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Veröffentlicht am 13.01.2026

Kluger Blick hinter die Oberfläche

Hohlräume
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Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, ...

Karl, Prorektor eines Gymnasiums, beginnt seinen stressigen Alltag neuerdings mit einem Ritual. Er fährt früh morgens ins Grüne, setzt sich auf eine Picknickdecke und zieht eine Tüte durch, mit dem Dope, das er seinem Sohn gestohlen hat. Diese Entspannungstechnik hat er von Laura. Kurz vor den Sommerferien hatte er noch mal alles gegeben. War mit verschwitztem Hemd durch die Schulflure geeilt und hatte Gönnern die Hand geschüttelt. Kollegen mussten erinnert werden, die Zensurenblätter vor der Abgabe zu unterschreiben. Und dann hatte Laura die Affäre mit ihm beendet, weil sie sie als folgenschweren Fehler ansah. Seit diesem verrückten Tag, an dem er mit Laura im Meditationsraum auf der Matratze lag, hängt er am Haken einer Schülerin.

Esther und er leben längst aneinander vorbei. Einzig in den Nächten, wenn der Duft ihrer Lavendelseife in seine Nase steigt, fühlt er sich noch immer behaglich neben ihr. Sein Lieblingskind Sophia – er hatte da nie einen Hehl draus gemacht – bereitet ihm Freude. Der Sohn Julian scheint endlich die Kurve gekriegt zu haben. Sein erfolgreicher Bruder hatte ihn im Bauunternehmen untergebracht. Wäre Karl seinem Vater gerecht geworden und hätte Medizin studiert, stünde er jetzt in seiner Gunst.

Am Nachmittag müsste Karl mit Sophia auf eine Ausstellung, er hatte es ihr versprochen. In der Mittagspause allerdings ruft ihn Laura an, sie müsse ihn dringend sprechen. Julian vermisst sein Dope und hat Sophie im Visier. Dieser Tag entwickelt sich zu genau dem, über den Karl einmal sagen wird:

Diesen Sommer ist meine Familie explodiert. S. 187

Fazit: Peter Zimmermann hat den einen Tag einer komplexen Kleinstadtfamilie durchgespielt. Mit kluger Beobachtungsgabe verhandelt er mit Bedürfnissen. Karl leidet darunter, seinem Vater nicht gerecht zu werden. Er missgönnt seinem Bruder, dass ihm das gelingt. Seine Frau hat in der Beziehung zu Karl resigniert. Einzig die Kinder hielten sie noch, aber die werden flügge. Sie bereut, ihr Studium abgebrochen zu haben und sinniert darüber, was sie einmal in Karl gefunden hatte. Aus der Sicht Karls, Sophies, Lauras und Julians erfahre ich die familiären Hintergründe. Auch zwischen der ehrgeizigen, vom Vater hofierten Sophie und ihrem Bruder brodelt es. Sophie verehrt den wortkargen Vater, der viel Raum für Interpretationen lässt. Ebenso naiv unterschätzt sie ihren Bruder. Ihr Bruder ist da schon wesentlich näher an der Realität und durchschaut des Vaters Desinteresse und die Phrasen, die er drischt, um Aufmerksamkeit zu heucheln. Karls Frau ist klar, dass er sie mit seinen angeblichen Überstunden hintergeht, aber er ist ihr die Mühe nicht wert, ihn zu konfrontieren. Am Stichtag trifft Karl mindestens eine schwerwiegende Entscheidung, die das gesamte Familienkonstrukt auseinanderbrechen lässt. Die Figuren sind sehr genau ausgearbeitet und überraschen mich mit ihren Persönlichkeiten. Ich liebe den Blick hinter die Oberfläche und bin voll auf meine Kosten gekommen. Unterhaltsam, überraschend, amüsant und ein bisschen, ach du meine Güte.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Absolut realistisch

Ungefähre Tage
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Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich ...

Grün hatte ihren Schatten hinter der Milchglastür wahrgenommen, wie sie langsam in sich zusammengesackt war. Er drückte die Türe auf und schob sie ein wenig über den Linoleumboden. Dann kniete er sich neben sie, sprach sie an, klatschte ihr mit der flachen Hand leicht gegen die Wange, sie reagierte nicht. Er schob seine Arme unter ihren Körper, hob sie hoch und trug sie ins Behandlungszimmer. Ihre Haut war wärmer als er erwartet hätte. Als sie die Augen öffnete, fragte er sie nach ihrem Namen. Aus den Unterlagen erfuhr er, dass sie schon seit acht Tagen auf Station war, bisher war sie ihm nicht aufgefallen.

Daniel Rothe, der persönliche Albtraum eines jeden Pflegers war zum 15. Mal hier. Nach seinen Aufenthalten kam er jedes Mal ins betreute Wohnen. Alle paar Monate haute er dann ab, setzte die Medikamente ab und wurde mit akuten Wahnvorstellungen von der Polizei zurückgebracht. Jetzt tobte Rothe in seinem Zimmer und schredderte das Nachtschränkchen, als Grün das Zimmer betrat. Er konnte das auf ihn zurollende Bett gerade abfangen. Kurz abgelenkt, sagte er dem Praktikanten, er solle Daniel holen, da fing er sich auch schon einen Fausthieb auf die Nase. Sie überwältigten Rothe schließlich zu dritt und jagten ihm Diazepam in den Muskel.

Nach der Schicht stänkerte Josefine, er sei wieder zu spät. Ob sie nicht einmal pünktlich bei ihren Eltern sein könnten. Er schlug ihr vor, mit der Kleinen schon mal vorzufahren. Er käme nach, sobald er geduscht hätte. Vor dem Spiegel untersuchte er sein Nasenbein, das scheinbar nicht gebrochen war, nahm die Tamponade heraus, die Blutung hatte aufgehört. Das linke Unterlid schimmerte in Blautönen. Er dachte an sie, wie sie in seinen Armen lag, zuerst hatte sich ihr Körper versteift, doch gleich darauf wurde er weich, wie zum Beweis seines Vertrauens in ihn.

Fazit: Annika Domainko hat mir in ihrem Debütroman einen Blick in die Mühlen der Psychiatrie geschenkt, der es in sich hat. Der Pfleger namens Grün, aus dessen Sicht die fiktive Geschichte erzählt ist, arbeitet nach einem verpassten Archäologiestudium seit zwanzig Jahren auf der Geschlossenen der Psychiatrie. Seine Frau Josefine ist Akademikerin, die gemeinsame Tochter noch klein. Die Familie seiner Frau verachtet ihn. Grün selbst hat „harte“ Zeiten hinter sich, dass es um seinen Selbstwert nicht bestens bestellt ist, verwundert kaum. Er findet in einer Patientin mit psychotischen Schüben eine Vertraute. Was mir an der Geschichte richtig gut gefällt, ist die Stimme und der Aufbau. Mir wird absolut plausibel, warum sich der Pfleger zu der Patientin mit der vulnerablen Persönlichkeit hingezogen fühlt. Gleichzeitig ist unbestreitbar, dass es absolut falsch, ja verboten ist, das auszuleben. Das Machtgefälle wirkt gar nicht so groß, weil auch Grün angeschlagen ist, allerdings steht er auf der einen Seite der geschlossenen Tür und sie auf der anderen. Am Ende nimmt die Geschichte an Fahrt auf und dramatische Ausmaße an. Da ich ursprünglich selbst in der Psychiatrie gelernt habe, habe ich der Autorin jedes Wort geglaubt. Sie hat nichts beschönigt und nichts verschlimmert. Die Geschichte hätte exakt so passiert sein können. Von mir eine absolute Leseempfehlung für die großartige Umsetzung der Themen Machtmissbrauch und Manipulation.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Eine rundum stimmige Story

Sag mir, was ich bin
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Vermont 2018

Adelaide kocht für Ruby und Clover. Nach Clovers Schlaganfall muss das Essen püriert werden. Adelaide brummt mit dem Pürierstab wahlweise im Nudelauflauf oder in gebackenen Bohnen mit Ahornsirup ...

