Profilbild von Fornika

Fornika

Lesejury Star
offline

Fornika ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Fornika über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.02.2026

Die treibende Künstlerin

Lola im Spiegel
0

Liv Bytheriver ist bald 18 Jahre mit ihrer Mutter auf der Flucht, wohnungslos unterwegs in Australien. Liv heißt nicht wirklich Liv, ihren echten Namen hat ihr die Mutter nie verraten, aus Angst, dass ...

Liv Bytheriver ist bald 18 Jahre mit ihrer Mutter auf der Flucht, wohnungslos unterwegs in Australien. Liv heißt nicht wirklich Liv, ihren echten Namen hat ihr die Mutter nie verraten, aus Angst, dass man ihnen so auf die Spur kommen könnte. Und so wechselt Liv ihren Namen fast schon häufiger als sie zum Zeichenstift greift, denn diesen Traum verfolgt sie eisern: international beachtete Künstlerin zu werden. Doch wie schafft man es aus einem durchgerosteten Auto vom Brisbaneriver bis in die New Yorker MoMa?
Dalton nimmt den Leser mit in die Welt der Treibenden, der wohnungs- aber nie obdachlosen. Die Künstlerin und ihre Mom haben auf ihrem kleinen geschützten Schrottplatz eine eingeschworene Nachbarschaft gefunden; man hilft sich, man bildet fast schon eine kleine zusammengewürfelte Familie, auch wenn jeder mit den eigenen Dämonen kämpfen muss, und manchmal auch jemand einfach weitertreibt. Der Autor nähert sich dem Thema umsichtig, respektvoll, aber auch ungeschönt und realistisch. Seine Gesellschaftskritik wirkt nie belehrend, er räumt mit einigen Vorurteilen auf und wirft auch einen Blick ins Jahr 2032: Brisbane wird Austragungsort der Olympischen Spiele, was die Situation für viele Treibenden noch deutlich verschärfen wird.
Seine Protagonisten habe ich schnell ins Herz geschlossen. Facettenreich gezeichnet, lebendig und immer wieder überraschend, bin ich ihnen nur zu gerne durch den oft harten Alltag gefolgt. Die Künstlerin vereint jugendlichen Optimismus, manchmal kindliche Naivität mit einer Abgebrühtheit, die die Jahre auf der Straße hervorgebracht haben. Ihre Tuschezeichnungen schleichen sich immer wieder auf die Seiten, ordnungsgemäß versehen mit einer kuratierten Einordnung in ihre Schaffensphasen. Diesen Kniff fand ich einfach großartig, weckt er doch auch auf sehr subtile Art und Weise die leise Hoffnung, dass die Künstlerin es am Ende doch „schaffen“ wird. Überhaupt wirkt der Roman trotz allem Ärger, aller Trauer bejahend und vorsichtig optimistisch. Ich habe ihn mit großer Freude gelesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.11.2025

Hier wird niemand ge-Wham-bombed

Ring the Bells
5

Eigentlich waren die Redaktionsmitglieder auf einem guten Weg: die Räumlichkeiten festlich geschmückt, Snacks und Getränke organisiert, ja sogar die aktuelle Ausgabe konnte fast pünktlich in den Druck ...

Eigentlich waren die Redaktionsmitglieder auf einem guten Weg: die Räumlichkeiten festlich geschmückt, Snacks und Getränke organisiert, ja sogar die aktuelle Ausgabe konnte fast pünktlich in den Druck gehen… naja fast, denn die geplante Weihnachtsfeier der Stranger Times fällt ins Wasser. Schuld ist Gott Zalas; auch wenn den bisher kaum jemand in der modernen Welt kennt, so werden ihn doch bald alle fürchten lernen.

McDonnell hat ein wunderbares Gegenmittel gegen zu viel Last Christmas, blinkenden Vorweihnachtskitsch und überteuerten Glühwein geschrieben. Ring the bells ist Teil 5 der Reihe und auf jeden Fall sollte man die vorherigen Bände kennen, denn sonst entgeht einem nicht nur jede Menge Bauchmuskelkater vom Lachen, sondern es fehlt auch wichtiges Vorwissen. Das Redaktionsteam ist altbekannt, trotzdem gibt es wieder Neues zu entdecken. Im Fokus steht dieses Mal Manny, sowohl mit als auch ohne Hose; mehr wird hier natürlich nicht verraten. Ich mag dieses Team einfach, diese Mischung aus vermeintlichen Losern, Nerds, Fast-Heiligen, Cholerikern… und unbekannten Wesen. Bei all dem Klamauk und dem ein oder anderen Seitenhieb auf die moderne Popkultur lässt der Autor diesmal auch leise, ernste Töne einfließen; ein wunderbarer Gegenpol, der mich ebenfalls begeistert und etwas nachdenklich zurücklässt. Obwohl nicht dünn, ist das Buch doch wieder viel zu schnell ausgelesen.
Fazit: McDonnell würzt weihnachtliches Flair mit viel schwarzem Humor, einem gehörigen Hang zum Absurden, schlagfertigen Dialogen und einem Tempo, das fast an das von Margo herankommt. Naja, fast. Ganz, ganz große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 17.08.2025

Nichts ist unmöglich

Dr. No
0

Walas zurückgezogenes Professorenleben wird ganz schön aufgerüttelt, als ihm Superschurke Sill ein äußerst großzügiges Honorar für seine Expertise anbietet. Wala ist nämlich die Koryphäe, wenn es um das ...

Walas zurückgezogenes Professorenleben wird ganz schön aufgerüttelt, als ihm Superschurke Sill ein äußerst großzügiges Honorar für seine Expertise anbietet. Wala ist nämlich die Koryphäe, wenn es um das Nichts geht, in all seinen Facetten, seit Jahren befasst er sich mit nichts. Und diesem Nichts wohnt große Macht inne, mit der Sill alles erreichen könnte. Wie die Weltherrschaft zum Beispiel.

„Ich muss dir sagen, dass ich dieses ganze Gerede von nichts verwirrend finde“
Ich muss zugeben, zwischendrin wollte ich da der Protagonistin Eigen aus tiefstem Herzen einfach nur zustimmen. Everett spielt mit dem Begriff, gibt ihm eine neue Definition (oder eine, die er schon immer hatte?), wirft mit alltäglichen Floskeln um sich und verkehrt deren Bedeutung. Man muss diesem Gedankengang konzentriert folgen können, sonst verheddert man sich endlos. Aber dann… dann wird man belohnt. Dr. No ist eine außergewöhnliche Geschichte, die zwar wirklich die klassischen Elemente eines Spionageromans hat, diesen aber ganz neu interpretiert. Neben der erwarteten Spannung wird es sehr absurd, philosophisch, gesellschaftskritisch und natürlich bleibt der ein oder andere Ausflug in die höhere Mathematik nicht aus. Witzig ist das Ganze noch obendrein. Das klingt nach einem wilden unverständlichen Sammelsurium, doch der Autor vereint all diese Elemente gefühlt mühelos. Mit Wala hat er zudem einen seltsamen, aber auch liebenswerten Protagonisten erschaffen, dem man sehr gerne über die Seiten folgt. Er ist einerseits hochspezialisiert, andererseits aber auch etwas naiv und weltfremd. Seine engste Beziehung pflegt er beispielsweise zu Hund Trigo. Ich mochte ihn trotzdem sofort.
Dr. No ist kein einfacher Roman zum Weglesen, aber wer sich auf ihn einlässt, der wird ein paar wunderbare Lesestunden mit ihm verbringen. Klare Empfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.03.2025

Eingepfercht

Die Kammer
0

Ellen Brooke ist eine der wenigen Sättigungstaucherinnen der Welt, gerade ist sie mit ihrer Truppe zu einem neuen Einsatz in der Tiefe gestartet. Die Enge und die Druckverhältnisse in der Kammer bergen ...

Ellen Brooke ist eine der wenigen Sättigungstaucherinnen der Welt, gerade ist sie mit ihrer Truppe zu einem neuen Einsatz in der Tiefe gestartet. Die Enge und die Druckverhältnisse in der Kammer bergen schon unter normalen Umständen nicht nur große physische, sondern auch psychische Herausforderungen. Doch als ein Teammitglied stirbt, stehen die Verbliebenen vor den vermutlich härtesten Tagen ihres Lebens, denn: sie können nicht hinaus. Die Helfer können nicht hinein. Und das Sterben scheint noch nicht vorbei.
Deans Thriller hat mich wirklich mitgerissen. Allein das Setting ist schon so fremd, dass man möglichst schnell mehr über diesen außergewöhnlichen Ort und Beruf erfahren möchte. Bei aller Spannung lässt sich der Autor dabei auch Zeit vieles genau zu erklären, um den Leser möglichst authentisch mitzunehmen in die Kammer. Auch technische Details werden verständlich in die Handlung eingearbeitet, überhaupt hat mir Deans Erzählstil wirklich gut gefallen.
Die Zeit bis zur Rückkehr wird für die Verbliebenen zu einer nervenaufreibenden und zermürbenden Zerreißprobe. Obwohl alle psychischen Druck gewöhnt sind und mit den speziellen Herausforderungen ihrer Arbeit umgehen können, zeigt der Autor doch sehr gut wie die Situation an jedem nagt. Ellen führt als Erzählerin durch die Handlung, die anderen Crewmitglieder lernt man erst nach und nach kennen. Sie hat eine ruhige und bedachte Art, alles was man von jemandem mit diesem Job erwarten kann. Doch auch sie hat Geheimnisse und eine Vergangenheit, wie alle Beteiligten. Dean zeigt sehr geschickt, wie sich Stress und Anspannung auf das quasi blinde Vertrauensverhältnis untereinander auswirken, wie Extremsituationen alles ändern können. Diese Einblicke waren für mich einer der ganz großen Stärken des Thrillers. Die Story hat mich wirklich glänzend unterhalten, einzig die Auflösung wirkte auf mich etwas schwächer, wenn auch schlüssig. Trotzdem empfehle ich ihn gerne weiter, da das tatsächlich irgendwie kaum ins Gewicht fällt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2024

White Trash

Demon Copperhead
0

In einem Trailer der heruntergekommenen Sorte verbringt Damon seine ersten Kindheitsjahre; sie sind geprägt von Armut und der Sucht der überforderten Mutter. Als sie letztendlich stirbt, kann er nicht ...

In einem Trailer der heruntergekommenen Sorte verbringt Damon seine ersten Kindheitsjahre; sie sind geprägt von Armut und der Sucht der überforderten Mutter. Als sie letztendlich stirbt, kann er nicht beim (verhassten) Stiefvater bleiben, sondern gerät in die Maschinerie des Jugendamts und wird von Pflegestelle zu Pflegestelle gereicht, jederzeit bereit endgültig durch die Maschen des Netzes zu rutschen.
Kingsolver erzählt Dickens David Copperfield in einer modernen Adaptation, verlegt den Handlungsort in einen runtergekommenen Trailerpark in Lee County. Sie schildert das Sozialgefüge sehr anschaulich, ebenso die Vorurteile und abfälligen Blicke, die die Bewohner auf sich ziehen, fast schon einer Milieustudie gleich. Demon wie er bald von allen genannt wird, ist ein kluger Kopf, der sich schnell an Veränderungen anzupassen versucht, aber natürlich trotzdem permanent unterzugehen droht. Er rutscht ab, mal hat man das Gefühl es wäre unausweichlich gewesen, mal, dass er auch seinen guten Teil dazu beigetragen hat. Auf jeden Fall ist es immer wieder berührend, aber auch überraschend, welche Wendungen sein junges Leben nimmt. Trotz der beachtlichen Länge des Romans tritt die Handlung nie auf der Stelle; im Gegenteil, der Roman war bei aller Tragik doch sehr kurzweilig und unterhaltsam. Demons Erzählstimme hat mir wahnsinnig gut gefallen, ein gewisser Zynismus mischt sich mit Verletzlichkeit; bei aller Aussichtslosigkeit, scheint er doch nie aufzugeben und die Hoffnung zu verlieren.
Der Roman thematisiert den rasanten Anstieg der Medikamentenabhängigen und versucht hier auch aufzuzeigen, wie schnell und oft unverschuldet man in die Abhängigkeit abrutschen kann. Die Autorin beschönigt nichts, versucht aber auch Verständnis beim Leser zu wecken. Mir hat ihr Mittelweg gut gefallen. Man muss sich auf die Thematik, auf Elend und Gewalt einlassen können, dann wird man aber mit einem starken und doch einfühlsamen Roman belohnt. Mir hat er sehr gefallen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere