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Veröffentlicht am 19.04.2026

Wurzeln, Freiheit, Heimat

Die Riesinnen
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„Die Riesinnen“ ist ein Buch, das einen festen Platz in meinem Regal bekommen wird, ein Buch, das ich mehr als einmal lesen möchte. Es hat mich ganz und gar aufgesogen und mich mit einem Buchkater zurückgelassen, ...

„Die Riesinnen“ ist ein Buch, das einen festen Platz in meinem Regal bekommen wird, ein Buch, das ich mehr als einmal lesen möchte. Es hat mich ganz und gar aufgesogen und mich mit einem Buchkater zurückgelassen, so gut hat es mir gefallen.

Doch was genau hat mir so gut gefallen? Zum einen die Geschichte dreier Frauengenerationen, die ein wenig anders sind, nicht in der Mitte, sondern eher am Rand einer Gemeinschaft stehen, aber bei sich sind, auch wenn das nicht leicht für sie ist. Sie suchen ihren Platz, eine Heimat, einen Ort, wo sie Wurzeln lassen können, aber auch frei sein können. Das ist eines der Hauptthemen für mich in diesem Buch.

Es ist ohne Pathos, aber sprachgewaltig erzählt. Man fühlt die Sprachlosigkeit, in der besonders Liese lebt. Eine Frau mit geradem Rücken und Prinzipien, die nicht viele Worte braucht und mit ihrer großen Wut zu kämpfen hat.

Alle drei Frauen verbindet ihre äußerliche Andersartigkeit, ihr gerade Rücken und die Liebe zur Natur zum Wald, der für alle drei ein Anker ist. Dort gehen sie hin, wenn sie traurig, wütend oder was auch immer sind. Er gibt ihnen Ruhe, die Möglichkeit, wieder in sich zurückzukehren, wenn sie sich zwischendurch mal verlieren und schenkt ihnen Kraft. Das mag sich jetzt kitschig anhören, ist es aber nur, weil ich nicht so schöne Worte wie Hannah Häffner dafür finde.

Liebe spielt auch eine Rolle in dem Buch, ganz besonders die Liebe der Frauen zueinander, die Mutter-, Großmutter- und Enkeltochterliebe, aber auch das Liebenlernen eines Kindes. Es ist nicht immer einfach für die einzelnen Frauen und jede hat ihre ganz eigenen Herausforderungen. Das macht das Buch auch noch einmal besonders. Es wird nicht dieses eine Schicksal immer weiter vererbt, sondern sie sind ganz eindeutig äußerlich verwandt und kämpfen auch jede auf ihre Weise um Freiheit und ihren Platz im Leben, aber jede hat ihr Thema.

Die Entwicklung von den 60er Jahren bis zur Jetztzeit mitzuerleben, ist spannend. Liese, die unter gesellschaftliche Konventionen zu leiden hatte, Cora, die eine große Freiheit erleben durfte und immer wieder zweifelte, ob sie ihre Welt wirklich so klein wie Wittenmoos lassen sollte und dann Eva, die ganz anders über ihr Leben entscheiden kann, als es Mutter und Großmutter konnten und die die Generationen verbindet.

Es gibt interessante Nebenfiguren, die sich durchs Buch ziehen und man wünscht sich, dass so manches Geheimnis aufgeklärt wird, dass zwischen den Zeilen schwebt. Da ist nichts künstlich Inszeniertes, keine glückliche Fügung, die aufgesetzt wirkt, es wirkt so wirklich. Schicksalsschläge werden nicht locker überwunden, sondern lassen die Figuren mit inneren Narben zurück, mit denen sie leben lernen müssen. Es gibt Entscheidungen, vor denen so einige schon gestanden haben und die nicht leicht waren.

Als das erzählt in einer für mich ungewöhnlich schönen Sprache, in die ich einfach eingetaucht bin und die mich mit ihren Wechseln von spröde bis zu ganz gewaltig begeistert hat. Eine der großen Stärken liegt für mich in den Naturbeschreibungen, in denen ein Gewitter spürbar wird oder der Wald wie ein lebendiges Lebewesen erscheint.

Es ist einfach eine richtige gute Geschichte, die mich zum genau richtigen Zeitpunkt gefunden hat. Eine ganz große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Freundschaft im Alter

Ein Wochenende
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Jude, Adele und Wendy treffen sich wie jedes Jahr in Sylvies Strandhaus, um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Doch dieses Jahr ist es anders, Sylvie fehlt, sie ist gestorben und die drei Freundinnen ...

Jude, Adele und Wendy treffen sich wie jedes Jahr in Sylvies Strandhaus, um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Doch dieses Jahr ist es anders, Sylvie fehlt, sie ist gestorben und die drei Freundinnen treffen sich, um das Haus zu entrümpeln.

Schon bei der Beschreibung der Anreisen wird klar, dass es ausreichend Konfliktpotential und Ungeklärtes zwischen den hart an der 70 kratzenden Freundinnen gibt.

Jude, distanziert und bossy, daran gewöhnt zu bestimmen, trägt seit Jahren ein Geheimnis mit sich herum. Adele, noch ganz gut in Schuss, aber Geld- und frisch Beziehung-los, ist in einer Gedankenschleife um sich selbst gefangen und die intellektuelle Feministin Wendy hadert mit ihrer schlechten Beziehung zu ihren Kindern und dem Missfallen von Jude, die nicht begeistert ist, dass Wendy ihren dem Enten Hund Finne mitbringt.

Sylvie hat die ungleichen Frauen zusammengehalten und während sich Schrank für Schrank leert, wird deutlich, was die Frauen trennt und was sie noch zusammenhält.

Sie kennen sich in und auswendig, sprechen schonungslos aus, was sie übereinander denken und sind doch füreinander der Fels in der Brandung.

Charlotte Wood gelingt es, dies ohne Pathos zu erzählen, sondern bleibt bissig witzig dabei. Viele von uns werden sich da wieder finden und schmunzeln und das Gefühl der Dankbarkeit für lebenslange Freundschaft nachvollziehen können, auch wenn man sie ab und an auf den Mond schießen könnte.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Big Brother trifft auf Social-Media-Kultur

Die Unbußfertigen
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10 Internetgrößen mit Ranking-Faktor 10 auf der Haımlık App werden unter Vortäuschung eines exklusiven Wochenendes in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen.

Mit dabei eine Mom-Bloggerin, die aus ihrem ...

10 Internetgrößen mit Ranking-Faktor 10 auf der Haımlık App werden unter Vortäuschung eines exklusiven Wochenendes in ein abgelegenes Herrenhaus eingeladen.

Mit dabei eine Mom-Bloggerin, die aus ihrem Familienleben Geld macht, Natasch, die Fitness-Influencerin mit dem heißesten Hintern des Landes (der Pfirsich ist nicht ohne Grund auf dem Cover) und Lady Wisdom, die ihren Ruhm auf schwurbeligen Ratschlägen aufgebaut hat. Die Herren der Schöpfung sind auch vertreten, alle bis auf Marco, Nataschs Freund und Manager, tun sich in den Kommentarspalten durch Frauenhass, rechte Parolen, Belästigung Minderjähriger, Fremdenhass u. ä. hervor.

So weit, so gut. Doch mit Ankunft im Herrenhaus geht es ans Eingemachte, es wird kein Luxus-Wellness-Wochenende, sondern Seelenstriptease. Nach und nach verschwindet ein Mitglied dieser illustren Runde nach dem anderen und es wird den noch im Haus Verbleibenden nicht gesagt wohin.

Alles wird live übertragen via Haımlık TV und nach ihrem Ausscheiden müssen sich die Hausinsassen dem Publikum stellen.

Elina Penner hat mit "Die Unbußfertigen" einen echten Banger geschrieben, witzig und auf den Punkt beschreibt sie die Internetkultur und die Freude daran, andere beim Leben zu beobachten. Doch geht es weit über Unterhaltung hinaus, sie kritisiert auch unsere Gesellschaft und unseren Umgang mit den aus dieser Kultur entstehenden Problemen. Die einen stellen sich öffentlich zur Schau, die anderen kippen ihre schlechten Gefühle ins Netz und ein Großteil hat aufgegeben und schaut voyeuristisch zu.

Eine ganz große Leseempfehlung an alle, die viel im Internet unterwegs sind und auch an alle anderen! Es war eines meiner Lese-Highlights 2025 - allein schon, weil die Autorin den Zeitgeist verbal auf den Punkt bringt!

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Veröffentlicht am 23.01.2026

Über das Unsägliche schreiben

Roman eines Schicksallosen
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In "Roman eines Schicksallosen" geht es ums Überleben, ums Überleben der Schrecken von Ausschwitz und Buchenwald.

Der ungarische Autor Imre Kertész erzählt die Geschichte eines 14-Jährigen, der erst nach ...

In "Roman eines Schicksallosen" geht es ums Überleben, ums Überleben der Schrecken von Ausschwitz und Buchenwald.

Der ungarische Autor Imre Kertész erzählt die Geschichte eines 14-Jährigen, der erst nach Ausschwitz und dann nach Buchenwald und ins Arbeitslager Zeitz deportiert wird und die Lager überlebt.

Der Roman beginnt damit, dass der Vater des Jungen, György Köves, Vorbereitungen trifft, da er weiß, dass er in eines der Arbeitslager kommen wird. Schon bald wird auch der Junge zum Arbeitsdienst eingeteilt und irgendwann nach Ausschwitz verschleppt, wo er sich als 16-Jähriger ausgibt, der arbeiten kann. So kommt er dann nach Zeitz.

György ist ein Junge, dessen Beschreibungen erst einmal sehr naiv und angepasst wirken. Er ist sehr gehorsam und es wirkt so, als ob er vieles, was um ihn herum passiert nicht versteht. Nach und nach wird die Situation auch im Arbeitslager schlimmer - die sowieso nicht gute Versorgung schlechter und es besteht immer die Möglichkeit körperlicher Gewaltanwendung. Der Junge wird krank und schafft es wie durch ein Wunder auf die Krankenstation in Buchenwald und bleibt dort bis zur Befreiung.

Das Buch geht an menschliche Grenzen und beschreibt das Überleben des Unsagbaren, des Schicksals, das nicht das eigene ist, sondern ein von außen aufgezwungenes Schicksal. Und darum dreht es sich. Wie damit leben, wie es überleben?

Es ist keine leichte Kost, aber ein wichtiges Buch, großartig übersetzt von Christina Viragh. Imre Kertész beschreibt die Grenzen, an die der Junge György gebracht wird und lässt auch die Zeit nach der Befreiung nicht außen vor. Denn da beginnt ein neuer Kampf für ihn - die, die zuhause überlebt haben, wollen alles vergessen und auch ihn davon überzeugen, aber wie soll das gehen?

Das Buch hat mich emotional mitgenommen und ich habe es zum Glück nicht alleine gelesen, sondern hatte jemanden, mit dem ich mich dazu austauschen konnte.

Trotzdem, oder besser gerade deshalb empfehle ich es, denn mehr denn je gilt Hashtag#NieWiederIstJetzt und dieses Buch macht das noch einmal sehr deutlich.

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Veröffentlicht am 23.01.2026

Wie die Karnickel

Wie die Karnickel
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Sie sind vegan, friedlich, auf das Gemeinwohl orientiert und bevorzugen das Matriarchat und damit das Gegenteil von dem, was die Menschheit bis zu dem spontanen anthropomorphenden Ereignis kannte und lebte. ...

Sie sind vegan, friedlich, auf das Gemeinwohl orientiert und bevorzugen das Matriarchat und damit das Gegenteil von dem, was die Menschheit bis zu dem spontanen anthropomorphenden Ereignis kannte und lebte.

Bei diesem Ereignis wurden 18 Kaninchen vermenschlicht, sie konnten sprechen und auf zwei Beinen gehen und wurde nach anfänglicher Skepsis erst freudig und freundlich aufgenommen, doch irgendwann schlug dies in Fremdenhass und Ablehnung ihrer ach so ungewöhnlichen Lebensweise um.

Ein halbes Jahrhundert später lebt der Großteil in abgegrenzten Kolonien, nur wenige Kaninchen dürfen noch außerhalb leben. Doch das reicht den Humansupramisten nicht, sie wollen eine große Umsiedlung in eine eigens abgegrenzte Region in Wales, wo die Kaninchen in ihren Niedriglohnjobs fürs britische Volk arbeiten darf, aber das Leben der Menschen nicht mehr durch ihren täglichen Anblick stört.

Peter Knox, der Protagonist des Buches, lebt bislang vor sich hin, ist sich sicher, dass niemand von seiner eigentlichen Tätigkeit weiß (er ist für alle nur ein langweiliger Buchhalter), als plötzlich seine alte Studienkollegin Conni wieder in sein Leben tritt und alles verändert. Conni ist ein vermenschlichtes Kaninchen und taucht plötzlich in der Bücherei auf, in der Peter ehrenamtlich arbeitet.

Eins kommt zum anderen, natürlich zieht Conni mit ihrer Familie neben Peter ins frei gewordene Haus, Peters Tochter Pippa freundet sich mit Connis Tochter an und irgendwie steht Peter vor der Entscheidung, ob er nichts macht oder alles daran setzt, dabei zu helfen, den Plan der Umsiedlung zu sabotieren.

Hört sich für eine der für Fforde typischen Parallelwelten sehr real an? Ist auch so gedacht vom Autor. Es ist eine Satire, sehr nah an der Realität, mit der er der britischen und auch anderen Gesellschaften den Spiegel vorhält. Leider ist das Buch mit seinem Fokus auf Fremdenhass, Rassismus und Populismus aktueller denn je und allein deshalb schon lesenswert.

Es ist aber auch ein richtiger Fforde mit detailverliebten Beschreibungen der Parallelwelt, in der Karotten für Kaninchen eine ähnliche Wirkung wie ein Joint haben können, der Verzehr von Salatherzen ein erotisches Erlebnis verursachen kann und vermenschlichten Wieseln und Füchsen noch eine besondere Rolle zuteil werden.

Politische Realität verpackt in eine unterhaltsame Geschichte - für Fforde-Fans ein Muss!

Großartig übersetzt von Miriam Neidhardt.

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