Platzhalter für Profilbild

Lust_auf_literatur

Lesejury Star
offline

Lust_auf_literatur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lust_auf_literatur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2026

Überforderung und Staunen

Schleifen
0

Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade ...

Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade nicht von dir gelesen, weil du stattdessen diesen Satz hier liest.

„Dieser Satz enthält kein ö, außer das ö, das darauf aufmerksam machen soll, dass dieser Satz kein ö enthält, sowie die sechs anderen ö (insgesamt also sieben ö), die darauf aufmerksam machen sollen, wie viele ö in diesem Satz sind, um darauf aufmerksam zu machen, dass kein ö in diesem Satz ist.“

Wenn es dir Spaß macht, solchen Sätzen und wahren wie unwahren Absurditäten zu folgen, dann ist „Schleifen“ von Elias Hirschl ein Roman für dich. Ich hatte wirklich kolossalen Spaß und große kafkaeske Verwirrung beim Lesen. Oder hatte ich … klangwirres Lesen, dunkel kolossal, kafkaesk funkelnd?

Es ist eigentlich kaum möglich, von einer Handlung zu sprechen. Für die, die es konkret wollen, versuchen wir es mal so: Hirschl erzählt quasi den Lebenslauf von Franziska Denk nach. Die Sprachwissenschaftlerin ist auf der Suche nach einer Universalsprache, die nicht tot sein soll, sondern die lebendig und fluide ist und sie soll ihre eigene Bedeutung selbst verändern können. Und eigentlich träumt sie davon, die Sprache selbst und die damit einhergehenden Verwirrungen und Missverständnisse zu überwinden. Gewünscht wird die postsprachliche Utopie. Zeitweise wird sie dabei vom Mathematiker Otto Mandl unterstützt.

„Zur Frage, ob Denk und Mandl jetzt gefickt haben oder nicht, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Dr. Anke Fiszank von der Kieler Christian-Albrechts-Universität geht davon aus, dass die beiden gefickt haben. Azsad Kernfink vom Germanistikinstitut der Universität Wien vertritt hingegen die These, dass die beiden nicht gefickt haben.“

Nur leider, leider werden die Nonverbalisten um Franziska Denk dann zu einer Art Terrorgruppe und es eskaliert ein bisschen.

Nichts an dem Roman ist Zufall: nicht die Namen, nicht die Geschichten, nicht die Referenzen (oder doch?). Es ist unmöglich, alle Eastereggs und MacGuffins (!) zu erkennen. „Schleifen“ ist ein Wunderhorn der absurden und surrealen Geschichten, auf jeder Seite erwarten mich neue Kuriositäten und Spielereien. Eine Metabene in der Metaebene in der Metaebene in der Möbiusschleife, die natürlich beim Zsolnay Verlag erschienen ist.

Ich bin schon seit „Salonfähig“, das bist heute eine meiner liebsten und abgefahrensten Politsatiren ist, begeisterte Leserin des österreichischen Schriftstellers, der mich mit mit seinem genialen Ideenreichtum und der intellektuellen Stimulans in seinem neuen Roman aus meiner Comfortzone bombt. Diese Art der permanenten geistigen Überforderung und des ungläubigen Staunens beim Lesen kenne ich sonst nur von Rafaela Edelbauer.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.02.2026

Brachial und gewaltig, spannend

Die Witwer von Chaltouva
0

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Witwer von Chaltouva sind nicht etwa die Ehemänner von verstorbenen Frauen, sondern eine Art riesige, urzeitliche Fische, die ich mir wie große Welse vorstelle.
Diese ...

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Witwer von Chaltouva sind nicht etwa die Ehemänner von verstorbenen Frauen, sondern eine Art riesige, urzeitliche Fische, die ich mir wie große Welse vorstelle.
Diese Fische kommen Jahr für Jahr auf ihrer Wanderung durch die Ville an dem Dorf Chaltouva vorbei, wo dann sie dann von den Männer des Dorfes in einem traditionellen Wettangeln aus dem Fluß geholt werden. Dieses Angeln, bei dem es manchmal um Leben und Tod geht, hat große Tradition und Bedeutung.

“Das erfolgreiche Überwinden des Fisches durch reine Muskelkraft und Willensstärke manifestiert die körperliche Leistungsfähigkeit des Individuums.” - und natürlich seiner Männlichkeit.

Ansonsten haben die Menschen des Dorfes wenig zu lachen. Die fetten Jahre sind längst vorbei, das Dorf ist im Niedergang. Die Welt von Heucherts Roman ist eine Art Karikatur eines mittelalterlichen, vorindustriellen Zeitalters, wie ich es auch aus Hollywoodfilmen kenne: grob, düster und schlammig, voller lumpiger Gestalten, Spelunken und Brutalität

In diese tumben Trostlosigkeit setzt Heuchert ein junges Liebespaar, Klara und Max. Ihre Väter sind gegen die Verbindung, und die beiden treffen sich heimlich. Sie träumen davon, das Dorf zu verlassen und die vorgezeichneten Pfade ihrer wenig vielversprechenden Zukunft zu verlassen. Doch gerade Max, der soeben einen brutalen Initiationsritus zum erwachsenen Mann durchlaufen hat, tut sich schwer damit, mit dem Vater und der Tradition zu brechen. Doch er fühlt auch, dass er im Dorf innerlich zu Grunde gehen wird, genauso wie die Männer vor ihm.


“Was hält ihn noch hier? Ist es die stumpfsinnige Gewohnheit, das laue Lüftchen des Erwartbaren, des Gleichförmigen; ein Leben wie ein Backstein, einmal geformt und ausgehärtet, bleibt es, wie es ist und immer schon war. Es ist das Blut, die Gewohnheit, das Gefühl, schon klein geboren worden zu sein und immer klein bleiben zu müssen.”

Obwohl Heucherts Roman in einer nicht näher definierten Vergangenheit spielt, find ich ihn bedrückend aktuell: Der Kölner Autor erzählt von Männern, die hinter den Floskeln von Männlichkeit ihre innere Leere, Angst und Einsamkeit verstecken.

„Aber weder haben sie die Kraft, den Lauf der Dinge aufzuhalten, noch verfügen sie über eine Vorstellung davon, was eigentlich mit ihnen geschieht. Nur dieses seltsam unbestimmte Gefühl bleibt, es nagt und frisst an ihnen, macht sie ganz kirre. Sie finden keine Antworten auf die Fragen, die sie nicht stellen.“

„Die Witwer von Chaltouva“ ist brachial und gewaltig, spannend und mitreißend und hat mich sehr positiv überrascht. Definitiv werde ich nach weiteren Romanen des Autors Ausschau halten. Wenn dir Romane wie „Nordwasser“ von Ian McGuire und „Hundswut“ von Daniel Alvarenga gefallen haben, könnte der Roman auf jeden Fall was für dich sein!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.01.2026

Explizit und aufregend

Half His Age
0

Nach „I‘m glad my Mom died“, das ich sensationell gut fand, war das Romandebüt von Jennette McCurdy ein Must Read für mich, seit ich es in der Vorschau gespottet hatte.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. ...

Nach „I‘m glad my Mom died“, das ich sensationell gut fand, war das Romandebüt von Jennette McCurdy ein Must Read für mich, seit ich es in der Vorschau gespottet hatte.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Und auch wenn „Half his age“ mich emotional lange nicht so abgeholt hat wie die Autobiografie der Schauspielerin und Autorin, war der Roman ein super spannender Pageturner!

McCurdys Ich-Erzählerin Waldo ist 17 Jahre alt und besucht die Highschool. „Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsive. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever“ steht auf dem Klappentext (klar muss ich so ein Buch lesen).
Und vor allem lebt Waldo ein Leben, das sie selbst als typisch White-trash bezeichnet. Sie wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Trailer Park auf und lebt jetzt gemeinsam mit ihr in einer kleinen Wohnung.
Waldo jobbt in einer heruntergekommenen Mall in einem Victoria-Secrets Store um Geld zu verdienen. Ihre Mutter ist mit ihren Männergeschichten beschäfftigt und keine Ansprechpartnerin für ihre Tochter.
Waldo ist einsam und lost und hat keine Ahnung, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen soll. Sie versucht es mit Sex und wahllosem Insta-Shopping.
Aber sie ihren neuen Englisch Lehrer Mr. Korgy kennenlernt ist sie elektrisiert. Sie will diesen vierzigjährigen Mann, der offen vor der Klasse zugibt, dass er mit seinen Schriftstellerträumen gescheitert ist.
Waldo versucht alles, um mit ihrem verheirateten Lehrer eine Affäre zu beginnen. Mit Erfolg. Es ist der Beginn einer absolut toxischen Beziehung.


„Und dann reite ich ihn wie das brave Mädchen, das ich bin.
Das Mädchen, das ihn liebt. Das nur ihm gefallen will. Es ihm leichter machen will. Genau das sein will, was er möchte und was er braucht. Das Mädchen, das hofft, dass er es vielleicht auch lieben wird, wenn es sich in eine Puppe, einen Traum, eine Marionette mit toten Augen und Porzellanhaut verwandelt, ohne eigene Bedürfnisse, eine Puppe, die seine Fantasien verkörpert und sein Sperma schluckt.“

Jennette McCurdy schreibt in „Half his age“ sehr (!) explizit und viel über Sex, mir gefällt das sehr. Sehr explizit schreibt sie aber auch über die Machtverhältnisse in der Beziehung zwischen Waldo und Mr. Korgy und über die wir uns als erwachsene Leser*innen, anders als Waldo, keine Illusionen machen.
McCurdy zeigt krass die Verlorenheit und Hilflosigkeit ihrer Erzählerin, die den Versprechungen einer kapitalistischen Werbegesellschaft glaubt, nur die richtige Lippenstiftfarbe und die passende Skin Care stehe zwischen ihr und einem erfüllten Leben. Und ein erfülltes Leben ist laut den Gesetzmäßigkeiten einer sexistischen Weltordnung, bedeutet von einem Mann gewollt und begehrt zu werden.
In Waldo Vorstellung und Lebensrealität ist die einzige Macht, die sie jemals erreichen kann, die über das sexuelle Begehren eines Mannes.

Ich kann schlecht einschätzen, ob McCurdy mit ihrer sexuell proaktiven und fordernden Protagonistin bewusst provozieren möchte, denn eigentlich denke ich, dass Waldos Verlorenheit und innere Leere sofort deutlich ist. McCurdy führt das mit dem Bild der jugendlichen Verführerin älterer Männer, wie sie oft als Fantasie in Romanen männlicher Autoren zu finden ist, vor.
Im Laufe des Romans verfolge ich gleichermaßen traurig wie fasziniert die unausweichlichen Erkenntnisse und Entwicklungen der Erzählerin und ihrer „Beziehung“. Auf den letzten Seiten verliert der Plot meiner Meinung nach leider etwas an Spannung und Waldos Geschichte wird etwas zu unausgegoren zu Ende gebracht.

Aber ich hatte definitiv eine fesselnde und aufregende Lesezeit mit dieser „american novel“ und hoffe doch, dass McCurdy ihre Arbeit als Schriftstellerin weiter verfolgen wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2026

Kindheitsidyll oder Lebenslüge?

Lügen im Paradies
0

Für mich ist „Lügen im Paradies“ der erste Roman der französischen Schriftstellerin Colombe Schneck, von der ich jetzt gerne noch mehr lesen möchte. Schneck gilt wie Annie Ernaux oder Edouard Louis als ...

Für mich ist „Lügen im Paradies“ der erste Roman der französischen Schriftstellerin Colombe Schneck, von der ich jetzt gerne noch mehr lesen möchte. Schneck gilt wie Annie Ernaux oder Edouard Louis als eine Meisterin des autofiktionalen Erzählens, allerdings aus einem gediegeneren Milieu heraus.

Auch der Roman „Lügen im Paradies“ hat einen autofiktionalen Hintergrund und basiert auf echten Erinnerungen, Gesprächen und Recherchen.
Die Erzählerin des Romans, Colombe, verbrachte als Kind immer ihre Ferien bei einer Gastfamilie in den Schweizer Bergen. Ins „Home“, wie sie dieses kleine, private Ferienlager nennen, geben viele betuchtere Eltern ihre Kinder, wenn sie gerade mit deren oder ihren eigenen Problemen überfordert sind. Manchmal nicht nur über die Ferien, sondern auch für längere Zeit. Auch die Situation in Colombes Elternhaus ist schwierig und so genießt sie die Stabilität, Geborgenheit und Gemeinschaft, die das „Home“ ihr bietet.
Als Erwachsene denken viele der ehemaligen Kinder, die das „Home“ besucht hatten, voller verklärter Sehnsucht an diesen Ort ihrer Kindheit zurück.
So auch Colombe.

„Wir sind über fünfzig und tun noch so, als könne nichts unser Leben zerstören. Wir halten die Kindheit für eine perfekte Insel, an die niemand rühren darf.“



Doch neben der Nestwärme herrschten dort strenge Regeln. Wandern, Skifahren und körperliche Ertüchtigung sind die Haupttagesordnungspunkte. Oft bis zur völligen Erschöpfung.



Das Ehepaar, das das „Home“ leitet, hat selbst zwei Kinder, Vava und Patou, a die Colombe als Erwachsene oft denken muss.
Sie erinnert sich, wie streng die beiden oft von ihren Eltern behandelt wurden und wie oft sie gedemütigt wurden.
Was ist aus den beiden geworden und wie war die Zeit im „Home“ wirklich ohne den Schleier der nostalgischen Verklärung?

„Was habe ich nicht gesehen oder nicht sehen wollen?“

30 Jahre nach ihrer Zeit in der Schweiz fühlt sich Colombe bereit, näher hinzuschauen und herauszufinden, was von dem Kindheitsidyll geblieben ist.
Sie spricht mit anderen Ehemaligen, wie sie die Zeit im „Home“ empfunden haben und sucht vor allem die Perspektiven von Vava und Patou, für die das „Home“ keine Ferien, sondern Alltag war.

Ich mag natürlich generell autofiktionale Literatur und Spurensuchen in der Vergangenheit. Und auch wenn der Romantitel „Lügen im Paradies“ nicht so klingt, so ist Schnecks Retroperspektive äußerst komplex. Es geht hier nicht (nur) darum, verdrängte Misshandlungen in einer vermeintlich heilen Kindheit aufzudecken, das würde dem Anspruch Schnecks nicht gerecht.
Vielmehr muss ich, während ich den Roman lese, oft an Rilkes Gedicht „Das Karussell“ denken und an die nostalgische Verklärung der Kindheit darin (Sorry, der Deutsch LK hat sich scheinbar bei mir auch selbst nostalgisch verklärt).
Schneck hält sich mit ihrer eigenen Einordnung dieser Zeit sehr zurück und lässt die geschilderten Ereignisse für sich sprechen. Da sind auf der einen Seite die Beschreibungen der körperlichen Torturen und die Demütigungen, die sie miterlebt, auf der anderen Seite aber auch ein Gefühl der Bestärkung und der Resilienz, die später als Erwachsene für sie noch relevant werden wird.

„Lügen im Paradies“ ist also kein Roman, der mir einfache Antworten vorgibt, sondern der einen Rahmen für Reflexionen eröffnet.

Jetzt bin ich super neugierig, ob die „Paris Trilogie“, die Schneck vor diesem Roman veröffentlich hat, stilistisch ebenfalls ähnlich gehalten ist und hoffe, ich kann es irgendwann herausfinden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.01.2026

Schmerzhafte Konfrontation mit der Vergangenheit

Jahre ohne Sprache
0

Als ich die Vorschauen für das Frühjahr 2026 gesichtet habe, ist mir aufgefallen, dass gefühlt jeder zweite Roman, der sich an eine vornehmlich junge, weibliche Zielgruppe richtet, mit dem Hinweise „für ...

