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Veröffentlicht am 18.04.2026

Lebendige Geschichte

Ein Ort, der bleibt
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Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen ...

Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Heilbronn, die 1933 von Deutschland in die Türkei übersiedelte. Alfred Heilbronn lehrte an der Universität Münster als Botaniker, aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Da Präsident Kemal Atatürk in der Türkei gerade nach Wissenschaftlern aus dem Ausland suchte, die das Universitätssystem in der Türkei auf den neuesten Stand bringen sollten, gelang es Alfred, seiner Frau Magda und den beiden Kindern, Deutschland rechtzeitig zu verlassen, bevor Alfred womöglich in einem KZ gelandet wäre.
In der Türkei fasst Alfred schnell Fuß und auch Magda lebt sich gut ein. Sie bauen sich dort ein neues Leben auf und finden zunächst Halt in der Gemeinschaft der Exildeutschen, die das gleiche Schicksal teilen. Doch auch dort ist man nicht vor den Spitzeln der Nazis sicher. Alfreds größte Errungenschaft in seiner neuen Heimat Istanbul ist der Aufbau eines wunderschönen botanischen Gartens mit Pflanzen aus aller Welt.
In einem zweiten Handlungsstrang, der in der Jetztzeit spielt, lernen wir die junge Städteplanerin Imke kennen, die für vier Wochen Istanbul besucht, um zusammen mit ihrem Vorgesetzten ein Gutachten zum dortigen botanischen Garten zu erstellen, das den Ausschlag darüber geben wird, ob der vor fast hundert Jahren durch Alfred Heilbronn angelegte Garten erhalten werden soll oder nicht.
Das Interessante an der Geschichte ist, dass der historische Teil auf wahren Begebenheiten beruht. Die Vita der historisch belegten Personen ist dem Buch in einem Anhang beigefügt.
„Ein Ort, der bleibt“ ist wirklich faszinierende Lektüre. Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Es erweckt längst vergangene Ereignisse und Personen zum Leben und ist akribisch recherchiert. Die Autorin muss viele Monate damit zugebracht haben, sich nicht nur über die historischen Begebenheiten, sondern auch über Botanik zu informieren! Sandra Lüpkes ist eine lebendige Geschichte gelungen, die überaus spannend zu lesen ist. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 13.04.2026

Pina Luxen ist ein Final Girl

Pina fällt aus
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Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, ...

Pina ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Sohns, Leo. Ihre Tage sind streng durchgetaktet. Für Leo ist es wichtig, gewisse Rituale einzuhalten. Wenn er morgens im Treppenhaus nach unten geht, macht er beispielweise immer zwei Schritte vorwärts und dann wieder einen zurück, egal, wie spät er dran ist. Sobald er im Bus zur Behindertenwerkstatt sitzt, hetzt Pina zu ihrem Job im Call Center. Seit längerer Zeit hat sie Magenschmerzen, die sie mit Tabletten bekämpft, doch eines Tages bricht sie mitten auf der Straße zusammen und landet mit Magendurchbruch auf der Intensivstation.
Der 20jährige Leo ist zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung der 86jährigen Nachbarin Inge, für die Pina die Einkäufe erledigt. Als Pina nicht zurückkehrt, wird Inge panisch und auch Leo fragt ständig nach seiner Mutsch. Außer Inge wohnen im Haus in der Hansastraße noch Wojtek, ein dreißigjähriger schrulliger Einzelgänger, und die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die Tochter des Hausbesitzers, die sich eine Glatze rasiert hat und permanent wütend ist. Keiner von ihnen fühlt sich der Aufgabe gewachsen, sich um Leo zu kümmern, zumal sie auch keine Ahnung haben, was mit Pina passiert ist und wann sie zurückkommt.
„Pina fällt aus“ schildert, wie aus den Leuten, die bisher keinerlei Kontakt untereinander pflegten, nach und nach eine Gemeinschaft wird, die beginnt, Leos Besonderheiten zu verstehen und sich auf ihn als Mensch einzulassen und ihn nicht mehr nur als „Behinderten“ zu sehen. Doch es geht nicht nur um Leo und seinen Autismus, wir erfahren auch viel über das Leben von Inge, Wojtek und Zola, und sie wachsen einem allesamt ans Herz. Selbst für den unfreundlichen Busfahrer Harry, der immer nur für eine Zigarettenlänge vor dem Haus hält und wegfährt, wenn Leo es nicht schafft, während dieser Zeit den Bus zu erreichen, beginnt man irgendwann, ein bisschen Sympathie zu hegen. Zola, die zu Beginn keine Ahnung hatte, welche Mammutaufgabe die in ihren Augen arrogante Nachbarin Pina mit ihrem nervigen Sohn täglich zu stemmen hat, erkennt, dass Pina in Wirklichkeit ein „final girl“, eine Superheldin wie in ihren Computerspielen ist. Die Aufgabe, sich gemeinsam um Leo zu kümmern, wirkt sich positiv auf das Leben aller Hausbewohner aus. Ein äußerst berührender Roman, dem man anmerkt, dass die Autorin Vera Zischke sich bestens mit dem Thema Autismus auskennt. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört, es wird ganz hervorragend gelesen von Elisabeth Günther. Unbedingte Lese- bzw. Hörempfehlung!

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Veröffentlicht am 06.04.2026

Nomen est Omen?

Die Namen
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Als junges Mädchen verlässt Cora ihre Heimat Irland, um in London Balletttänzerin zu werden. Dort trifft sie auf Gordon, einen sympathischen jungen Arzt. Sie heiraten und Cora muss bald feststellen, dass ...

