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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.02.2026

Viel kognitive Dissonanz

Gelbe Monster
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Dieses Buch tut für mich vor allem eins: es wirft extrem viele moralische Fragen auf - an die eigenen Grundsätze, an Ethik und Moral ganz allgemein. Die Protagonistin Charlie hat mich teilweise extrem ...

Dieses Buch tut für mich vor allem eins: es wirft extrem viele moralische Fragen auf - an die eigenen Grundsätze, an Ethik und Moral ganz allgemein. Die Protagonistin Charlie hat mich teilweise extrem getestet. Vor allem am Anfang verargumentiert sie was passiert ist, sie relativiert das objektiv Falsche und sie versucht uns Leser:innen subtil durch ihre Gedankenwelt auf ihre Seite zu sehen. Sie baut ihre eigene Kleine Welt und konstruiert eine Geschichte, mit der sie und und sich uberzeugen will. Die Gedankengänge sind dabei meiner Meinung nach schon realistisch gehalten, wenn auch unangenehm zu lesen - wie sie sich von den anderen Frauen abgrenzt, wie sie Valentin romantisiert, wie sie ihre Freundinnen und andere Frauen sieht. Deshalb ist es zwar nervig aber auch so wichtig, dass wir uns quasi in ihrem Kopf befinden, das ist Absicht um unsere eigenen moralischen Grenzen zu testen.

Was dazu noch interessant ist: das Buch zeichnet kein schwarz-weiß Täterinnenbild, durch die Perspektive wird nicht scharf verurteilt sondern es wird Nuance gezeigt, die es in diesen Themen leider gibt. Das war für mich sehr schmerzhaft zu lesen, zeigt aber auch wie wichtig diese Sichtweise ist. Die Beziehung zwischen Charlie und Valentin ist von Anfang an beidseitig sehr toxisch - das entschuldigt nichts, setzt es aber in einen nötigen Kontext. Hier wird nicht ausgeklammert was es heißt, eine Frau in der aktuellen Gesellschaft zu sein, auch wenn sie sich falsch verhält und das ist ein absolut interessanrer Punkt.

Ein Buch, auf das man gefasst sein muss, das für mich schmeezhaft, nervig und augenöffnend war und vor allem ganz anders, als man es erwartet.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Ehrlich und ungeschönt

Half His Age
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Jennette McCurdy hat ein Buch geschaffen, das Ekel vor einer verwerflichen Situation - nämlich unangemessene sexuelle Beziehung mit Machtgefällt - hervorzurufen und den eigenen moralischen Kompass nochmal ...

Jennette McCurdy hat ein Buch geschaffen, das Ekel vor einer verwerflichen Situation - nämlich unangemessene sexuelle Beziehung mit Machtgefällt - hervorzurufen und den eigenen moralischen Kompass nochmal einzunorden. Ihre unterschwelligen und teilweise sehr expliziten Kommentare zum Feminismus, Frau sein, zu Machtverhältnissen und Konsum sind super interessant. Manche stellen waren so gut, so ehrlich und roh, als würde sie aussprechen, was viele nur denken bzw. was das Denken von vielen unbewusst bestimmt. An anderen Stellen fand ich die Ansätze gut, vor allem beim Konsum zeigt sie ihre Meinung sehr klar auf. Aber da fängt auch mein Problem mit dem Buch an:

Waldo, aus deren Sicht wir lesen, sieht sich selbst und trifft Entscheidungen immer durch die Linse anderer und ihrer eigenen Umstände. Manchmal (wie beim Thema Konsum und ihrer Mutter) sieht sie die Dinge sehr klar. Vielleicht schon etwas zu klar für ihr Alter. An anderen Stellen (Mr Corgy, dessen Name übrigens Programm ist) überlässt sie es uns als Leser, das alles zu hinterfragen und reizt die Moral gefühlt aus. Ich mochte, wie hier über vererbtes Trauma und immer gleiche Verhaltensweisen geredet wird. Dennoch fand ich das Buch auch stellenweise etwas zu nah an Jennettes eigenen Erfahrungen in I'm Glad my Mom died, ich bin gespannt ob ihr nächstes Buch eine andere Richtung einschlägt.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Gedankenexperiment

Gesellschaftsspiel
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Eine neu gedachte Demokratie und drei Frauen im Zentrum? Klingt nach einem super Konzept für ein aktuelles und relevantes Buch. Die Umsetzung war für mich allerdings nicht immer ganz stimmig.

Das lag ...

Eine neu gedachte Demokratie und drei Frauen im Zentrum? Klingt nach einem super Konzept für ein aktuelles und relevantes Buch. Die Umsetzung war für mich allerdings nicht immer ganz stimmig.

Das lag vor allem daran, dass ich es anfangs sehr kühl und emotionslos fand. Gerade bei den behandelten Themen wie Tod eines Elternteils, aufgestaute Familiengefühle und Demokratie fand ich das verwirrend und nicht ganz passend. Dementsprechend hat es für mich auch bis zur Hälfte des Buches gedauert bis die zwei Erzählsträge sich wirklich zusammengefügt haben. Anfangs hatte ich eher das Gefühl, dass das Set Up mit der Mutter sehr unnötig war, am Ende fand ich es auch nicht wirklich voll ausgeschöpft. Die Mutter selbst hatte eine sehr krasse politische Meinung, die Prägung, die das auf ihre Töchter hatte war mir hier zu wenig erforscht.

