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Veröffentlicht am 08.12.2025

Über Übergänge

Was vor uns liegt
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"Licht!...Licht!..." ruft eine Nonne und im nächsten Moment wird der Strom abgedreht. Mit dem fahlen Licht der Petroleumlampen erwachen auch die tuschelnden Gespräche der jungen Italienerinnen in Alba ...

"Licht!...Licht!..." ruft eine Nonne und im nächsten Moment wird der Strom abgedreht. Mit dem fahlen Licht der Petroleumlampen erwachen auch die tuschelnden Gespräche der jungen Italienerinnen in Alba de Céspedes' Roman.

Sie webt darin ein Netz aus Schicksalen junger Frauen im Italien der 1930er Jahre.
Das fiktive Konvikt "Grimaldi" stellt sich dafür als liminaler Raum, als Brücke, in der Raum und Zeit scheinbar ineinanderfließen. In diesem Schwellenzustand rücken die zahlreichen Unterschiede der Frauen in den Hintergrund und sie sind geeint in ihren Zukunftsängsten, Hoffnungen und Illusionen. Als Leser sitzt man dabei ganz intim mit in der Mädchenrunde während sie eine Séance abhalten oder für ihre Prüfungen pauken.

Dabei wechselt die Autorin geschickt zwischen den verschiedenen Perspektiven der Mädchen. Zu Beginn fällt es leicht, einige Charaktere zu verwechseln, was sich im Laufe der Handlung verbessert.

Immer wieder wird jedoch klar, dass das Vakuum des abgeschotteten Konvikts nicht auf ewig anhält und Verbindungen, die nur durch ähnliche Lebensumstände bestehen schnell bröckeln. Und irgendwann gilt es dann Mut zu beweisen, die Brücke zu überqueren, und sich dem zu stellen, was außerhalb der Klostermauern vor ihnen liegt.

Die kubanisch-italienische Schriftstellerin schafft in "Was vor uns liegt" eine schillernde Galerie von weiblicher Figuren, die in ihren Bestrebungen nach Emanzipation dem Frauenbild im Faschismus entgegenwirken.

Es freut mich daher, dass sich das italienische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten zur Förderung der Übersetzung entschieden hat. Die Übertragung aus dem Italienischen ist schön zu lesen und respektiert kulturelle und zeitbedingte Bezüge ohne den modernen, deutschsprachigen Leser zu behindern.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2026

Landfrust

Spielverderberin
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Nach vier Jahren Funkstille treffen sich die drei Freundinnen Sophie, Lotte und Romy wieder.
Sophie und Lotte kommen aus der fiktiven "Bauernschaft" Aulbach im Süthland. In der Oberstufe wird ihre Freundschaft ...

Nach vier Jahren Funkstille treffen sich die drei Freundinnen Sophie, Lotte und Romy wieder.
Sophie und Lotte kommen aus der fiktiven "Bauernschaft" Aulbach im Süthland. In der Oberstufe wird ihre Freundschaft von Romy gestört, einer Zugezogenen aus München. Großstadtsozialisation und Akademikereltern treffen auf Dorföffentlichkeit und Sophies Provinzverlegenheit. Die Dreierfreundschaft wird schnell kompliziert und zerbricht schließlich vollständig.

Die Prämisse des Debütromans von Marie Menke hat mich sofort fasziniert: heiße Sommertage, obsessive Freundinnenschaften, das Großwerden auf dem Land, und die Reflektion dieser Adoleszenz in der antiklimatischen Großstadtumgebung.

In der Umsetzung kamen mir die Charaktere und ihre Handlungsgründe jedoch leider zu kurz.
Auch Elemente eines Jugendromans konnte der Roman irgendwie nicht abschütteln. Vielleicht ist da auch nicht so leicht als Roman über das Erwachsen werden und einer Protagonistin mit so tief verankerten Komplexen aus ihrer Jugend. Konflikte und Handlungssträngewurden meist nur angerissen und nie vollständig fertig gedacht. Auch der Auflösung am Ende fehlte Raum für emotionale Verarbeitung.

Dennoch gelang der Autorin eine feinfühlige Sprache und komplexe zwischenmenschliche Dynamiken, die möglicherweise in einer längeren Geschichte eindrücklicher nachhallen würden.
Besonders Sophie, mit ihrer Vernarrtheit in Romy und ihrer "Großstadtobsession", ist eine faszinierendeProtagonistin. Ihre Beziehung zu Romy ist ambivalent und ähnelt zeitweise Vernarrtheit, genauso wie Ressentiment, Neid und Kränkung. Romy verkörpert gleichzeitig das Versprechen der Großstadt und erinnert an Sophie an ihre gegenteilige Lebensrealität.

Auch wenn mich der Roman nicht vollständig überzeugen konnte ist er eine kluge und lebensnahe Darstellung vom Leben auf dem Land und brüchigen Freundinnenschaften.

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