies Welt ist ein Buch wie ein Zeitkapsel-Geschenk von deinem früheren Ich an dein jetziges. Es ist philosophisch, aber nie belehrend und es ist genau das Richtige, wenn du Lust hast, dich auf die ganz großen Fragen einzulassen, ohne Erwartung auf perfekte Antworten.

Vielleicht ist das eigentliche Geschenk dieses Buches: Dass es dir zeigt, wie schön es sein kann, einfach nur zu fragen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Back im Skandi-Krimi-Game

Im Finsterwald
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Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine ...

Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine billigen Twists. Stattdessen: Atmosphäre und ein Plot, der mich still, aber bestimmt in seinen Bann gezogen hat.

“Im Finsterwald” spielt in Göteborg, 1926. Ja, das fühlt sich genau so an wie es klingt: kalt und leicht düster. Der Fall ist auf den ersten Blick unspektakulär. Ein Museumsbesuch, danach fehlt jemand. Keine Leiche, kein Skandal, aber ein Verdacht, der sich langsam in die Geschichte schleicht.

Der Kriminalfall entwickelt sich fast beiläufig. Ein Ermittler und eine Journalistin tasten sich durch die Geschichte, Stück für Stück, und du liest mit angehaltenem Atem, obwohl objektiv gar nichts Spektakuläres passiert. Aber innerlich? Yes - da brennt alles. Weil man nämlich denkt und auch spürt, dass hinter allem mehr steckt als die Figuren preisgeben.

Ich liebe diese Art Krimi, man konsumiert nicht bloß, sondern man wird Teil des Ganzen. Es ist wie ein Rätsel. Kein passives Gucken, sondern aktives Lesen. Ein bisschen wie ein Gesellschaftsporträt, ein bisschen wie ein Kammerstück, und extrem atmosphärisch aufgeladen.

Die Sprache ist auch ganz nach meinem Geschmack. Zurückhaltend, klar, elegant. Kein übertriebener Ton, keine krampfhaft originellen Formulierungen, sondern eine fast altmodische Ruhe, die aber nie langweilig wird. Die Übersetzung von Regine Elsässer macht das richtig gut, nie gestelzt, einfach stimmig.

Auch visuell hat das Buch Stil. Das Cover ist für mich fast schon Statement: schlicht, ein bisschen geheimnisvoll, sehr 1920er. Kein überladenes Thriller-Design. Altmodisch auf die beste Weise, mit einem Hauch Fin-de-Siècle-Mystery. Ich würde es auch einrahmen.

Fazit: Das Buch hat mich daran erinnert, was Kriminalliteratur eigentlich kann, wenn sie nicht auf Masse, sondern auf Klasse geht. ”Im Finsterwald” ist kein seichter Crime-Pager für zwischendurch. Es ist ein durchdachtes, feinsinnig geschriebenes Stück Literatur, das Spannung auf eine ganz andere Ebene hebt. Das macht einfach glücklich, weil es zeigt, dass man sich Zeit nehmen darf. Für Sprache, für Atmosphäre, für echte Tiefe.

Ich werde definitiv mehr von Marie Hermanson lesen und wenn du auch das Gefühl hast, das Genre sei dir in den letzten Jahren ein bisschen zu trashy geworden: Das hier ist dein Reset-Knopf.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Wenn man alles unter Kontrolle haben will

Madwoman
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„Die Welt ist nicht für Mütter gemacht. Und doch haben Mütter die Welt gemacht. Die Welt ist nicht für Kinder gemacht. Und doch sind Kinder die Zukunft.“

Clove lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in ...

„Die Welt ist nicht für Mütter gemacht. Und doch haben Mütter die Welt gemacht. Die Welt ist nicht für Kinder gemacht. Und doch sind Kinder die Zukunft.“

Clove lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Portland. Sie meditiert, macht Yoga, alles, was in unserer heutigen Gesellschaft „Heilung“ versprechen soll. Aber hinter dieser Routine steckt Angst. Als plötzlich ein Brief von ihrer Mutter auftaucht, die im Gefängnis sitzt, gerät alles ins Wanken. Clove hat ihre Vergangenheit verborgen, und selbst ihr Mann weiß nicht, wer sie wirklich ist. Dann trifft sie Jane nach einem kleinen Autounfall. Die beiden kommen sich schnell näher, aber genau das wird gefährlich.

Ich war überrascht, wie nah mir das Buch ging. Ich dachte zuerst, es wäre einfach ein Roman über Mutterschaft, aber es ist viel mehr und härter, als ich erwartet hatte (unbedingt vorher die Triggerwarnungen lesen). Clove ist keine typische Heldin, sie versucht einfach, alles zusammenzuhalten. Ihre Angst ist fast körperlich spürbar, und man versteht, warum sie sich an Routinen, Bio-Food und Online-Bestellungen klammert.

Bieker schreibt, als würde sie einen direkt anschauen. Sehr bildhaft, tolles Tempo, ich habe mich nicht eine Sekunde gelangweilt. Es fühlte sich stellenweise so an, als würde man heimlich jemanden beobachten.
Auch wie der Plot insgesamt aufgebaut war, hat mir sehr gut gefallen. Es war immer eine unterschwellige Spannung zu spüren. Schon auf den ersten Seiten hat man das Gefühl, dass etwas nicht stimmt.

Kurz gesagt: Dieses Buch hat mich komplett reingezogen. Ich wollte gar nicht aufhören zu lesen, nur drinbleiben und mitfühlen. Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Mein Überraschungshighlight

Die Sache mit Rachel
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Ich war nicht vorbereitet. Ich dachte, das wird ein nettes Buch, das man eben liest und wieder vergisst. Aber schon nach den ersten Seiten war ich komplett drin und wollte nicht mehr aufhören.

Worum geht’s? ...

Ich war nicht vorbereitet. Ich dachte, das wird ein nettes Buch, das man eben liest und wieder vergisst. Aber schon nach den ersten Seiten war ich komplett drin und wollte nicht mehr aufhören.

Worum geht’s? Rachel studiert in Cork und arbeitet nebenbei in einem Buchladen. Dort trifft sie James. Er ist quirlig, direkt, ein bisschen zu schnell - und trotzdem mag man ihn sofort. Aus einem Gespräch wird Freundschaft und kurz darauf eine WG. Aber Rachel hat ein Auge auf ihren Literaturprofessor Fred Byrne geworfen. Deshalb organisieren James und sie eine Lesung, um ihm „näherzukommen“. Nur verfolgt Byrne ganz andere Pläne, und plötzlich sind die drei viel tiefer ineinander verstrickt, als sie es je wollten.

Ich habe diese Figuren geliebt. Rachel ist verletzlich, aber gleichzeitig so stur, dass man ihr einfach folgen muss. James bringt Witz und Chaos, die beiden zusammen sind elektrisierend. Deshalb tat es so weh, als die Geschichte langsam dunkler wurde. Ich hatte wirklich das Gefühl, nachts mit ihnen in der Küche zu sitzen, mit einem Glas Wein, und zu ahnen, dass alles kippen wird.

Und dann dieses 2010er-Cork als Setting. Die Bars, die Straßen, die Stimmung der Finanzkrise. Nichts wirkt aufgesetzt, es ist einfach da und macht die Geschichte lebendig. Das Beste ist aber Caroline O’Donoghues Sprache. Sie trifft genau den Punkt, ohne jemals kompliziert zu sein. Sie beschreibt Gefühle so, dass man sofort denkt: Genau, so ist es.

Fazit:
Ich habe das Buch verschlungen. Deshalb ist es für mich ein echtes Highlight. Wer Sally Rooney mag, wird hier sofort andocken, nur dass Caroline O’Donoghue leichter und schneller erzählt. Für mich ist klar: Das war mein erstes, aber sicher nicht mein letztes Buch von ihr.

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Veröffentlicht am 31.12.2025

Es ist auch ein wenig ein „Berlin-Buch“

Let’s Talk About Feelings
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Mein literarisches Jahr schließe ich mit „Let’s Talk About Feelings“ von Leif Randt. Seinen Vorgängerroman „Allegro Pastell“ kannte ich vom Cover, vom Hörensagen, aber irgendwie hatte ich ihn immer in ...

Mein literarisches Jahr schließe ich mit „Let’s Talk About Feelings“ von Leif Randt. Seinen Vorgängerroman „Allegro Pastell“ kannte ich vom Cover, vom Hörensagen, aber irgendwie hatte ich ihn immer in ein falsches Genre einsortiert. Warum auch immer.

Worum geht es? Marian Flanders ist 41, lebt in Berlin, verkauft schöne, teure Kleidung, denkt viel nach und sortiert seine Tage, Gefühle und Begegnungen sehr pedantisch. Gute Sonntage landen in Rankings, Gespräche werden innerlich bewertet, Stimmungen präzise benannt. Man weiß immer, wie sich etwas anfühlt, zumindest theoretisch. Aber genau das mochte ich. Es gibt einen frühen Verlust, eine Trauerfeier auf einem Boot, Asche auf dem Wannsee und die Zeit danach. Man begleitet Marian durch diese Phase, eher beobachtend als mitfühlend; für mich hat sich das stellenweise sehr distanziert angefühlt. Aber am Ende war genau das auch eine mögliche Art, Trauer darzustellen.

Ich hatte das Gefühl, etwas sehr Zeitgenössisches gelesen zu haben. Ein Buch, das mehr protokolliert als erzählt, und das ist auch eine Form von Ehrlichkeit. Marians Leben ist weit weg von meiner Realität, aber ich hatte trotzdem ein sehr genaues Bild von ihm im Kopf. Sein Leben wirkte auf mich plausibel, auch wenn es stellenweise sehr absurd war.

Es ist auch ein wenig ein „Berlin-Buch“. Stil und Atmosphäre waren top notch. Kühl, genau beobachtet, erstaunlich unterhaltsam. Werde nächstes Jahr mehr von ihm lesen. „Allegro Pastell“ steht jetzt auch noch an.

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