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Veröffentlicht am 21.01.2026

Geheime Sehnsüchte oder der Alltag nach der Orionzeit

Die Liebe, später
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Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt ...

Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt auch noch drin, ein Metier, das die Autorin ja bekanntlich gut beherrscht, wenn man an ihre Kommissarin Judith Krieger denkt. Für mich ist die Autorin aber vollkommenes Neuland, nun hat mich dieser Roman neugierig gemacht auf frühere Werke.
Worum geht es im Buch? Kora, um die 60, Journalistin, verheiratet mit Anselm seit etwa 20 Jahren, an Wochenendehe gewöhnt, selbständig und frei, hatte ein Herz-OP. Das hat sie aus der bewährten Bahn geworfen wie ein Tsunami, sie sucht, nachdem sie sich recht gut erholt hat, ihre neue Mitte, eine neue Art zu leben. Dass ihr Ehemann, wohl aus reiner Solidarität, sich in Frührente begeben und nun zu Hause sein neues Betätigungsfeld gefunden hat, ist Koras Seelenzustand nicht gerade zuträglich. Denn Anselm ist schon recht speziell und nun hat er sich einen großen Teich für ihren kleinen Garten in den Kopf gesetzt, um seine geliebten Libellen zu beobachten und ihnen eine Heimstatt zu bieten. Schon etwas schräg, seine Marotten.
Kora versucht auf Zeit dem zu entkommen, beginnt mit einer Reise zu ihrer ehemaligen Dozentin Gabriella, die 85. Geburtstag feiert, und steigt vorher bei ihrem jungen Freund und Bekannten Felix ab. Dass ihr die erste Autofahrt allein etwas aufs Gemüt schlägt, das kann ich gut verstehen. Bei Felix jedenfalls hängt der Haussegen nicht nur schief, er ist in Panik, seine Frau Leonie ist weg. Einfach so, von einem Moment auf den anderen. Die Bayrischen Berge im Winter können da schon Angst machen, ist ihr etwas passiert? Die Frage zieht sich durch das ganze Buch.
Kora aber will nicht so recht ran an eine Sendung zur vermissten Leonie, sie will nicht wieder neu anfangen mit der Journalistentätigkeit, den Talkshows, will frei und unabhängig entscheiden können, was sie macht und wie. Etwas hinderlich ist ihre ununterbrochene Grübelei, sie lässt in langen Sequenzen die „Orionzeit“, ihre Operation, ihren Krankenhausaufenthalt, die Reha immer wieder wie einen Film im Kopf laufen. Erinnert sich sehr an Anselm, der so besorgt und liebevoll war in dieser Zeit. Und trotzdem nervt er sie jetzt, da alles überstanden scheint.
Kora, die von ihrem Vater eine Wohnung in Berlin geerbt hat, nutzt diese als Rückzugsort, beginnt alte Freundschaften wiederzubeleben, aber auch die traurigen Gedanken an die vergangene Zeit, an verlorene Liebe, verlorenes Kind, verlorene Freunde. Bei all dem bleibt sie aber trotzdem die klar und strukturiert denkende Journalistin, macht sich immer wieder neue Aufzeichnungen über genau fünf Dinge, die ihr zu einer Problematik einfallen. Man lernt Kora und Anselm auf diese Weise sehr genau kennen, ihre Gemeinsamkeiten und das, was sie nicht gemeinsam haben. Für Anselm ist das alles zu viel, schon mitten im Teichbau wirft er alles hin und verschwindet ins „Grüne“. Wo er charaktermäßig wunderbar hinpasst.
Mehr will ich über die Handlung nicht preisgeben, das Buch liest sich trotz der Brüche, der wechselnden Orte und Zeiten sehr angenehm flüssig, die Autorin hat eine sehr pointierte und prägnante Sprache, es liest sich einfach „echt“. Das ist es sicher auch, der Roman ist in Teilen autofiktional, was das Ganze umso berührender macht. Die Autorin weiß also genau, worüber sie schreibt, wie einen die eigenen Gedanken ebenso nerven können wie die eigenen Schwächen. Ganz abgesehen von denen der anderen.
Obwohl mir das Cover beim ersten Hinschauen gut gefallen hat, passt es nicht zur Hauptfigur Kora, eher könnte ich es mit der verschwundenen Leonie in Verbindung bringen. Das verwendete Bild heißt Im Gartenatelier, das Grün des Umschlags passt insgesamt gut zu Koras engem Verhältnis zum Garten. Das Orange des Umschlagtitels spiegelt sich im Vorsatzpapier, das Grün im Hardcover. Gut gelungen. Die Textgestaltung gefällt mir auch gut - die fetten Initialen (erste zwei, drei Worte) zu Beginn eines neuen Textabschnitts, die mit dieser Auszeichnungsschrift korrespondierenden Seitenzahlen lockern den Satz angenehm auf, nur für Brillenträger könnte der Text einen Punkt größer gesetzt sein.
Fazit: ein empfehlenswerter Roman, für mich mit 71 war er sicher leichter zu verstehen und berührte mich sehr, als das bei Lesern mit 30, 40 oder 50 der Fall wäre. Aber für alle ist etwas dabei, das zum Nachdenken anregt. Die Frage, was kommt später, was kommt noch alles auf mich oder uns zu, die bewegt Kora und Anselm im Buch, in der Wirklichkeit bewegt sie wahrscheinlich jeden.
5 Sterne
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Es gibt auch liebenswerte Adrenalinmenschen