Als junges Mädchen verlässt Cora ihre Heimat Irland, um in London Balletttänzerin zu werden. Dort trifft sie auf Gordon, einen sympathischen jungen Arzt. Sie heiraten und Cora muss bald feststellen, dass Gordon auch eine andere, dunkle Seite hat. Als ihr Sohn auf die Welt kommt, ist es Gordons Wunsch, dass auch sein Sohn Gordon genannt wird, wie schon zuvor sein Vater und Großvater. Cora gefällt der Name nicht, sie möchte, dass ihr Sohn anders wird als seine Vorfahren. Die ältere Schwester des Babys, Maia, hat die Idee, ihren Bruder Bear zu nennen, wie ein liebenswertes knuddeliges Bärenkind. Cora gefällt der Name Julian gut. In „Die Namen“ werden drei verschiedene Szenarien geschildert. Was passiert, wenn Cora entgegen dem ausdrücklichen Wunsch ihres dominanten Ehemanns „Bear“ als Geburtsnamen eintragen lässt? Wie entwickelt sich die Geschichte, wenn Maias Bruder „Julian“ heißt? Und schließlich, wie wirkt sich der traditionelle Name „Gordon“ auf das Kind und seine Familie aus?
Florence Knapps Debütroman ist faszinierende Lektüre, die ich kaum aus der Hand legen konnte, obwohl manche Kapitel nur schwer zu ertragen waren. Wer auf der Suche nach Wohlfühllektüre ist, sollte die Finger davon lassen, allen anderen kann ich „Die Namen“ wärmstens empfehlen.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Entmündigt

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch ...

Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch sein Sohn Hans ist der Meinung, Bo könne sich nicht mehr angemessen um das Tier kümmern und drängt darauf, Sixten in eine Familie abzugeben. Bo ist verzweifelt, denn er hängt sehr an dem Tier, das nachts neben ihm schläft und ihm tagsüber treu Gesellschaft leistet. Unterstützung bekommt Bo von seiner Lieblingspflegekraft Ingrid, die es fast immer einrichten kann, mit Sixten Gassi zu gehen, obwohl dies natürlich nicht zum Pflegeumfang gehört. Doch letztendlich hat Hans das letzte Wort, und objektiv betrachtet hat er wohl recht, denn eines Tages stürzt Bo beim Spazierengehen mit Sixten, was böse hätte ausgehen können. Doch ob rationale Entscheidungen immer die besten sind, sei dahingestellt.
Den einzelnen Kapiteln des Buchs, das die Monate Mai bis Oktober umfasst, sind jeweils Einträge ins Bos Pflegetagebuch vorangestellt. „Bo schlummert in seinem Sessel, als ich komme. Ich mache ihm eine Dose Fischklößchen und erinnere ihn daran, dass Hans später vorbeikommt. Ingrid.“ Bo schläft viel und träumt von der Vergangenheit. Oft vermischen sich die Zeitebenen, eben war er noch ein junger Mann, der sich frisch in Fredrika verliebt hat, dann wacht er auf seiner Küchenbank auf und ihm wird bewusst, wie abhängig und entmündigt er in der Jetztzeit ist. In Gedanken spricht er mit Fredrika, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie weder Bo noch den gemeinsamen Sohn Hans erkennt. Auf diese Weise erfahren wir viel über Bos Leben, seinen lieblosen Vater, für den Härte das einzig probate Erziehungsmittel war, die Mutter, die sich oft schützend vor Bo stellte, das harte Arbeitsleben in der Holzfabrik und die glücklichen Jahre mit Fredrika. Viele seiner Erinnerungen haben mich berührt, doch besonders zu Herzen geht die Jetztzeit, in der Bo nur noch sehr eingeschränkt über sein eigenes Leben bestimmen kann. Manche Passagen haben mich zu Tränen gerührt, wobei der Roman nie ins Kitschige abdriftet. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman über das Leben eines alten Manns so tief und nachhaltig berührt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Mit gestutzten Flügeln

Der letzte Sommer der Tauben
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Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der ...

Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der Vater, der ein Bekleidungsgeschäft besitzt, darf keine westliche Kleidung mehr verkaufen, Abbildungen von Frauen sind streng verboten, lediglich die Augen dürfen sichtbar sein. Frauen dürfen nur verhüllt und in Begleitung das Haus verlassen, die Religionspolizei wacht streng über die Einhaltung dieser Regeln. Bei Nichtbeachtung drohen drakonische Strafen. Noahs Onkel muss sein Café schließen. Die Scharia ist allgegenwärtig, Angst beherrscht das tägliche Leben.
Noahs größte Freude sind seine Tauben. Er kennt ihre Namen, weiß um ihre Eigenheiten und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Eines Tages beschließt das Kalifat, dass Taubenschläge nicht mehr ,wie bisher üblich, auf dem Dach der Häuser untergebracht sein dürfen, zu groß ist die Gefahr, dass Männer vom Dach aus einen Blick auf eine unverschleierte Nachbarin werfen könnte. Die Taubenschläge müssen in den Hof umziehen, die Flügel der Tauben gestutzt werden. Ein Sinnbild für das Leben während des Kalifats, in dem auch die Menschen jeglicher Freiheit beraubt werden.
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein höchst informatives, aber sehr bedrückendes Buch, das sicherlich autobiographische Züge des irakischen Autors Abbas Khider trägt. Ein Roman, der einem vor Augen führt, auf welch hohem Niveau wir hierzulande jammern und wie vieles für uns selbstverständlich ist.

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