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Veröffentlicht am 24.02.2026

Zwischen Idylle und Intrige - Ein beeindruckendes Debüt

Down Cemetery Road
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MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem bereits 2003 erschienenen Debütroman „Down Cemetery Road“ hat Mick Herron einen fesselnden Auftakt seiner Krimireihe um die Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm vorgelegt. Schritt für Schritt führt er uns in eine beklemmende Welt voller Verrat, Machtspielen und verdeckten Interessen, bis sich der zunächst scheinbar konventionelle Fall zu einem packenden Spionagethriller verdichtet.
Deutlich lässt dieses Debüt schon die unverwechselbare Handschrift seiner späteren Erfolge erkennen, die sich durch einen clever komponierten Plot, subtilen Sarkasmus und Herrons unbestechlichem Blick auf das Abgründige hinter einer harmlosen bürgerlichen Normalität auszeichnen.
Im Mittelpunkt steht mit Sarah Tucker eine Protagonistin, die interessanter Weise weder Polizistin noch Detektivin ist, sondern eine frustrierte Hausfrau in unglücklicher Ehe mit einem erfolgreichen Investmentbanker. Als während einer Dinnerparty in einem Oxforder Vorort ein Haus in der Nachbarschaft in die Luft fliegt und ein kleines Mädchen spurlos verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust die Hintergründe zu dem Unglück zu ermitteln. Ihre obsessive Suche nach dem verschwundenen Kind und der Wahrheit führt sie nichtsahnend immer tiefer in ein undurchsichtiges Netz aus Geheimdiensten, korrupten Beamten und skrupellosen Agenten, bis sie selbst ins Fadenkreuz gerät.
Nach einem behutsamen Einstieg, der zunächst die verschiedenen Charaktere einführt und eine besonders unheilvolle Atmosphäre heraufbeschwört, versteht es Herron hervorragend, die Spannung schrittweise aufzubauen und uns bis zur letzten Seite zu fesseln. Schon bald muss Sarah als unbedarfte Ermittlerin erkennen, dass hinter den glänzenden Fassaden der beschaulichen Oxforder Bürgerlichkeit nichts so ist wie es zunächst scheint. Ein undurchsichtiges wie mächtiges Geflecht aus dunklen Machenschaften, staatlichen Vertuschungen und stillschweigender Komplizenschaft wird erkennbar, das zu allem bereit ist, um eine politisch-militärische Intrige zu decken. So wandelt sich der Plot zusehends in eine feine, sehr entlarvende Satire auf die Mechanismen Macht und Bürokratie sowie die Selbstzufriedenheit und Gleichgültigkeit bürgerlicher Existenzen.
Herrons präziser, ironisch geschärfter Schreibstil besticht durch trockenen Humor, pointierte Wortspiele und feinstes britisches Understatement. Mit raffinierten Tempo- und Perspektivwechseln steigert er die Dramatik der komplexen Geschehnisse und verdichtet die Atmosphäre zu einem düsteren, beklemmenden Panorama herauf.
Besonders eindrücklich gelingt Herron die Zeichnung seiner Hauptfigur Sarah Tucker, die keine klassische Ermittlerin ist, sondern mit ihrer rastlosen Suche nach Antworten ihrer Unzufriedenheit mit ihrem Leben und inneren Leere entfliehen möchte. Ihre hartnäckigen Nachforschungen sind weniger kriminalistischer Natur als Ausdruck einer Auflehnung gegen Demütigung und Angepasstheit und der Sehnsucht, ihrem faden Leben wieder einen Sinn zu geben. So wird sie zu eine unbeirrbaren, moralisch angetriebene Ermittlerin wider Willen, die mehr entdeckt als sie je wissen wollte und die immer mehr über sich selbst hinauswächst.
Nach zahlreichen überraschenden Wendungen, falschen Fährten und spannungsreichen Actionszenen kulminiert die Geschichte in einem dramatischen Showdown, der psychologisch wie dramaturgisch überzeugt.
FAZIT
Ein intelligenter, atmosphärisch dichter Spannungsroman, der ebenso fesselt wie nachdenklich stimmt. Gekonnt verbindet Herron packende Unterhaltung mit feiner Gesellschaftsanalyse und einem vielschichtigen Figurenporträt.

