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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.01.2026

Etwas zu viel gewollt, aber dennoch spannend

Belladonnas
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Belladonnas hat mir insgesamt gut gefallen und mich lange beim Lesen gehalten, gerade weil es viele feministische Themen aufgreift, die nah an unserer Gegenwart sind. Die Auseinandersetzung mit Selbstbild, ...

Belladonnas hat mir insgesamt gut gefallen und mich lange beim Lesen gehalten, gerade weil es viele feministische Themen aufgreift, die nah an unserer Gegenwart sind. Die Auseinandersetzung mit Selbstbild, Konkurrenz unter Frauen, Schönheitsidealen und dem Druck, eine bestimmte Rolle erfüllen zu müssen, fand ich stark und relevant. Besonders mochte ich, dass die Protagonistin nicht glatt oder perfekt ist, sondern suchend, widersprüchlich und verletzlich. Das fühlt sich ehrlich an und macht ihre Geschichte greifbar.

Gleichzeitig war es mir an manchen Stellen einfach zu viel. Zu viele Ideen, zu viele Themen, zu viele Wendungen auf einmal. Es wirkte auf mich, als hätte das Buch alles erzählen wollen und genau das hat es stellenweise schwer gemacht, wirklich tief zu gehen. Manche Aspekte hätten mehr Raum verdient, andere hätten ruhiger oder klarer erzählt werden können. Dadurch ging für mich zwischendurch emotionale Tiefe verloren, obwohl das Potenzial eindeutig da ist.

Trotzdem bleibt Belladonnas ein lesenswertes Buch, das wichtige Fragen stellt und Frauen nicht gegeneinander ausspielt, sondern strukturelle Erwartungen sichtbar macht. Für mich sind es vier Sterne, weil ich viel daraus mitgenommen habe, aber mir etwas mehr Fokus und weniger Überladung gewünscht hätte.

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Aktuell und unterhaltsam

Noch wach?
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Ich habe Noch wach? mit großer Freude gelesen. Das Buch ist rasant, scharf beobachtet und oft wirklich sehr lustig. Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein enormes Gespür für Tempo, Pointen und die Absurditäten ...

Ich habe Noch wach? mit großer Freude gelesen. Das Buch ist rasant, scharf beobachtet und oft wirklich sehr lustig. Benjamin von Stuckrad-Barre hat ein enormes Gespür für Tempo, Pointen und die Absurditäten eines Medienbetriebs, der sich selbst viel zu ernst nimmt. Viele Szenen sind bitterböse, überzeichnet und gleichzeitig erschreckend nah an der Realität. Ich habe oft gelacht und das Buch kaum aus der Hand legen wollen.

Gleichzeitig kommt man an der feministischen Kritik an diesem Buch nicht vorbei, und das ist wichtig. Die Perspektive bleibt überwiegend männlich, Machtverhältnisse werden häufig aus der Sicht dessen erzählt, der sie lange als normal erlebt hat. Manche Leerstellen sind spürbar, manche weiblichen Figuren bleiben Projektionen oder Randfiguren. Diese Kritik ist berechtigt und sollte Teil jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Buch sein.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – halte ich Noch wach? für einen wichtigen Beitrag im Diskurs über Machtmissbrauch. Das Buch macht sichtbar, wie Strukturen funktionieren, wie Loyalitäten, Schweigen und Wegsehen entstehen und warum Systeme Täter schützen. Es zeigt, wie schwer es ist, sich zu entziehen, wenn Macht, Karriere und Anerkennung miteinander verwoben sind. Auch wenn nicht jede Perspektive eingenommen wird, wird doch etwas Entscheidendes offengelegt.

Für mich liegt die Stärke des Buches darin, dass es Leserinnen und Leser erreicht, die sich sonst vielleicht nicht mit feministischer Kritik oder Machtmissbrauch auseinandersetzen würden. Es holt Menschen dort ab, wo sie stehen, mit Humor, Tempo und einer vertrauten Stimme, und konfrontiert sie dann mit unbequemen Wahrheiten. Das ist keine perfekte, aber eine wirksame Form von Intervention.

Noch wach? ist für mich deshalb ein gelungenes, unterhaltsames und zugleich relevantes Buch. Eines, das nicht alle Fragen richtig beantwortet, aber wichtige stellt. Und eines, das zeigt, wie notwendig es ist, weiter über Macht, Verantwortung und strukturellen Missbrauch zu sprechen. Gerade jetzt.

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Nie vergessen

Kabale und Liebe
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Kabale und Liebe habe ich in der Schule gelesen und nie vergessen, weil es aus feministischer Sicht viel mehr ist als ein staubiger Klassiker. Luise Millerin steht als junge bürgerliche Frau zwischen patriarchaler ...