Als ich die Vorschauen für das Frühjahr 2026 gesichtet habe, ist mir aufgefallen, dass gefühlt jeder zweite Roman, der sich an eine vornehmlich junge, weibliche Zielgruppe richtet, mit dem Hinweise „für Leserinnen von Ruth Maria Thomas“ gekennzeichnet ist.
Auch in der Herbstvorschau des Ecco Verlags findet sich neben „Jahre ohne Sprache“ dieser Vermerk.
Ich persönlich finde diese Vergleiche wenig hilfreich bis blöd, da doch jeder Roman als eigenes unvergleichliches Werk angesehen werden sollte, das es sich zu entdecken lohnt. Aber vielleicht hilft es wirklich in der Masse der Neuerscheinungen als grobe Orientierung, die Inhalte thematisch einzuordnen.
Dann ja, thematisch erkenne ich durchaus Ähnlichkeiten zwischen „Die schönste Version“ von Ruth Maria Thomas und „Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein, auch wenn ich die Herangehensweise und den Schreibstil beider Autorinnen ziemlich unterschiedlich finde.
Beide Romane sprechen davon, wie schnell für junge Frauen die Unbeschwertheit der Jugend enden kann, wenn ihre Körper das erste Mal von Männern für die ausschließlich eigene sexuelle Befriedigung rücksichtslos konsumiert werden. Und von der Verstörung und der Scham, die danach bleiben.

Ann Esswein hat dafür in „Jahre ohne Sprache“ einen fragmentarischen Erzählstil gefunden, der gut zu den fragmentierten Erinnerungen ihrer Erzählerin passt.
Natascha, die Ich-Erzählerin, wächst in einem typischen, kleinen Ort in der Provinz auf.
Als Erwachsene hat sie das Dorf längst verlassen und sich einer Art alternativen Kollektiv angeschlossen, das sich in einer alten und leerstehenden Knopffabrik angesiedelt hat. Aus Natascha wird dort Nao. Doch immer wieder hat sie Flashbacks an »Ein Ereignis ohne Titel«, das sie in ihrem letzten Sommer in ihrem Heimatdorf erlebt hat.
Esswein beschreibt den langen Prozess ihrer Erzählerin, bis sie diese Zeit, auch mit Hilfe anderer, einordnen kann. Die Einordnung ist aber nur der erste kleine Schritt. Wie kann sie eine Sprache dafür finden und das Erlebte verarbeiten?

“Ich wünschte, mein Ich wäre eine Insel, auf der auch ab und zu die Vögel zwitschern, auf der eine milde Brise weht und es hell ist. Aber mein Ich in diesen Tagen ist so düster wie das Erdinnere.”

Auch in dem Roman von Ann Esswein schmerzt mich diese Konfrontation mit einer Jugend und einem Umfeld, das mir und wahrscheinlich vielen anderen Frauen* viel zu vertraut und zu bekannt vorkommt, als ich es gerne hätte. Umso mehr freut mich die Tatsache, dass Esswein eine Autorin ist, die ebenfalls mit der nostalgischen Verklärung der Jugendzeit bricht und einen Ausdruck dafür findet, was viel zu oft verschwiegen und verdrängt wird.

Mir persönlich hat dieser Aspekt des Romans sehr, sehr gut gefallen, und ich fand es super gelungen, wie Esswein allmählich in die Vergangenheit und die Erinnerungen ihrer Erzählerin vordringt. Weniger gut und stimmig fand ich die Beschreibung der Wahlfamilie in der Knopffabrik. Dieses Setting und die Figuren schrien mir zu offenkundig „Schreibwerkstatt made me do it“, aber das liegt vielleicht einfach an meinem zynischen Mindset.

Ich denke, ich möchte mir jetzt gerne noch den Debütroman „Mimikry“ der mehrfach ausgezeichneten Journalistin näher anschauen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere