Optisch eine Freude
Zwischen den WeltenDas Buch weiß schon auf den ersten Blick durch sein ungemein gelungenes Titelbild zu verzaubern und einen hervorragenden Eindruck von der im Inneren zu erwartenden Bildqualität zu geben. Auch das Format ...
Das Buch weiß schon auf den ersten Blick durch sein ungemein gelungenes Titelbild zu verzaubern und einen hervorragenden Eindruck von der im Inneren zu erwartenden Bildqualität zu geben. Auch das Format erfreut – die Seiten sind quadratisch, was ich ungewöhnlich und sehr ansprechend finde, die Größe gefällt mir ebenfalls. Zusammen mit dem festen Einband hat man hier umgehend einen wertigen Eindruck. Ich habe es genossen, dieses Buch in Händen zu halten. Auch der Preis ist für das, was man erhält, mehr als in Ordnung. Schade ist, dass es in einer Plastikverpackung ausgeliefert wird. Eine solche ist bei Büchern völlig unnötig und somit vermeidbarer, überflüssiger Plastikmüll. Das ist nicht nur an sich ärgerlich, sondern auch im Hinblick auf die recht ausführliche Erklärung zum Thema Umweltschutz, die sich auf der Verlagswebsite befindet und die darlegt, welch ein Anliegen dem Verlag Umweltschutz ist. Dort steht u.a. „Bücher und Briefe versenden wir ohne Plastik.“
Die angenehme optische Gestaltung setzt sich auch im Buch fort. Jedes Foto nimmt den Großteil einer Seite ein, manche Fotos ziehen sich über eine Doppelseite. Man kann die Fotografien also in erfreulicher Größe genießen – und ein Genuss sind sie wirklich. Gelegentlich finden sich Zitate, die ausgezeichnet zu den jeweiligen Motiven passen und in ansprechender Schrifttype und Farbe dargeboten werden. Die Fotos selbst sind ausgezeichnet! Annie Bertram versteht ihr Handwerk. Die Motive sind toll gewählt, die Blickwinkel und gesetzten Akzente künden von einem guten Blick und jedes Bild strahlt Atmosphäre aus. Wie das Vorwort schon sagt, jedes Bild erzählt seine eigene Geschichte. Ich habe mir für das Durchblättern viel Zeit genommen, bin bei jedem Bild verweilt, habe mir die dahinterliegenden Geschichten vorgestellt, bin in der Atmosphäre versunken. Die Bildunterschriften verraten hin und wieder etwas über den entsprechenden Ort, sind aber in der Hinsicht knapp gehalten und ziemlich vage. Hier stehen die Fotografien und die Stimmung im Vordergrund, nicht die Informationen. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem, dass man fast nie erfährt, um welches Gebäude es sich eigentlich handelt. Auch Ortsangaben, die über Länder oder Gegenden hinausgehen, gibt es kaum. Das finde ich schade, ebenso wie die Tatsache, dass es sehr Italien-lastig ist. Nichts gegen Italien, aber bei „Verlassene Orte in Europa“ hatte ich mir – auch wenn der Titel faktisch richtig ist – mehr Ländervielfalt erwartet. Letztlich funktioniert die Mischung aus aussagekräftigen, eindringlichen Fotografien und eher sparsamen Informationen aber natürlich auch und lässt Raum für eigene Gedanken, Interpretationen.
Jeder Bildunterschrift ist ein passender Begriff vorgestellt, wie „Salve“, „Rotunde der Wütenden“ oder „Blue Chapel“ – auch das schafft und unterstützt das Stimmungsvolle der Fotografien. Warum die Mehrzahl dieser Begriffe auf Englisch ist, erschließt sich mir nicht, auch war ich etwas verdutzt, dass ein Zitat von Konfuzius auf Englisch wiedergegeben wird. Englischsprachige Zitate sind nachvollziehbar, wenn es sich beim Original um Englisch handelt, aber warum das chinesische Original ins Englische und nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist nicht nachvollziehbar.
Insgesamt finde ich sowohl die Zitate wie auch die Bildunterschriften aber gelungen – jedenfalls abgesehen von dem großen Manko des unglaublich schlampigen Lektorats. Es gibt eine bunte Mischung zahlreicher Fehler, die sowohl von erheblicher Unachtsamkeit wie auch Unkenntnis grundlegender Schreibweisen künden. Symptomatisch war die Stelle mit gleich drei Fehlern in zwei Wörtern (davon allein zwei in einem Wort!): „While a dissapear“, oder die Seite mit lauter falschen Apostrophs und Stellen wie „ANNIE’sPortfolio“, also mit falschem Apostroph und fehlendem Leerzeichen direkt hintereinander. Das ist in dieser Häufung nicht akzeptabel, hat mir das Lesen der eigentlich ansprechenden Texte ziemlich verleidet und zeugt von äußerst geringer Sorgfalt. Wenn nur ein bis zwei Sätze auf einer Seite stehen, ist es eine Kleinigkeit, diese so Korrektur zu lesen, dass sie fehlerfrei sind (und die reinste Negativleistung, so viele Fehler zu übersehen). Das ist besonders schade, weil es das Vergnügen an den Texten beeinträchtigt, die an sich eine exzellente Begleitung der Fotografien darstellen. Sie berichten ein wenig über die jeweiligen Gebäude, gelegentlich persönliche Eindrücke, sogar ein wenig Familiengeschichte, haben teils auch eine schöne, melancholische Atmosphäre, die gut zu den Motiven passt.
Es ist schade, dass das schlechte Lektorat einen solch großen Wermutstropfen darstellt, denn abgesehen davon ist „Zwischen den Welten“ ein herrliches Buch: wertige, liebevolle optische Gestaltung, unaufdringliche und erfreuliche Textbegleitung durch Bildunterschriften mit persönlicher Note und gut gewählte Zitate, gekrönt von stimmungsvollen, gekonnten Fotografien.