Wenn dich die Vergangenheit einholt
Hinter mirGemma lebt glücklich mit Mann und kleinem Sohn in Chicago, sie liebt ihren Job als Kosmetikerin und ist bei ihren Kollegen und Kundinnen beliebt. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht viel, am liebsten ...
Gemma lebt glücklich mit Mann und kleinem Sohn in Chicago, sie liebt ihren Job als Kosmetikerin und ist bei ihren Kollegen und Kundinnen beliebt. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht viel, am liebsten würde sie sie vergessen. Gerade jetzt an Halloween, an dem Tag im Jahr, an dem die Erinnerungen nur schwer zu verdrängen sind, würde sich Gemma am liebsten in ihrem Haus verstecken und niemandem die Tür öffnen, geschweige denn mit ihrem Sohn auf Süßes oder Saures Tour gehen.
Direkt im Prolog lernt der Leser Gemma kennen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Gemma ist. Ein junges Mädchen, das große Angst hat und als letzten Ausweg die Flucht aus ihrem Zuhause und ihrer Heimatstadt sieht. Ein junges Mädchen, das alles zurücklässt, sogar ihre eigene Identität. In dieser Nacht wird Gemma geboren, Gemma, die man dann Jahre später wieder trifft, die sich ein neues Leben aufgebaut hat, ein Leben, wie es ihre tote Freundin nie haben wird.
Mike Omer schafft mit Hauptfigur Gemma quasi eine Figur ohne Basis, ohne wirkliche Tiefe, denn Gemma ist eine Person ohne Vergangenheit. Als Leser spürt man das trotz der vielen Andeutungen und Flashbacks, die einen kurzen Blick in Gemmas Jugendzeit ermöglichen. Gemma bleibt dem Leser über weite Stecken fremd, ihre Figur ist irgendwie nicht greifbar, man hat wenig Empathie ihr gegenüber, schließlich bleibt unklar, was damals geschehen ist und welche Rolle Gemma bei den Ereignissen spielte. Auch durch ihre ganze Art, ihre übertriebene Fürsorge ihrem Sohn gegenüber macht sie es mir als Leser nicht wirklich leicht sie zu mögen. Erst als die Figur des Schattenmanns, wie sie die Person nennt die auf so drastische Weise in ihr Leben eindringt, ins Spiel kommt, fängt man als Leser langsam an Gemma zu mögen, denn sie verändert sich hier, hört auf sich zu verstecken, ihre Vergangenheit zu leugnen, Angst zu haben. Mit dem Auftreten des Schattenmannes wird Gemma endlich "echt" und somit zu einer Figur, mit der ich als Leser endlich mitfühlen kann und der ich es plötzlich gönne, dass sie ihr Leben zurückbekommt.
In Gemmas Geschichte erzählt der Autor von Ausgrenzung, vom Andersein, von der Identitätsuche, von Mobbing in der Schule und dessen dramatischen Folgen, erzählt von Missbrauch und von Stalking. Stalking ist an sich schon übel für die Betroffenen, aber hier wird es auf eine überaus perfide Art und Weise dazu verwendet Macht über Andere zu erlangen, Informationen aus dem Netz werden dazu verwendet Betroffene zu erpressen und letztlich zu Taten zu veranlassen, die dem eigentlichen Täter nutzen und zuarbeiten. Es entsteht ein beängstigend höriges Netzwerk, dessen sich der Stalker nach Belieben bedienen kann, um seine Vorteile daraus zu ziehen. Mich hat dieses Szenario schon etwas verstört, gerade wenn man liest wie leicht die späteren Opfer hier in die Falle getappt sind und wie schnell sie bereit waren Dinge zu tun, die eigentlich undenkbar für sie wären, nur um zu verhindern, dass der Partner von einer Affaire erfährt, der Chef von Nacktfotos, oder die Nachbarn von der sexuellen Orientierung. Es heißt nicht umsonst - das Netz vergisst nicht - und ich denke die meisten von uns sind sich gar nicht bewusst, welche Informationen über einen selbst hier zu finden sind. Wie gesagt, verstörend und beängstigend.
Natürlich gibt es irgendwann einen Punkt, an dem man beginnt aus den Flashbacks und Erinnerungsfragmenten Gemmas die Ereignisse zu erahnen, die zu ihrer Flucht aus ihrem alten Leben führten. Trotzdem schafft es der Autor einen dann doch mit den brutalen Einzelheiten zu überraschen. Ich glaubte eigentlich ich hätte das ganze durchschaut, den Schattenmann enttarnt, aber ich lag knapp daneben. Obwohl ich zu Beginn des Buches wirklich gehadert habe, mir vieles zu plump und wenig raffiniert, sogar offensichtlich durchschaubar vorgekommen ist, hat es der Autor letztlich doch geschafft Spannung aufzubauen, psychologisch Ängste zu schüren und mich der Hauptfigur näher zu bringen.