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Veröffentlicht am 05.01.2026

Fesselnde und vielschichtige Handlung

Aspergers Schüler
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Der Roman „Aspergers Schüler“ entfaltet eine beklemmende, aber ergreifende Atmosphäre. Er spielt auf verschiedenen Zeitebenen und spannt so den Bogen von der Zwischenkriegszeit bis in die 1980er Jahre. ...

Der Roman „Aspergers Schüler“ entfaltet eine beklemmende, aber ergreifende Atmosphäre. Er spielt auf verschiedenen Zeitebenen und spannt so den Bogen von der Zwischenkriegszeit bis in die 1980er Jahre. Durch diesen Aufbau wird Schritt für Schritt sichtbar, wie sehr wissenschaftlicher Ruhm und persönliche Schuld miteinander verknüpft sein können.

Im historischen Erzählstrang begleiten wir den hochbegabten, als „schwierig“ geltenden Jungen, der an die Wiener Kinderklinik kommt und dort auf Hans Asperger und engagiertes Pflegepersonal trifft. Sein Anderssein, seine Begabung und seine Verletzlichkeit machen sehr konkret erfahrbar, was es in dieser Zeit bedeutete, nicht in die Norm zu passen.
Parallel dazu folgt ein zweiter Strang einer jungen Forscherin (bzw. einer Figur der Gegenwart), die Jahrzehnte später zu Asperger und der Geschichte der Klinik recherchiert und dabei in Archiven, Akten und Krankenunterlagen immer tiefer in die Vergangenheit eintaucht. Aus ihren Funden entsteht für die Lesenden nach und nach ein bedrückendes Bild der Verstrickungen zwischen heilender Medizin und dem mörderischen System der NS „Euthanasie“.

Die Geschichte wird aus der Sicht verschiedener Figuren erzählt – des Kindes, von Menschen im Pflege und Ärztebereich sowie der späteren Forscherin –, was die Handlung besonders vielschichtig und emotional nachvollziehbar macht. Man erlebt sowohl die Versuche einzelner, Kinder zu schützen, als auch die stillschweigende Anpassung oder aktive Beteiligung an Selektion und Auslieferung an Tötungsanstalten.
Gerade im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Widerstand zeigt der Roman, wie Grauzonen aussehen: Menschen, die sich als Helfende verstehen, aber zugleich Grenzen überschreiten oder wegschauen, wenn das System es verlangt. Dadurch wird die Figur Asperger nicht als eindimensionale „Monsterfigur“, sondern als moralisch höchst ambivalent gezeichnet, was die Lektüre umso verstörender macht.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich der Name Asperger nach dieser Lektüre kaum mehr unbefangen verwenden lässt, weil hinter dem Begriff eine konkrete Geschichte von Leid, Aussonderung und Tötung von Kindern sichtbar wird. Die beklemmende und zugleich ergreifende Erzählweise macht den Roman zu einer emotional fordernden, aber wichtigen Lektüre für alle, die sich mit Medizin und NS Geschichte, Autismus und moralischer Verantwortung auseinandersetzen wollen.

Mich hat dieser Roman wie kaum ein anderes Buch in seinen Bann gezogen und mich zum Nachdenken und zur Weiterbeschäftigung mit der Thematik angeregt.

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Veröffentlicht am 03.01.2026

Eintauchen in die geistige Welt der Romantik

Waisen des Lebens
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Das Buch liegt mittlerweile nicht nur als Printausgabe, sondern auch als überarbeitetes eBook vor.
Tina Reuter schildert in Waisen des Lebens eine Gesellschaft zwischen Kriegswirren und aufkommenden Umbrüchen, ...

Das Buch liegt mittlerweile nicht nur als Printausgabe, sondern auch als überarbeitetes eBook vor.
Tina Reuter schildert in Waisen des Lebens eine Gesellschaft zwischen Kriegswirren und aufkommenden Umbrüchen, in der sich individuelle Sehnsüchte und kollektive Zwangsmuster diametral entgegenstehen. Die Personen tauchen in ihren Briefen und Tagebucheinträgen auf. Dies entspricht ganz den typischen "Schreibweisen" der Romantik: Auch dies ein bemerkenswerter "Kunstgriff".
Im Zentrum stehen Figuren, deren Lebenswege sich unter dem Druck historischer Umbrüche wandeln und deren Entscheidungen das fragile Gleichgewicht einer feindlich wirkenden Ordnung herausfordern. Die Protagonistinnen treiben mit stillem Mut und oft schierer Verzweiflung die Handlung voran, während sich Fragen nach Identität, Wahrheit und Lebenssinn stellen. Reuter verknüpft persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Umständen, sodass private Erfahrungen zu Spiegeln eines größeren Wandels werden. Dabei zeichnet die Autorin ein vielstimmiges Bild von Mut, Rebellion und den Grenzen der Selbstverwirklichung. Der Roman lässt die LeserInnen ganz in das Frankfurt um 1800 und die geistige Welt der Romantik versinken. Auch wenn die Sprache modern ist, so spieglet sie doch in ihrer poetischen Ausdrucksweise die Zeit der Romantik wieder.
Insgesamt präsentiert sich Waisen des Lebens als sorgfältig konzipierte Mischung aus Historie, Psychologie und Gesellschaftskritik, die durch ihre eindringliche Figurenführung lange nachhallt.
Ergänzt wird der Roman durch einen spannenden Materialienband (PDF), der einen Einblick in die sorgfältigen Recherchen der Autorin gewährt. Der Band enthält Bilder, Erleuterungen, historische Zusammenhänge und Hintergründe.

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Veröffentlicht am 13.11.2024

Spannend mit interkulturellen Einblicken

Ich, Mireille
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Die Studentin Mireille verliebt sich in den marokkanischen Kommilitonen Nadir. Er überredet sie mit nach Marokko zu kommen. Sie heiraten, bekommen Kinder und schließlich überredet Nadir Mireille dazu zum ...

Die Studentin Mireille verliebt sich in den marokkanischen Kommilitonen Nadir. Er überredet sie mit nach Marokko zu kommen. Sie heiraten, bekommen Kinder und schließlich überredet Nadir Mireille dazu zum Islam zu konvertieren. Ihr wird gesagt, das sei reine Formsache. Aber nachdem aus Mireille nun Yasmina geworden ist, verändert sich alles. Sie ist nicht mehr eine Zuschauerin der fremden Kultur, sondern wird mitten hinein gezogen, in die Rollenzuweisungen, die Mann und Frau im Islam zugestanden werden.
Obwohl Nadir aus einer liberalen und bürgerlichen Familie stammt, mutiert er in seiner eigenen Kultur zum traditionellen Pascha. Das Buch ist aus zwei Perspektiven geschrieben: Der von Mireille und der von Nadir. Sehr eindringlich sind die inneren Konflikte von Mireille in der Ich-Form beschrieben. Nadirs Sicht ist die eines gesetzestreuen Muslim, dem jeder Gedanke an die Gefühlsslage seiner Frau fremd zu sein scheint. Das Buch ist von einer marokkanischen Autorin und Rechtsanwältin geschrieben und beschreibt die Konflikte gebildeter und selbstbewusster Frauen im traditionellen Islam. Die Handlung spielt allerdings zu einer Zeit als die Frauenrechte in Marokko noch nicht reformiert wurden. Heute ist es nicht mehr rechtens, seine Frau zu "verstößen" und ähnliches. Allerdings wird das die Haltungen, Rollenzuschreibungen und vor allem das Verhalten aller Männer noch nicht grundlegend verändert haben, so dass das Buch aktuell bleibt. Der Roman steht ganz in der Tradition arabischer, feministischer Autorinnen wie Assia Djebar. Ein spannendes Buch, das ohne reißerische Betroffenheitsattitude einen kritischen Blick auf patriarchalische Strukturen wirft. Sprachlich ist das Buch auch sehr gelungen!

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Spiritualität ohne Esoterik

Das Liebstöckel-Mysterium
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Meine Freundin hat mir dieses Buch geschenkt. Zunächst war ich ratlos, denn ich bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil ich mich als nicht gläubig bezeichnen würde. Mit Mitmenschen, die völlig ...

Meine Freundin hat mir dieses Buch geschenkt. Zunächst war ich ratlos, denn ich bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil ich mich als nicht gläubig bezeichnen würde. Mit Mitmenschen, die völlig von der christlichen Glaubenslehre überzeugt sind, konnte und kann ich wenig anfangen.
Dieses Buch war eine völlige Überraschung für mich.
Zum Inhalt: Die fiktive Gestalt des "Bruder Norabus" teilt in seinen Meditationen seine Gedanken zu christlichen Festen wie Ostern, Karfreitag, Pfingsten, Weihnachten oder zu Bräuchen wie dem Pilgern mit. Einen großen Fokus legt er aber auch auf die Bedeutung von einzelnen Gestalten / Personen aus der Bibel: Luzifer als Personifikation des Bösen, Josef (der Mann im Schatten von Maria) und Judas (zwar ein Verräter, aber mit einer tieferen Bedeutung für das, was Bruder Norabus als "göttlichen Heilsplan" sieht. Dabei zeigt er sehr spannende und inspirierende Verbindungen zwischen Glauben und Poesie (die Sprache der Poesie und Pfingsterlebnissen), dem Pilgern und der Lebensreise etc. auf. Er verbindet alltägliche Fragen nach dem Sinn des Lebens mit christlich spirituellen Zugängen zu Alltagserfahrungen, Brauchtümern und Festtagen. Mit diesem Buch kann man Dinge, die einem vielleicht altmodisch oder traditionell christlich vorkommen, völlig neu für sich entdecken. Manche Beiträge in dem Buch sind auch mit einem Augenzwinkern geschrieben ohne das die Ernsthaftigkeit der Gedanken darunter leidet. Bruder Norabus lebt ja in einem "abgelegenem Kloster, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist". Tatsächlich geht er nicht gerne auf vorgezeichneten Wege, sondern möchte uns christliche Spiritualität als ein geistiges Abenteuer nahebringen . Bei mir ist ihm das gelungen. Es hat mir Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen. Es hat mich zum Nachdenken angeregt und mir völlig neue Einsichten vermittelt. Eingestreut finden sich auch ausgewählte Bilder (Gemälde und Fotos), die etwas die Atmosphäre und Stimmung des jeweiligen Artikels unterstreichen. Ich meine: Ein wunderbares, lesenswertes Buch - auch für Nichtgläubige wie mich.

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Veröffentlicht am 01.04.2023

Berührend

Nirwanakind
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Die Gedichte in diesem schön gestalteten Bändchen haben mich sehr berührt. Sie zeigen die Innenwelt eines jungen Menschen, der sich keiner der üblichen Kategorien zuordnen möchte und dem die Welt der "Erwachsenen" ...

Die Gedichte in diesem schön gestalteten Bändchen haben mich sehr berührt. Sie zeigen die Innenwelt eines jungen Menschen, der sich keiner der üblichen Kategorien zuordnen möchte und dem die Welt der "Erwachsenen" fremd bleibt. Träume von einem Leben ohne Diskriminierung, Gewalt, Ausgrenzung sind Themen. Aber auch Momente des Glücks werden poetisch dargestellt. Ein ganz außergewöhnliches Buch!!!!! Man kann die Prosagedichte mehrfach lesen und entdeckt immer wieder neue Aspekte.

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