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Veröffentlicht am 15.02.2026

Ein origineller, fesselnder Whodunit

Tod zur Teestunde
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MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser ...

MEINE MEINUNG
Anthony Horowitz hat mit „Tod zur Teestunde“ erneut eine fesselnde Fortsetzung seiner Krimireihe um seine Protagonistin Susan Ryeland eine ehemalige Londoner Lektorin vorgelegt.
Obwohl dieser dritte Band an die Vorgänger „Die Morde von Pye Hall“ und „Der Tote aus Zimmer 12“ anknüpft, lässt sich die Geschichte auch ohne Vorkenntnisse genießen und besticht durch einen faszinierenden, raffiniert verschachtelten Plot. Horowitz beweist hierbei wieder sein außergewöhnliches Talent für anspruchsvolle, vielschichtige Whodunits, in denen er geschickt typische Elemente klassischer Kriminalgeschichten und Anspielungen auf die großen Werke der Goldenen Krimi-Ära einfließen lässt.
Mit seinem lebendigen Schreibstil und pointiertem britischen Humor gelingt es Horowitz hervorragend, uns von Beginn an in den Bann zu ziehen.
Wie bereits bei den Vorgängern gliedert sich die Handlung in zwei gekonnt miteinander verwobene Erzählstränge. In der Gegenwart folgen wir der wieder nach London in ihr altes Leben zurückgekehrten Lektorin Susan Ryeland, die einen heiklen Lektoratsauftrag annimmt, um wieder in der Verlagswelt Fuß zu fassen. Sie soll das Manuskript von Eliot Crace redigieren, der den letzten Fall des berühmten Meisterdetektivs „Atticus Pünd“ ganz im Stil des verstorbenen Autors Alan Conway geschrieben hat. Als Enkel der berühmten Kinderbuchautorin Miriam Crace, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, hat Eliot in seinem eigenen Roman offenbar geschickt Hinweise auf den mutmaßlichen Mord an seiner Großmutter versteckt. Nach und nach wird Susan bei ihren hartnäckigen Nachforschungen in einen Strudel aus alten Familiengeheimnissen und Intrigen und schließlich sogar in einen mysteriösen Todesfall hineingezogen, bei dem sie bald selbst unter Verdacht gerät.
Der zweite Erzählstrang - mit dem fiktiven Kriminalroman als „Buch-im-Buch“-Element - führt ins Jahr 1955 nach Südfrankreich, wohin der berühmte Ermittler Atticus Pünd von einer reichen Dame eingeladen wird, die kurz darauf auf ihrem Landgut Marble Hall tot aufgefunden wird. In dem passagenweise enthüllten Manuskript aus der Feder des jungen Autors entfaltet sich ein von Gier, Familienzwist und verdeckten Motiven geprägter, klassischer Whodunit, der ganz in der Tradition der berühmten Autoren der goldenen Krimi-Ära verfasst ist.
Äußerst fesselnd ist es, Susan bei ihren Befragungen zu begleiten, die eine Vielzahl von Verdachtsmomenten und verwobenen Beziehungen enthüllen. Die vielen versteckten Hinweise im Manuskript, anspielungsreichen Wendungen und clever konstruierten Finten laden zum Miträtseln ein, und so ist es bei diesem literarischen Puzzle eine große Herausforderung, die raffiniert ineinander verschränkten Zusammenhänge zwischen fiktiven und realen Geschehnissen auszuloten.
Besonders überzeugend ist Susan Ryeland als sympathische und clevere Protagonistin voller subtiler Zwischentöne gezeichnet, deren persönliche Entwicklung und einfühlsame Art zu ermitteln mir sehr gut gefallen hat. Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind vielschichtig und mit feinem Humor charakterisiert.
Das britische Flair, die unterschiedlichen atmosphärisch dichten Settings im modernen London oder nostalgisch angehauchten Südfrankreich der 1950ger sowie die Vielzahl interessanter Charaktere sorgen zudem für ein höchst abwechslungsreiches Leseerlebnis. Besonders gelungen sind auch die aufschlussreichen Einblicke in die Buchbranche, stets gewürzt mit amüsanten Seitenhieben auf die Verlagswelt.
Sehr versiert steigert Horowitz in seiner komplexen Geschichte die Spannung mit einem geschickten Spiel von Sein und Schein und mit unseren Erwartungen bis zum packenden Finale. Die schlüssige Auflösung erfolgt klassisch in bester Agatha-Christie-Manier bei der alle Verdächtigen zusammenkommen und die Hintergründe und Motive nachvollziehbar offen gelegt werden. Trotz vereinzelter Vorahnungen konnte mich Horowitz dennoch überraschen und so lässt er seinen Roman mit einem runden, befriedigenden Abschluss ausklingen.
FAZIT
Ein spannender, origineller und unterhaltsamer Whodunit mit einem raffiniert angelegten Plot, der sowohl Fans der Reihe als auch Liebhaber anspruchsvoller klassischer Kriminalromane begeistern wird.
Eine warmherzige, humorvolle und gelungene Hommage an das traditionelle britische Krimi-Genre!

