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Veröffentlicht am 19.02.2026

✎ Alfred Wellm - Das Mädchen Heika

Das Mädchen Heika
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Ich weiß nicht mehr genau, wie „Das Mädchen Heika“ von Alfred Wellm bei uns gelandet ist, aber es wird unsere Bücherwand so schnell nicht verlassen. Das Buch passt bei uns gerade perfekt zur Lebensrealität: ...

Ich weiß nicht mehr genau, wie „Das Mädchen Heika“ von Alfred Wellm bei uns gelandet ist, aber es wird unsere Bücherwand so schnell nicht verlassen. Das Buch passt bei uns gerade perfekt zur Lebensrealität: mein Kind ist, wie Heika, in der zweiten Klasse und die Geschichte greift genau die Themen auf, die im Alltag präsent sind - Lernen, Ausdauer und das Gefühl, gut genug zu sein.

Heika ist kein Überflieger, sie ist nicht die Beste in der Klasse und sie stolpert immer wieder über Aufgaben, die anderen scheinbar mühelos gelingen. Zu Beginn war ich skeptisch, ob der Autor Kindern ein realistisches Bild vom Lernen vermittelt oder eine verklärte Botschaft transportiert.

Doch die Auflösung der Geschichte hat mich überrascht. Es gibt kein magisches Pulver und kein übernatürliches Heilmittel, das Heika auf einmal zur Besten macht. Entscheidend sind Übung, Mut und der Blick für andere. Kinder erfahren, dass Fähigkeiten durch Ausdauer wachsen und dass sie - wenn sie erst einmal etwas gut können - anderen helfen können, das Gleiche zu lernen. Die Erzählung wirkt dabei ruhig und direkt, ohne aufdringliche Belehrung. Gerade diese Bodenständigkeit hat meinen eigenen Zweifel aufgehoben.

Die Illustrationen sind einfach und etwas antiquiert, was aber einen interessanten Gesprächsanlass über Stil, Zeitgeist und die Rolle von Bildern in Kinderbüchern bietet. Sie ergänzen die Fantasie der jungen Lesenden, anstatt sie zu ersetzen.

Für mich bleibt „Das Mädchen Heika“ ein Buch mit einer klaren, menschlichen Botschaft und einer Umsetzung, die genau das aussagt, was ich auch meinem eigenen Kind vermitteln möchte: Lernen ist kein Zauber, sondern ein Weg. Und manchmal hilft es am meisten, gemeinsam kleine Schritte zu gehen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 22.01.2026

✎ Lilli Tollkien - Mit beiden Händen den Himmel stützen

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Vor mir liegt „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, ein autofiktiver Roman, er sich in meinem Kopf wie ein schwerer Stein festgesetzt hat. Nicht, weil er laut wäre, sondern weil er ...

Vor mir liegt „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ von Lilli Tollkien, ein autofiktiver Roman, er sich in meinem Kopf wie ein schwerer Stein festgesetzt hat. Nicht, weil er laut wäre, sondern weil er unter die Haut geht. Dieses Buch erzählt von einer Kindheit im Chaos, von einem Mädchen, das in einer Berliner Kommune der 80er Jahre aufwächst, wo politische Träume, wilde Partys und ein stetes Gefühl von Freiheit durch permanente Grenzüberschreitungen begleitet werden.

Die Geschichte spart nichts aus. Verbale und psychische Gewalt, sexualisierte Übergriffe an Kindern, Alkohol- und Drogenmissbrauch gehören ebenso dazu wie die Schattenseiten eines Lebens, das nach außen frei wirkt, im Inneren jedoch Halt vermissen lässt. Wer zu diesem Buch greift, sollte sich dessen bewusst sein.

Von der ersten Seite an hat mich die Intensität der Sprache gepackt. Mareike Fallwickl bringt es treffend auf den Punkt: »Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt - und gerade deshalb lesen muss.« Ich habe das Buch nicht einfach gelesen, ich habe es ausgehalten. Abends bin ich darüber eingeschlafen, nur um am nächsten Tag weiterzumachen, weil ich wissen wollte, ob Lale einen Weg für sich findet.

Dabei ist es keine Lektüre, die man verschlingt - und doch konnte ich mich ihr kaum entziehen. Starker Ausdruck, authentische, verletzliche Figuren und eine intensive Auseinandersetzung mit einer Kindheit, die alles andere als behütet verläuft. Die Erlebnisse sind kompromisslos und lassen kaum Raum für eine gemütliche Lektüre. Genau das macht dieses Buch aus, aber zugleich fordert es von uns Lesenden eine stabile Verfassung.

