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Veröffentlicht am 20.01.2026

Neuanfang in Finschhafen

Unter fremden Himmeln
1

Nachdem ich den „Aufbruch ins Paradies“, den ersten Teil der großen Neuguinea-Saga aus der Feder von Tara Haigh, vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe, wollte ich natürlich wissen, wie es der Familie ...

Nachdem ich den „Aufbruch ins Paradies“, den ersten Teil der großen Neuguinea-Saga aus der Feder von Tara Haigh, vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe, wollte ich natürlich wissen, wie es der Familie Berger in ihrer neuen Heimat in Finschhafen weiterhin ergeht, ob sie sich nach ihrer Ankunft gut einleben.

Wie der Buchtitel schon vermuten lässt, ist ihr Neuanfang „Unter fremden Himmeln“ alles andere als einfach, weil total fremd. Sie sind nicht nur der brütenden Hitze ausgesetzt, auch die allgegenwärtigen Stechmücken sind eine ernst zu nehmende Plage. Dazu die Einheimischen, deren Leben so ganz anders als das ihre in ihrer Karlsruher Villa verläuft. Sie werden sich den Gegebenheiten hier, in Neuguinea, anpassen müssen, zunächst jedoch gilt es, sich ein Heim zu erschaffen, denn noch sind Gustav mit seinen Töchtern Hedwig und Anna sowie Sohn Ludwig mit Ehefrau Clara bei Gustavs Bruder Friedrich untergekommen. Er war es auch, der ihnen einst die Insel in den schillerndsten Farben beschrieben hat.

Und nun sind sie hier. Herrmann Vogt, der launenhafte Verwalter, verlässt die Neuguinea-Kompanie, an seiner Stelle sind es nun die Soldaten unter Frohnhofs Kommando, die einen scharfen Ton anschlagen. Anna verliert ihr Ziel der Kokosplantagen nicht aus den Augen, dabei ist ihr Raba, der ihre Sprache spricht, ein guter Vermittler, ein Freund und noch mehr. Ihre Schwester Hedwig kommt Max, den sie auf der Überfahrt kennengelernt hat, sehr nahe und ihr Bruder Ludwig nimmt seine missionarische Tätigkeit sehr ernst, seine Frau Klara ist als Krankenschwester unverzichtbar.

Das Wagnis, alles zurückzulassen und in fernen, unbekannten Gefilden ganz neu anzufangen, erfordert sehr viel Mut, den jeder einzelne von ihnen besitzt. Tara Haigh beschreibt dies alles so anschaulich, sie gibt jeder Figur ihre ganz besondere Note, wobei ich nicht nur Hedwig und Max sowie Anna und Raba sofort ins Herz geschlossen und mit ihnen gebangt und gehadert, mich mit ihnen gefreut, mit ihnen gelacht und geweint habe, auch Clara folge ich gebannt. Sie teilt ihr Wissen mit den Einheimischen und diese bringen ihr Heilkräuter, beides zusammen ergänzt sich wunderbar. Doch nicht immer geht es friedlich zu, es gibt genug Konflikte, die von einer Seite nochmal so richtig befeuert werden. Die raue Wirklichkeit droht sie immer wieder einzuholen – können sie diese Rückschläge überwinden?

Dieser zweite Band der Neuguinea-Saga steht dem ersten Buch in nichts nach, er ist mitreißend erzählt, er nimmt mich mit in den Dschungel mit all seinen Gefahren, von den Giftschlangen bis hin zu den uns fremden Ritualen der indigenen Stämme und deren Lebensweise, erzählt von der Kolonialisierung der Deutschen ab 1884, schon der Name Finschhafen lässt darauf schließen. Und – so manch gut gehütetes Geheimnis kommt letztendlich ans Licht, ich war darüber doch sehr überrascht. Nun heißt es wieder warten, denn noch ist die Saga nicht auserzählt, ich freu mich auf ein Wiedersehen und auf so manch Neuigkeiten, die es bestimmt auch geben wird.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Einfach mal innehalten

Mathilde und Marie
1

So schön Paris auch sein kann, so laut und rastlos kommt es Marie vor - sie fühlt sich gefangen in der Hektik der Großstadt. Kurzerhand setzt sie sich in einen Zug mit unbekanntem Ziel. Unterwegs begegnet ...