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Ein eindrucksvolles Porträt der Nachkriegszeit

In den Scherben das Licht
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MEINE MEINUNG

In ihrem berührenden Nachkriegsroman „In den Scherben das Licht“ erzählt Bestsellerautorin Carmen Korn von der Suche nach Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang in einer durch den Krieg völlig ...

MEINE MEINUNG

In ihrem berührenden Nachkriegsroman „In den Scherben das Licht“ erzählt Bestsellerautorin Carmen Korn von der Suche nach Zusammenhalt, Liebe und Neuanfang in einer durch den Krieg völlig aus den Fugen geratenen Welt, die sich mühsam aus den Trümmern eine neue Ordnung schaffen muss.
An der Seite der drei Hauptfiguren – der Kriegskindern Gisela und Gert sowie der ehemaligen Schauspielerin Friede Wahrlich – tauchen wir tief in das zerstörte Hamburg der unmittelbaren Nachkriegszeit ein und begleiten sie über fast ein bewegtes Jahrzehnt hinweg auf ihren eng miteinander verflochtenen Lebenswegen voller Brüche, Krisen und Neubeginne bis ins Jahr 1955.
Beginnend im eisigen Winter von 1946/47, inmitten der Trümmerlandschaft Hamburgs finden Gert und Gisela im Keller des teilausgebombten Hauses von Friede eine notdürftige Bleibe. Alle drei haben auf unterschiedliche Weise alles verloren, doch ihre gemeinsame Not schweißt sie zusammen und lässt sie entschlossen nach vorn blicken. Rund um Friedes Küche wächst allmählich aus der kleinen Zweckgemeinschaft eine Art Ersatzfamilie, die Mahlzeiten, Erinnerungen und Sorgen miteinander teilt. An ihrem Alltag aus leiser Hoffnung, stillen Freuden und Träumen nehmen wir ebenso teil wie an Entbehrungen, Enttäuschungen, existenziellen Sorgen, Verlusten und Schicksalsschlägen. Mit viel Empathie wirft Korn Schlaglichter auf eine Zeit, die überschattet ist von den Folgen des Krieges, von der verzweifelten Suche nach einem Rest von Menschlichkeit oder Zeichen von verschollenen Familienmitgliedern, geprägt vom Wunsch, das Erlebte hinter sich zu lassen, und von der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Der lebendige, prägnante Erzählstil eröffnet einen unmittelbaren Zugang zu dieser schwierigen Zeit voller Scherben, in der sich Alltag und Überlebenswille, Schmerz und Zuversicht auf berührende Weise durchdringen. In atmosphärisch dichten Szenen und mit liebevoll ausgewählten Details fängt Korn nicht nur das Lebensgefühl der Nachkriegsjahre, sondern auch das gesellschaftliche Klima jener Zeit überzeugend ein. Die geschickt mit den persönlichen Hintergrundgeschichten verwobenen Episoden sorgen für ein sehr eindrucksvolles, glaubwürdiges Zeitkolorit. In kurzen, rasch wechselnden Handlungssträngen erleben wir aus unterschiedlichen Perspektiven, was das Leben den drei Hauptfiguren an Herausforderungen, Wendungen und Überraschungen zumutet und wie sie sich im Lauf der Jahre verändern.
Immer wieder greift die Autorin auch schwierige Themen auf – etwa das Schicksal der vermissten Familienmitglieder, die quälende Ungewissheit ihrer Angehörigen, die Traumatisierung der Heimkehrer oder das allgegenwärtige Schweigen über Schuld und Mitläufertum.
Korn zeichnet ihre Figuren sehr einfühlsam und mit viel Gespür für Zwischentöne und Alltagsnuancen, sodass sie mit ihren Eigenheiten, Widersprüchen und liebenswerten Marotten zutiefst menschlich erscheinen. Gisela und Gert erleben wir als typische Kriegskinder, die deutlich gezeichnet sind von Verlusten, Misstrauen und früh erzwungener Selbstständigkeit, die aber auch erstaunlich leicht neue Bindungen eingehen können. Ein besonderes Highlight ist die wundervolle Figur der Friede Wahrlich, die mit ihrer eigenwillig-pragmatischen Art, ihrer Verletzlichkeit und einer beeindruckenden inneren Würde im Gedächtnis bleibt. Trotz eigener Wunden gelingt es ihr als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, den Menschen um sich herum ein Stück Normalität, Geborgenheit und Zuversicht zu vermitteln.
In kurzen Gesprächen, vagen Andeutungen und Rückblenden lässt Korn uns an den Hintergrundgeschichten ihrer Figuren teilhaben und verdichtet einfühlsam die einzelnen Schicksale zu einem vielschichtigen Gesamtbild, das auf erschütternde Weise aufzeigt, wie sehr der Krieg die Seelen und Biografien der Charaktere nachhaltig geprägt und zerstört hat. Eindringlich beleuchtet sie die schmale Gratwanderung zwischen Resignation, Trauer, Weiterleben und vorsichtiger Zuversicht, gefangen in schmerzlichen Erinnerungen und schützender Verdrängung.
Lediglich einige Nebenfiguren, die als Nachbarn, Freunde oder Kollegen für zusätzliche Facetten sorgen, hätten etwas mehr Tiefgang vertragen. Doch insgesamt fügt sich alles zu einem stimmigen, vielschichtigen Gesellschaftsbild der Nachkriegszeit, das von Wärme und leisen Tönen getragen wird.
Auch wenn dramatische Zuspitzungen und unerwartete Wendungen ausbleiben, versteht es Korn hervorragend, durch die Entwicklungen ihrer Figuren, ihre emotionale Wahrhaftigkeit und ihre stillen Konflikte zu fesseln.
FAZIT
Ein berührender, fein komponierter Nachkriegsroman über Verlust, Zusammenhalt, Menschlichkeit und vorsichtige Neuanfänge mit glaubwürdigen Figuren und tollem Zeitkolorit. Ein beeindruckendes, nuancenreiches Porträt einer Generation zwischen Erinnerung und Hoffnung.

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Zwischen Sturm und Schatten – Ein packender Agententhriller

Kälter
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MEINE MEINUNG

Mit seinem neuen herausragenden Thriller „Kälter“ ist dem vielseitigen Autor Andreas Pflüger ein packender, vielschichtiger Roman gelungen, der uns in die faszinierende Welt der Geheimdienste, ...

MEINE MEINUNG

Mit seinem neuen herausragenden Thriller „Kälter“ ist dem vielseitigen Autor Andreas Pflüger ein packender, vielschichtiger Roman gelungen, der uns in die faszinierende Welt der Geheimdienste, Spionage und Terrorismusbekämpfung zum Ausgang des Kalten Krieges entführt.

Erneut beweist er sein besonderes Talent, psychologische Spannung, hervorragend recherchierte historische Hintergründe und politische Verwicklungen zu einem atmosphärisch und erzählerisch anspruchsvollen Drama zu verweben und äußerst filmreif zu inszenieren.

Im Mittelpunkt steht die 50-jährige Provinzpolizistin Luzy Morgenroth, die sich nach einem schiefgelaufenen Spezialeinsatz bei einer verdeckten Operation in Tel Aviv vor 8 Jahren auf Amrum zurückgezogen hat. Als im Herbst 1989 ein Killerkommando während eines Sturms auf der Insel auftaucht, wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Einiges deutet darauf hin, dass ihr tot geglaubter Widersacher von damals, ein ehemaliger RAF-Terrorist und Doppelagent, der ihr Leben damals zerstörte, noch am Leben ist. Die ehemalige Kampfmaschine Luzy erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf, tritt eine erbarmungslose Jagd nach ihrem Todfeind Babel an und muss sich dabei einem undurchsichtigen Geheimdienstimperium stellen, das diesen offenbar mit allen Mitteln schützen will.

