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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.04.2026

Spurlos

Die Bücherfrauen von Listland. Der Duft des Strandhafers
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Martje Lorenzen verschwindet eines Tages spurlos von Sylt, ihre Schwester Fenja wartet Jahrzehnte, bis sie endlich Näheres erfahren kann. Während die Journalistin Anna März in den Inselarchiven stöbert, ...

Martje Lorenzen verschwindet eines Tages spurlos von Sylt, ihre Schwester Fenja wartet Jahrzehnte, bis sie endlich Näheres erfahren kann. Während die Journalistin Anna März in den Inselarchiven stöbert, entfaltet sich Martjes Geschichte in einer weiteren Zeitebene.

Ein abwechslungsreiches Hin- und Her zwischen Heute und Damals begleitet uns auf dem Weg eines unterhaltsamen Puzzlespiels, dessen Steine sich langsam zu einem kompletten Bild zusammensetzen. Die Atmosphäre auf den Friesischen Inseln ist durchwegs spürbar, die Handlung selbst allerdings diesmal nicht so stimmig wie noch bei Band 1. Der Zwiespalt zwischen Martjes neuem Leben und ihrer Sehnsucht nach der Heimat wirkt auf mich nicht immer glaubwürdig, die zufälligen Begegnungen am Ende kommen eher gewollt als realistisch daher. Positiv fällt der einsame Vogelbeobachter auf, der selbst einen schweren Schicksalsschlag verkraften hat müssen und Martje zu einem väterlichen Freund wird. Auch sonst herrschen liebevolle Beziehungen zwischen etlichen Figuren und spiegeln die Ruhe der Inseln wider. Dazu passt der einfühlsame Schreibstil perfekt und rundet das Geschehen schön ab.

Aufgrund der hohen Erwartungshaltung nach dem ersten Teil der Dilogie scheint Band 2 nun nicht ganz so überzeugend, bildet aber dennoch einen lesenswerten Abschluss der Familiengeschichte.


Veröffentlicht am 09.03.2026

Die Gouvernante

Der Wille der Gräfin
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Für die adelige Hanna bleibt kein Erbe über. Möchte sie nicht bei ihrer Tante Unterschlupf suchen, so muss sie wohl selber als Gouvernante für ihr Auskommen sorgen. Nur knapp schrammt sie in Karlsbad an ...

Für die adelige Hanna bleibt kein Erbe über. Möchte sie nicht bei ihrer Tante Unterschlupf suchen, so muss sie wohl selber als Gouvernante für ihr Auskommen sorgen. Nur knapp schrammt sie in Karlsbad an einem Unglück vorbei und lernt kurz darauf Gräfin Valeria kennen, welche für ihre verwaiste Enkelin eine Erzieherin sucht. Allerdings stellt sie Hanna nicht ohne Hintergedanken ein.

Dieser unterhaltsame Roman, welcher im Jahre 1896 spielt, erzählt die Geschichte einer tatkräftigen jungen Frau, die auf eigenen Füßen stehen möchte und viel mehr mitbringt, als von einer Gouvernante erwartet wird. Keinesfalls möchte sie das Geheimnis um ihre adelige Abstammung preisgeben und muss daher genau darauf achten, wie sie sich gibt und was sie sagt. Das angestammte Personal beäugt die Neue skeptisch und auch die störrische Enkelin Antonia, Hannas Zögling, ist eine Herausforderung.

Aus dem bereits aus früheren Romanen bekannten Karlsbad geht es diesmal Richtung Ungarn. Mit lebendigen Bildern vor Augen und entsprechender Atmosphäre quartieren wir uns auf einem weitläufigen Anwesen ein, sitzen auf der Terrasse und beobachten das bunte Treiben zwischen Gutshof und Pferdestallungen. Natürlich bleiben Eifersucht und Intrigen nicht aus, sodass es nach der etwas lang andauernden Reise doch wieder spannend wird. Wie gewohnt, ist die Geschichte auf der letzten Seite nicht zu Ende, eine Fortsetzung in Heiligendamm mit frischer Ostseeluft wartet hoffentlich bald auf die neugierigen Leser.


Veröffentlicht am 08.03.2026

Mutige Sofia

Die Papierschöpferin
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Corrado di Maderno, Besitzer einer Papiermühle am Gardasee, kehrt von seiner Reise nach Venedig nicht mehr zurück. Er sei an der Pest verstorben, heißt die Nachricht an seine Familie, wodurch Tochter Sofia ...

Corrado di Maderno, Besitzer einer Papiermühle am Gardasee, kehrt von seiner Reise nach Venedig nicht mehr zurück. Er sei an der Pest verstorben, heißt die Nachricht an seine Familie, wodurch Tochter Sofia mit ihren jüngeren Geschwistern auf sich allein gestellt ist, denn die Mutter lebt auch nicht mehr. Am liebsten würde Sofia selbst die Geschicke der Papiermühle weiterführen, aber das ist im 15. Jahrhundert natürlich nicht denkbar. Frate Sebastiano als Vormund unterstützt sie daher, um einen geeigneten Heiratskandidaten zu finden und in der Zwischenzeit für die Kinder zu sorgen. Eine Reise nach Augsburg und ein junger Novize sorgen dabei für Aufregung.

Sehr überzeugend malt Anna Thaler ihr Bild der damaligen Zeit, beschreibt eindrücklich das Handwerk des Papierschöpfens und die Not der zurückbleibenden Geschwister nach dem Tod der Eltern. Aus freundlich gesinnten Nachbarn werden plötzlich Konkurrenten, welche die einst gut gehende Papiermühle als Trophäe vor Augen haben. Und auch Menschen, welche es gut meinen mit Sofia, legen oftmals nur ihre eigenen Weltvorstellungen als Maßstab an, während sie übersehen, was für die talentierte junge Dame das Beste ist. Denn auch wenn ihr keine besondere Bildung zuteil geworden ist, so spürt sie im Herzen, wie ihre Zukunft aussehen sollte. Umso schöner ist es, mitzuerleben, wie Sofia an den Herausforderungen wächst, sie mit Verstand und Mut nach Augsburg und Venedig reist, wo sie eine gefährliche Information erhält.

Ohne überbordende Emotionen fließt die Geschichte gleichmäßig dahin, bringt viel Interessantes über die Papierherstellung und den Buchdruck, eine leise Romanze ergibt sich wie nebenbei. Das Bild der damaligen Zeit fühlt sich stimmig an und bietet gute Unterhaltung.

Veröffentlicht am 16.02.2026

Portugal im Widerstand

Die Hoffnung, die uns trägt
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Im Jahre 1961 stirbt der zehnjährige Pedro, die ärmlichen Wohnverhältnisse, die feuchten Mauern, der unstillbare Husten setzen seinem kurzen Leben ein stilles Ende. Weder Mutter noch Vater kommen mit dem ...

Im Jahre 1961 stirbt der zehnjährige Pedro, die ärmlichen Wohnverhältnisse, die feuchten Mauern, der unstillbare Husten setzen seinem kurzen Leben ein stilles Ende. Weder Mutter noch Vater kommen mit dem schweren Schicksalsschlag zurecht, lediglich die ältere Schwester Amália erkennt, dass sie einfach weiterleben und weiterkämpfen muss, um nicht ebenfalls zu zerbrechen. So hilft die Siebzehnjährige am Obststand aus und kellnert in einem kleinen Café, um ihr Auskommen zu bestreiten und lernt dabei eine Gruppe eifriger Studenten kennen. Dass diese politisch aktiv sind und gegen das Regime von Salazar auftreten, erfährt sie erst, als sie schon Gefühle hegt für Marcelo.

In einem bestens recherchierten Rahmen historischer Ereignisse spielt diese unglaublich real erscheinende Geschichte von Amália im schönen Lissabon. Aber so schön, wie wir es heute kennen, ist es in den 1960er-Jahren wohl doch nicht gewesen. Kolonialpolitik, Bürgerkrieg, Unterdrückung und auffällige Standesunterschiede rufen breite Studentenbewegungen auf den Plan, unter den jungen Menschen wird der Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung immer lauter. Amália, die selbst nur eine lückenhafte Schulbildung erfahren hat, schließt sich bald dem Widerstand an, ihr Privatleben vermischt sich auf unwiederbringliche Weise mit der Politik. Mutige Figuren treffen aufeinander, die Furcht vor Verfolgern steckt stets im Nacken, das Bangen um Wohnraum und Lohn ist immerwährend präsent. Geschickt und pragmatisch fängt Kerstin Lange die Atmosphäre der damaligen Zeit ein und verliert sich nicht in Gefühlsduseleien. Am Ende streift unser Weg dann noch den der Österreicherin Reni und schließt so die erwartete Verbindung zum Vorgängerband „Die Sehnsucht, die bleibt“. Besonders jetzt werden die Emotionen spürbar, der Eindruck dieses ruhigen Romans wird noch länger bleiben.

Eine gelungene Fortsetzung vor dem Hintergrund portugiesischer Zeitgeschichte. Sehr gerne empfehle ich dieses Buch an jene Leser weiter, die einen glaubwürdigen Roman suchen, welcher zarte Liebensbande mit historischen Gegebenheiten verknüpft.

Veröffentlicht am 10.02.2026

Perfektionisten

Das Signal
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Adam ist ein Perfektionist, ein Ästhet, er würde nicht einmal Äpfel ohne Stängel in die Obstschale legen. Wie wird er dann damit umgehen, dass seine bislang umwerfend aussehende Frau nach einem Unfall ...

Adam ist ein Perfektionist, ein Ästhet, er würde nicht einmal Äpfel ohne Stängel in die Obstschale legen. Wie wird er dann damit umgehen, dass seine bislang umwerfend aussehende Frau nach einem Unfall nur mehr ein Bein hat? Viola merkt bald, dass die Liebe schnell abkühlt, aber auch sie ist eine Perfektionistin. Bald erkennt sie, dass im eigenen Haus nicht mehr alles stimmt.

Auf spannende Weise lässt Ursula Poznanski ihre Hauptfigur Viola in der Ich-Form erzählen, wodurch ihre Gedanken und Gefühle zu ihrer neuen Situation bestens erlebbar werden, dass die anderen Figuren nur aus ihrem Blickwinkel betrachtet werden, stört keineswegs. Im Gegenteil, so steigert sich die Phantasie Violas zu allerlei möglichen und unmöglichen Überlegungen und führt auch den Leser auf so manchen Irrweg. Gut recherchierte Details zu Amputationen, Prothesen und Phantomschmerzen fließen geschickt ins Geschehen ein ohne jedoch aufdringlich oder gar abstoßend zu wirken, die technischen Raffinessen diverser Kleingeräte und Violas trickreiche Vorgehensweise sorgen für weitgehende Kurzweil. Lediglich das immer wieder angedeutete Geheimnis und die daraus resultierenden Folgen finde ich nicht richtig überzeugend. Dennoch punktet die Autorin auch diesmal wieder mit ihrem flotten Schreibstil, inhaltlich fügen sich die psychologischen Betrachtungen der einzelnen Themenbereiche gut in die vorherrschende Atmosphäre im abgelegenen Haus ein.

Kurzum, wer weniger Blut und Nervenkitzel sucht als vielmehr Stimmung und Überlegungen einer einzelnen Figur, der wird hier erfüllende Lesestunden finden.