Besonders berührt hat mich, wie real sich alles anfühlt. Immer wieder war ich wütend: auf Erwachsene, die wegsehen, auf Strukturen, die versagen, auf ein Umfeld, das ein Kind alleinlässt. Gleichzeitig empfand ich tiefes Mitgefühl für Lale, deren Suche nach Geborgenheit von Anfang an unter schlechten Vorzeichen steht. Unweigerlich stellen sich Fragen: Warum fällt niemandem ihr Leid auf? Wie kann ein Kind in einem Umfeld überleben, in dem Grenzen verschwimmen und Verantwortung diffus bleibt? Diese Fragen sind unangenehm, weil sie eine Realität spiegeln, die es noch immer gibt.

Zwar blitzt zwischendurch Hoffnung auf, etwa durch die Schule, die Lale kurzzeitig Halt verspricht, doch auch sie bleibt nicht von Dauer. Stattdessen rutschen Drogen, falsche Nähe und das ständige Ringen um Selbstwert in den Mittelpunkt. Die Geschichte wird dadurch mehr als eine persönliche Erzählung - sie hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor.

In dieser Schonungslosigkeit erinnerte mich das Buch stark an Jeannette Walls’ „Schloss aus Glas“. Nicht nur wegen des autobiografischen Flairs, sondern weil beide Texte zeigen, wie dünn der Grat zwischen Überleben und Zerbrechen sein kann.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass das Leben selbst die härtesten Geschichten schreibt. Ungefiltert, schmerzhaft und zugleich durchzogen von einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und einem Ort, den man Zuhause nennen kann. Genau deshalb lässt mich dieses Buch nicht los - und wird noch lange in mir nachhallen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.01.2026

✎ Astrid Lindgren - Lustiges Bullerbü

Lustiges Bullerbü
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Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als ...

Ich bin spät bei Astrid Lindgren gelandet. Erst im letzten Jahr habe ich mit „Ronja Räubertochter“ mein erstes Buch von ihr gelesen, zwei weitere warten noch ungelesen. Vorgelesen wurde mir Lindgren als Kind nicht, eine emotionale Bindung aus dieser Zeit existiert also nicht. Was geblieben ist, sind die Pippi-Langstrumpf-Filme, die ich mochte und heute deutlich kritischer betrachte. Vielleicht lese ich ihre Bücher gerade deshalb ohne nostalgischen Filter.

„Lustiges Bullerbü“ entwirft das Bild einer Kindheit, die heute fast wie ein Gegenentwurf wirkt. Kinder sind viel draußen, bewegen sich frei, streifen ohne Erwachsene durch ihr Dorf, getragen von einer Gemeinschaft und einer Natur, die keinen Spielplatz braucht. Darin erkenne ich Teile meiner eigenen Kindheit wieder. Auch wir waren ständig unterwegs, allein im Dorf, im Ried, beschäftigt mit uns selbst. Vergleiche ich das mit der Lebensrealität meiner achtjährigen Tochter, entsteht ein deutlicher Bruch. Wir leben zwar in einer grünen Kleinstadt, doch allein losziehen lassen würde ich sie nicht. Zu viele Risiken, zu viele Unwägbarkeiten. Wiesen gibt es, aber sie sind oft vermint mit Hundehaufen. Einen Wald auch, doch der taugt eher als Mückenbiotop denn als Abenteuerschauplatz. Bullerbü fühlt sich dadurch wie eine ferne Welt an.

Genau an diesem Punkt setzt berechtigte Kritik an. Die in Bullerbü gezeigte Kindheit ist idealisiert und kaum auf heutige Lebensrealitäten übertragbar. Das Buch bildet keine Gegenwart ab, sondern einen Zustand, der längst vergangen ist. Gleichzeitig liegt darin seine Stärke. Lindgren zeigt, was möglich war und was vielleicht immer noch möglich wäre, wenn Kinder mehr Freiräume hätten. Sie schreibt über Freundschaft, Zusammenhalt, kleine Mutproben und die Schönheit der Natur, ohne sie kitschig zu überhöhen, sondern mit einem ruhigen, klaren Blick.

Dabei blendet sie Verantwortung nicht aus. Tiere sind keine Spielzeuge, sie bedeuten Arbeit. Freiheit existiert nicht ohne Konsequenzen. Die Mutproben der Kinder sind nicht immer harmlos, manches wirkt aus heutiger Sicht sogar riskant. Das fordert Einordnung und Gespräche. Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass auch meine eigene Kindheit voller Dinge war, die heute vermutlich Stirnrunzeln auslösen würden. Der Unterschied liegt weniger im Verhalten der Kinder als im gesellschaftlichen Rahmen, der sich verändert hat.

Die Illustrationen von Ilon Wikland unterstützen diesen Eindruck. Die Kinder sind klar gezeichnet, während der Hintergrund oft verschwimmt. Die Welt tritt zurück, die Figuren rücken in den Fokus. Das verstärkt die kindliche Perspektive und lenkt den Blick konsequent auf das Erleben, nicht auf die Kulisse.

Erzählt wird die Geschichte aus Lisas Sicht - und das spürt man. Der Ton ist kindlich, die Sprache einfach, manchmal mit diesen typischen Aufzählungen, bei denen ein „und“ das nächste jagt. Das wirkt nicht unbeholfen, sondern ehrlich. Es klingt nach einem Kind, das erzählt, wie es denkt und fühlt, ohne literarischen Filter.

Für uns ist „Lustiges Bullerbü“ eine warmherzige, emotionale Geschichte, die gerade durch ihre zeitliche Distanz zum Nachdenken anregt. Sie weckt Sehnsucht, provoziert aber auch Diskussionen darüber, wie Kindheit heute aussieht und aussehen darf. Ob uns „Michel aus Lönneberga“ ähnlich berühren wird, wird sich zeigen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 13.01.2026

✎ Erhard Dietl - Die Olchis Bilderbücher 1 Die Olchis aus Schmuddelfing

Die Olchis aus Schmuddelfing
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Seit Jahren gehört „Die Olchis aus Schmuddelfing“ bei uns zum festen Inventar. Mein Kind ist vor etwa 4 Jahren in diese schräge Welt hineingestolpert und seitdem sind die Olchis geblieben. Erst lagen die ...

Seit Jahren gehört „Die Olchis aus Schmuddelfing“ bei uns zum festen Inventar. Mein Kind ist vor etwa 4 Jahren in diese schräge Welt hineingestolpert und seitdem sind die Olchis geblieben. Erst lagen die Bilderbücher abends auf dem Sofa, inzwischen holt sich meine Zweitklässlerin die Geschichten selbst aus der Schulbibliothek. Diese Entwicklung kam nicht durch pädagogischen Druck, sondern durch echte Begeisterung zustande - und genau das macht dieses Buch für mich so wertvoll.

Inhaltlich passiert in diesem ersten Band eigentlich kaum etwas. Kein klassisches Abenteuer, keine Spannungsbögen, keine dramatische Wendung. Stattdessen lernen wir die Olchi-Familie kennen - Kinder, Eltern, Großeltern und natürlich den Drachen Feuerstuhl. Es geht um Vorlieben, Abneigungen, um ihr Leben auf der Müllkippe und um all das, was Erwachsene oft irritiert und Kinder sofort begeistert.

Die Olchis leben alles aus, was im echten Kinderalltag oft verboten ist. Dreck lieben, Regeln ignorieren, sich mit Schlamm bewerfen, laut sein, schräg sein. Diese Unangepasstheit zieht Kinder magisch an, weil sie sich darin wiederfinden oder zumindest davon träumen.

Obwohl der Text für ein Bilderbuch vergleichsweise umfangreich ist, erinnere ich mich genau, dass meine damals 3-Jährige regelrecht an den Seiten hing.

Stilistisch stolpere ich bis heute über einen Bruch im Text. Über weite Strecken wird flüssig erzählt, dann tauchen plötzlich Reime auf, die ebenso unvermittelt wieder verschwinden. Ich finde das irritierend, für mein Kind hingegen scheint dieser Bruch allerdings kaum relevant zu sein - er wird einfach mitgenommen.

Was das Buch für mich dauerhaft trägt, sind die Illustrationen von Erhard Dietl. Die Seiten sind voll, lebendig und detailreich. Man liest dieses Buch nicht einfach vor, man bleibt hängen, zeigt, lacht und entdeckt immer wieder Neues.

Mein Kind ist Olchi-Fan durch und durch. Diese Figuren haben etwas geschafft, woran viele wohlmeinende Leseförderprogramme scheitern: Sie haben mein Kind freiwillig zum Buch geführt.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 03.01.2026

✎ Mikael Engström - Ihr kriegt mich nicht!

Ihr kriegt mich nicht!
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Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert ...

Miks Geschichte in „Ihr kriegt mich nicht!“ von Mikael Engström verlangt volle Aufmerksamkeit, weil sie keine leichte Unterhaltung ist und stattdessen harte Realität vermittelt. Zu Beginn war ich irritiert und sogar wütend über Miks Verhalten, vor allem, weil er Gewalt gegen Obdachlose ausübt und mir das zunächst unerklärlich erschien. Erst im weiteren Verlauf wird klar, dass diese Wut tief verwurzelt ist in einem Leben mit einem alkoholkranken Vater und tauben Behörden, die nicht verstehen, was Mik wirklich braucht. Jugendamt und vergleichbare Strukturen im Buch erscheinen meist negativ, fast als Gegenspieler zu Miks Suche nach Zugehörigkeit.

Der Roman beginnt mit Mik in einer extremen familiären Notlage. Seine Mutter ist tot, sein Vater nicht fähig, für ihn zu sorgen, und sein älterer Bruder driftet ins Kriminelle ab. Diese Konstellation erzeugt beim Lesen sofort Mitgefühl, zugleich aber auch Unbehagen über das Ausmaß des Leidens, das der Junge durchlebt. Sentimentale Floskeln gibt es hier nicht.

Als Mik schließlich zu seiner Tante Lena kommt, eröffnet sich ein völlig anderes Leben: geordneter, mit echten Freundschaften und Zugehörigkeitsgefühl. Dieses Zwischenstück bietet den einzigen echten Hoffnungsschimmer im Buch und ist für mich der Grund, warum die Geschichte trotz allem funktioniert. Gerade die Darstellung dieser positiven Momente verleiht dem Roman Tiefe und unterscheidet ihn von bloßem Sozialdrama.

Die erneute Trennung von Lena und die Zuweisung in eine Pflegefamilie bildet den nächsten Wendepunkt. Dort erlebt Mik erneut Ablehnung und Härte, was seine Verzweiflung und seinen Kampfgeist weiter schärft. Die bedrückenden Schilderungen drücken und ziehen runter, machen den Roman schwer verdaulich und lassen kaum Raum für unbeschwerte Lesestunden.

Die dramatische Flucht Miks, in der er buchstäblich alles riskiert, ist ein Höhepunkt, der mich stark mitgenommen hat. Die letzten Kapitel sind emotional extrem belastend, teils sogar verstörend, und weniger ein klassischer Abschluss. Gleichzeitig ist gerade dieses rohe Ende authentisch und tief bewegend. Für mich bleibt es ein zentraler Moment, der zeigt, wie stark Mik sich gegen ein System wehrt, das ihn nicht verstehen will.

Das Buch setzt sich mit harten Themen auseinander: Alkoholsucht, Gewalt, Vernachlässigung und dem Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die einem nichts schenkt. Manchmal fühlte ich mich dadurch emotional zerstört, auf der anderen Seite empfand ich gerade darin die literarische Kraft des Romans. Die direkte, schonungslose Sprache finde ich notwendig, aber ich spüre gleichzeitig, wie viel Gewicht das auf einer Lesendenseele hinterlässt.

Zwei Kritikpunkte habe ich dennoch: Gegen Ende taucht mehrfach ein Wort auf, welches im Kontext unnötig und unpassend wirkt und ohne Mehrwert für die Handlung ist. Das fühlt sich wie ein Stilbruch an. Dieser Aspekt steht im Kontrast zu der ansonsten dichten, klaren Erzählweise.
Zudem kommt es zweimal zu sehr erniedrigenden Szenen: Einmal gegenüber Mik, als eine erwachsene Person ihn vor den Mitschülerinnen auf ein Körperteil denunziert. Einmal gegenüber eines Erwachsenen, als dieser vor Schülerinnen beleidigt und bloßgestellt wird.

„Ihr kriegt mich nicht!“ ist kein Lesestoff für nebenbei, sondern ein literarischer Schlag ins Bewusstsein. Die Mischung aus persönlichem Leidensweg und sozialkritischer Schärfe macht das Buch zu einem starken, aber auch schwer verdaulichen Stück Jugendliteratur. Ich persönlich fand es ergreifend und authentisch, andere wiederum könnten Schwierigkeiten haben, die emotionale Schwere zu tragen.

©2026 Mademoiselle Cake