Am Hang des Todes
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Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach ...

Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach langer Weltreise der Kommissar der Polizia di Stato Johann Grauner. Der Ispettore Saltapepe und seine Assistentin Tappeiner, unterdessen ein echtes Ehepaar und doch immer noch Partner bei kriminalistischen Ermittlungen, wollen die Gunst der Stunde nutzen und eine Auszeit auf einer Berghütte nehmen. Was auch für den Neapolitaner Saltapepe unterdessen nicht mehr ungewöhnlich ist, der hat sich nämlich an die Bergwelt gewöhnt und fährt auch ganz passabel Ski. Aber wie das so ist mit der Planung in Polizeikreisen, es kommt etwas dazwischen, kaum sind die beiden oben angelangt an ihrer Hütte.
Einer Toter auf der Piste jagt alle von ihren Plätzen, es ist der talentierte Skirennfahrer Philipp Ungerer, den es mitten im Weltcup-Rennen umgehauen hat. Und das kurz vor Weihnachten, mitten im schönsten Südtirol, auf den schönsten Abfahrthängen der Saslong. Wer Südtirol kennt, verspürt wahrscheinlich wie ich die ganze Zeit ein Fernweh sondergleichen, Koppelstätter lässt den Leser mitfühlen, mitrutschen, hinfallen und wieder aufstehen. Aber der Tote steht leider nicht wieder auf, er ist nicht nur gestürzt, er wurde erschossen, so präzise, dass es schon (oder schön?) unheimlich wird. Die Polizisten begeben sich auf die Spuren aller, die mit dem jungen Ungerer zu tun hatten, zuerst seine Eltern, dann der ehemalige, nun verschwundene Skikamerad Armin Waldsteiner, und dessen Eltern, dann noch andere, immer mehr Verdachtsmomente kommen auf. Einzig über jeden Verdacht erhaben ist die alte Frau Mulser, die so fantastische Preiselbeermarmelade fabriziert und verschenkt.
Koppelstätter schreibt sich richtig in Fahrt, es wird spannend und das Ermitteln ist mit einigen Tücken verbunden, mir hat das Lesen solchen Spaß gebracht, es hätte sich noch etwas hinziehen dürfen. Dass Grauner zwischendurch den Staatsanwalt Belli um Frühpensionierung bittet, hat mir die Freude etwas getrübt, ich hoffe bis nächstes Weihnachten überlegt sich der Autor das doch noch einmal anders. Dies war der 11. Fall, da könnte das Dutzend ja noch voll werden. Nur bitte demnächst wieder ohne Spendenaufrufe.
Fazit: Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Dieser ganze Familienkram

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich ...

Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ haben mich begeistert. Die Autorin ist unheimlich nah und emotional an ihren Figuren, sie fesselt den Leser, ohne auf verrückte Pointen setzen zu müssen. Es geht eher still zu in ihren Büchern, so auch in diesem mit dem etwas umständlichen Titel „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“, aber es geht unter die Haut, es berührt das Herz, wie sie ihre Geschichte entwickelt. Es scheint fast, als würde sich die Geschichte ohne äußeres Zutun ganz von allein entfalten und von einem kleinen bunten Stück Leinwand zu einem großen Lebensbild werden.
Worum geht es in diesem Buch? Zuerst lernt man das Mädchen Marlen kennen, die dem Todesstrudel von Demmin entkommen ist, nun aber nur noch an eine ertrunkene Mutter und einen mit ihr in die Tiefe gezogenen kleinen Bruder denken kann. Marlen ist Waise und sie ist klein, fast durchsichtig, aber unheimlich stark. Diese innere Stärke wird sie von den ersten Seiten des Buches bis zu seinem Ende tragen. Ich liebe diese Figur, sie hat sich mir tief eingeprägt.
Aber Marlen ist nur eine von vielen Protagonisten, die uns Alena Schröder präsentiert. Marlen lernt 1945 in einem alten Forsthaus bei Güstrow die „Krähenfrau“ Wilma kennen, die sie vor den Russen rettet. Wilma ist die Ehefrau von Jon Engels, DEM Jon Engels, wie es in Güstrow hieß, er war ein bekannter Maler, aber er landete wie viele andere im Krieg und im Kriegsgefangenenlager in der SU. Das stellt sich aber erst später heraus. Wilma ist also allein, hat aber Brurgel, die alte Haushälterin, die schon Jon die Windeln wechselte. Wilma nimmt Marlen mit in ihr Haus, gibt ihr eine Unterkunft und wird sie später adoptieren. Es entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft, wie sie so wohl noch nicht in einem Roman beschrieben wurde. Mir ist jedenfalls keiner bekannt.
Die Zeiten wechseln im Buch, einerseits wird die Entwicklung von Marlen über viele Jahre bis 1961 geschildert, andererseits springt die Handlung zwischen 1989 (im Prolog), Marlens Güstrow und 2023 hin und her. 1989 lernt Marlen im Aufnahmelage Marienfelde die Ärztin Dr. Evelyn Borowski kennen, sie hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren. Zufällig stellen die beiden Frau eine Gemeinsamkeit fest, beide lebten in Güstrow. Das Kennenlernen endet abrupt, aber im Kopf von Evelyn Borowski gehen die Gedanken hin und her. Es ist Weihnachten, ihre Tochter Silvia wird sie mit Enkelin Hannah besuchen. Und damit beginnt Hannahs Part in diesem Roman. Hannahs Familien- und Lebensgeschichte werden aus der Sicht des Jahres 2023 betrachtet und was Hannah erinnert und denkt, setzt ein Wechselspiel der Gefühle in Gang. Hannah ist mit 35 Jahre die Einzige, die übriggeblieben ist in ihrer kleinen Familie, die Großmutter und die Mutter sind beide verstorben, der Vater nicht existent. Bis zu dem Moment, in dem er sich in Erinnerung bringt, mit einem riesigen Blumenstrauß und einem mystischen Gruß von Martin Klammer auf Papa Klammer zu.
Damit ist der Beginn der Familiengeschichte weit genug beschrieben, ich kann jedem, der solche gern liest, dieses Buch wärmstens empfehlen. Sehr oft warte ich sehnsüchtig darauf, dass Romane irgendwann zum Ende und auf den Punkt kommen. Bei Alena Schröder habe ich gänzlich gegensätzliche Empfindungen. Ich bin tatsächlich traurig, dass dieses Buch schon zu Ende ist. Es enthält so viel Lebensweisheit und -freude, so viele Szenen, bei denen man sich direkt zugehörig fühlt, sich hingezogen fühlt zu den Protagonisten, sei es zu Marlen, sei es zu Hannah, ich kann davon gar nicht genug bekommen.
Alena Schröder beschreibt aber nicht nur die Hauptfiguren mir viel Einfühlungsvermögen, es sind auch die Nebenfiguren, die sich zu interessanten Charakteren entwickeln. Um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, bleibe ich hier im Vagen.
Marlen ist es auch, die ich zu meiner Lieblingsfigur in diesem Roman erkoren habe, ihre Liebe und Achtung zu Wilma, auch zu Brurgel, ihr Verantwortungsgefühl für die beiden, die stärker sind als alles andere, ich habe sie tatsächlich dafür bewundert. Sie ist die wahre „Drachenreiterin“ in diesem Buch.
Fazit: Die schöne, schnörkellose Sprache der Autorin ließ mich mit großem Vergnügen diesen Roman erleben. Wenn Lesen zum Erlebnis wird, hat das Buch auf jeden Fall sein Ziel erreicht.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Hoffnungsschimmer trotz Mord und Hungerwinter

Die weiße Nacht
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Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin ...

Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin noch kein Buch gelesen, obwohl sie bereits mehrere Romanreihen verfasst hat. Aber ich kenne und liebe ein Hörbuch von ihr, „Meine Freundin Lotte“, die Geschichte der Malerin Lotte Laserstein.
Anne Stern ist selbstbewusst und ergreift mit ihrem neuen Kriminalroman erneut die Chance, sich einzureihen in die Kriegs- und Nachkriegsromane z. B. von aktuellen Schriftstellern wie Volker Kutscher, Cay Rademacher, Carmen Korn oder Mechthild Bormann. Ich sehe aber auch eine Verwandtschaft zu der frühen Nachkriegs- oder Trümmerliteratur, die teilweise schon kurz nach Kriegsende die Thematik der Überlebenden, der Opfer, der Täter aufgriff, von Schuld und Sühne, von Verbrechen und Rache erzählte, als Beispiel nenne ich Heinrich Böll oder Siegfried Lenz. Diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bewegt sicher nicht nur mich, ich habe viel darüber gelesen und auch selbst recherchiert, es finden sich immer wieder neue Aspekte, die betrachtet werden. Mein Vater kam im Mai 1945 nach zehnjähriger Zuchthaushaft aus Görden nach Berlin, mein Onkel nach der Kriegsgefangenschaft aus Italien. Mich erinnern die Erlebnisse in Die weiße Nacht deshalb auch sehr an die Recherchen, die ich zu diesem Zeitabschnitt durchführte. Ich bin selbst auch in Berlin nach dem Krieg geboren, so dass ich viele der genannten Orte gut kenne. Einschließlich der Heilanstalt Wittenau, in der meine jüdische Großtante einige Monate in den 1930er Jahren verbrachte. Der T4-Aktion entging sie noch, dem Holocaust nicht. Diese persönliche Nähe zu den Orten und Ereignissen fesselt mich bei der Rezeption solcher Bücher, ich kann mitdenken und mitfühlen, entwickle auch eine Vertrautheit zu den Protagonisten.
Anne Stern hat ihren Roman aufgebaut auf Morden, die zuerst nur dem äußeren Anschein nach zusammenhängen. Die Todesart und die ähnlich inszenierten Auffindeorte sagen aber noch nichts aus über Hintergründe, Motive und schlussendlich den Täter.
Die zwei wichtigsten Protagonisten – aus dem Titel als Lou und König zu erkennen, geraten in einen Strudel von Ereignissen, die nicht vorhersehbar sind. Lou, das ist die Fotografin Lou (eigentlich Marielouise Faber), und König, das ist Alfred König, Kriminalkommissar der Berliner Polizei, lernen sich unvermittelt kennen, weil Lou in den Trümmern der Großstadt eine Frauenleiche findet. Dass ihre Fotos am Ende die einzigen vom Tatort sind, weil die Ausrüstung der Polizei eher dürftig ist, bringt die Story weiter voran. Spät, fast zu spät findet sie ein Detail, das zur Aufklärung des Falles führt. Darüber schreibe ich nichts mehr, der Kriminalfall sollte für alle, die lesen oder hören, auf jeden Fall so spannend sein wie für mich.
Anne Stern ist in der Lage, ihre Protagonisten zu lebendigen Personen zu machen, in die man sich hineinversetzen und mit denen man mitfiebern und mitleiden kann. Was mich jedoch etwas irritierte, ich gehe davon aus, dass das die Absicht der Autorin ist, das ist die Figur des deutschen Wehrmachtsoldaten Gregor, der in einem russischen Kriegsgefangenenlager versucht, seine Flucht vorzubereiten. Wer ist dieser Gregor? Das weiß man als Leser/Hörer auch am Ende noch nicht, so ungewisse, zusammenhanglose Details in einem Roman gefallen mir persönlich nicht besonders. Gregor ist aber nicht die einzige offene Stelle im Buch, auch das Schicksal von Justus, einem noch sehr jungen, aber gewitzten Berliner Schwarzhändler, bleibt offen, wie auch das Schicksal von Lous Ehemann. Auch um Lou wabern die Geheimnisse ihrer Herkunft und Lebensgeschichte. Da das alles trotz (wegen?) der Aufklärung des Falles nur angerissen wird, muss ich mich wohl gedulden, bis der nächste Teil der Reihe „Lou und König“ erscheint.
Anne Stern schreibt in einem gut lesbaren/hörbaren Stil, manchmal ist er mir aber doch etwas zu pathetisch. Was mir aber gefällt, sie beschreibt Situationen authentisch und miterlebbar, wir leben heute zumeist in so wohlig warmen behüteten Verhältnissen, dass uns dieser Hungerwinter 1946/1947 wie ein lange zurückliegendes böses Märchen erscheint. Schauen wir nur ein paar Tausend Kilometer nach Osten, ist es in der Ukraine heute bittere Realität, die Menschen dort müssen russischen Bombenangriffen und Kälte trotzen, aber auch dort gibt es etwas, was man den Menschen nicht nehmen kann: Hoffnung. Ohne diese hätten auch unsere Vorfahren die bitteren Jahre kaum überstanden. Das ist etwas, was ich mitnehme aus diesem Roman, denn er gibt auch mir Hoffnung.
Das Cover von Buch und Hörbuch passt perfekt! Der Blick durch die Kameralinse auf das zerstörte Berliner Stadtschloss, davor „fliegende“ Kinder auf einem Kettenkarussell. Hier beginnt der Blick von Lou in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das weiß man zwar vorher noch nicht, aber für mich schließt sich hier der Kreis. Gut gelungen!
Das bezieht sich nur aufs Hörbuch! Julia Nachtmann liest den Roman in gewohnt empathischer Art, dass sie manchmal Silben verschluckt, sei ihr bei 12 langen Lesestunden verziehen.
Fazit: Diese 12 Stunden wurden eine sehr spannende Reise in die Vergangenheit. Gern mehr davon.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Gennat beschwört noch einmal die guten alten Ermittlermethoden

Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku’damm
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Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow ...

Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow liebevoll recherchierte Biografie kenne und besitze ich. Nun kommt dieser Krimi hinzu und ich liebäugele schon mit anderen Büchern der Autorin. Sie hat sich wohl mit Leib und Seele den alten Berliner Kriminalfällen verschrieben, so dass ich voll auf meine Kosten komme. Denn sie verbindet „True Crime“ und Fiktionales auf ganz wunderbare Weise. Ein bisschen Berliner Schnauze und viel Lokalkolorit sind auch dabei, für mich als gebürtige Berlinerin eine Freude.
Der Fall des Raubmords am Ku’damm könnte jederzeit und überall so passiert sein, Kriminelle finden immer Mittel und Wege, seien sie noch so verschlungen, um an Geld zu kommen. Diesmal hat es den Boten eines Reisebüros erwischt, der mit der gut gefüllten Geldbombe nach Feierabend zur Bank gehen wollte. Zwei finstere Gestalten bringen ihn zu Fall, entreißen ihm die Tasche mit dem Geld und schießen auf ihn. Der Bote namens Schröter verstirbt und es ist ein Fall für die Mordermittler unter Regierungsrat Ernst Gennat. Eine breitgefächerte Suche nach den Tätern beginnt.
In den Kriminalfall eingewoben hat die Autorin eine fiktionale Erzählung rund um Lissy und Max Kaminski, ein jüdisches Berliner Ehepaar, das in der schlimmsten Krise seiner Ehe steht, die Entscheidung „gehen oder bleiben“ im Berlin des Jahres 1936. Zwar hat das Hitlerregime für die Zeit der Olympischen Spiele, winters wie sommers, die öffentlich sichtbaren Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung zurückgefahren, aber der Druck bleibt bestehen. Die Kaminskis – befreundet mit Ernst Gennat und auch mit dem Wiener Journalisten Hawliczek, der gerade in Berlin weilt – , und deren erwachsene Kinder bereits in Paris leben, müssen sich entscheiden. Lissy will lieber sofort emigrieren, Max eher gar nicht. Und Hawliczek ist der Meinung, dass „soetwas“ wie in Deutschland in Österreich nie passieren würde. Aus heutiger Sicht ein fataler Trugschluss. Aber ungeachtet dessen ist Lissy bereit, Gennat bei seinen Ermittlungen tatkräftig zu unterstützen.
Bei den Ermittlungen wird ein ganzes Kaleidoskop an Berliner Alltagsszenen eröffnet, die Autorin lässt den Leser hinter die Kulissen schauen, bei den Armen wie bei den besser Betuchten, sie zeichnet herrlich schnoddrige Berliner Originale, sie lässt Gennat genüsslich Kuchen essen und seine Sekretärin umgarnen, lässt beide Kaffee schlürfen und laut denken. Es macht einfach Spaß, zu lesen, wie sich die Schlinge um die Ku’damm-Mörder langsam zuzieht, auch wenn hin und wieder etwas auf Abwege gerät.
Ernst Gennat ist vielen sicher ein Begriff, seine Mordauto-Erfindung ist legendär, seine Leibesfülle ebenso. Gennat wird schon 1939 mit nur 60 Jahren sterben, aber hier im Buch löst er auf jeden Fall den Fall. Regina Stürickow liefert, man könnte sagen, man bekommt, was man bestellt hat, einen tollen Kriminalroman.
Zur Buchgestaltung: Das Cover würde mich im Buchladen sofort zum Zugreifen animieren! Der nostalgische Blick zur Gedächtniskirche wird zurückgeworfen vom ein wenig grimmig schauenden Buddha. Die Umschlagklappen sind etwas breit geraten, sie haben mich beim Lesen eher gestört. Aber eigentlich verschenkter Platz: Hier hätte eine Berlinkarte mit markierten Schauplätzen in der vorderen Innenseite des Covers für Nichtberliner hilfreich sein können. Nicht jeder Thüringer kennt den Leopoldplatz, nicht jeder Bayer die Charité.
Die Typografie (des gedruckten Buches) ist einerseits sehr großzügig angelegt, sehr breite Stege, die sind ungewohnt, kein Goldener Schnitt. Wenn man vom Platz auf der Seite ausgeht, hätten Grundschrift und insbesondere der Durchschuss gern einen Punkt größer sein können. Das ist aber absolut subjektiv und fließt nicht in meine Bewertung ein, denn Käufer eines eBooks können die Typografie ja selbst verändern.
Fazit: Ein historischer Berlin-Krimi, der nicht nur den beschriebenen Mordfall löst, sondern auch die Geschichte der 1930er Jahre in Berlin einbezieht. Von mir eine Leseempfehlung und fünf Sterne.

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