Kabale und Liebe habe ich in der Schule gelesen und nie vergessen, weil es aus feministischer Sicht viel mehr ist als ein staubiger Klassiker. Luise Millerin steht als junge bürgerliche Frau zwischen patriarchaler Macht, Klassenschranken und den Erwartungen ihres Elternhauses. Ihr Körper, ihre Liebe und ihr Leben werden von Männern verhandelt, die sie wie eine Figur in ihrem politischen Spiel benutzen. Gerade deshalb berührt mich ihre Tragik so sehr: Luise liebt, zweifelt, gehorcht, widersetzt sich und bezahlt am Ende mit ihrem Leben für Strukturen, die stärker sind als sie.

Das Stück macht deutlich, wie zerstörerisch ein System ist, in dem weibliche Gefühle nichts zählen, wenn sie den Interessen der Mächtigen im Weg stehen. Luise ist keine naive Nebenfigur, sondern das emotionale Zentrum des Dramas, und ihre Geschichte zeigt, wie aktuell die Fragen nach Selbstbestimmung, Klasse und Geschlecht bis heute sind.

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Cool

Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch
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Anstelle militärischer Muskelspiele setzt Lunz auf Prävention, Dialog, Mediation. Anstelle geopolitischer Ego-Show auf menschenzentrierte Sicherheit. Anstelle alter Hierarchien auf gleichwertige Teilhabe. ...

Anstelle militärischer Muskelspiele setzt Lunz auf Prävention, Dialog, Mediation. Anstelle geopolitischer Ego-Show auf menschenzentrierte Sicherheit. Anstelle alter Hierarchien auf gleichwertige Teilhabe. Sie zeigt, wie Frieden gelingen kann, wenn wir die Perspektiven einbeziehen, die jahrzehnte
Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch liest sich wie ein ziemlich wütender, ziemlich kluger Reality Check für die Weltpolitik. Kristina Lunz zeigt sehr klar, wie sehr internationale Beziehungen immer noch von alten Machtmustern geprägt sind und wie sehr darunter all die leiden, die in den klassischen außenpolitischen Debatten kaum vorkommen: Frauen, queere Menschen, marginalisierte Communities im Globalen Süden. Spannend ist, dass sie Feminismus hier nicht als „Soft Skill“ versteht, sondern als knallharte Machtanalyse. Wenn nicht gefragt wird, wem Gewalt nutzt, wer an Waffenexporten verdient oder wessen Sicherheit eigentlich gemeint ist, bleibt Außenpolitik oberflächlich. Lunz verbindet Praxis, persönliche Erfahrungen und Theorie so, dass man beim Lesen ständig denkt: Ja, genau so müsste Politik eigentlich funktionieren. Man merkt, dass das Buch eine klare Haltung hat, manchmal kompromisslos, aber gerade das tut gut in einer Debatte, die sonst oft technokratisch und abstrakt bleibt. Am Ende bleibt der Satz kein Frieden ohne Feminismus nicht wie ein Slogan hängen, sondern eher wie eine ziemlich nüchterne Feststellung.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Feine Beobachtungen und große Gefühle

Schwanentage
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„Schwanentage“ von Zhang Yueran wird aus der Sicht von Yu Ling erzählt, die als Kindermädchen in einer privilegierten Familie der chinesischen Elite arbeitet. Zu Beginn entwickelt sich die Handlung in ...

„Schwanentage“ von Zhang Yueran wird aus der Sicht von Yu Ling erzählt, die als Kindermädchen in einer privilegierten Familie der chinesischen Elite arbeitet. Zu Beginn entwickelt sich die Handlung in einem ruhigen Tempo: Yu Ling, ihre Gedankenwelt und die leisen inneren Konflikte offenbaren sich dem Lesenden nur nach und nach. Ebenso wird das Verhältnis zwischen ihr und dem siebenjährigen Jungen, den sie betreut, vorsichtig und mit viel Feingefühl aufgebaut. Es dauert eine Weile, bis die besondere Verbindung, die die beiden teilen, wirklich greifbar wird, was den Einstieg in die Geschichte zunächst etwas verlangsamt.

Hat man aber erst einmal Zugang zu Yu Lings Innenleben gefunden, gewinnt der Roman spürbar an Intensität. Die Handlung nimmt Fahrt auf, als der Vater und Großvater des Jungen aufgrund von Korruptionsvorwürfen verhaftet werden und die Mutter plötzlich verschwindet. An dieser Stelle steigert sich die Spannung und emotionale Kraft der Geschichte merklich. Besonders beeindruckend ist, wie Zhang Yueran durch die Perspektive einer einzelnen Frau gesellschaftliche Machtverhältnisse, soziale Ungleichheit und Klassismus in China sichtbar macht. Die Autorin vermittelt anschaulich, wie traditionelle Erwartungen und unsichtbare Zwänge das Leben der Menschen bestimmen und gestaltet damit zugleich ein eindrückliches Sittenbild.

Insgesamt ist „Schwanentage“ ein Roman, der anfangs Geduld erfordert, später jedoch mit einer tiefgehenden, berührenden Geschichte überzeugt. Wer sich auf den gemächlichen Beginn einlässt, wird mit einem vielschichtigen Drama über Moral, Loyalität und gesellschaftliche Dynamik belohnt – und erhält dabei einen eindrucksvollen Einblick in die chinesische Gegenwart.

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