Was Dora Zwickau allerdings sehr gut gemacht hat in meinen Augen ist es, die aktuelle Diskussionskultur widerzuspiegeln. Die Zwischenkapitel, die die Diskussionen in der Gesellschaft, Medien und Socials widergeben fand ich sehr passend, weil sie so universal lesbar waren. An sich war das Gedankenexperiment extrem interessant und hat ein Buch geschaffen, dass man nicht einfach so wegliest. Man muss sich mit den eigenen Meinungen beschäftigen, mit dem eigenen Verständnis von Demokratie und Teilhabe und damit hat das Buch ein wichtiges Denkmal gesetzt.

An sich ein super spannendes Buch, das man mit anderen Menschen zusammen lesen sollte. Im Großen und Ganzen hat es für mich das Potential nicht ganz ausgeschöpft. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es Fans von "Views" von Marc-Uwe Kling gut gefallen könnte, es hat sich für mich sehr ähnlich angefühlt.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Feines Gespür

Cinema Love
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Cinema Love von Jiaming Tang hat mich an so vielen Stellen berührt und ist ein sehr gutes Debut. Die Geschichte spannt ein verwobenes Netz a la Episodenfilm über Jahrzehnte und Länder, in dem die Themen ...

Cinema Love von Jiaming Tang hat mich an so vielen Stellen berührt und ist ein sehr gutes Debut. Die Geschichte spannt ein verwobenes Netz a la Episodenfilm über Jahrzehnte und Länder, in dem die Themen Einwanderung, Identität und sexuelle Orientierung beleutet werden. Die Geschichte wird mit so viel feinem Gespür für die Zwischentöne erzählt, dass auch auf so wenigen Seiten so viel gesagt wird. Einzig mit den Namen hatte ich manchmal ein Problem und musste mich aktiv wieder erinnern, wer die Person ist und wie sie mit den anderen zusammenhängt. Da hätte vielleicht ein kleines Personenverzeichnis und eine kurze zeitliche Einordnung am Anfang eines Abschnitts geholfen.

Auffällig fand ich vor allem den Schreibstil, der an manchen Stellen richtig ins Auge sticht. Vor allem im ersten Abschnitt fühlt es sich an, als würde man von oben auf das Geschehen blicken, nach hinten lässt das etwas nach, da hätte ich mir mehr Konsistenz gewünscht. Denn auch die einzelnen Charaktere haben im ersten Abschnitt eine so eigene Stimme, die die Unterscheidung leichter macht. Die eine Figur ist lyrisch, die andere witzig. Auch das lässt nach hinten etwas nach. Dennoch ist der Stil an manchen Stellen sehr lyrisch, an anderen eher simpel und hölzern aber trotzdem harmonisch. Es fühlt sich an, als wolle uns der Schreibstil etwas über das Innenleben der Figuren sagen und das fand ich sehr faszinierend.

An sich ein sehr solides Debut, dass an manchen Stellen etwas mehr editing im Lektorat gebraucht hätte, um den Erzählsog über das ganze Buch aufrecht zu erhalten. Wenn Jiaming Tang sein Handwerk weiter verfeinert wird er bestimmt noch großartige Bücher schreiben und ich freue mich zu sehen, was er als nächstes schreibt.

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Veröffentlicht am 11.07.2024

Wir brauchen einen Ausweg

Ein Mann zum Vergraben
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Gewalt an Frauen ist nicht nur im Lockdown ein Problem - umso wichtiger finde ich es, dass Alexia Casale dieses Thema aufgreift und es durch eine spannende und manchmal humorvolle Geschichte in den Fokus ...

Gewalt an Frauen ist nicht nur im Lockdown ein Problem - umso wichtiger finde ich es, dass Alexia Casale dieses Thema aufgreift und es durch eine spannende und manchmal humorvolle Geschichte in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Schade finde ich, dass die Aufmachung es denke ich leicht als Frauenbuch marketet, obwohl es wirklich für alle wichtig wäre.

In "Ein Mann zum Vergraben" bekommen wir endlich einen Einblick in die Gedankenwelt von Frauen, die jeden ihrer Schritte planen müssen. Die Frage, warum sie nicht einfach gehen, ist somit beantwortet und das finde ich unfassbar wichtig. Die Gedanken von Sally sind klar, humorvoll und reißen einem stellenweise das Herz aus. Aber dennoch begibt man sich gerne auf die emotionale Achterbahnfahrt weil die kurzen Kapitel dazu einladen, am Ball zu bleiben.

Auch wenn sich die Geschichte stellenweise etwas zieht und erst ab der zweiten Hälfte so richtig Fahrt aufnimmt, war es doch ein Buch, das man trotz des schweren Themas recht schnell weglesen kann. Ich finde das Buch vom Aufbau her nicht perfekt, man merkt dass es ein Debut ist und deshalb noch nicht ganz ausgewogen editiert wurde. Die Erzählstimmen anfangs sind unausgewogen gewichtet und es ergibt sich nicht so ganz, warum manche der Frauen aus der dritten Person erzählen und mache aus der ersten.

Ich fand es etwas schade, dass wir vor allem viel von der Protagonistin Sally erfahren haben. so spannend ihre Geschichte ist und so gut wir sie kennenlernen, manchmal hätte ich gerne mehr von den anderen erfahren, die sich gegen Ende nur wie Statistinnen in ihrer eigenen Geschichte angefühlt haben.

Ein wichtiges Buch, dass viele Menschen erreichen soll, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen.

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