Scharfer Blick auf die japanische Gesellschaft
Richtig gutes EssenNitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, ...
Nitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, um Omelette oder Tofu zu braten und Gurke oder Fisch zu filetieren. Nitani gießt einfach heißes Wasser auf seine Instantnudeln und weiß, dass er satt wird. Am Abend macht er es genauso, denn dann bleibt ihm noch etwas Zeit, um Playstation zu spielen, bevor er sich schlafen legt, um bald darauf schon wieder ins Büro zu gehen.
Sein Vorgesetzter Fuji hat mehr Glück, er hat immer ein liebevoll zubereitetes Bentō am Start. Nitani beobachtet, wie er versonnen in ein handgebratenes Omelette beißt, sieht, wie Fuji aufsteht und vor Ashikawas Schreibtisch stehen bleibt. Er nimmt ihre Teeflasche, schraubt sie auf und nimmt einen Schluck. Fuji dreht sich um und blickt in Nitanis Augen, lacht wie ein Kind, das erwischt wurde und sagt: „Ich war am Verdursten.“ Fuji stellt die Flasche zurück, geht zum Kühlschrank und nimmt sich eine Frische.
Nitani fragt sich, ob das Nippen an Ashikawas Flasche etwas damit zu tun hat, dass Fuji ein Mann mittleren Alters und Assistent der Geschäftsleitung ist und ist sich nicht sicher. Allerdings glaubt er, dass es damit zu tun hat, dass Ashikawa eine junge Frau ist.
Fazit: Junko Takase, für diese Geschichte ausgezeichnet mit dem Akutagawa-Preis, hat mir die Absurditäten des Arbeitsalltags gezeigt und mich zugleich auf einen Streifzug durch die japanische Küche mitgenommen. Ihr Protagonist ernährt sich mangels Zeit und Lust hauptsächlich von Instantnudeln. Seine Kollegin Ashikawa, die ihm so gut wie versprochen ist, wird versuchen, das zu ändern, weil sie eine hervorragende Köchin ist. Leider zeigt sie, aus Nitanis Sicht, in der Firma nicht den nötigen Arbeitseifer. Noch dazu lächelt sie alle Attacken weg und gleicht ihre mangelnde Verlässlichkeit mit feinstem selbst gemachten Gebäck für die Mitarbeiterinnen aus. Sie scheint eine wirklich „liebe“ Frau zu sein. Aber Nitani verliert die Achtung vor ihr und schmiedet mit einer anderen Kollegin, die Ashikawa hasst, Ränke. Die Autorin zeigt anschaulich die festgefahrenen Rollenbilder. Frauen rangieren hinter den Männern. Das gesamte Dasein besteht aus Etikette, die es einzuhalten gilt. Ich mochte diesen Einblick in die japanische Gesellschaft sehr. Ein bisschen schwierig fand ich die abrupten Szenenwechsel und manchmal auch den Satzbau. Insgesamt ist diese Geschichte, die auf 160 Seiten Platz findet, kein literarisches Feuerwerk, aber eine solide, anschauliche Erzählung, die ich gerne gelesen habe.