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Veröffentlicht am 25.03.2026

Mehr als ein spannender Reisebericht

Wasser, Felsen, Wut
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Ich lese Reiseberichte aller Art wirklich unglaublich gerne. Und am liebsten natürlich abenteuerliche Outdoor-Reiseberichte von Frauen, die sich richtig was trauen.
Sara Pütter ist so eine Frau und ihr ...

Ich lese Reiseberichte aller Art wirklich unglaublich gerne. Und am liebsten natürlich abenteuerliche Outdoor-Reiseberichte von Frauen, die sich richtig was trauen.
Sara Pütter ist so eine Frau und ihr Reisebericht „Wasser, Felsen, Wut“ trägt den vielversprechenden Untertitel „Mein Weg zu mir durch Kanadas Wildnis“. Pütters Geschichte ist nämlich nicht nur ein Reisebericht, sondern auch die Geschichte einer persönlichen Entwicklung.

Pütter steht nach ihrem Studium ganz am Anfang ihres Berufslebens und fühlt sich zunehmend frustriert von den verkrusteten Strukturen unserer unflexiblen Gesellschaft. Die klassische Arbeitswelt mit ihren starren Arbeitszeiten und Hierarchien lässt ihr wenig Raum für Kreativität und Weiterentwicklung. Und auch nicht für Abenteuer.

Pütters Schwester ist schon als kleines Kind gestorben und das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens hat sich bei ihr früh eingeprägt.

„Ich habe meine Kindheit überlebt, und deshalb muss ich immer weiterkämpfen, darf niemals aufgeben und muss meine Talente so gut wie möglich nutzen. Das ist meine Bürde und meine Bestimmung.“

Pütter kauft ein One-Way Ticket nach Vancouver und lässt alles hinter sich. Sie möchte Freiheit und Abenteuer.
Auf ihrer Reise durch Kanada schließt sie überraschende Freundschaften, aber macht auch unangenehme Bekanntschaften. Mit Männern.

Sie lernt den wesentlich älteren Jack kennen, einen schweigsamen und erfahrenen Wildnisgänger und Jäger, und beginnt eine Beziehung mit ihm. Als er ihr anbietet ihn und seinen Neffen auf einen längeren Trip durch die Wildnis British Columbias zu begleiten, sagt sie zu.

Die Beschreibungen des sich anschließenden Outdoor-Abenteuers haben mir unheimlich gut gefallen und ich bin Pütter aufgeregt in die Natur gefolgt. Pütter erzählt von den Details und Schwierigkeiten der Reise genauso wie von den Dynamiken in der Beziehung zwischen ihr und den beiden Männern, die sie begleitet. Und sie erzählt natürlich von der unendlichen Weite der unberührten Natur, in der sie sich bewegen und deren Elementen sie völlig ausgeliefert sind.
Pütter realisiert außerdem, dass sie nicht nur der Natur völlig ausgesetzt ist, auch von Jack ist sie völlig abhängig, was für ein ungleiches Machtverhältnis in der kleinen Gruppe sorgt.

Pütter, die heute als freiberufliche Künstlerin, Illustratorin und Grafikdesignerin arbeitet, schreibt in ihrem Buch sehr ehrlich über ihre Gefühle, über die Beziehung zu Jack und was die Reise für ihre persönliche Entwicklung bedeutete.

Ich bin dankbar, dass Pütter ihre Geschichte aufgeschrieben hat und mich so daran teilhaben ließ. Ich habe die abenteuerlichen Leseauszeiten, die mir das Buch geschenkt hat, sehr genossen.
Wenn du auch gerne autobiographische Reiseberichte liest, ist „Wasser, Felsen, Wut“ auf jeden Fall eine Empfehlung für dich.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Vielschichtiger und spannender Roman

Der Film
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Von dem Buchcover war ich erst irritiert. Warum so verpixelt und schwer erkennbar?
Jetzt habe ich den Roman beendet und finde es genau richtig, weil er Eiríksdóttirs Thema perfekt widerspiegelt.

Kristín ...

Von dem Buchcover war ich erst irritiert. Warum so verpixelt und schwer erkennbar?
Jetzt habe ich den Roman beendet und finde es genau richtig, weil er Eiríksdóttirs Thema perfekt widerspiegelt.

Kristín Eiríksdóttir zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen Islands und „Der Film“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman.
Er ist ein multiperspektivisches Puzzle über die Frage, ob es so etwas wie eine wahre Geschichte gibt und ob eine solche heute noch darstell- und vermittelbar ist. Aktueller geht es im Zeitalter von Social Media eigentlich nicht mehr.


