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Veröffentlicht am 16.03.2026

Elf voneinander unabhängige Stories zum Thema Selbstbestimmung

Du, hier
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Im Buch „Du, hier“ von Julia Wolf versammeln sich elf voneinander unabhängige Stories, die sich lose um das Thema der Selbstbestimmung drehen, was im heutigen Sprachgebrauch auch als Empowerment bezeichnet ...

Im Buch „Du, hier“ von Julia Wolf versammeln sich elf voneinander unabhängige Stories, die sich lose um das Thema der Selbstbestimmung drehen, was im heutigen Sprachgebrauch auch als Empowerment bezeichnet wird. Im Fokus steht jeweils eine Protagonistin in mittleren Jahren, also im Alter der Autorin. Dadurch erreicht Julia Wolf eine Nähe zu ihren Figuren, die ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Sie wirken lebensnah und ihre Handlungen sind nachvollziehbar. Allen gemeinsam ist eine Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten in ihrem Leben. Manchmal ist es nur ein Wort, um die Figuren dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und ihr Verhalten zu ändern. Die meisten von ihnen haben bis dahin in der selbst gewählten oder einer auferlegten Rolle verharrt.
Die Geschichten spielen sämtlich in der Gegenwart und handeln beispielsweise von Selbstverteidigung, das Infragestellen von Konventionen, familiären Beziehungen und Paardifferenzen. In der titelgebenden Erzählung begegnen sich zufällig zwei Jugendfreundinnen wieder, überrascht vom bisherigen Lebensweg der anderen, mit einer unerwarteten Wendung am Ende. Männer im Umfeld der Frauen treten entweder in den Hintergrund oder fungieren als Reibungspunkte. Jede Story ist einzigartig, im ganz eigenen Schreibstil, zum Beispiel besteht eine von ihnen rein aus einem inneren Monolog der Protagonistin.
Julia Wolf schreibt faszinierend, in leicht lesbarer, ruhiger Sprache, mit feiner Ironie durchzogen. Die Geschichten umfassen zwischen vierzehn bis neunundzwanzig Seiten und entfalten einen unwiderstehlichen Sog, der die Lesenden in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren zieht, um mitzuverfolgen, was sie als störend empfinden, welche Richtungsänderung sie einschlagen werden und wodurch sie diese erreichen wollen. Ich habe die Stories mit großem Vergnügen gelesen und empfehle sie gerne weiter, auch als kurze Lektüre für zwischendurch.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Suche nach Identität über mehrere Generationen, Religionen und Kontinente hinweg

Trag das Feuer weiter
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Mit ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ beendet Leila Slimani ihre Familientrilogie, die auf wahren Begebenheiten aus dem Leben ihrer Familien beruht. Die Wurzeln der Autorin liegen sowohl in Frankreich ...

Mit ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ beendet Leila Slimani ihre Familientrilogie, die auf wahren Begebenheiten aus dem Leben ihrer Familien beruht. Die Wurzeln der Autorin liegen sowohl in Frankreich wie auch in Marokko. Die überwiegende Handlung des dritten Bands spielt im Nordwesten Afrikas. Die ersten beiden Teile habe ich nicht gelesen. Dank einer kurzen Beschreibung der wichtigsten Figuren habe ich mich gut in die Erzählung eingefunden.

Anfang der 1970er Jahre heiratet die Gynäkologin Aisha, deren Mutter aus dem Elsass stammt, den Finanzökonomen Mehdi. Ihre Tochter Mia wird 1974 geboren. In kurzen Zwischensequenzen erzählt diese aus der Ich-Perspektive in der Gegenwart, in der sie als Schriftstellerin in Paris wohnt. Aufgrund einer Erkrankung empfiehlt ihr ein Arzt, sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit zu begeben. Daraufhin reist sie nach Marokko zur noch existierenden Farm ihrer Großeltern Mathilde und Amine, auf der ein Verwalter sich um das Anwesen kümmert.

Die Geschichte von Mias Familie wird in auktorialer Erzählweise geschildert und setzt Mitte der 1970er Jahre ein. In dieser Zeit gelingt es Aisha, Beruf und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren. Während ihrer Abwesenheit kümmert sich ein Hausmädchen um Haushalt und die Kinder. Mia lehnt ihre sechs Jahre jüngere Schwester Ines ab, die scheinbar von allen geliebt wird. Sie selbst begehrt gerne mal auf. Bücher eröffnen ihr den Blick auf die Welt. Sie sehnt sich nach Freiheit jenseits ihres privilegierten Elternhauses.

Leïla Slimani vermittelt dem Lesenden eindrucksvoll politische und kulturelle Einblicke in Marokko. Sie stellt die Gegensätze der Denkweisen und gesellschaftlichen Konventionen heraus, ohne diese zu werten. Über die Jahre hinweg wird sichtbar, wie sich das Land verändert und mit ihm auch Mias Familie.

Anfang der 1990er Jahre erleben Mehdi und Mia sowie ihr Großvater Amine einen Culture Clash auf ihre je eigene Weise. Amine ist verstört vom trubeligen New York, das er nur seines Sohns zuliebe besucht. Es wird deutlich, wie schwierig es für ihn ist, sich in dieser fremden Kultur zurechtzufinden, auch weil ihm die Sprachkenntnisse fehlen.

Mehdis berufliche Tätigkeit zwingt ihn dazu, Verhandlungen im Ausland zu führen. Für ihn wird es zum Problem, Marokko als ein Land mit großer Zukunft vorzustellen, um es für Investoren attraktiv zu machen. Derweil beginnt Mia ein Wirtschaftsstudium in Paris und droht am Fehlen der familiären Zuwendung zu scheitern.

In ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ zeigt Leïla Slimani die Suche nach Identität über mehrere Generationen, Religionen und Kontinente hinweg. Sie bindet bedeutende historische Ereignisse ein und verwebt sie mit den persönlichen Schicksalen der Protagonist*innen. Der Roman regt dazu an, über Familie, Herkunft und Selbstverwirklichung nachzudenken. Sehr gerne empfehle ich ihn weiter.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Wie viele eigenständige Entscheidungen verträgt eine Freundschaft?

Spielverderberin
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In ihrem Debütroman „Die Spielverderberin“ erzählt Marie Menke von der Freundschaft dreier junger Frauen. Eine von ihnen ist Sophie, die als Ich-Erzählerin den aktuellen Umgang mit ihren Freundinnen Romy ...

In ihrem Debütroman „Die Spielverderberin“ erzählt Marie Menke von der Freundschaft dreier junger Frauen. Eine von ihnen ist Sophie, die als Ich-Erzählerin den aktuellen Umgang mit ihren Freundinnen Romy und Lotte ebenso schildert wie gemeinsame Erlebnisse, die vier Jahre zurückliegen. Damals standen sie alle drei kurz vor dem Abitur. Titelgebend sind Situationen, in denen eine der Freundinnen nicht im Sinne der anderen handelt und dadurch Spannungen entstehen.

Sophie und Lotte sind in einer Bauerschaft im fiktiven Süthland aufgewachsen und von Kindheit an befreundet. Romy hingegen zog erst als Jugendliche mit ihren Eltern und ihrem Bruder in die nahegelegene Kleinstadt. Kennengelernt haben sich die drei auf dem Gymnasium.

Wenn Sophie davon berichtet, dass Lotte und Romy früher ohne sie etwas unternommen haben, erscheint sie zunächst nicht eifersüchtig. Doch ihre zunehmende Hinwendung zu Romy zeigt das Gegenteil. Sie bewundert deren frühe Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Obwohl es Sophie gelingt, mehr Beachtung zu erhalten, hat sie nicht damit gerechnet, dass Romy ihre Pläne für die Zeit nach dem Abitur trifft, ohne ihre Freundinnen einzubeziehen.

Bereits auf den ersten Seiten des Romans deutet Marie Menke an, dass zu Beginn des Studiums etwas geschehen ist, dass Sophie nie vollständig verarbeitet hat. Lotte hat dabei sichtbare Wunden davongetragen. Diese Andeutung erzeugt eine unterschwellige Spannung bis zum Schluss, weil man als Lesende unbedingt wissen möchte, was damals vorgefallen ist.

Am Ende ihres Studiums befindet sich Sophie in einer Phase der Selbstfindung. Auch Lotte, die zunächst eigenständig erscheint, hat noch kein festes Ziel vor Augen. Sophie ist sich nicht sicher, ob sie nach dem Abitur die richtige Entscheidung bei der Berufswahl getroffen hat. Ihre Eltern haben ihr dabei freie Wahl gelassen, aber es wird deutlich, dass sie insgeheim etwas anderes erwarteten.

Wenn jemand sich vom Landleben begeistert zeigt, kommen Sophie Bedenken, ob sie nach Abschluss ihres Studiums in einer Stadt arbeiten möchte. Bei ihre Abwägungen bezieht sie stets ihre Freundschaften zu Lotte und Romy mit ein. Eine besondere Stärke des Romans ist die authentische Darstellung dieser inneren Konflikte, in der sich viele Lesende in der Rolle einer der Freundinnen wiederfinden werden.

In ihrem Debütroman „Spielverderberin“ schreibt Marie Menke eindringlich über die Freundschaft dreier junger Frauen und ihrem Leben zwischen Stadt und Land. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage durch die Geschichte, wie viele eigenständige Entscheidungen eine Freundschaft aushält. Gerne vergebe ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Eindrucksvolles Debüt, das Fiktion mit Fakten verbindet

Die Routinen
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In ihrem Debüt „Die Routinen“ wirft Son Lewandowksi mit großem Feingefühl einen genauem Blick auf die Welt der Kunstturnerinnen. Dokumentarische Elemente verwebt sie geschickt mit der fiktiven Geschichte ...

In ihrem Debüt „Die Routinen“ wirft Son Lewandowksi mit großem Feingefühl einen genauem Blick auf die Welt der Kunstturnerinnen. Dokumentarische Elemente verwebt sie geschickt mit der fiktiven Geschichte von Amik, einer inzwischen zweiunddreißig Jahre alten Leistungsturnerin, die am Ende ihrer Karriere steht. Das Cover ist in den Farben Rot, Gelb und Blau gehalten, was möglicherweise eine Reminiszenz an Nadia Comaneci ist, die als eine der bis heute besten Turnerinnen gilt und für Rumänien unter einer Flagge mit eben diesen Farben startete.

Amik blickt auf ihre sportliche Laufbahn zurück und erinnert sich an prägende Momente der Sportgeschichte in ihrer Disziplin. Sie denkt an die belarussische Athletin Olga Korbut, die bei den Olympischen Spielen 1972 in München mit ihren Darbietungen begeisterte. Auch ich erinnere mich daran, wie ich als Neunjährige fasziniert ihre Schwünge am Stufenbarren während der Fernsehübertragung verfolgte. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlte, erschien mir erstrebenswert. Erst neun Jahre später brachte die Verletzung und der anschließende Rücktritt der Eiskunstläuferin Tina Riegel, die kaum zwei Jahre jünger als ich war, mich zum Nachdenken über die alltäglichen Einschränkungen junger Leistungssportlerinnen. Weitere Jahre später rückte schließlich auch öffentlich in den Fokus, welchen Übergriffen durch Trainer*innen viele von ihnen ausgesetzt waren und sind.

Ihr Trainer bittet Amik, ihre Erfahrung mit der jungen Turnerin Izzy zu teilen. Doch noch vor dem Höhepunkt ihrer Karriere verunglückt diese schwer. Nun bleibt Amik nur, sich im Krankenhaus um sie zu kümmern. Die Autorin nutzt die Beziehung der beiden Frauen, um Amiks Gefühle herauszuarbeiten, sowohl jene, die sie für die andere in den Momenten in ihrem gemeinsamen Zimmer empfindet, als auch während der Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Izzy steht dabei stellvertretend für all jene Konkurrentinnen, mit denen Amik einerseits eine Gemeinschaft bildet, ein „Wir“, wenn sie geschlossen für ihre Land antreten, mit denen sie andererseits jedoch um Startplätze und Anerkennung rivalisiert.

Son Lewandowski gewährt Einblicke in den Tagesablauf der Mädchen und Frauen. Da dieser nahezu vollständig vom Training bestimmt ist, bleibt kaum Spielraum für andere Aktivitäten. Dennoch sind es zahlreiche Themen, die Son Lewandowski in die Handlung einbindet. Sie schaut auf die Körper der jungen Frauen und schildert den ständigen Kampf mit Gewicht, Beweglichkeit und der Tatsache, einen erwachsenen Körper zu entwickeln. Damit verbunden ist auch ein Prozess der Emanzipation: die Leistung in den Mittelpunkt stellen statt auf die öffentliche Zurschaustellung des Körpers sowie die Forderung nach einem Training ohne Gewalt und Übergriffe.

Die formale Gestaltung des Textes, bei dem die Autorin immer wieder Sätze separiert oder wiederholt, ruft die Schattenseiten des Systems Kunstturnen nachdrücklich ins Bewusstsein. Gleichzeitig bleibt der Schreibstil von Respekt gegenüber den Leistungen der Athletinnen geprägt und zollt ihnen Hochachtung für die Entbehrungen, die sie nicht nur zum eigenen Ruhm, sondern auch für den ihres Landes auf sich nehmen.

„Die Routinen“ von Son Lewandowski ist ein eindrucksvolles Debüt, das fiktive Erzählung mit sporthistorischen Bezügen und gesellschaftskritische Fragen des Kunstturnen verknüpft, einem in der Öffentlichkeit oft angeschauten und aufgrund der körperlichen Höchstleistungen faszinierenden Sports. Der schonungslose Blick der Autorin schaut jedoch auch auf die Kehrseite der Medaillen und verdeutlicht die Machtstruktur, die Gehorsam erwartet und den Schmerz ignoriert. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 25.12.2025

Durchgehend spannend und berührend

Himmelerdenblau
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Das titelgebende Wort des Thrillers „Himmelerdenblau“ wurde von der mit sechszehn Jahren verschwundenen Julie als Kind erfunden und fungiert daher passend an einer Stelle als Safety Word. Die Podcast-erfahrene ...

Das titelgebende Wort des Thrillers „Himmelerdenblau“ wurde von der mit sechszehn Jahren verschwundenen Julie als Kind erfunden und fungiert daher passend an einer Stelle als Safety Word. Die Podcast-erfahrene Autorin Romy Hausmann lässt im Buch in einem entsprechenden Medienformat das Paar Liv und Phil den zwanzig Jahre zurückliegenden Fall der noch immer vermissten Julie neu aufrollen. Die beiden suchen nach einem spektakulären neuen Puzzleteil, dass zu einer endgültige Aufklärung führen könnte.
Liv ist eine von mehreren Figuren, auf die sich der Fokus in ständig wechselnden Perspektiven richtet. Dazu gehört auch Daniel, der damalige Freund der Verschwundenen. Einen besonders breiten Raum nimmt Theo ein, der Vater von Julie. Seine Demenz stellt die Autorin eindrucksvoll und glaubwürdig dar. Sein Stolz beruht darauf, einst der Leiter der Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Charité gewesen zu sein.
Romy Hausmann spielt mit den Lesenden, indem sie einige falsche Fährten auslegt. Kaum glaubt man, ein mögliches Szenario der damaligen Ereignisse erkannt zu haben, stellt es sich als Irrweg heraus. Gegen Ende wird eine der handlungstragenden Figuren tot aufgefunden, was nochmals zu einer überraschenden Wendung der Ereignisse führt. Erst auf den letzten Seiten überzeugt die Autorin mit einer Lösung, die man so nicht unbedingt erwartet hätte und die zugleich den Einsatz von Theo für seine Familie betont.
Der Thriller „Himmelerdenblau“ ist aufgrund zahlreicher unerwarteter Entwicklungen nicht nur durchgehend spannend, sondern durch Theos Schicksal auch berührend. Gerne empfehle ich das Buch an alle Lesenden des Genres weiter.

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