Melancholisch und lebensklug
Die Liebe, späterNachdem ich 2022 mit großer Begeisterung Gisa Klönnes Roman "Für diesen Sommer" gelesen habe, freute ich mich sehr auf ihr neues Buch "Die Liebe, später". Meine Erwartungen waren sehr hoch - und ich wurde ...
Nachdem ich 2022 mit großer Begeisterung Gisa Klönnes Roman "Für diesen Sommer" gelesen habe, freute ich mich sehr auf ihr neues Buch "Die Liebe, später". Meine Erwartungen waren sehr hoch - und ich wurde nicht enttäuscht!
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 61-jährige Journalistin Kora von Stein, die seit 24 Jahren mit Anselm verheiratet ist. Dieser arbeitete bis vor kurzem an den Wochentagen als Ministeriumsreferent in Berlin und pendelte zwischen der Hauptstadt und dem gemeinsamen Haus in Köln. Kora erholt sich gerade von einer schweren Herzoperation, während ihr sich nun im Ruhestand befindlicher Mann davon träumt, einen großen Schwimmteich im Garten anzulegen. Seine ständige Anwesenheit belastet Kora, die viele Jahre damit glücklich war, das Haus an den Wochentagen für sich zu haben. Sie beschließt, ihre Freundin und Mentorin Gabriella in München zu besuchen, die ihren 85. Geburtstag feiert. Auf dem Weg dorthin möchte sie ihren Bekannten Felix besuchen, der sie verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach seiner vor kurzem spurlos verschwundenen Frau Leonie bittet.
Der Roman ist in schöner Sprache ruhig erzählt und liest sich sehr flüssig. Gisa Klönne ist es gelungen, nicht nur die beiden Hauptcharaktere, sondern auch die Nebenfiguren ganz wunderbar und authentisch zu skizzieren. Sie lässt uns tief in Koras Gefühls- und Gedankenwelt blicken, ihre Ängste und Zweifel erleben. Nach und nach blättert sich Koras Vergangenheit auf: ihr Aufwachsen beim Vater nach dem viel zu frühen Tod der Mutter, das Kennenlernen von ihr und Anselm, und die belastende Zeit, als die schwere Erkrankung sie aus dem Alltag riss und ihr Leben abrupt veränderte.
Ich konnte mich sehr gut in die verunsicherte Kora hineinversetzen, die ihre aus dem Gleichgewicht geratene Ehe auf den Prüfstand stellt und nicht weiß, ob sie so weiterleben kann wie bisher. Die unsichere berufliche Situation macht ihr zu schaffen, der Sender hat ihr einen Auflösungsvertrag geschickt, obwohl sie bald wieder im Radio zu hören sein möchte. Es fällt ihr noch schwer, mit den Folgen der Herzoperation umzugehen, sich an die regelmäßige Einnahme notwendig gewordener Medikamente zu gewöhnen. Trotz eigener Probleme fühlt sie sich verpflichtet, dem verzweifelten Felix bei seiner Suche nach Leonie zu helfen. Auch den sympathischen Anselm habe ich gut verstanden, er brennt für sein Teichprojekt und seine Libellen, und er wünscht sich sehnlichst, auch Kira dafür zu begeistern. Gut gefallen hat mir Koras Reise in die Vergangenheit und ihre Begegnung mit einem Freund aus Kindertagen. Zwischen den Texten hat die Autorin immer wieder 5-Punkte-Listen eingefügt, z.B. fünf Ruhestand-Hobbys, vor denen Kora sich fürchtet, fünf Dinge, die Anselm als Glück empfindet und fünf Dinge, die Kora gern früher gewusst hätte - eine ganz wunderbare Idee, durch die ich Kora und Anselm noch intensiver kennenlernte konnte.
Gisa Klönnes mit viel Sensibilität geschriebener Roman, in dem es neben persönlichen Veränderungen, Nähe und Distanz in der Ehe auch um Probleme des Älterwerdens, erlittene Verluste und deren Bewältigung geht, hat mich von Beginn an bis zum hoffnungsvollen Ende gefesselt und tief berührt.
Absolute Leseempfehlung für die melancholische und lebenskluge Geschichte, die zum Nachdenken anregt!