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Veröffentlicht am 27.01.2026

Eine gut konstruierte, menschliche Geschichte

Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen
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Ich habe schon einige Werke dieser Art gelesen und fand die qualitativen Unterschiede schon deutlich. Bei einigen der neueren Bücher ging es mir einfach oft zu sehr in eine spirituelle Richtung, die Figurentiefe ...

Ich habe schon einige Werke dieser Art gelesen und fand die qualitativen Unterschiede schon deutlich. Bei einigen der neueren Bücher ging es mir einfach oft zu sehr in eine spirituelle Richtung, die Figurentiefe und authentische Menschlichkeit vermissen ließ. Doch nicht so hier - Kim Ho-yeon hat einen geschickt konstruierten Roman geschrieben, der mich besonders durch seinen feinen Humor und die profilreichen Figuren beeindruckt hat.

Besonders positiv bewerte ich die zentrale Figur Dok-go, da er als ehemaliger Obdachloser eine Gesellschaftsgruppe in den Fokus nimmt, die literarisch so ungefähr nie eine Rolle spielt. Ob die daran anknüpfende Inspirationsgeschichte den eigenen Geschmack trifft, muss jede Person für sich entscheiden. Ich bin da auch schnell abgeneigt, wenn es mir zu platt ist. Hier war das für mich nicht der Fall, denn auch wenn Dok-go sicherlich als Aufhänger für Inspiration dient, speist sich diese aus reiner Freundlichkeit und einem echten Schicksal, ohne dass er dabei wie ein Engel wirkt.

Weiter gefestigt wird meine positive Bewertung durch die vielen Nebenfiguren, die jeweils ein eigenes Kapitel bekommen. Mir ist es in südkoreanischer, vietnamesischer oder japanischer Literatur oft begegnet, dass die Figuren sehr höflich und dadurch glatt wirken, was meinen Geschmack nicht so gut trifft. Ich mag kantige Charaktere, die verschiedene Emotionen nicht nur erleben, sondern auch zeigen. Und das hat Ho-yeon hier ganz lobenswert geschafft. Begeistert hat mich dabei besonders die Nebenfigur der Autorin, die der Handlung eine kurze Meta-Ebene hinzufügt.

Dok-go selbst bekommt im letzten Kapitel noch einmal Raum und wir dürfen seine Vorgeschichte erfahren. Diese zeigt vor allem: Obdachlosigkeit kann alle treffen. Für diesen politischen Grundton, die angenehme Situationskomik, die charakterstarken Figuren und die humanistische Moral behalte ich die Geschichte in bester Erinnerung. Sie mag keine literarische Höchstleistung sein, aber in der Sparte warmherziger Inspirationsromane ist es wirklich einer der besten.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Ein herzzerreißend gutes Jahreshighlight

Da, wo ich dich sehen kann
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Das ist das im besten Sinne schlimmste Buch, welches ich 2025 gelesen habe. Dass Jasmin Schreiber, die ich schon als meine Lieblingsautorin bezeichnen würde, großartig schreiben kann und meine Emotionen ...

Das ist das im besten Sinne schlimmste Buch, welches ich 2025 gelesen habe. Dass Jasmin Schreiber, die ich schon als meine Lieblingsautorin bezeichnen würde, großartig schreiben kann und meine Emotionen kitzelt, war mir völlig klar. Aber dieser Roman hat all meine Vorstellungen und Erwartungen zu Sternenstaub werden lassen.

Keiner anderen Person würde ich beim Romanthema „Femizîd“ auch nur annähernd so vertrauen wie Schreiber. Denn sie schreibt gleichermaßen messerscharf wie streichelnd zärtlich und geht damit genau dahin, wo es wehtun muss, damit sich etwas verändert. Und das allerwichtigste: Sie gibt dem Täter entgegen so vielen Berichten, Podcasts oder Dokus KEINE Bühne und fokussiert sich auf die, die in den Schatten der Tat rutschen: die Hinterbliebenen.

Schreiber legt den Finger wieder und wieder und wieder in die Wunde, findet dann weitere wunde Stellen und legt ihren Finger auch auf diese. Doch gleichzeitig nimmt sie ihre Lesenden durch die Solidarität sowie das Mitgefühl ihrer Figuren in den Arm und schafft es so, dass es beim Lesen zwar so so weh tut, aber gleichzeitig eben nicht zu sehr. Ich habe mich beim Lesen in so vielen Facetten gespürt: Wut, Trauer, Zuneigung, Verzweiflung, Freude - alles war da und hat mich lebendig fühlen lassen. Keine andere Autor*in schafft das bei mir so zuverlässig wie Schreiber.

Doch auch stilistisch und literarisch ist das Werk makellos, es hat ein gutes Tempo mit Entschleunigung an den richtigen Stellen. Manchmal brauchte ich eine kurze Pause, um alles sacken zu lassen und auch das ging problemlos. Außerdem sind die Figuren so vielschichtig, dass wir dadurch automatisch jegliches Schwarz-Weiß-Denken links liegen lassen und Menschen in der Fülle ihrer Menschlichkeit sehen müssen. Der Hass auf den Täter steht neben der Zuneigung zu ihm, gemeine Gedanken den Eltern des Täters gegenüber neben eigenen Schuldgefühlen als Elternteil der Verstorbenen. Alle Hinterbliebenen sind mehr als ihre Trauer, auch wenn diese viel und vielschichtig Raum einnimmt.

Deren Leben sind durch die Tat von verschiedenen Folgebelastungen geprägt: Zwangs- und Angststörungen, Depressionen, Erschöpfungszustände. Schreiber beschreibt feinfühlig, dass kein Mensch Schuld hat außer dem Täter und dass es leider sehr wahrscheinlich ist, dass die Betroffene nicht gerettet werden kann. Denn „Männer töten Frauen, weil sie es wollen und weil sie es können“. Damit beschreibt sie einen Verlust des Vertrauens gegenüber Männern und damit auch eines Sicherheitsgefühls - denn woher willst du schon wissen, wie er wirklich ist und ob er Frauen nicht doch genug hasst, um sie auch zu töten?! Bestimmt kennen viele Menschen diese Gedanken und es ist zu schrecklich, dass sich diese wohl auch nicht so bald in Luft auflösen werden.

Die Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen kann hier auch auf alle möglichen anderen Szenarien übertragen werden, sodass mich das emotional wirklich zerstört hat. Schreiber ist einfach abgrundtief ehrlich, auch in Bezug auf Therapie. Die spielt eine zentrale Rolle im Trauerprozess verschiedener Figuren, was ich unglaublich wichtig finde. Es geht aber auch um männliche Nebenfiguren, die Therapie aus anderen Gründen in Anspruch genommen haben und um Figuren, die ihre eigenen Vorurteile gegenüber Therapie hinterfragen. Gleichzeitig ist sie eben auch kein Allheilmittel, vieles bleibt schlimm, aber doch oft die beste Chance von Menschen in schwierigen Lebenslagen.

Sie findet ebenso klare Worte für True Crime Podcasts und Thriller (oft von Männern geschrieben), in denen Gewalt an Frauen nur der Unterhaltung dient oder auch gern die Charakterentwicklung des männlichen Protagonisten untermauert. Ich möchte, dass einfach alle Menschen mit entsprechenden Kapazitäten dieses Buch lesen. Es ist unglaublich hart, aber mindestens dreimal so wichtig. Natürlich werden es wieder vor allem Menschen lesen, die sich mit den Themen Femizîd oder patriarchale Gewalt schon auseinandergesetzt haben - also wahrscheinlich wieder mehrheitlich Betroffene. Doch auch als Person, die in diesem Bereich schon sensibilisiert ist, habe ich noch mal einiges dazugelernt und meine Sichtweise festigen können. Vor allem aber ist es eines dieser Bücher, die uns ins Fühlen zwingen und trotzdem auch sanft wieder heraus führen.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Eindrücklich, lehrreich und ermutigend

Chile ist aufgewacht
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Ich habe die erste Auflage des Sachcomics gelesen, also ohne die aktuellen Entwicklungen. Die erste Auflage endet nämlich ziemlich hoffnungsvoll und der Gedanke daran, was aus dem neuen Verfassungsentwurfs ...

Ich habe die erste Auflage des Sachcomics gelesen, also ohne die aktuellen Entwicklungen. Die erste Auflage endet nämlich ziemlich hoffnungsvoll und der Gedanke daran, was aus dem neuen Verfassungsentwurfs dann geworden ist, hat mir echt das Herz gebrochen.

Nichtsdestotrotz finde ich das Buch wirklich ganz toll und optimal, um niedrigschwellig etwas über Chile und seine jüngste Vergangenheit sowie Gegenwart zu lernen. Durch ein gutes Verhältnis von Text zu Bild ist das Buch weder zu überladen noch zu vereinfachend. Natürlich dient dieses Format eher einem ersten Eintauchen, aber das hätte nicht besser gemacht werden können.

Ich bewundere die Menschen Chiles sehr für ihren Mut, sich dem diktatorischen Regime und seiner Verfassung entgegenzustellen. Der paritätische Verfassungskonvent und der von ihm entwickelte Verfassungsentwurf zeigen trotz ihres Scheiterns, dass Menschen viel erreichen können, wenn sie mit- statt gegeneinander arbeiten.

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Bissig, pointiert und hochgradig unterhaltsam

Die Unbußfertigen
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Mein erstes Werk von Elina Penner und dann gleich so ein Banger! „Die Unbußfertigen“ war unglaublich unterhaltsam, süchtigmachend und gleichzeitig so spitzzüngig wie gesellschaftskritisch. Die Autorin ...

Mein erstes Werk von Elina Penner und dann gleich so ein Banger! „Die Unbußfertigen“ war unglaublich unterhaltsam, süchtigmachend und gleichzeitig so spitzzüngig wie gesellschaftskritisch. Die Autorin hat es mit ihrem zugänglichen Schreibstil geschafft, sehr viele Gleichzeitigkeit in einen Roman zu packen.

Die Idee, verschiedene Internetstereotype in Protas zu verwandeln und sie selbst à la „Die Truman Show“ in eine Art Reality-Format zu setzen, finde ich an sich schon total aufregend. Doch Penner schafft es auch darüber hinaus wunderbar, die Stereotype weiterzudenken und sie nicht platt erscheinen zu lassen. Sicherlich spielt hier aber auch meine feministische Ader eine große Rolle, weil die cis-männlichen Teilnehmer deutlich schlechter wegkommen als die cis-weiblichen.

Um aus dem Format, von dem alle sehr lange gar nicht wissen, dass sie sich in ihm befinden, herauszukommen, müssen sie büßen - was quasi bedeutet, sich verletzlich zu zeigen. Die Männer, die verschiedene Vergehen/Verbrechen begangen haben, eint ihre misogyne Grundhaltung. Und ihnen gegenüber stehen moralisch zwar durchaus auch problematische Frauen, die aber allesamt willensstark sind und die Männer mit pointierter Schärfe an bzw. über ihre Grenzen bringen.

Das Unterhaltungsformat sowie die zugrundeliegende Gesellschaftskritik inklusive einiger Real-Life-Referenzen haben mich gefesselt, die teils erbarmungslosen Frauenfiguren begeistert. Penner behandelt eine Vielzahl internetbezogener Problemfelder wie esoterische Heilsversprechen, das Präsentieren der eigenen Kinder auf Social Media oder die Verbreitung rechtsnationalistischen Gedankenguts. Dadurch werden (sicherlich nicht sonderlich tiefgründig, dafür aber greifbar) die Wirkweisen menschenfeindlicher Propaganda verdeutlicht. Und ich habe mir z. B. noch nie dediziert Gedanken darüber gemacht, warum die sogenannte „Friendzone“ im Kern so unglaublich misogyn ist.

Die Auflösungen zur Vorgeschichte der jeweiligen Figuren sind, sicherlich bewusst, kurz gehalten und brechen Cliffhanger-mäßig ab. Das passt hervorragend zur Form des Romans, ich wäre da aber wirklich gern noch tiefer eingetaucht. Nichtsdestotrotz ein echter Lichtblick dieses Jahr, der als Buch und Hörbuch gleichermaßen großartig funktioniert. Die vielschichtigen, ambivalenten Figuren fordern ihre Leser*innen heraus, ohne dabei an Unterhaltungswert zu verlieren. Wie Elina Penner Leichtigkeit und satirischen Tiefgang miteinander kombiniert, ist wirklich bemerkenswert.

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Veröffentlicht am 30.11.2025

Ich hätte nicht gedacht, dass ich Katzen noch mehr lieben könnte…

Das Buch, von dem deine Katze sich wünscht, du würdest es lesen
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… und dieses Buch hat mich vom Gegenteil überzeugt! Obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, lässt es sich unglaublich gut und schnell lesen. Wahrscheinlich liegt das auch an der Nähe zum Thema und dass ...

… und dieses Buch hat mich vom Gegenteil überzeugt! Obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, lässt es sich unglaublich gut und schnell lesen. Wahrscheinlich liegt das auch an der Nähe zum Thema und dass wir in so vielen Abschnitten unsere felligen Begleiter*innen wiedererkennen.

Ich fand das Buch wirklich gut strukturiert, alles Wichtige niedrigschwellig formuliert. Und obwohl ich mir viel Erfahrung sowie ein gutes Maß an Verständnis für meine Katzen zuschreiben würde, habe ich noch einmal richtig viel dazugelernt. Mein Wissen rund um die feinen Kommunikationswege dieser Tiere, ihre Bedürfnisse und Ängste ist deutlich gestiegen.

Die Autorin, selbst Katzen-Verhaltenstherapeutin, bleibt naturgemäß allgemein, weil es eben in allen Fällen immer auf das individuelle Tier ankommt. Und trotzdem steckt das Buch voller Details und vor allem Liebe für diese tollen Individuen, die völlig zu Unrecht ein kratzbürstiges Image haben.

Persönlich gestört habe ich mich zwar an einer Aussage zur Ernährung, die unsachlich und falsch ist, und ebenso hätte ich mir eine noch klarere Kritik an Zucht gewünscht, aber bis auf diese beiden Kritikpunkte bin ich äußerst zufrieden. Das Werk wird nun für immer eine wichtige Ressource im Haushalt bleiben und ich habe es bereits begeistert verschenkt. Ein echtes Muss für alle, die Katzen lieben und sie ehrlich kennenlernen möchten. Und dass sich das lohnt, muss ich hoffentlich nicht betonen.

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