So schön Paris auch sein kann, so laut und rastlos kommt es Marie vor - sie fühlt sich gefangen in der Hektik der Großstadt. Kurzerhand setzt sie sich in einen Zug mit unbekanntem Ziel. Unterwegs begegnet ihr Jónína, die in Redu ihr Zuhause gefunden hat. Dort betreibt sie eine kleine Buchhandlung, es ist beileibe nicht die einzige in diesem Ort, in dem es sehr viel gemächlicher zugeht als Marie das je erlebt hätte. Sie steigt mit Jónína hier, in diesem so wundersamen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, aus.

Das Leben in Redu ist der krasse Gegensatz zu ihrem bisherigen Dasein. Schon der Name ist Programm. Redu – réduire – reduzieren. Es ist das zweitälteste Bücherdorf der Welt, dieses Dorf gibt es wirklich. Und auch ansonsten ist vieles real wie etwa die Zeiger der Kirchturmuhr, die asynchron laufen. Dies und noch so einiges mehr verrät der Autor in seiner Nachbemerkung, lediglich seine titelgebenden Protagonistinnen sind fast ausschließlich seiner Fantasie entsprungen wie auch die weiteren Figuren, allesamt liebenswerte Charaktere, die ich – so sie denn existieren würden – gerne näher kennenlernen würde.

390 Einwohner sind es, die überwiegend ohne Internet sind. Gut, so dann und wann haben sie Empfang, was vollkommen ausreichend ist. Auch ansonsten verzichten die Bewohner auf viele moderne Errungenschaften, was Marie zunächst erstaunt, bald aber schätzt sie die entschleunigte Lebensweise. Zuvor hatte sie ihr Studium, zwei Nebenjobs und Schulden obendrein. Und nun ist sie hier. Sie trifft auf Thomas, den Bäcker, der ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht. Eines schönen Tages setzt sie sich neben Mathilde auf die Bank, beide haben nicht das Bedürfnis, zu reden. Sie begegnen sich wieder, lassen die Landschaft auf sich wirken, kommen sich näher und auch wenn Marie mit Flora und Fauna nicht viel anzufangen weiß, lernt sie, ihre Sinne zu schärfen. Sie hört auf ihre innere Uhr, hört auf das Vogelgezwitscher, folgt dem Stand der Sonne – sie schätzt diese Lebensart mehr und mehr. Und auch Mathilde, die ihre Lebensfreude verloren hat, blüht auf.

Wir hetzten durch den Alltag, schauen nicht nach links oder rechts, sind eher mit Scheuklappen unterwegs, dabei hat die Natur so viel zu bieten. Man muss nur genau hinsehen, sich so viel Zeit nehmen, wie es braucht, um die Schönheit um uns herum zu erfassen.

Das Buch regt zum Nachdenken an und auch wenn wir nicht in diesem zauberhaften Redu leben, so sind es doch die kleinen Alltagsfluchten, die man sich gönnen sollte, um wieder aufzutanken. Und mittendrin sind es Mathilde und Marie und noch einige mehr, die sich gegenseitig unterstützen, die miteinander leben. Ein leises Buch, das so viel vermittelt und das mich mahnt, so manches Mal innezuhalten.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Großartig!

Minnesota
1

Harry Hole, Jo Nesbøs erfolgreicher Ermittler, pausiert gerade. Und so schickt Nesbø einen Typen nach vorne, der mit genügend Ecken und Kanten ausgestattet ist – Bob Oz. Es ist ein Stand-alone-Krimi, auch ...

Harry Hole, Jo Nesbøs erfolgreicher Ermittler, pausiert gerade. Und so schickt Nesbø einen Typen nach vorne, der mit genügend Ecken und Kanten ausgestattet ist – Bob Oz. Es ist ein Stand-alone-Krimi, auch wenn ich bald merke, dass ich gerne mehr von Oz lesen würde. Wie der Titel schon verrät, spielt sich das Ganze im amerikanischen Bundesstaat Minnesota ab, genauer gesagt in Minneapolis, das aktuell wieder in den Schlagzeilen ist, nachdem eine dreifache Mutter von einem Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE erschossen wurde. Diese und ähnliche Schreckensszenarien verleiden mir die USA, unter dem derzeitigen Präsidenten sowieso.