Vermont 2018

Adelaide kocht für Ruby und Clover. Nach Clovers Schlaganfall muss das Essen püriert werden. Adelaide brummt mit dem Pürierstab wahlweise im Nudelauflauf oder in gebackenen Bohnen mit Ahornsirup und verwandelt alles in eine graue Pampe. Ruby geht zum Hühnerstall, um den Hennen die Gelege wegzunehmen. Sie essen sie nicht, aber Lucas will, dass sie die Eier verquirlt und wieder zufüttert, damit sie die Nährstoffe, die sie verloren haben, wieder aufnehmen können. Ruby war so wütend auf Adelaide und Clover, dass sie ständig einen Stein im Magen spürte. Ruby springt wieder ins Haus, weil das Telefon klingelt. Eine Frauenstimme klingt unsicher an Rubys Ohr: „Ruby, Ruby bist du das?

Als Dan den gelben Umschlag in die Schule brachte, händigte er ihn Ruby persönlich aus, weil er an sie adressiert war. Ruby öffnete ihn und griff nach dem weißen Kuvert darin. Dan überlegte es sich anders, nahm ihr den gelben wieder ab und überreichte ihn der Direktorin. Ruby ließ das Kuvert schnell in ihrem Stiefel verschwinden. Die Direktorin rief Lucas an, der sofort insistierte, er käme den Brief sofort abholen, sie solle ihn auf keinen Fall Ruby geben, sie wisse ja, dass sie gefährdet sei. Ruby ging zu den Waschräumen, setzte sich in eine Kabine und öffnete den Brief. Sie zog ein Foto heraus und sah eine Frau mit einem Säugling auf der nackten Brust. Beide lachten offen und in Ruby stieg ein warmes Gefühl vom Magen zum Kopf. Die Frau sah aus wie Ruby, es musste ihre Mutter sein, an die sie keine Erinnerung mehr hatte. Wenn Ruby nach ihr fragte, wimmelten Lucas und Clover sie immer ab. Sie hätte Ruby und Lucas verlassen, sagten sie ihr, und weil sie Lucas nicht verärgern wollte, hörte sie auf zu fragen.

Fazit: Una Mannion hat eine spannende fiktive Geschichte erschaffen. Ihre jugendliche Protagonistin lebt mit ihrem Vater und dessen Mutter in Vermont. Sie hat keine Erinnerung an ihre Mutter, die plötzlich verschwand, als das Mädchen vier Jahre alt war. Die Schwester der Mutter, Nessa setzt seit vielen Jahren alles daran, ihre Nichte zu kontaktieren. Sie glaubt, dass Rubys Vater ihre Schwester getötet hat. In abwechselnden Kapiteln erfahre ich Rubys und Nessas Sichtweisen und Erlebnisse der letzten Jahre. Wirklich gelungen finde ich den Charakter des Vaters, der einem brodelnden Vulkan gleich jeden kontrolliert und manipuliert. Wenn er seine Selbstkontrolle verliert, wird er gewalttätig. Die Autorin hat einen mächtig kranken Narzissten erzählt und im Laufe der Geschichte blitzt immer wieder auf, wie er Rubys Mutter behandelt hat. Das liest sich sehr spannend. Die Hilflosigkeit der Schwester und das Verhalten von Rubys Vater hat mich richtig wütend gemacht. Die Ereignisse steigern sich, das Bild wird immer klarer und ich wollte, dass der Drecksack zur Verantwortung gezogen wird. Eine rundum stimmige Story, in der es um Machtmissbrauch, Narzissmus und Misogynie geht, die ich wärmstens empfehle.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Was für ein Leidensdruck

Haus zur Sonne
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Die letzte manische Phase lag noch nicht lange zurück. Er hatte sich hoch verschuldet, Freunde vor den Kopf gestoßen, seine Wohnung getrümmert, seine Beziehung zu Ella über die Maßen belastet und war straffällig ...

