Laut sein gegen das Leisemachen
Feindbild FrauMit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer ...
Mit „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ legt Ingrid Brodnig im Brandstätter Verlag ein Buch vor, das ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Als Journalistin und Digitalexpertin beschäftigt sie sich seit Jahren mit Desinformation, Hass im Netz und den Machtmechanismen sozialer Plattformen.
Meine Meinung
In ihrem neuesten Buch analysiert Brodnig, wie digitale Gewalt funktioniert, warum sie Frauen in der Politik besonders trifft und welche demokratischen Folgen das hat. Sie spricht mit Betroffenen aus Deutschland und Österreich, seziert Mechanismen von Plattformlogiken, rechten Netzwerken und Empörungsökonomien. Sie bleibt dabei aber nicht bei der Diagnose stehen, sondern entwickelt konkrete Strategien der Gegenwehr.
Was das Buch für mich so stark und nahbar macht, ist, dass es die unsichtbaren Konsequenzen für Betroffene von „Hass im Netz“ sichtbar macht. „Digitale Gewalt besteht nicht nur darin, dass mir jemand physisch etwas antun könnte“ (S. 25). Sie wirkt subtiler: durch ständige Angst, Schlaflosigkeit, durch den aktiven Rückzug aus dem Digitalen zum eigenen Schutz und dem der Familie (= „Chilling-Effekt“, S. 32).
Brodnig zeigt auch, wie Sprache Hierarchien stabilisiert. Wenn Politikerinnen systematisch Kompetenz abgesprochen oder sie auf ihre Intimsphäre reduziert werden, ist das kein „rauer Ton“, sondern Machtausübung. „Beleidigungen sind wirkungsvoll, weil sie uns Menschen signalisieren, welchen Stellenwert wir in der Gesellschaft haben“ (S. 39).
Analytisch überzeugt das Buch durch klare Struktur und nachvollziehbare Argumentation. Die Kapitel zu Plattformalgorithmen und „Reinforcement Learning“ (S. 42) haben für mich viel erklärt, etwa warum moralische Empörung so belohnt wird. Gleichzeitig bleibt Brodnig zugänglich, nie akademisch abgehoben. Ihre vielen Tipps – von rechtssicheren Screenshots über Buddy-Systeme bis hin zu strategischem Blockieren – machen das Buch praktisch nutzbar.
Kritisch anmerken möchte ich zwei kleinere Punkte: Die Beschränkung auf Deutschland und Österreich wirkt etwas willkürlich; eine Einbettung in den gesamten DACHLI-Raum hätte ich spannend gefunden, auch wenn das möglicherweise eine komplexere rechtliche Recherche nach sich gezogen hätte. Und ich schätze den Einsatz von Grafiken sehr, musste aber feststellen, dass die Grafik zur Viralitätswahrnehmung (S. 87) leider zu wenig erklärt wurde. Begriffe wie p-Wert oder Cohen’s d sind für Menschen (wie mich), die sich nicht tagtäglich mit akademischen Schriften auseinandersetzen, schwer greifbar. Auch die halbe Seite Erklärung zur Grafik im Fließtext war für mich wenig aufschlussreich.
Gestalterisch hingegen: großartig. Farbgebung, Layout, Kapitelhinweise auf jeder Seite – man merkt, wie sorgfältig hier gearbeitet wurde. Einzig die sehr feste Bindung machte das Lesen stellenweise leider sehr mühsam und erforderte eine enorme Kraftanstrengung.
Fazit
„Feindbild Frau“ ist ein analytisches, aber trotzdem sehr niederschwelliges, dringliches Buch über digitale Gewalt, Misogynie, Plattformmacht und demokratische Resilienz. Ich empfehle es allen (ja, nicht nur Frauen und auch nicht nur Politikerinnen), die verstehen wollen, warum Online-Hass kein Randphänomen ist und was wir konkret dagegen tun können. Danke an den Brandstätter Verlag für das Rezensionsexemplar.