Profilbild von dr_y_schauch

dr_y_schauch

Lesejury Star
offline

dr_y_schauch ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dr_y_schauch über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.03.2026

Wunderbar böse

Der Rache Glanz
0

Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache ...

Wenn ich von einer souveränen Leserin und um Objektivität bemühten Rezensentin zur sensationslüsternen, nach Gossip gierenden Hyäne werde – dann liegt das an Maud Venturas großartigem Roman „Der Rache Glanz“.

Die Story ist rasch zusammengefasst: Von Kindesbeinen an verfolgt Cléo nur ein einziges Ziel: berühmt zu werden. Und sie ist nicht nur bereit, alles dafür zu tun – sie tut es auch. Egal, um welchen Preis. Egal, wer dabei auf der Strecke bleibt. Und der Erfolg gibt ihr fatalerweise recht – und das ist, wie die Ich-Erzählerin Cléo freimütig einräumt, „das Beste und das Schlimmste, was einer Narzisstin passieren kann“.

Und damit sind wir auch schon beim Kern der Genialität dieses Romans: Mit Cléo hat die Autorin eine hinreißend unsympathische Protagonistin geschaffen, die aus ihrem Egoismus, ihrer Eitelkeit und ihrem erbarmungslosen Aufstiegswillen keinen Hehl macht. Dass ihre Persönlichkeit sich dabei zusehends aufspaltet in ein Öffentlichkeits- und ein privates Ich, dass sie diejenigen vor sich respektiert und jene hinter sich ignoriert, dass selbst der größte Erfolg nie genug ist und sie nach immer mehr verlangt – nun ja, so ist das halt auf dem Olymp, nicht wahr?

Und da alle Ereignisse aus Cléos ganz persönlicher Sicht geschildert werden, konnte ich gar nicht anders, als mich von Zeile zu Zeile immer mehr auf die Seite dieses moralisch verkommenen, egozentrischen Biests zu schlagen – ein erzählerisch grandioser Kniff, der bei mir voll aufging … vom verblüffenden Ende ganz zu schweigen.

Fazit: Ein wunderbar böser Roman, der den ausufernden Starkult mit skalpellscharfer Klinge seziert. Für mich ein Highlight!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.01.2026

Ein durch und durch außergewöhnliches Werk

Schamrot
0

„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales ...

„Ich habe angefangen, aufzuschreiben, wie alles begann. Wie meine Mutter sich die Lippen mit meinen Augen färbte.“

Wenn eine außergewöhnliche Künstlerin und preisgekrönte Lyrikerin ein autofiktionales Buch schreibt (oder vielmehr erschafft) – dann kann daraus nur etwas ganz Besonderes werden. Und es ist mir beinahe unmöglich, eine Rezension zu verfassen, die diesem einzigartigen Werk gerecht wird. Doch ich will es wenigstens versuchen.

Stellt euch ein Kind vor, das feinsinnig und sensibel ist, gesegnet mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe und einem unbändigen Staunen über die Welt, durch die es wandelt, tänzelt, manchmal auch mit den Füßen stampft oder der großen Schwester wie ein Schatten folgt. Ein Kind, das Wörter sammelt. Ein Kind, das Angst vor dem frühen Tod hat.

„Wenn es zu dunkel wird, fehlen der Nacht die Sterne. Sie landen auf dem Teppich vor dem Bett.“

Und nun stellt euch vor, wie dieses Kind in den Fünfziger-, Sechzigerjahren am Niederrhein aufwächst, an einem Ort und zu einer Zeit, als Frauen und Mädchen im Haus Schürzen trugen und montags „große Wäsche“ war. Wo Streitereien zwischen den Eltern wortlos ausgetragen wurden. Und Söhne wertvoller waren als Töchter. Ländliche Idylle und verkrustete Ansichten – und gleichzeitig ein Ort, an dem Träume und Fantasien gedeihen können. Zur Not kann man immer noch im Märchen leben ...

„Schamrot“ ist ein durch und durch ungewöhnliches Buch – wobei der Terminus „Buch“ ungeachtet seiner physischen Gestalt zu kurz greift. (Und schon gar nicht ist es ein Buch, das man „mal eben nebenher“ liest.) „Schamrot“ ist ein eigener Kosmos, in den ich hineingezogen wurde; eine wort-, bild- und wortbildgewaltige Collage, die mich vollkommen gefangen genommen, bisweilen sanft belustigt und mitunter zu Tränen gerührt hat. Große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.01.2026

Das Leben erklärt am besten das Leben

Ausgewechselt
0

Zweiunddreißig Jahre Seite an Seite. Vier gemeinsame Kinder. Und dann verlässt ein Mann seine Frau. Wegen einer anderen. So weit, so alltäglich, möchte man seufzen. Ein typischer Fall von Midlife-Crisis, ...

Zweiunddreißig Jahre Seite an Seite. Vier gemeinsame Kinder. Und dann verlässt ein Mann seine Frau. Wegen einer anderen. So weit, so alltäglich, möchte man seufzen. Ein typischer Fall von Midlife-Crisis, klar. Da wird die Ehefrau kurzerhand – nun ja, „ausgewechselt“ …

Dass dieses Phänomen zur Lebensmitte, das man landläufig „Midlife-Crisis“ oder (weitaus profaner) „Wechseljahre“ nennt, existiert, daran dürfte kaum jemand zweifeln. Viel interessanter ist indes: Wie erleben die Betroffenen diese Phase, die sie mal mehr, mal weniger stark trifft, die das bisherige Leben durcheinanderwirbelt und mitunter erbarmungslos über den Haufen wirft?

Dieser Frage geht Doreen Mechsner in „Ausgewechselt. Gespräche über die Lebensmitte“ nach. Dort kommen acht Männer und acht Frauen zu Wort, die jeweils ihre eigene buchstäblich wechselvolle Geschichte erzählen, die ihre Gedanken und Gefühle, ihre Hoffnungen und Ängste mitteilen. Dass die sehr persönlichen Erlebnisse nicht in – pardon – Betroffenheitskitsch oder Selbsthilfequark abgleiten, ist der stilistischen Souveränität und sprachlichen Versiertheit der Autorin zu verdanken, die den Erfahrungen ihrer Gesprächspartner:innen ebenso behutsam wie feinsinnig Form verleiht. Alle Berichte könnten von einem selbst, der eigenen Schwester, dem besten Freund stammen. Und genau darin liegt die Stärke des Buches, denn es zeigt: Das Alltägliche ist nicht banal. Es ist traurig und freudvoll, berührend und erhellend, bewegend und ermutigend. Und das Leben erklärt am besten – das Leben selbst.

Große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.12.2025

Ein wunderbarer, überraschend tiefgründiger Roman

Liaisons
0

Lauren und Jean sind … sagen wir: grundsätzlich glücklich verheiratet. Das Appartement in Paris ist elegant und wohnlich zugleich, die Karrieren solide, das Leben hat es alles in allem gut mit ihnen gemeint. ...

Lauren und Jean sind … sagen wir: grundsätzlich glücklich verheiratet. Das Appartement in Paris ist elegant und wohnlich zugleich, die Karrieren solide, das Leben hat es alles in allem gut mit ihnen gemeint. Was Lauren indes nicht davon abhält, eine Affäre mit ihrem jüngeren Kollegen Maxime einzugehen. Maxime wiederum ist mit der rundum perfekten Nadia verheiratet, die schön ist und intelligent und sexy. Und die ihr Leben absolut im Griff hat, n’est-ce pas?! Und dann ist da noch Emma: Studentin und Freigeist, ungebunden und auf ebenso ungezwungene wie unvermeidliche Weise betörend.

Dieses Figurentableau begegnet uns in dem hinreißenden Roman „Liaisons“ von Céline Robert (übersetzt von Alexandra Baisch). Er beginnt leichtfüßig und subtil-klug ironisch, und er könnte durchaus so bleiben und wäre ein charmanter, verführerischer Roman über das Leben, Lieben und ein bisschen Leiden kapriziöser Großstädter:innen. Ein bisschen Coco Chanel, ein bisschen Annie Hall. Doch darin erschöpft sich – und man möchte ausrufen: „Gott sei Dank!“ – Céline Roberts Erzähltalent keineswegs. Denn was als luftiger, nonchalanter Liebesreigen beginnt, entwickelt sich zu einem vielschichtigen Roman, der die psychologischen Tiefen (und Untiefen) seiner Figuren auslotet. Der ihnen in ihre komplizierten Seelen blickt, ihre Verletzlichkeit und Unvollkommenheit offenlegt – ungeschminkt und liebevoll. Nachsichtig und pointiert.

Ein wundervoller Roman über dieses komplexe Geflecht, das man Liebe nennt. Oder menschliche Beziehungen – eben: „Liasons“. Wunderschön. Und sehr französisch.
Und mit einem der besten Romananfänge, den ich seit Langem lesen durfte:

„Jean sitzt auf dem grauen samtbezogenen Sofa vor dem Fenster. Es ist Abend geworden und das Wohnzimmer wird von kleinen Lampen erhellt, die den Perserteppich und die historischen Karten an den Wänden in gedämpftes Licht tauchen. In das Bücherregal mit den Hunderten chaotisch aufgetürmten Büchern sind Lautsprecher mit Holzgehäuse eingepasst, aus denen ‚Porgy and Bess‘ von George Gershwin ertönt. ‚Müssen wir wirklich in so einem Scheiß-Woody-Allen-Film leben?‘, fragt sich Lauren.“

Sehr, sehr große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.10.2025

Ein rundum gelungenes Krimi-Debüt!

Spicy Files
0

Ach, es ist ja so eine Sache mit Regionalkrimis …

Mich beschleicht bisweilen das Gefühl, dass manche Autorinnen dieses Genres sich mit Engagement und Verve an die Sache machen, ambitioniert einen soliden ...

Ach, es ist ja so eine Sache mit Regionalkrimis …

Mich beschleicht bisweilen das Gefühl, dass manche Autorinnen dieses Genres sich mit Engagement und Verve an die Sache machen, ambitioniert einen soliden Plot und interessante Figuren ausarbeiten, einen handwerklich fundierten Spannungsbogen aufbauen … um dann ihre Story an einem ebenso reizvollen wie beliebigen Ort anzusiedeln, über den sie überdies (mit Verlaub) allenfalls das wissen, was der Reiseführer / die Wörterbuch-App / das Klischee hergibt. Ein Schuss Lokalkolorit, und fertig:

Da spaziert der Ermittler morgens bei strahlendem Sonnenschein zum Bistro, begrüßt die Bedienung mit drei „bisous“, trinkt seinen Café au Lait und isst ein Croissant, sagt „Merci“ und „Au revoir“ – und könnte genauso gut abends im Pub bei Ale und Shepherd’s Pie den Dartspielern zusehen, während sich draußen über dem Meer ein Sturm zusammenbraut. Es könnte St Ives sein oder Saintes-Maries-de-la-Mer. Pittoresk? Auf jeden Fall! Aber leider auch sehr, sehr austauschbar …

Natürlich gilt das nicht für alle Autor
innen von sogenannten Regionalkrimis, das möchte ich hier ausdrücklich betonen. Es gibt sehr viele, die nicht nur eine profunde Ortskenntnis besitzen, sondern auch einen tiefen Einblick in die Mentalität der dort ansässigen Menschen haben, die sich mit der Geschichte des Landes ebenso gut auskennen wie mit seinen politischen Verhältnissen. Zu ihnen zählt ohne jeden Zweifel Dominique Elsaesser.

Mit „Spicy Files“ hat Elsaesser ein Krimi-Debüt vorgelegt, das man nur als in jeglicher Hinsicht gelungen bezeichnen kann: Ein liebenswerter, auf charmante Art etwas verpeilter Protagonist; ein spannender, alles andere als alltäglicher Fall, der sowohl in die Tiefen des Brüsseler Politikbetriebs als auch weit in die Vergangenheit Belgiens führt; ein Handlungsort, der weit mehr ist als die Zentrale der europäischen Bürokratie – und den Elsaesser, das merkt man in jeder Zeile, so gut kennt wie die sprichwörtliche Westentasche.

Und darum geht’s:
Dieser Fall ist kein Fall, sondern buchstäblich ein Un-fall – davon ist jedenfalls Marcels Chef überzeugt. Der Tote ist zu Hause von der Leiter gefallen, ein leider tödlicher Sturz, nun ja, das kommt vor. Doch Marcel, Inspektor bei der belgischen Police Fédérale, mag das nicht so recht glauben. Sein Instinkt sagt ihm unmissverständlich, dass da etwas oberfaul ist. Und so beginnt er kurzerhand, auf eigene Faust – oder wie man in Brüssel sagt: „en stoemelings“ – zu ermitteln. Schon bald stößt er auf handfeste Indizien, die seinen Anfangsverdacht bestätigen. Das vermeintliche Unfallopfer war alles andere als ein Unschuldslamm und hat so manche bedeutsame Persönlichkeit gegen sich aufgebracht. Liegt hier ein mögliches Tatmotiv? Die Angelegenheit zieht immer weitere Kreise, doch Marcel sind offiziell nach wie vor die Hände gebunden. Wie gut, dass ihm sein Freund Jules zur Seite steht … und die hinreißende Historikerin Malaika.

Mein Fazit: „Spicy Files“ ist ein kluger, vielschichtiger Krimi, der regionale, politische und geschichtliche Aspekte miteinander verbindet und dabei so unterhaltsam und leichtfüßig erzählt wird, dass ich förmlich durch die Seiten geflogen bin. Kurzum: ein gelungenes Krimi-Debüt!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere