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Veröffentlicht am 10.02.2026

Scharfer Blick auf die japanische Gesellschaft

Richtig gutes Essen
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Nitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, ...

Nitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, um Omelette oder Tofu zu braten und Gurke oder Fisch zu filetieren. Nitani gießt einfach heißes Wasser auf seine Instantnudeln und weiß, dass er satt wird. Am Abend macht er es genauso, denn dann bleibt ihm noch etwas Zeit, um Playstation zu spielen, bevor er sich schlafen legt, um bald darauf schon wieder ins Büro zu gehen.

Sein Vorgesetzter Fuji hat mehr Glück, er hat immer ein liebevoll zubereitetes Bentō am Start. Nitani beobachtet, wie er versonnen in ein handgebratenes Omelette beißt, sieht, wie Fuji aufsteht und vor Ashikawas Schreibtisch stehen bleibt. Er nimmt ihre Teeflasche, schraubt sie auf und nimmt einen Schluck. Fuji dreht sich um und blickt in Nitanis Augen, lacht wie ein Kind, das erwischt wurde und sagt: „Ich war am Verdursten.“ Fuji stellt die Flasche zurück, geht zum Kühlschrank und nimmt sich eine Frische.

Nitani fragt sich, ob das Nippen an Ashikawas Flasche etwas damit zu tun hat, dass Fuji ein Mann mittleren Alters und Assistent der Geschäftsleitung ist und ist sich nicht sicher. Allerdings glaubt er, dass es damit zu tun hat, dass Ashikawa eine junge Frau ist.

Fazit: Junko Takase, für diese Geschichte ausgezeichnet mit dem Akutagawa-Preis, hat mir die Absurditäten des Arbeitsalltags gezeigt und mich zugleich auf einen Streifzug durch die japanische Küche mitgenommen. Ihr Protagonist ernährt sich mangels Zeit und Lust hauptsächlich von Instantnudeln. Seine Kollegin Ashikawa, die ihm so gut wie versprochen ist, wird versuchen, das zu ändern, weil sie eine hervorragende Köchin ist. Leider zeigt sie, aus Nitanis Sicht, in der Firma nicht den nötigen Arbeitseifer. Noch dazu lächelt sie alle Attacken weg und gleicht ihre mangelnde Verlässlichkeit mit feinstem selbst gemachten Gebäck für die Mitarbeiterinnen aus. Sie scheint eine wirklich „liebe“ Frau zu sein. Aber Nitani verliert die Achtung vor ihr und schmiedet mit einer anderen Kollegin, die Ashikawa hasst, Ränke. Die Autorin zeigt anschaulich die festgefahrenen Rollenbilder. Frauen rangieren hinter den Männern. Das gesamte Dasein besteht aus Etikette, die es einzuhalten gilt. Ich mochte diesen Einblick in die japanische Gesellschaft sehr. Ein bisschen schwierig fand ich die abrupten Szenenwechsel und manchmal auch den Satzbau. Insgesamt ist diese Geschichte, die auf 160 Seiten Platz findet, kein literarisches Feuerwerk, aber eine solide, anschauliche Erzählung, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Eine außergewöhnliche Erzählung

Hirschtier
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Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter ...

Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.

Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.

Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Ein Hauch Poesie schafft Luftigkeit

Am Grund des Himmels
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Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben.

Jetzt will sie mit der, die sich ...

Claire gehört nicht mehr dazu. Sie hat keinen Kampf angezettelt, keine Türen zugeschlagen, nicht geschrien, nicht aufbegehrt. Es hat sich einfach etwas verschoben.

Jetzt will sie mit der, die sich abgestrampelt hat, um eine Position zu erreichen, um eine Position zu halten, um sich eine Position zu verdienen, um diese Position vor den anderen zu verteidigen, nichts mehr zu tun haben. S. 6

Sie hat sich abgekoppelt, ausgeklinkt. Sie steht auf dem Dach des Konzernriesen, bei dem sie sich aus den einfachen Verhältnissen, aus denen sie kommt, nach oben gearbeitet hat. Eigentlich braucht sie bei den Frühlingstemperaturen eine Jacke, aber sie wird darauf verzichten. Noch Monate zuvor wäre sie niemals auf dieses ungesicherte Dach geklettert. Die Vorahnung, eine Windböe könnte sie jederzeit wegfegen, hätte sie sich an die nächste Wand lehnen und mit Schwindel und Herzrasen ihre Atmung kontrollieren lassen. Heute jedoch hatte sie nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie sah die offene Dachluke und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nun ist sie hier und betrachtet den Himmel. Noch vor Kurzem hatte sie gedacht, wenn sie sich noch etwas mehr anstrenge, könne sie die Welt verändern, dachte, sie sei der unermüdliche Treibstoff durch den sich alles weiterdrehe.

Der Himmel verändert seine Farbe, rosarote Schliere wabern ins Bild. Der Tag macht dem Abend Platz, die heraufziehende Kälte lässt sie frösteln. Sie muss sich bewegen. Atmet tief ein, läuft von einem Ende des Daches zum nächsten, fängt an zu hüpfen und tanzt schließlich zur Musik in ihrem Kopf. Lebenslust macht sich breit.

Fazit: Die französische Autorin und Dramaturgin Mariette Navarro hat in ihrem zweiten Roman weibliche Selbstermächtigung thematisiert. Ihre Protagonistin Claire hat für das Unternehmen alles gegeben. Sie war stolz, es bis nach oben geschafft zu haben. Doch der einsame Alltag, Arbeit, Einkauf, Essen, Einschlafen vor dem Fernseher, hat sie unmerklich in ein Hamsterrad getrieben, in dem sie ihre Lebensfreude und Spontaneität verloren hat. Bei einem Gang über den Flur bemerkt sie ein Stück Himmel, der durch die offene Dachluke scheint. Sie lässt die Rollleiter herunter und klettert hinauf. Oben angekommen fühlt sie sich sofort befreiter und atmet tief durch. Sie weiß nicht, wann sie das letzte Mal dem Himmel ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat und genießt die letzten Strahlen der Frühlingssonne auf ihrem Gesicht. Im Laufe der nächsten Stunden kämpft sie mit Naturgewalten und recherchiert ihre Karriere und all die Zeichen, die sie ignoriert hat, die ihr einen Ausstieg soufflierten. Ich mag die Sprache, die mit einem Hauch Poesie eine schöne Luftigkeit in den Text zaubert. Da sind so viele kleine Beobachtungen, die Blicke der Kolleg*innen, erste Zweifel an dem Sinn ihrer Arbeit, die Beziehung zu den Eltern, die dieses schmale Büchlein, das sich doch nur um die Protagonistin dreht, fein auffrischen. Ich mochte das sehr.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

Intensive, morbide Erzählungen

Nullsumme
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Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem ...

Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem Licht in das Halbdunkel des Hauses. Sie sah die anderen, ging unsicher in ihre Richtung. Musste zur Toilette, hatte nicht vor, den Professor etwas so Profanes zu fragen, wie nach dem Weg zu den Waschräumen, wollte sich selbst durchschlagen. Auf dem Wohnzimmertisch vor dem Kamin Küchenutensilien, Zeitschriften, Bücher, bestürzt über so viel Privates, so viel Intimität. Neben dem Sofa ein schmutziger Sneaker. Sie hasste diesen Mann. Sie hierher einzuladen und den hämischen Blicken der anderen auszusetzen. Er zollte ihr nicht die Anerkennung, die ihr gebührte.

In einem seiner Seminare schlug der Professor das Nullsummenspiel vor. Seine Verachtung für Bewertungen und Ranglisten verkündend, wolle er jedem seiner Studenten am Ende des Trimesters die Note 1- geben. Der sich regende Widerstand, durch langsames Kopfschütteln signalisiert, veranlasste den Professor, eine demokratische, anonyme Abstimmung vorzunehmen. Er verteilte blanke Zettel, bat alle zu voten und erhielt ein einstimmiges Nein.

Bei K. lag es daran, dass sie anders sein wollte als die anderen, besser. Am Ende jedoch bekam sie für ihre Leistung dann doch eine 1-. Sie war brüskiert, starb tausend Tode und rächte sich an dem Mann, der wohl glaubte, der Größte zu sein.

Fazit: In den Short Storys der Nobelpreisanwärterin Joyce Carol Oates begegnen mir allerlei verstörte Persönlichkeiten. In der titelgebenden Kurzgeschichte „Nullsumme“ treffe ich auf eine ausgeprägt narzisstische Frau, die ihren Professor verehrte, solange er ihr seine kurze Aufmerksamkeit schenkte, ihn dann jedoch zu hassen beginnt, weil sie sich nicht zu Genüge anerkannt fühlt.

In der Geschichte „Mr. Stickum“ lerne ich fünf Mädchen kennen, die Berichte über Sex-Sklavinnen zwischen sechs und sechzehn Jahren gelesen haben und einen perfiden Plan gegen die männlichen Konsumenten junger Mädchen und Kinder schmieden.

In „Liebeskummer“ erzählt die von Stalking Betroffene dem Falschen von den gewaltandrohenden Anrufen.

In „Die Kälte“ erleidet eine Mutter eine Fehlgeburt und entwickelt nicht nur psychosomatische Symptome.

Allen Erzählungen ist gemein, dass die Protagonistinnen psychisch krank sind und versuchen unter dem Radar zu fliegen. Es finden keine Hilfeaufrufe statt. Die Menschen, die sie begleiten, merken nichts von der Tiefe der Ausnahmezustände. Die Autorin zeigt ein untrügliches Gespür für menschliche Abgründe. Jedem Gewinner folgt ein Verlierer. Die Art zu schreiben ist brillant, nicht umsonst unterrichtet sie kreatives Schreiben. Ich muss gestehen, dass mich einige Geschichten in ihrer Intensität erschüttert haben. Das war kein vergnügliches Lesen. Ein Buch für Leserinnen, die sich gern vom Morbiden absorbieren lassen.

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Veröffentlicht am 08.12.2025

Aufwühlende Geschichte

Jahre ohne Sprache
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In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. ...

In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. Nach und nach setzte leises Schnarchen ein. Ihr war zum Kotzen. Die Übelkeit verstärkte sich durch die kalte Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag. Die steife Hand, die lauerte und sich bei jedem Ausatmen ein Stück weiter nach oben schlich, immer weiter, den Knopf ihrer Jeans öffnete, nach unten abbog, hinein, u.s.w.

Sie lebt in einer Knopffabrik, auf die niemand mehr Anspruch erhebt. Es gibt kein er kein sie nur wir. Niemandem gehört etwas, sie teilen alles. Sie kann gar nicht so genau sagen, wie viele sie sind, denn oft kommt jemand zum Kaffee und bleibt. Für Bullen, Chauvis und die Vergangenheit ist der Eintritt verboten.

An einem Herbsttag, so nass und dunkel, als würde der Regen ihr ins Gesicht spucken, muss sie noch einmal nach Glanitz, nur für eine Stunde. Die Bahnfahrt ist öde, der Ort unverändert, seitdem sie weggegangen ist. Sie legt ihrem Vater den Brief hin, den er unterzeichnen muss, damit sie Geld vom Amt bekommt. Warum sie nicht arbeiten geht, fragt er. Eine sachliche Frage, gegen die es nichts zu wettern gibt, denkt sie und gibt die Frage zurück, warum er nicht arbeitet. Eine Tatsache, die irgendwo in seinem schweren Leib detoniert, er stöhnt. Sie schleicht zur Hintertür hinaus, will niemandem begegnen und macht sich auf den Weg zu ihrer Wahlfamilie.

Fazit: Ann Esswein hat in ihrem zweiten Roman die Eindrücke einer jungen Frau verarbeitet, die diversen Übergriffen ausgesetzt war, die sie lange nicht als solches benennen kann. Die Protagonistin ist vierzehn, als die Mutter die Familie verlässt. Die beiden Brüder sind längst ausgezogen und so lebt sie mit dem Vater allein, der so in seine Trauer gerutscht ist, dass er seine Tochter nicht mehr wahrnimmt. Sie hat einen besten Freund, aber innerhalb der Cliquendynamik verändert sich ihr Verhältnis. Zwischen Park, Bushaltestelle und nächtlichen Besäufnissen verliert die Protagonistin sich selbst. In der Schule wird sie von einer der Besten zu einer der Schlechtesten, bricht alles ab und verschwindet. Sie kann lange nicht benennen, was ihr innerhalb der Clique passiert ist, kann es nicht verstehen und will nicht darüber nachdenken. Die Autorin hat eine besondere Sprache für die traumatisierte junge Frau gefunden. Es wird nur angedeutet, was passiert sein könnte und bleibt auch mir als Leserin unklar. Und genau so ergeht es ja vielen jungen Frauen, die ähnliches erlebt haben. Da ist ein Typ, vielleicht älter als der Rest der Freunde, der ständig mitrumlungert und darauf lauert, dass alle betrunken sind, um dann seine Hände irgendwo unterzubringen, wo sie definitiv nichts zu suchen haben. Es konnte kein klares Nein mehr gesagt werden, was automatisch als Zustimmung zu gelten scheint. Keiner greift ein und damit geben alle dem Schmierlappen recht. Und dann ist das Leben einer jungen Frau rotzeverpfuscht, noch bevor es richtig angefangen hat. Das hat Ann Esswein absolut gekonnt rübergebracht. Ein aufwühlender Roman, der mich nachdenklich gestimmt hat.

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