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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.01.2026

Blutleer

Real Americans
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Das versprochene Thema klingt mehr als verlockend: dauernde Fremdheit oder Ankommen, Integration und Dazugehören. Der Titel ein Coup, der die Ambivalenz vollendet vermittelt: Real Americans, das sind bald ...

Das versprochene Thema klingt mehr als verlockend: dauernde Fremdheit oder Ankommen, Integration und Dazugehören. Der Titel ein Coup, der die Ambivalenz vollendet vermittelt: Real Americans, das sind bald zweihundertfünfzig Jahre nach der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika eben nicht mehr nur die WASPs, viele Ethnien sind in der vielfältigen US-amerikanischen Literatur repräsentiert. Doch dieser Roman, gleichgültig, welchen Hype er auf dem internationalen Buchmarkt ausgelöst haben mag, löst die hochgesteckten Erwartungen nicht ein.

Die Idee ist natürlich naheliegend, an drei Generationen einer Familie chinesischer Abkunft zu untersuchen, auf wie unterschiedliche Weise die Auseinandersetzung mit der neuen Heimat verläuft. Dabei die chronologische Reihenfolge aufzubrechen, könnte die Lektüre abwechslungsreich und interessant gestalten.

Stattdessen Enttäuschung auf ganzer Linie!

Lily, Amerikanerin der zweiten Generation, wird zum poster girl aller Klischees hinsichtlich mangelnder Berufschancen und genereller Ziellosigkeit. Aus heiterem Himmel dann die Cinderella-Geschichte der plötzlichen Liebe zu Mr Right schlägt da ein wie eine Bombe. Vollkommen unverständlich, psychologisch nicht ausreichend dargelegt, warum sie es unvermittelt vorzieht, ihren kleinen Sohn allein aufzuziehen. Auch dieser männliche Repräsentant der chinesisch-stämmigen Minderheit entbehrt eine klare individuelle Charakterzeichnung. Vollkommen überraschend dann seine Bindung an die als deus-ex-machina aufgetauchte Großmutter, deren Erzählstrang der Leiden im kommunistischen China nicht mithalten kann mit der Intensität der kanonisch gewordenen ‚Wilde Schwäne‘. On top noch das verquere genetische Forschungsexperiment, und die Enttäuschung und Verärgerung des Lesers sind komplett.

Die Auster der Titelillustration hält nach dem Öffnen keine Perle bereit.

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Prätentiös und verblasen

Durch das Raue zu den Sternen
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Wie es aussieht, hat sich der Autor mächtig an seinem Stoff verhoben.

Zunächst nimmt die 13jährige Heldin ja den Leser für sich ein, erscheint sie doch sensibel und vorlaut, selbstbewusst und verängstigt, ...

Wie es aussieht, hat sich der Autor mächtig an seinem Stoff verhoben.

Zunächst nimmt die 13jährige Heldin ja den Leser für sich ein, erscheint sie doch sensibel und vorlaut, selbstbewusst und verängstigt, unsicher und auftrumpfend - kurz, sie bedient alle Facetten eines pubertierenden Teenagers.

Doch sehr bald beginnt die Masche des Autors nervtötend zu werden: allzu viele Pirouetten dreht er, nicht nur die junge Hauptfigur, auch Mutter und Vater und im folgenden das gesamte Personal werden vollkommen überzogen dargestellt, mutieren umso nachdrücklicher zu bloßen Karikaturen, wo der Autor offenbar das Besondere, Erlesene vor Augen hatte. Wild ein paar Titel von klassischen Musikstücken in die Runde zu werfen, macht einen Text noch nicht zum Musikroman. Um die Wirkweise von Musik darzustellen, gelangt er nicht über die sprachliche Prägnanz von Poesiealbumsprüchen hinaus. Eine steile These zu einer Komponistenbiographie ad nauseam zu variieren, beweist nicht unbedingt tiefen musikologischen Tiefblick.

Kurz: nach meinem Urteil ist dieser Roman prätentiös, verblasen, verquast!

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Motivation oder Legitimierung?

Ein Raum zum Schreiben
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Kristin Valla strapaziert die Geduld ihre Leser über alle Maßen. Anfangs ist man ja noch durchaus bereit, ihren Überlegungen zu folgen: unversehens ist aus der Schriftstellerin eine Ehefrau und Mutter ...

Kristin Valla strapaziert die Geduld ihre Leser über alle Maßen. Anfangs ist man ja noch durchaus bereit, ihren Überlegungen zu folgen: unversehens ist aus der Schriftstellerin eine Ehefrau und Mutter geworden, die ihre eigenen Bedürfnisse stets hintan stellt. Damit dürfte sie kein Einzelfall darstellen. Bemerkenswert allerdings, dass sie ganz ehrlich zugibt, dass es ihr vornehmlich um das Selbstverständnis als Autorin geht, weniger um die Tätigkeit des Schreibens an sich. Damit ist der vorherrschende Tonfall dieses Buches gesetzt: mürrisch, nörgelnd, um sich selbst kreiselnd.

Das probate Heilmittel für diesen unerquicklichen Zustand als Nicht-Mehr-Schriftstellerin ist schnell gefunden: ‚A Room of One‘s own‘, wie von Virginia Woolf vorgegeben, muss her. Die zahlreichen Beispiele unterschiedlich bekannter Autorinnen bieten anregenden Lesestoff - offenbar folgten viele Frauen dieser Maxime, dass eine schöpferische Tätigkeit definitiv eine konsequente räumliche Trennung von der Außenwelt erfordert.

Doch den Hauptteil dieses Buches bildet Vallas eigenes Projekt, ihre Suche nach einem geeigneten Objekt und seine Umgestaltung gemäß der individuellen Anforderungen und Vorstellungen. Und hier präsentiert sich eine Persönlichkeit, deren herausragende Eigenschaften ein stupender Egoismus, Ziellosigkeit, Hilflosigkeit sind. Endlos werden dem Leser die von Frustration dominierten Ergüsse zugemutet, wie am anderen Ende Europas eine Immobilie entdeckt, erworben und mit vollkommen ungeeigneten Maßnahmen renoviert wird.

Am Ende dieses ermüdenden Textes steht die wenig überraschende Erkenntnis, dass Kreativität und Produktivität weitgehend unabhängig sich vollziehen davon, ob der vorgeblich ideale Raum als unabdingbare Voraussetzung zur Verfügung steht.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Was für eine Enttäuschung

Bis unsre Seelen Sterne sind. Rilke und Lou Andreas-Salomé
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Keine Erweiterung des Erkenntnishorizonts
Die Autorin betreibt mit ihrem Roman ‚Bis unsre Seelen Sterne sind‘ einen veritablen Etikettenschwindel. Der Leser, der doch mit einiger Wahrscheinlichkeit an ...

Keine Erweiterung des Erkenntnishorizonts
Die Autorin betreibt mit ihrem Roman ‚Bis unsre Seelen Sterne sind‘ einen veritablen Etikettenschwindel. Der Leser, der doch mit einiger Wahrscheinlichkeit an tieferen Erkenntnissen über die intellektuell aufrührende Zeit der Jahrhundertwende interessiert ist, wird mit einem wilden Mix unterschiedlichster Ingredienzen konfrontiert. Da gesellen sich angelesene Wikipedia-Realien zu gestelzten seitenlangen Dialogen; Beziehungen werden referiert auf genüsslich ausgebreitetem Klatsch- und Tratsch-Niveau; der Anspruch auf literarischen Gestaltungswillen reduziert sich auf inhaltlich kaum gerechtfertigte Zeitsprünge; ausgedehnte Anleihen bei Briefen und Tagebüchern vermitteln psychologische Einblicke, die doch eigentlich Aufgabe der Romanautorin gewesen wären. Die beiden Hauptfiguren, Rilke und Lou, erscheinen verkürzt zu Karikaturen in psychologischer Verzerrung, es kann nicht ausreichen, aus Rilke einen hypertrophierten Egomanen zu machen, Lou Andreas-Salomé pauschal abzuhandeln als Mittelding zwischen verständnisvoller Mutterfigur und männermordender Megäre. Als Fazit der Lektüre lässt sich nur konstatieren: Was für eine Enttäuschung!

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Veröffentlicht am 21.01.2025

Reichlich dünn!

Lichtspiel
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Da lebt ein Autor von seinem Ruhm! Das gewählte Sujet ist zugegebenermaßen bestechend: G.W. Pabst, einer der herausragenden Regisseure aus der Weimarer Zeit, die doch wahrhaftig brillante Leistungen im ...

Da lebt ein Autor von seinem Ruhm! Das gewählte Sujet ist zugegebenermaßen bestechend: G.W. Pabst, einer der herausragenden Regisseure aus der Weimarer Zeit, die doch wahrhaftig brillante Leistungen im Bereich der Filmkunst aufzuweisen hat, wird in den Blick genommen.

Nach frustrierenden Erfahrungen in Amerika kehrt Pabst zurück, um Familienangelegenheiten zu ordnen, und wird vom Naziregime vereinnahmt. So weit, so gut. Was dann jedoch enttäuscht, ist die frappierende Konturlosigkeit der Hauptfigur. Wenig prägnant gestaltet, schleust der Autor seinen blass bleibenden Helden durch alle Fährnisse der historischen Entwicklung. Unerträglich das penetrante name-dropping, das Authentizität vorgaukelt. Stattdessen sind manche Szenen von einer ärgerlichen Plattheit, die in unstatthafter Weise verharmlost, wie etwa die Darstellung des Literaturkränzchens.

Selten die Textpassagen, die beweisen, was diesem Autor an Gestaltungskraft zu Gebote stände, würde er nur genügend Sorgfalt und Kreativität aufbieten. So ist das Kapitel, das die Bahnreise nach Österreich aus der Perspektive des kleinen Sohnes erzählt, beklemmend und sprachlich beeindruckend. Überhaupt ist es allerdings als erzählerische Verlegenheit anzusehen, wenn unvermittelt vorgenommene Perspektivwechsel notwendig werden, um den Erzählfluss aufrecht zu erhalten.

Andere durchaus originelle Ideen, so etwa die Flucht aus Prag so darzustellen, als handele es sich um die meisterliche filmische Umsetzung durch den genialen Regisseur, sind endlos ausgewalzt und verlieren dadurch ihre ursprüngliche Eindringlichkeit.

Insgesamt erweist es sich, dass für die enorme Länge dieses Romans von 470 Seiten Kehlmanns gestalterische Kraft nicht ausreicht. Die Längen, die sprachlichen Unzulänglichkeiten, die Profillosigkeit der Personen lassen die Lektüre zu einer Enttäuschung werden!

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