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Veröffentlicht am 20.01.2026

Würdelos und kaum zu begreifen

Waldmann
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Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die den ersten Satz unseres Grundgesetzes einfach nicht beachten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Daran musste ich denken, als ich von Flüchtlingen ...

Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die den ersten Satz unseres Grundgesetzes einfach nicht beachten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Daran musste ich denken, als ich von Flüchtlingen aus der Ukraine und im selben Atemzug von Menschenhandel und Zwangsprostitution gelesen habe.
Ein schweres, hochbrisantes und aktuelles Thema, das Thomas Ziebula in seinem Roman behandelt. Ein dreckiger Sumpf, in den sich Waldmann begeben muss, nachdem er in die Bonner Mordkommission Bonn zurückgekehrt ist. Dass seine Frau vor einigen Jahren auf einem Basar im nigerianischen Lagos plötzlich verschwunden war, ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.
Die Journalistin Pia Luninger wendet sich an Waldmann. Sie arbeitet an einer Reportage über Menschenhandel und Zwangsprostitution mit dem Titel „Spurlos“. Dann ist da noch Susanne, eine angebliche Sozialarbeiterin, die versucht, von Zwangsprostitution betroffenen Frauen zu helfen.
Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Ziebula erzählt aus mehreren Perspektiven. Mit den recht kurzen Kapiteln wechseln Orte, Zeit und Personen. Lange hatte ich Probleme damit, dass Protagonisten zu Beginn eines Kapitels nicht namentlich benannt, sondern nur mit "er" oder "sie" beschrieben wurden. Das hat mich in meinem Lesefluss behindert und auch keine echte Spannung aufkommen lassen.
Nachdem ich allerdings etwa die Hälfte des Buches gelesen hatte, mochte ich es nicht mehr beiseitelegen. Zu groß waren die Angst und die Vorstellung, was geschehen sein könnte und doch hoffentlich nicht geschehen sein mag. Zu nah an der Wirklichkeit ist die Geschichte, als dass mich das Erzählte hätte kalt lassen können. Dass es über Länder und Grenzen hinweg so menschenverachtende Verbindungen gibt, ist einfach furchtbar und kaum zu begreifen.

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Veröffentlicht am 31.10.2025

Die letzte Versuchung

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Sie beginnt im Gefängnis, wo die Hauptprotagonistin Angelika von einer Autorin besucht wird, die Angelikas Geschichte in ein Buch bringen will. Ob die ...

Die Geschichte wird rückblickend erzählt. Sie beginnt im Gefängnis, wo die Hauptprotagonistin Angelika von einer Autorin besucht wird, die Angelikas Geschichte in ein Buch bringen will. Ob die Autorin Vea Kaiser ist oder nur ausgedacht, erkenne ich ebenso wenig, wie ich eine Antwort darauf bekomme, ob es die Geschichte wirklich gegeben hat. Zumindest fühlt es sich für mich so an, was ich der Kunst der Autorin zuschreibe.
Mehrmals wird Angelika von der Autorin besucht. Diese Kapitel sind in Kursivschrift geschrieben und tragen die Überschrift „Unterhaltungen in der Josefstadt“. Bei den Besuchen erzählt Angelika – oft nur bruchstückhaft – aus ihrem Leben: wie sie vaterlos aufgewachsen ist bei ihrer Mutter, einer Hausbesorgerin im Gemeindebau, wie und mit wem sie ihre Freizeit verbracht hat, wie ihr Leben als Buchhalterin in dem Nobelhotel Frohner sich gestaltete, wie plötzlich die Versuchung da war.
Es ist ein unaufgeregtes Erzählen, doch für mich ein merkwürdiges Lesegefühl. Ich begleite Angelika mit gemischten Gefühlen, wobei meine Sympathie für sie nicht immer die Oberhand behält. Und obwohl ich weiß, wo es für Angelika endet, muss ich mitansehen, wie sie langsam, aus unterschiedlichen Gründen, getrieben wird und abgleitet. Trotzdem hoffe ich immer wieder, dass sie den Absprung noch rechtzeitig schafft…
Das Ende ist so besonders wie die rückblickende Erzählung, und es gefällt mir gut. Die Erlebnisse aus Angelikas Berufsleben und auch die Blicke in das Leben und Treiben in einem Nobelhotel habe ich interessiert gelesen, und auch in ihrem Privatleben wurde es nie langweilig. An einigen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass es nicht ganz so langsam vorangeht, aber insgesamt hat mich das Buch gut unterhalten, so dass ich es gern weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Geschichten aus dem Leben