Die letzte manische Phase lag noch nicht lange zurück. Er hatte sich hoch verschuldet, Freunde vor den Kopf gestoßen, seine Wohnung getrümmert, seine Beziehung zu Ella über die Maßen belastet und war straffällig geworden. Dieser Schub war der Schlimmste, der ihn je weggeflutet hat und hatte ihm alles genommen, was ihm wichtig war. Zuvor hatte er über bipolare Störung geschrieben und gehofft, das Ungetüm bändigen zu können, aber das war ihm nicht gelungen, trotz der Medikamente. Die folgende Depression hatten ihn in dumpfe Untätigkeit gezogen und nur die tiefe Antriebslosigkeit verhinderte, dass er sich umbrachte. In sich drin allerdings war er bereits tot.

Er erzählte Ella von einer ganzheitlichen Therapie und dass sie ihn die ersten Wochen nicht besuchen dürfe. Es gefiel ihm nicht, aber er wollte es diesmal alleine durchziehen, wollte nicht wieder von ihr „gerettet“ werden. Ob er seine Medikamente nehme, wollte sie wissen. Ja, wie immer und wie vor der Manie auch. Sein Umfeld glaubte ihm nicht, sie bevorzugten einfache Lösungen. Er war wieder abgestürzt und musste wohl etwas falsch gemacht haben. Er ertrug das elende Gefühl der Schuldzuweisungen nicht mehr. Was er Ella nicht sagte, war dass er ins Haus zur Sonne gehen werde, um seinem nutzlosen Dasein ein gnädiges Ende zu verleihen.

Fazit: Thomas Melle, Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer, erkrankte im Alter von 24 Jahren an einer besonders schwierigen Form der bipolaren Störung. Seine Geschichte scheint fiktional mit autobiografischem Einfluss. Sein Protagonist lebt mit dieser Erkrankung und den ständigen Auf und Abs. Der letzte Schub war so lang und intensiv, dass er sich davon nicht mehr erholt. Die Manie hatte ein Eigenleben entwickelt und ihn durch turbulente Monate gepeitscht. In der folgenden Phase der Depression war das vorherrschende Gefühl Scham. Nicht zum ersten Mal wollte er sein Leben beenden. Er stößt auf ein Therapieangebot, das er nicht ausschlagen kann. Im Haus zur Sonne will man ihm den kurzen Rest seines Lebens versüßen und ihn dann auf die Art, die ihm beliebt aus dem Leben nehmen. Er unterzeichnet einen Vertrag und zieht ein. So absurd die Idee des Autors ist, zeigt sie doch den enormen Leidensdruck. Die Erkrankung reißt ihn immer wieder aus dem Leben, lässt ihn Entscheidungen treffen, die er später bitter bereuen wird. Es folgt eine Phase der Erholung, ein Neuanfang und Wiederaufbau des Zerstörten und dann schlagen die Botenstoffe wieder zu und alles auf Anfang. Wer sollte da nicht den Mut verlieren und an Selbsttötung denken, die dann wiederum durch die depressive Antriebslosigkeit verhindert wird. Du meine Güte, das hat Thomas Melle gut dargestellt. Das Buch hat mich beim Lesen gar nicht besonders berührt, vielleicht liegt das an seiner Schreibweise. Auf jeden Fall aber hat die Geschichte es in sich und hallt nach. Von mir eine klare Leseempfehlung für den Shortlisttitel des Deutschen Buchpreises 2025.

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Veröffentlicht am 19.12.2025

Psychologische Punktlandung

Der Rache Glanz
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Cléo steht auf der Bühne und nimmt die vier Awards für ihr drittes Album entgegen. Sie hält ihre tränenreiche Rede, erwähnt das Publikum, ohne dass sie … Schwachsinn, den ganzen Ruhm hat sie allein sich ...

Cléo steht auf der Bühne und nimmt die vier Awards für ihr drittes Album entgegen. Sie hält ihre tränenreiche Rede, erwähnt das Publikum, ohne dass sie … Schwachsinn, den ganzen Ruhm hat sie allein sich selbst zu verdanken, lobt ihr gesamtes Team, das immer hinter ihr steht, dafür werden sie mehr als angemessen bezahlt und verweist auf einige Namen, die keinem etwas sagen. Nach ihrem glorreichen Auftritt blickt sie sich im Raum um und sieht Natalie Holmes an der Bar. Nachdem sie sich ziemlich klar die Feindschaft erklärt hatten, rechnet Cléo damit, dass die Holmes ihren Blick meiden würde, falsch gedacht. Sie kommt sogar auf sie zu und beginnt zu plaudern. Lieber wäre sie jetzt überall, als hier mit einer ihrer Erzfeindinnen zu plänkeln. Sie unterdrückt ein Gähnen, während sie nach den richtigen Abschiedsworten sucht, als die Holmes vertraulich ihre Hand auf ihre legt. Sie habe da einen gigantischen Geheimtipp. Ein Retreat in einem verwunschenen Atoll mitten im Pazifik, sehr kostspielig sicher aber eine Offenbarung. Weißer Sand, Meer, eine Hütte, sonst nichts. Ihr habe der Aufenthalt den Sinn ihres Daseins gezeigt.

Mitten in einer Werbekampagne für ihr drittes Album, sie hatte nur mit Dumpfbacken gearbeitet, macht sich ein Klima der Angst breit, es liegt an ihrer Unausstehlichkeit und das erschöpft sie. Ein paar Tage Auszeit werden ihre Kreativität wieder in Schwung bringen. Sie ruft die ominöse Nummer an, um einen Termin für die Insel zu vereinbaren.

Nun hat sie einige Züge im Ozean getan. Die Gefahr, von der Strömung ins offene Meer gesaugt zu werden oder mit den Stacheln giftiger Fische in Berührung zu kommen, ist der Thrill, der dazu gehört. Danach geht sie in den Verschlag hinter der Hütte und duscht mit lauwarmem Regenwasser. Während sie eine Sandburg baut, herrlich nutzloser Zeitvertreib, bei dem man nicht brillieren muss, greift sie nach ihrem Handy. Da fällt ihr ein, dass sie es abgegeben hat. Keine elektrischen Geräte, so ist der Deal.

Fazit: Maud Ventura hat nach ihrem gefeierten Debüt „Mein Mann“ wieder eine psychologische Punktlandung hingelegt. Ihre Protagonistin wiegt sich, seit sie acht Jahre alt ist in der Gewissheit berühmt, also unvergesslich zu werden. Sie bereitet sich zehn Jahre auf ihre große Karriere als Popsängerin vor. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich ein 450 Seiten starkes Buch über eine Psychopathin mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung lesen soll, hätte ich dankend abgelehnt. Aber Maud Venturas Schreibstil ist so fesselnd, dass ich die Geschichte inhaliert habe. Die Autorin zeigt von Anfang bis Ende präzise, wie ihre Protagonistin ihr Ziel mit allergrößtem Ehrgeiz verfolgt. Die kluge französische Schönheit komponiert, singt und begleitet sich am Klavier und auf der Gitarre. Sie verzweifelt darüber, dass der Durchbruch nicht gelingen will, bis sie die richtigen Leute trifft. Heimlich bestraft sie sich mit Rasierklingenschnitten und basht sich für jede Fehlleistung. Ein großes Lable protegiert sie und nimmt ihr alles aus der Hand. Ein Koch, ein Bodyguard, eine Yogalehrerin, eine Assistentin, eine Modeausstatterin, ein Choreograf, ein Produzent und das Management sorgen für jede Annehmlichkeit. Einzig ein Mann an ihrer Seite scheint noch zu fehlen, um die Leere zu vertreiben, aber nicht irgendeiner. Die begabte Musikerin gibt Gas. Die Erfolge erfüllen sie nur kurzzeitig, da muss noch mehr drin sein. Menschen berühren sie nicht. Ihre Ungeduld mit allem und jedem, einschließlich sich selbst, nimmt abartige Formen an. Die Autorin peitscht ihre Hauptdarstellerin gnadenlos durch die Erzählung und ich lese staunend, kopfschüttelnd, kurzatmig und wundere mich, wie es möglich ist in jedem Kapitel noch eine Schüppe draufzulegen. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie es „da oben“ riecht und schmeckt. Das hat mich so so gut unterhalten. Chapeau!

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