»Es sind nur Geschichten, und sobald etwas zu einer Geschichte geworden ist, ist es nicht mehr wahr. Das Einzige, was wahr ist, ist das Hier und Jetzt, dreidimensional, man kann es einatmen, aber noch nicht analysieren oder verstehen.«

Den größten Teil des Romans nimmt Eiríksdóttirs Erzählerin Villa ein. Sie erzählt als einzige aus der Ich-Perspektive und sitzt zu Beginn des Romans in einem Interview über ihren polarisierenden Dokumentarfilm über das Leben und den Alltag eines Walfängers. Villas Film, der das sowieso kontrovers diskutierten Thema Walfang aufgreift, steht in der Kritik, dass er auf das Leben des Walfängers Dimmi, der auch ein Gewalttäter ist, zu empathisch eingeht und somit seine Taten relativiert.
Jetzt muss sich Villa den kritischen Fragen der Moderatorin stellen.

Dabei hat Villa selbst eine wechselhafte Vergangenheit. Sie war stark alkoholkrank und hat ihre Sucht nur mühsam überwunden. Mit großer Anstrengung hat sie sich aus dem Abgrund ihres Lebens wieder nach oben gekämpft, um für ihren Sohn da zu sein, den sie alleine großzieht.
Mit Dimmi, den Protagonisten ihres Dokumentarfilms, den sie gemeinsam mit ihrer Freundin Ninja gedreht hat, verbindet sie eine längere Geschichte, die weit in die Vergangenheit reicht…

Es ist sehr schwierig, den Inhalt des Romans grob zusammenzufassen, da er immer wieder die Erzählzeit wechselt und nicht chronologisch verläuft. Das verstärkt das Gefühl, beim Lesen ein großes Puzzle zusammenzusetzen. Später, wenn Eiríksdóttir Villas Perspektive noch mit weiteren Erzählstimmen ergänzt, glaube ich machmal, das Bild der Ereignisse zusammensetzten zu können, aber es bleibt verschwommen. Wie Eiríksdóttir die verschiedenen Facetten der Geschichten zusammensetzt finde ich ganz besonders großartig. Figuren, die in der einen Geschichte nur am Rand stattfinden, haben in einem anderen Bezug eine ganz andere Bedeutung und ihre Lebensgeschichte ein anderes Gewicht.
Dabei sind alle von Eiríksdóttirs Figuren sehr ambivalent angelegt, was mir super gut gefällt, weil es meiner Ansicht nach die Realität abbildet. Auch Villas und Ninjas Versuch mit dem Film eine authentische Wahrheit abzubilden, ist letztendlich von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil er auf Dimmis Perspektive und somit seine Wahrheit beschränkt ist. Und auf das, was sich beide Regisseurinnen entscheiden zu zeigen.
Was mich am Schluss des Romans besonders fasziniert, ist eine raffiniert konstruierte Doppelparellele: Es gibt neben Dimmis verlorener Kindheit und der dysfunktionalen Beziehung zu seinen Eltern noch einen weiteren Jungen, dessen Kindheit belastet verlaufen ist…oder?

Auch wenn ich manchmal ein bißchen den zeitlichen Überblick verloren hatte, fand ich „Der Film“ einen spannenden und überaus vielschichtigen modernen Roman, der mir vor allem wegen seiner unberechenbaren Erzählerin sehr gut gefallen hat!

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Überforderung und Staunen

Schleifen
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Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade ...

Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade nicht von dir gelesen, weil du stattdessen diesen Satz hier liest.

„Dieser Satz enthält kein ö, außer das ö, das darauf aufmerksam machen soll, dass dieser Satz kein ö enthält, sowie die sechs anderen ö (insgesamt also sieben ö), die darauf aufmerksam machen sollen, wie viele ö in diesem Satz sind, um darauf aufmerksam zu machen, dass kein ö in diesem Satz ist.“

Wenn es dir Spaß macht, solchen Sätzen und wahren wie unwahren Absurditäten zu folgen, dann ist „Schleifen“ von Elias Hirschl ein Roman für dich. Ich hatte wirklich kolossalen Spaß und große kafkaeske Verwirrung beim Lesen. Oder hatte ich … klangwirres Lesen, dunkel kolossal, kafkaesk funkelnd?

Es ist eigentlich kaum möglich, von einer Handlung zu sprechen. Für die, die es konkret wollen, versuchen wir es mal so: Hirschl erzählt quasi den Lebenslauf von Franziska Denk nach. Die Sprachwissenschaftlerin ist auf der Suche nach einer Universalsprache, die nicht tot sein soll, sondern die lebendig und fluide ist und sie soll ihre eigene Bedeutung selbst verändern können. Und eigentlich träumt sie davon, die Sprache selbst und die damit einhergehenden Verwirrungen und Missverständnisse zu überwinden. Gewünscht wird die postsprachliche Utopie. Zeitweise wird sie dabei vom Mathematiker Otto Mandl unterstützt.