Nun, die Story spielt im Oktober 2016, beginnt allerdings mit der Ankunft eines norwegischen Schriftstellers im September 2022, der – wie er beim Zoll angibt – zu Recherchezwecken anreist. „Ich habe vor, mich in den Kopf eines Mörders zu versetzen…“ denkt er, ohne es laut auszusprechen. „True Crime ist gerade angesagt, die Leute bekommen anscheinend von blutigen Morden nicht genug, insbesondere, wenn den Taten etwas Unerklärliches und Unerwartetes anhaftet… sodass es Raum für luftige Verschwörungstheorien gibt.“ Vor sechs Jahren haben Kameras den angeblichen Mörder erfasst, auf dessen Spur er sich begibt. Diese Rahmen-Story bleibt dezent im Hintergrund, das Hauptmerkmal liegt wie gesagt auf den Geschehnissen im Oktober 2016.

Die Polizei jagt den Killer Tomas Gomez, der ihnen immer den entscheidenden Schritt voraus ist. Die USA und deren gesellschaftliche Konflikte werden dargestellt, das Recht auf Waffen und das viel diskutierte Waffengesetz mitsamt der starken Waffenlobby sind Thema, wie auch Rassismus und die damit einhergehend Migrationspolitik inklusive Polizeiwillkür.

Bob Oz ist gebrochen, er hat seine kleine Tochter verloren, seine Ehe hat diesen Schicksalsschlag nicht überlebt. Seine Trauer mündet in einem hochgradigen Wutproblem, er leidet an Depressionen und hat außerdem noch eine ganze Reihe anderer Probleme. Er ist exzentrisch, trägt aus guten Gründen keine Waffe, ist eher ein Einzelgänger und doch erkennt seine Kollegin Kay Myers sein Potential, anders als so manch anderer. Zunächst war mir Bob Oz eher suspekt, bald aber konnte ich ihn nur zu gut verstehen. Er schaut genau hin, jagt einen Killer, der sehr schlau agiert, der auf seinem Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler immer wieder entkommt. Spätestens als ein Anschlag auf den Bürgermeister im Raum steht, erkennt Oz ein Muster…

Nach dem Lesen dieses absolut großartigen Kriminalromans ist mir wiederum bewusst, warum ich Jo Nesbø so sehr schätze. Oz & Co haben alles, was es braucht, um ins Geschehen abzutauchen und es braucht nur einige Namen wie etwa George Floyd oder Trump, die geschickt eingebettet werden, um den Bezug zur amerikanischen Wirklichkeit zu erkennen. Dabei überlässt es Nesbø seinen Lesern, weiterzudenken. Es ist ihm ein spannender Krimi gelungen, der keine actionreichen Szenen braucht, um dem ganzen Szenario, den verschiedenen Sichtweisen und den Perspektivwechseln atemlos zu folgen. Er bietet erstklassige Unterhaltung vom Feinsten, die verschobenen gesellschaftlichen Werte der heutigen USA inklusive der fragwürdigen Moral werden infrage gestellt, ohne belehrend zu sein. Absolut lesenswert!

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Über das Loslassen

Der Fluss der Zeit
1

Pascal Mercier ist mir vor allem vom NACHTZUG NACH LISSABON bekannt. Fünf Erzählungen aus dem Nachlass von ihm sind es, die den FLUSS DER ZEIT thematisieren, ein schmaler Erzählband über das Loslassen ...

Pascal Mercier ist mir vor allem vom NACHTZUG NACH LISSABON bekannt. Fünf Erzählungen aus dem Nachlass von ihm sind es, die den FLUSS DER ZEIT thematisieren, ein schmaler Erzählband über das Loslassen oder davon, dass dies nicht jedem gut gelingen mag.