Gekonnt nimmt uns Pflüger mit auf eine actionreiche, spannungsgeladene Reise, die von der Gegenwart des Mauerfalls 1989 in vielschichtigen Rückblenden in die Zeit der Spionageaktivitäten der Achtzigerjahre zurückreicht, und uns von Amrum, über Berlin zu Schauplätzen rund um die halbe Welt wie Israel, Schweiz, Südfrankreich, Moskau und bis schließlich nach Wien führt. Mit seinem ausdrucksstarken und nuancenreichen Schreibstil gelingt es Pflüger hervorragend, neben temporeichen Actionszenen auch eindringliche Sprachbilder von leiser Metaphorik heraufzubeschwören und eine eindringliche Atmosphäre von intensiver Sogwirkung entstehen zu lassen.

Die mitreißende und hochdramatische Handlung ist von biblischen Motiven und moralischen Reflexionen durchzogen, in deren Zentrum der uralte Kampf zwischen Gut und Böse als endloser Kreislauf aus Rache, Vergeltung, Erlösung und Selbstbehauptung erscheint.

Mit Feingefühl und psychologischer Tiefe entwirft Pflüger das facettenreiche Porträt seiner faszinierenden Protagonistin Luzy. Er zeichnet sie als einen entschlossenen, komplexen aber auch widersprüchlichen Charakter, dessen innere Stärke gleichermaßen aus Schuld, Verletzlichkeit und dem unbeirrbaren Willen zur Gerechtigkeit erwächst. Sie ist keine makellose Heldin, sondern eine von Erfahrung und Selbstzweifeln gezeichnete, innerlich gebrochene Figur, die gelernt hat, Misstrauen als Schutz zu begreifen und mit den Narben ihrer Vergangenheit weiterzuleben. Mit ihrer Vergangenheit als kampferprobte BKA-Agentin sie ist zugleich Symbol und Opfer der politischen Verstrickungen der 1980er Jahre.

Pflüger ist mit seiner spannungsgeladenen Geschichte erneut ein beeindruckendes Zeitdokument gelungen, das historische Wahrheiten und Fiktion gekonnt verwebt und Geschichte lebendig und greifbar macht.


FAZIT

Ein temporeicher, packender Spionage-Thriller und interessantes Zeitdokument, der vielschichtige moralische Fragen zu über Schuld, Identität und die Abgründe menschlicher Loyalität aufwirft!

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Sehr stimmungsvoller Wohlfühlroman

Mr. Saitos reisendes Kino
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~MEINE MEINUNG~

Mit „Mr. Saitos reisendes Kino“ hat Annette Bjergfeldt einen wundervollen, tief berührenden Roman voller Herzenswärme, leiser Poesie und sanfter Melancholie geschaffen. Er lädt ein, über ...

~MEINE MEINUNG~

Mit „Mr. Saitos reisendes Kino“ hat Annette Bjergfeldt einen wundervollen, tief berührenden Roman voller Herzenswärme, leiser Poesie und sanfter Melancholie geschaffen. Er lädt ein, über die großen Lebensfragen wie Familie, Zugehörigkeit, Verlust, Sehnsüchte, Träume sowie die heilsame Magie des Erzählens nachzudenken.

Gekonnt verwebt die Autorin eine Coming-of-Age-Erzählung mit berührender Familiengeschichte und eine Prise Magie zu einem atmosphärisch dichten Panorama. Rasch tauchen wir ein in eine ungewöhnliche, sehr faszinierende Geschichte, die einen rasch mit seinem außerordentlich intensiven Erzählstil und märchenhaft magischen Momenten in den Bann zieht.

Im Mittelpunkt steht die junge Lita, die es mit ihrer exzentrischen Mutter Fabiola aus den revolutionären Wirren von Buenos Aires auf die entlegene, windumtoste Insel Upper Puffin vor Neufundland verschlägt. Diese neue Heimat wird für sie zu einer Art Zwischenwelt zwischen Vergangenheit und Zukunft, schmerzlichen Erinnerungen und Aufbruch voller mystischer Erlebnisse und zugleich eine Zuflucht auf der spannenden Reise zu sich selbst. Die lange ersehnte Ankunft des geheimnisvollen Mr. Saito auf der Insel mit seinem reisenden Kino markiert schließlich einen entscheidenden Wendepunkt. Seine bewegten Bilder eröffnen Lita eine neue Welt jenseits der Insel und werden zum Sinnbild für Sehnsucht, Hoffnung und die Kraft, über sich hinauszuwachsen.

Mit ihrem farbenprächtigen, bildgewaltigen Schreibstil verwebt Bjergfeldt historische Rückblenden, poetische Naturbeschreibungen und zarte mystische Episoden zu einer opulenten, ideenreichen Erzählung. Ihre Beschreibungen sind so bildhaft und detailreich, dass Meeresrauschen, tosender Wind und wilde Tangorhythmen förmlich spürbar werden und filmreife Szenen vor dem inneren Auge entstehen. Durch humorvolle Zwischentöne und leise Ironie versteht es die Autorin, der Geschichte trotz ernster Themen eine wundervolle Leichtigkeit u verleihen.

Im Mikrokosmos des alten Seemannsheims lernen wir ein ganzes Panoptikum an liebevoll gezeichneten, eigenwilligen Inselbewohnern mit ihren skurrilen Eigenheiten kennen. Die vielschichtigen Figuren sind liebevoll mit psychologischer Tiefe gezeichnet. Besonders Lita wächst als sensible Protagonistin ans Herz, ebenso wie ihre etwas amivalente Mutter Fabiola mit ihrer Passion für Tango und Schuhe wachsen sowie ihre gehörlose Freundin Oona. An Litas Seite entdeckt man die vielen Facetten des Lebens mit all seinen Verlusten, Enttäuschungen, Loyalitäten, Neuanfängen und dem Zauber des Augenblicks. Besonders beeindruckend zeigt Litas enge Freundschaft mit Oona, wie tiefes Verständnis und Verbundenheit tiefer reichen kann als die gesprochene Sprache und Zusammenhalt weit über Blutsbande hinausgeht. Besonders gut gefallen hat mir die Untergliederung des Romans in „Sieben Wellen“, die geschickt Litas Lebensphasen widerspiegeln, und ihm eine rhythmische Tiefe und musikalische Struktur verleihen.

Bjergfeldt nimmt sich viel Zeit für ihre Figurenentwicklung und die besondere atmosphärische Dichte im Stil des Magischen Realismus, wodurch leider Mr. Saito und sein Kino erst relativ spät in den Vordergrund der Handlung rücken.



Zum Hörbuch

Rebecca Madita Hundt erweist sich mit ihrer warmen, wandelbaren Stimme als ideale Besetzung für das Hrbuch. Sie versteht es, die verschiedenen Stimmungen aus sanfter Melancholie über feinem Humor bis hin zur zarten Magie des Romans einfühlsam und atmosphärisch dicht einzufangen. Mit ruhigem, präzise kontrollierten Tempo und gezielt gesetzten Pausen entfaltet sich der bildgewaltige Erzählstil optimal. Auch die lebendigen Naturbeschreibungen, die märchenhaft mystische Atmosphäre und die große Bandbreite an Emotionen werden von Hundt einfühlsam und nuanciert vermittelt. Besonders gelungen ist ihre natürliche, emotional überzeugende Interpretation der facettenreichen Ich-Erzählerin Lita, die sie mal neugierig quirlig und mal verletzlich-nachdenklich klingen lässt. Auch die Nebenfiguren mit ihren Eigenheiten erhalten klare stimmliche Konturen ohne dabei überzeichnet zu wirken.

Insbesondere die stillen, nachdenklich stimmenden Passagen und poetischen Momente entfalten eine einzigartige meditative Wirkung, die das Hörerlebnis zu etwas Einzigartigem machen.


FAZIT

Ein bewegender, stimmungsvoller Wohlfühlroman mit faszinierenden Charakteren, märchenhaft mystischen Momenten und feiner Melancholie - eine wundervolle Hommage an die Liebe, Freundschaft und Magie der kleinen Dinge.
Ein intensives, unvergessliches und sehr poetisches Hörerlebnis!

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