halb angekommen
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„Es ist okay, diesen Schmerz zu fühlen. Es ist okay, nicht zu wissen, warum das passiert ist. Es reicht, wenn du akzeptierst, dass es so ist.“

In dem kleinen handlichen Buch mit etwa 270 Seiten gibt es ...

„Es ist okay, diesen Schmerz zu fühlen. Es ist okay, nicht zu wissen, warum das passiert ist. Es reicht, wenn du akzeptierst, dass es so ist.“

In dem kleinen handlichen Buch mit etwa 270 Seiten gibt es 24 Kurzgeschichten, die von Zweifeln, von Hoffnung, vom Lieben und vom Loslassen erzählen.

In der Geschichte „Die Reise zur Gelassenheit“ ist das Zitat, das ich oben angeführt habe. Ich habe es ausgewählt, weil es mir an einigen Stationen meines Lebens ähnlich ging: den Schmerz fühlen, nicht wissen warum, und ihn doch akzeptieren. Ich mag es, über Geschichten nachzudenken.

Eine weitere Geschichte, die ich sehr gern gelesen habe, ist „Vincent“. Sie führt mich in das Leben van Goghs, von dem ich schon einiges gelesen habe und den ich für einen faszinierenden Menschen und großartigen Künstler halte. Hier konnte ich ihm mal wieder ganz nahe sein.

Es sind unterschiedliche Erzählungen. Manche nehmen mich ganz mit, bei anderen fühle ich mich eher so, wie der Titel es sagt: „halb angekommen“. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn es mit KI, mit der „Künstlichen Intelligenz“ zu tun hat. Diesem Thema stehe ich immer noch eher skeptisch gegenüber.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Auch die Aufmachung ist super mit dem handlichen Format, dem großen Zeilenabstand und den unterschiedlichen Schriftarten. Sehr angetan war ich, als ich am Ende ein paar Informationen gefunden habe zu Diana Ruban, der Künstlerin, die das wunderschöne Cover geschaffen hat, und zu Benjamin Scheidt, der dieses Buch geschrieben und veröffentlicht hat.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Ganz persönlich und warmherzig

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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Yeonhwa erbt von ihrer Großmutter das „Hwawoldang“, eine kleine Konditorei für koreanisches Gebäck. Sie muss das Geschäft mindestens vier Wochen lang weiterführen und es darf nur von 22 Uhr bis Mitternacht ...

Yeonhwa erbt von ihrer Großmutter das „Hwawoldang“, eine kleine Konditorei für koreanisches Gebäck. Sie muss das Geschäft mindestens vier Wochen lang weiterführen und es darf nur von 22 Uhr bis Mitternacht geöffnet haben.

Es ist eine ungewöhnliche Aufgabe, auf die Yeonhwa sich einlässt, denn ihre Kunden sind Verstorbene, die nicht nur kleine Küchlein kaufen, sondern Yeonhwa damit beauftragen, die Gebäckstücke und dazu kleine Nachrichten an ihre lieben Hinterbliebenen zu liefern.

Die Kunden bringen ihre eigenen Geschichten mit, die sie Yeonhwa erzählen. Durch diese ganz persönlichen Geschichten bekommt der Roman Lebendigkeit und einen ganz besonderen Reiz. Das hört sich jetzt vielleicht paradox an, weil ja Verstorbene erzählen und ich von Lebendigkeit spreche, aber genauso wirkt es auf mich.

Die Autorin Lee Onwha schreibt, wenn es um Yeonhwa und das Hwawoldang geht, in einem – so empfinde ich es – eher nüchternen Ton. Nüchtern war wohl auch das Verhältnis zwischen Yeonhwa und ihrer Oma, denn warum wusste Yeonhwa nichts über das Geschäft und warum hatten die beiden sich so wenig zu sagen?