Wie etwa Karl Prager, dessen Familie 99 Jahre in dem Haus gelebt hat, das er nun an ein junges Paar verkauft hat. Die Übergabe berichtet davon. Er hat alles akribisch vorbereitet, ist stolz auf seinen Besitz, seinen ehemaligen Besitz, denn das Notarielle ist schon erledigt. Man spürt seine innere Zerrissenheit, sein ganzes Leben steckt in diesem Haus, seine Vergangenheit, all die schönen Momente und die Erinnerungen daran. Und dann kommt dieser schmerzliche Moment, in dem es kein Zurück mehr gibt.

Jede Geschichte ist besonders, jede behandelt ein anderes Thema. Und doch geht es um das Leben, zuweilen um das Überleben müssen und darum, ob dies für den Einzelnen möglich ist. Es geht um die Stille, die ein Mann sucht, die er in seinem lauten Umfeld unbedingt braucht, ein anderer wartet auf einen Befund, der ungeahnte Ängste auslöst, der Nächste sieht sich durch einen Schicksalsschlag ohne jegliche Perspektive da stehen und wieder ein anderer kehrt nach vierzig Jahren zu dem Ort seiner Studienzeit zurück, schwelgt in Erinnerungen, verklärt das Vergangene.

Es sind kurze Episoden, die vom Sinn des Lebens berichten. Vom FLUSS DER ZEIT, der sich durch das Leben schlängelt. Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, denen ich begegne, alle kommen sie mir nahe. Es sind meist ältere Menschen, deren Geschichten mich nachhaltig beeindrucken, denen ich ein Weilchen zusehe, wie sie mit den Unzulänglichkeiten des Lebens fertig werden müssen. Oder auch nicht. Mercier, der Philosophie-Professor war, bringt diese Kurzgeschichten auf den Punkt. Jede einzelne dieser fünf Geschichten lässt mich nachdenklich zurück, jede ist in sich stimmig.

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Veröffentlicht am 30.12.2025

Trügerische Familienidylle

Eisnebel
1

Direkt idyllisch liegt es da, das Chalet in den Bergen. Der erste Eindruck könnte bezaubernder nicht sein. Doch dieser Blick trügt, die Wahrnehmung wird sich deutlich verschieben.

„Halt dich von Connor ...

Direkt idyllisch liegt es da, das Chalet in den Bergen. Der erste Eindruck könnte bezaubernder nicht sein. Doch dieser Blick trügt, die Wahrnehmung wird sich deutlich verschieben.

„Halt dich von Connor Dalton fern.“ Theo ignoriert diese und ähnliche Nachrichten auf ihrem Handy. Sie und ihr Verlobter sind unterwegs zum abgelegenen Winterdomizil der Daltons. Seine Familie soll sie kennenlernen, doch bald merkt sie, dass sie auf Idlewood nicht willkommen ist. Mehr noch, sie fühlt sich zunehmend bedroht, außerdem meint sie, hier schon einmal gewesen zu sein.

Heike Warmuth hat mir über 10 Stunden und 9 Minuten dieses beklemmende Gefühl vermittelt, das Theo seit ihrer Ankunft verspürt. Und nicht nur Theo, auch die anderen Figuren in all ihren Facetten bringt sie perfekt auf den Punkt. Dabei weiß man stets, wen sie gerade spricht, ihre wandlungsfähige und sehr einfühlsame Stimme höre ich immer wieder gerne.

Die Idylle bröckelt. Und das ziemlich bald. Neben der sie ablehnenden Familie Dalton ist es auch ihre Vergangenheit, die sie einholt. Die zauberhafte Landschaft, die schneebedeckten Berge und die dunklen Wälder sind nicht minder bedrohlich, alles zusammen wird zunehmend beklemmend und düster, dazu sind es Theos Albträume, die sie nicht zu fassen bekommt. Keinem ist zu trauen, weder der Familie noch den Angestellten, jeder – einschließlich Theo - scheint dunkle Geheimnisse zu haben.

Dieser EISNEBEL ist von Anfang an bedrückend mit immer wieder neuen Wendungen und durchgehend frostig bis zum Ende, das mich dann nochmal überrascht hat. Dabei enorm fesselnd, sodass ich mich der Story nicht entziehen konnte. Ein richtig guter Thriller, brillant vorgetragen, sehr empfehlenswert.

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