Vergessen, was man nie wissen durfte – Ein verstörend kluger Ausflug in die Antimemetik
Wir haben keine Antimemetik-AbteilungMit Wir haben keine Antimemetik-Abteilung legt Sam Hughes ein Buch vor, das sich jeder gewohnten Leseerwartung widersetzt. Schon nach wenigen Seiten wird klar: Diese Geschichte funktioniert nicht nach ...
Mit Wir haben keine Antimemetik-Abteilung legt Sam Hughes ein Buch vor, das sich jeder gewohnten Leseerwartung widersetzt. Schon nach wenigen Seiten wird klar: Diese Geschichte funktioniert nicht nach klassischen Regeln von Zeit, Erinnerung und Wahrnehmung. Kein Wunder also, dass viele Leser zunächst ein wenig Orientierung verlieren – mir ging es genauso. Doch genau darin liegt auch der Reiz dieses außergewöhnlichen Romans.
Die Handlung kreist um Phänomene und Bedrohungen, die sich dem menschlichen Gedächtnis entziehen: Dinge, die vergessen werden, sobald man sie wahrnimmt, Ereignisse, die geschehen, ohne dass jemand sich später daran erinnern kann, und ganze Abteilungen, deren Existenz ständig aus dem Bewusstsein gelöscht wird. Was zunächst wie ein verwirrendes Gedankenspiel wirkt, entfaltet nach und nach eine beklemmende innere Logik. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass mir bewusst Informationen fehlen – und genau dieses Gefühl scheint vom Autor beabsichtigt zu sein.
Besonders herausfordernd sind die häufigen Perspektiv- und Szenenwechsel. Man wird ohne Vorwarnung in neue Situationen geworfen, muss sich Details mühsam zusammensetzen und akzeptieren, dass nicht alles sofort verständlich ist. Das kann anstrengend sein, zeitweise sogar frustrierend. Gleichzeitig erzeugt es aber eine intensive Atmosphäre von Unsicherheit und Kontrollverlust, die hervorragend zum Thema des Buches passt.
Inhaltlich wirft der Roman spannende Fragen auf: Wie zuverlässig ist unsere Erinnerung? Wie sehr bestimmt sie unsere Identität? Und was passiert, wenn Wissen selbst zur Gefahr wird? Diese philosophische Ebene verleiht der Geschichte eine Tiefe, die weit über klassischen Horror oder Science-Fiction hinausgeht.
Rückblickend ist dieses Buch weniger eine lineare Erzählung als ein Puzzle, das man Stück für Stück zusammensetzt – und bei dem vermutlich kein Leser beim ersten Durchgang alle Teile erkennt. Ich kann mir gut vorstellen, es irgendwann erneut zu lesen, um Zusammenhänge klarer zu sehen und verborgene Details bewusster wahrzunehmen.
Fazit: Wir haben keine Antimemetik-Abteilung ist fordernd, ungewöhnlich und stellenweise verwirrend, aber gerade deshalb faszinierend. Wer bereit ist, sich auf ein experimentelles, gedanklich herausforderndes Leseerlebnis einzulassen, wird hier mit einer einzigartigen Geschichte belohnt.