Ganz anders ist der Schreibstil, wenn Lee Onwha die Toten ihre Lebensgeschichte erzählen lässt. Er ist von großer Warmherzigkeit geprägt, ist ergreifend und steckt voller Liebe. Diese persönlichen Geschichten gefallen mir ausnahmslos, und wie wichtig es den Verstorbenen ist, ihren Liebsten noch unbedingt bestimmte Dinge sagen zu wollen, ist total berührend.

Neben dem Cover, das ein Bild des Hwawoldang zeigt (aber was macht die Katze dort?), sind auch die Innenseiten des Umschlags liebevoll gestaltet. Mit einem orangefarbenen Hintergrund, den Lampions, den Kirschblüten und dem herzlichen Willkommensgruß fühle ich mich sehr wohl auf meiner Reise in eine fremde Welt. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 15.08.2025

Es sollte eine Zeit der Hoffnung sein

Der Sommer am Ende der Welt
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„An manche Dinge sollte man sich nicht erinnern müssen“
Hauptprotagonistin der Geschichte ist die Journalistin Hanna, die in einem Artikel über sogenannte Verschickungskinder berichten will, die in den ...

„An manche Dinge sollte man sich nicht erinnern müssen“
Hauptprotagonistin der Geschichte ist die Journalistin Hanna, die in einem Artikel über sogenannte Verschickungskinder berichten will, die in den Sechzigerjahren in einem Kinderkurheim auf Borkum schlimme Erfahrungen gemacht haben und dabei seelisch zutiefst verletzt worden sind.
Hanna reist zu Recherchezwecken nach Borkum. Sie wohnt mit ihrer Tochter in dem Hotel, das früher ein Kinderkurheim war. Von hier aus führt sie auch Telefongespräche mit Sabine, die selbst vor 60 Jahren eines der Verschickungskinder war.
Durch diese Gespräche mit Sabine, die aus dem Heimalltag berichtet, spielt die Geschichte in zwei verschiedenen Zeitebenen. Rein äußerlich sind sie durch verschiedene Schriftarten gut zu unterscheiden.
Was Sabine zu berichten hat, lässt meinen Atem stocken und in ganz schlimmen Momenten fast das Blut in den Adern gefrieren. Was mich besonders schwer betroffen gemacht hat, ist allein die Vorstellung, dass die Kinder dort ihren Namen abgeben mussten und nur noch Nummern waren. Nummern, die zum Beispiel essen mussten, was ihnen vorgesetzt wurde – und um jeden Preis musste der Teller leer gegessen werden, sonst …
Es ist schlimm und fast nicht zu glauben, wie unmenschlich die Kinder von einigen der Betreuerinnen und Betreuern behandelt worden sind. Zum Glück gab es aber auch Menschen wie Louise, durch die den Kindern wenigstens ab und zu liebevolle Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde.
Die Geschichte, die Eva Völler schreibt, ist fiktiv, doch überall in Deutschland hat es in den Sechzigerjahren und weit darüber hinaus Kinderkurheime gegeben, in denen Kinder Dinge wie diese erzählten erlebt haben.
Lange hat mich das Buch nicht losgelassen, bis zu dem Augenblick, der schon in der Buchbeschreibung zu lesen ist: Das Tagebuch einer ehemaligen Betreuerin wird Hanna zugespielt, es ergeben sich Hinweise auf ein Verbrechen, Hanna versucht die Wahrheit ans Licht zu bringen. Damit habe ich nach etwa zwei Dritteln des Buches leider den Zugang zur Geschichte verloren. Es ging weiter zurück in die Vergangenheit. Alles, was dann kam, wirkte für mich „überladen“, ich war nicht mehr in der Geschichte, für mich war es eine andere geworden, eine, die ich in diesem Zusammenhang nicht gebraucht hätte.
Ich gebe trotzdem die Empfehlung, das Buch zu lesen, das die Zeit der Verschickungskinder beschreibt. Vielleicht ist die Geschichte nur für mich „überladen“.

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