All das Ungesagte zwischen uns.
Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat ...
Schon der Titel „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ trägt eine Spannung in sich: etwas Leichtes, Helles – und zugleich das Gefühl, dass sich darunter etwas verschiebt. Dita Zipfels Roman hat mich genau mit dieser Mischung sofort angesprochen. Auch die Umschlagsgestaltung mit ihren hellen Farben und dem gelben Kanarienvogel in Bewegung verstärkt diesen Eindruck. Nichts steht still, nichts ist eindeutig – und genau darin liegt eine große Kraft dieses Buches.
Was als entspannter Pärchen-Urlaub beginnt, entpuppt sich schnell als emotionales Minenfeld. Felix lädt seinen besten Freund Matze und dessen Partnerin Linn zu einem gemeinsamen Urlaub nach Frankreich ein. Auf den ersten Blick scheinen die Rollen klar verteilt: Felix, der wohlhabende Selfmade-Man, seine schöne Frau Eva und ihre beiden Kinder. Ihnen gegenüber stehen Linn und Matze, ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch, gefangen in einer laufenden Fertilitätsbehandlung. Doch diese scheinbare Klarheit bröckelt schneller, als man es erwartet.
Denn Zipfel interessiert sich nicht für einfache Gegensätze. Sie legt Schicht um Schicht frei, bis deutlich wird, wie fragil diese Konstellation ist. Alte Muster greifen, neue Dynamiken entstehen, Blicke und Gedanken verschieben sich. Der Urlaub wird zur Bühne, auf der Nähe, Neid, Begehren und Verletzlichkeit ungeschützt aufeinandertreffen.
In seiner Form liest sich der Roman fast wie ein Theaterstück: konzentriert, verdichtet, ohne Ausweichbewegungen. Der begrenzte Raum verstärkt die Spannung, kurze Abschnitte und eine präzise, mitunter schneidende Sprache treiben das Geschehen voran. Besonders überzeugt hat mich der Perspektivwechsel, der vor allem den beiden Frauen Raum gibt und den Text emotional unmittelbarer macht.
Was mich dabei besonders berührt hat, sind die unausgesprochenen Momente. Das, was zwischen den Zeilen liegt, wirkt oft stärker als das Gesagte: roh, ungeschönt, manchmal beinahe unangenehm nah. Dieses Buch will nicht gefallen – es fordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.
Alle Figuren tragen ihre eigenen Verletzungen und Geheimnisse mit sich, und keine von ihnen bleibt unberührt.
Besonders eindrucksvoll ist das Spiel mit Eigen- und Fremdwahrnehmung: Eva leidet unter ihrem veränderten Körper und dem Verlust von Leichtigkeit, während sie auf Linn eine fast hypnotische Anziehung ausübt. Linn wiederum bewundert genau das, was Eva an sich selbst nicht mehr sehen kann – ihre Schönheit, ihre scheinbare Mühelosigkeit, ihre gelebte Mutterschaft. Gleichzeitig beneidet Eva Linn um ihre Stärke, ihre Klarheit und ihre kreative Selbstverständlichkeit.
Zwischen den beiden Frauen entsteht eine Spannung, die zugleich anziehend und abstoßend ist und die Frage offenlässt, ob jenseits der Männerfreundschaft ein eigenes Band möglich ist.
Auch die Beziehung zwischen Matze und Felix geht tiefer, als bloße Loyalität aus Jugendtagen erklären könnte. Alle Figuren wirken auf verstörende Weise miteinander verstrickt – gefangen in sich selbst und doch unauflöslich verbunden, fast wie ein einziger Organismus.
„Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ ist ein Roman, der lange nachhallt. Vordergründig verhandelt er Themen wie Mutterschaft, Kinderwunsch und die Angst davor. In der Tiefe aber geht es um Selbstbilder, Begehren, Neid und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Nähe fast immer auch Verlust bedeutet.
Dita Zipfel erzählt diese Geschichte kompromisslos und mit großer Genauigkeit.
Ein Buch, das nicht tröstet – sondern bewegt, verunsichert und genau deshalb überzeugt.