„Zur Frage, ob Denk und Mandl jetzt gefickt haben oder nicht, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Dr. Anke Fiszank von der Kieler Christian-Albrechts-Universität geht davon aus, dass die beiden gefickt haben. Azsad Kernfink vom Germanistikinstitut der Universität Wien vertritt hingegen die These, dass die beiden nicht gefickt haben.“

Nur leider, leider werden die Nonverbalisten um Franziska Denk dann zu einer Art Terrorgruppe und es eskaliert ein bisschen.

Nichts an dem Roman ist Zufall: nicht die Namen, nicht die Geschichten, nicht die Referenzen (oder doch?). Es ist unmöglich, alle Eastereggs und MacGuffins (!) zu erkennen. „Schleifen“ ist ein Wunderhorn der absurden und surrealen Geschichten, auf jeder Seite erwarten mich neue Kuriositäten und Spielereien. Eine Metabene in der Metaebene in der Metaebene in der Möbiusschleife, die natürlich beim Zsolnay Verlag erschienen ist.

Ich bin schon seit „Salonfähig“, das bist heute eine meiner liebsten und abgefahrensten Politsatiren ist, begeisterte Leserin des österreichischen Schriftstellers, der mich mit mit seinem genialen Ideenreichtum und der intellektuellen Stimulans in seinem neuen Roman aus meiner Comfortzone bombt. Diese Art der permanenten geistigen Überforderung und des ungläubigen Staunens beim Lesen kenne ich sonst nur von Rafaela Edelbauer.

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Veröffentlicht am 09.02.2026

Brachial und gewaltig, spannend

Die Witwer von Chaltouva
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Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Witwer von Chaltouva sind nicht etwa die Ehemänner von verstorbenen Frauen, sondern eine Art riesige, urzeitliche Fische, die ich mir wie große Welse vorstelle.
Diese ...

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Witwer von Chaltouva sind nicht etwa die Ehemänner von verstorbenen Frauen, sondern eine Art riesige, urzeitliche Fische, die ich mir wie große Welse vorstelle.
Diese Fische kommen Jahr für Jahr auf ihrer Wanderung durch die Ville an dem Dorf Chaltouva vorbei, wo dann sie dann von den Männer des Dorfes in einem traditionellen Wettangeln aus dem Fluß geholt werden. Dieses Angeln, bei dem es manchmal um Leben und Tod geht, hat große Tradition und Bedeutung.

“Das erfolgreiche Überwinden des Fisches durch reine Muskelkraft und Willensstärke manifestiert die körperliche Leistungsfähigkeit des Individuums.” - und natürlich seiner Männlichkeit.

Ansonsten haben die Menschen des Dorfes wenig zu lachen. Die fetten Jahre sind längst vorbei, das Dorf ist im Niedergang. Die Welt von Heucherts Roman ist eine Art Karikatur eines mittelalterlichen, vorindustriellen Zeitalters, wie ich es auch aus Hollywoodfilmen kenne: grob, düster und schlammig, voller lumpiger Gestalten, Spelunken und Brutalität

In diese tumben Trostlosigkeit setzt Heuchert ein junges Liebespaar, Klara und Max. Ihre Väter sind gegen die Verbindung, und die beiden treffen sich heimlich. Sie träumen davon, das Dorf zu verlassen und die vorgezeichneten Pfade ihrer wenig vielversprechenden Zukunft zu verlassen. Doch gerade Max, der soeben einen brutalen Initiationsritus zum erwachsenen Mann durchlaufen hat, tut sich schwer damit, mit dem Vater und der Tradition zu brechen. Doch er fühlt auch, dass er im Dorf innerlich zu Grunde gehen wird, genauso wie die Männer vor ihm.


“Was hält ihn noch hier? Ist es die stumpfsinnige Gewohnheit, das laue Lüftchen des Erwartbaren, des Gleichförmigen; ein Leben wie ein Backstein, einmal geformt und ausgehärtet, bleibt es, wie es ist und immer schon war. Es ist das Blut, die Gewohnheit, das Gefühl, schon klein geboren worden zu sein und immer klein bleiben zu müssen.”

Obwohl Heucherts Roman in einer nicht näher definierten Vergangenheit spielt, find ich ihn bedrückend aktuell: Der Kölner Autor erzählt von Männern, die hinter den Floskeln von Männlichkeit ihre innere Leere, Angst und Einsamkeit verstecken.

„Aber weder haben sie die Kraft, den Lauf der Dinge aufzuhalten, noch verfügen sie über eine Vorstellung davon, was eigentlich mit ihnen geschieht. Nur dieses seltsam unbestimmte Gefühl bleibt, es nagt und frisst an ihnen, macht sie ganz kirre. Sie finden keine Antworten auf die Fragen, die sie nicht stellen.“

„Die Witwer von Chaltouva“ ist brachial und gewaltig, spannend und mitreißend und hat mich sehr positiv überrascht. Definitiv werde ich nach weiteren Romanen des Autors Ausschau halten. Wenn dir Romane wie „Nordwasser“ von Ian McGuire und „Hundswut“ von Daniel Alvarenga gefallen haben, könnte der Roman auf jeden Fall was für dich sein!

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Explizit und aufregend

Half His Age
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Nach „I‘m glad my Mom died“, das ich sensationell gut fand, war das Romandebüt von Jennette McCurdy ein Must Read für mich, seit ich es in der Vorschau gespottet hatte.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. ...

Nach „I‘m glad my Mom died“, das ich sensationell gut fand, war das Romandebüt von Jennette McCurdy ein Must Read für mich, seit ich es in der Vorschau gespottet hatte.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Und auch wenn „Half his age“ mich emotional lange nicht so abgeholt hat wie die Autobiografie der Schauspielerin und Autorin, war der Roman ein super spannender Pageturner!

McCurdys Ich-Erzählerin Waldo ist 17 Jahre alt und besucht die Highschool. „Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsive. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever“ steht auf dem Klappentext (klar muss ich so ein Buch lesen).
Und vor allem lebt Waldo ein Leben, das sie selbst als typisch White-trash bezeichnet. Sie wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Trailer Park auf und lebt jetzt gemeinsam mit ihr in einer kleinen Wohnung.
Waldo jobbt in einer heruntergekommenen Mall in einem Victoria-Secrets Store um Geld zu verdienen. Ihre Mutter ist mit ihren Männergeschichten beschäfftigt und keine Ansprechpartnerin für ihre Tochter.
Waldo ist einsam und lost und hat keine Ahnung, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen soll. Sie versucht es mit Sex und wahllosem Insta-Shopping.
Aber sie ihren neuen Englisch Lehrer Mr. Korgy kennenlernt ist sie elektrisiert. Sie will diesen vierzigjährigen Mann, der offen vor der Klasse zugibt, dass er mit seinen Schriftstellerträumen gescheitert ist.
Waldo versucht alles, um mit ihrem verheirateten Lehrer eine Affäre zu beginnen. Mit Erfolg. Es ist der Beginn einer absolut toxischen Beziehung.


„Und dann reite ich ihn wie das brave Mädchen, das ich bin.
Das Mädchen, das ihn liebt. Das nur ihm gefallen will. Es ihm leichter machen will. Genau das sein will, was er möchte und was er braucht. Das Mädchen, das hofft, dass er es vielleicht auch lieben wird, wenn es sich in eine Puppe, einen Traum, eine Marionette mit toten Augen und Porzellanhaut verwandelt, ohne eigene Bedürfnisse, eine Puppe, die seine Fantasien verkörpert und sein Sperma schluckt.“

Jennette McCurdy schreibt in „Half his age“ sehr (!) explizit und viel über Sex, mir gefällt das sehr. Sehr explizit schreibt sie aber auch über die Machtverhältnisse in der Beziehung zwischen Waldo und Mr. Korgy und über die wir uns als erwachsene Leser*innen, anders als Waldo, keine Illusionen machen.
McCurdy zeigt krass die Verlorenheit und Hilflosigkeit ihrer Erzählerin, die den Versprechungen einer kapitalistischen Werbegesellschaft glaubt, nur die richtige Lippenstiftfarbe und die passende Skin Care stehe zwischen ihr und einem erfüllten Leben. Und ein erfülltes Leben ist laut den Gesetzmäßigkeiten einer sexistischen Weltordnung, bedeutet von einem Mann gewollt und begehrt zu werden.
In Waldo Vorstellung und Lebensrealität ist die einzige Macht, die sie jemals erreichen kann, die über das sexuelle Begehren eines Mannes.

Ich kann schlecht einschätzen, ob McCurdy mit ihrer sexuell proaktiven und fordernden Protagonistin bewusst provozieren möchte, denn eigentlich denke ich, dass Waldos Verlorenheit und innere Leere sofort deutlich ist. McCurdy führt das mit dem Bild der jugendlichen Verführerin älterer Männer, wie sie oft als Fantasie in Romanen männlicher Autoren zu finden ist, vor.
Im Laufe des Romans verfolge ich gleichermaßen traurig wie fasziniert die unausweichlichen Erkenntnisse und Entwicklungen der Erzählerin und ihrer „Beziehung“. Auf den letzten Seiten verliert der Plot meiner Meinung nach leider etwas an Spannung und Waldos Geschichte wird etwas zu unausgegoren zu Ende gebracht.

Aber ich hatte definitiv eine fesselnde und aufregende Lesezeit mit dieser „american novel“ und hoffe doch, dass McCurdy ihre Arbeit als Schriftstellerin weiter verfolgen wird.

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