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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.03.2026

Eine ruhige aber spannende Geschichte auf zwei Zeitebenen

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Alena Schröder erschien bei dtv. Das Hörbuch wurde von Julia Nachtmann für Hörbuch Hamburg eingelesen. Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen. Zum einen ...

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel von Alena Schröder erschien bei dtv. Das Hörbuch wurde von Julia Nachtmann für Hörbuch Hamburg eingelesen. Die Geschichte spielt in zwei Zeitebenen. Zum einen im Mai 1945 in Güstrow und zum anderen 2023 in Berlin. Während wir Marlen in Güstrow begleiten dürfen, lernen wir Hannah in der Gegenwart kennen.

Für mich ist es das zweite Buch von Alena Schröder, das ich einfach nur verschlungen habe. Daher kann ich dir auch „Bei euch ist es so unendlich still“ sehr ans Herz legen. „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht blaues Kleid“ liegt noch ungelesen auf meinem Nachttisch und wird vermutlich ebenfalls bald gelesen. Alle drei Bücher sind eigenständig und nicht wirklich als Reihe deklariert. Dennoch gibt es Verbindungen über die handelnden Personen. Im Prinzip geht es in jedem Buch auf die eine oder andere Weise um Hannah, ihre Mutter Silvia und deren Mutter Evelyn.

Im vorliegenden Band ist Hannah Borowski 34 Jahre alt. Ihre Familie hat sie inzwischen zu Grabe getragen. Nur ihr Erzeuger wandelt noch unter den Lebenden, zu dem sie bisher keinerlei Kontakt pflegte. Ob sie jetzt noch eine Beziehung zu ihm aufbauen kann ist fraglich.

Die Geschichte springt immer wieder zwischen Marlen und Hannah hin und her. Während ich bei Marlen die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs sprachlos verfolgen muss, darf ich bei Hannah die ganz alltäglichen Probleme erleben. Diese wirken im Vergleich zu Marlens Erfahrungen fast leicht.

Ich muss gestehen, dass ich mich besonders in Marlens und Wilmas Erzählungen verloren habe. Letztere ist quasi die Ziehmutter von Marlen. Hier darf ich einen Blick in Wilmas Atelier werfen und bekomme eine Idee davon, wie es zum Titel des ersten Buches von Alena Schröder kam. Solche Zusammenhänge mag ich total.

Gespannt habe ich verfolgt, wie Marlen sich weiterentwickelt und immer stärker wird. Die beiden Erzählstränge laufen dabei langsam aufeinander zu. Mit Hannah reise ich zwar nicht direkt in die Vergangenheit, komme Marlen aber dennoch immer näher. Was genau die beiden Frauen miteinander verbindet, verrate ich dir nicht. Ich möchte dir schließlich nicht zu viel vorwegnehmen. Wenn du jedoch die ersten beiden Bücher gelesen hast, wirst du vielleicht eine Idee entwickeln.

Magst du Geschichten, die in mehreren Zeitebenen spielen? Tauchst du gerne in Geschichten mit starken Frauen ein? Dann bist du hier genau richtig. „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ von Alena Schröder entführt dich in eine bewegende Geschichte. Freue dich auf Hannah und ihren Einsatz für die Menschenrechte. Sie ist von ihrer Arbeit vollkommen überzeugt. Im Gegensatz dazu erfährst du bei Marlen, wie ihr das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben fast genommen wurde. Begleite sie durch die letzten Tage des Krieges und erlebe mit, wie sie ihr Leben in der DDR gestaltet. Und schaue dabei ganz genau auf die Leinwand, um das Bild zu erkennen, an dem sie jahrelang arbeitet. Für mich war es eine Geschichte voller Höhen und Tiefen mit zwei starken Frauen, die auf ihre ganz eigene Art mit beiden Füßen im Leben stehen. Ich habe die Geschichte einfach nur verschlungen und empfehle sie sehr gerne weiter.

Veröffentlicht am 06.03.2026

Eine fesselnde Geschichte, die nachhallt

Preston Brothers, Band 2 - Losing Logan
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Losing Logan von Jay McLean erschien im Ravensburger Verlag. Das entsprechende Hörbuch wurde von Sven Macht und Lena Laid für Saga Egmont eingelesen. Es ist der zweite Band der Preston Brothers Trilogie ...

Losing Logan von Jay McLean erschien im Ravensburger Verlag. Das entsprechende Hörbuch wurde von Sven Macht und Lena Laid für Saga Egmont eingelesen. Es ist der zweite Band der Preston Brothers Trilogie und handelt vom mittleren Bruder. Er ist das schwarze Schaf der Familie und damit ganz anders als Aubrey O’Sullivan, die mit ihren 18 Jahren ganz genau weiß, was sie will und bereits ihre eigene Papeterie in Winbury führt.

Die Geschichte ist in sich geschlossen und kann ganz unabhängig vom ersten Buch gelesen werden. Alles Wichtige wird erwähnt. Nichtsdestotrotz empfehle ich dir aber, auch den ersten Band „Loving Lucas“ zu lesen. Entweder bevor du dieses Buch liest oder danach. Beide Bücher kannst du auch als Hörbuch genießen. Ich habe sie einfach nur verschlungen und auch den dritten Band schon auf meinem Nachttisch liegen. Insgeheim hoffe ich nun, dass auch der vierte Band ins Deutsche übersetzt wird.

Nun noch ein wenig zur Geschichte und zu den Protagonisten. Als Ich-Erzähler treten Logan Preston und Aubrey O’Sullivan auf, die passend von den Sprechern Sven Macht und Lena Laid vertont wurden. Hierbei möchte ich eine klitzekleine Kritik äußern. Denn das Stimmalter der Sprecher passt für mich so gar nicht zu den Erzählern. Ich musste mir beim Hören immer wieder in Erinnerung rufen, dass die beiden erst 19 beziehungsweise 18 Jahre alt sind. Durch die Stimmen hatte ich eher das Gefühl, dass beide gute zehn Jahre älter sind. Das ist aber auch alles, was ich an Kritik äußern möchte, denn Sven Macht und Lena Laid transportieren die Gefühle von Logan und Aubrey grandios. Ich war sofort mitten im Geschehen und konnte mich in beide sehr gut hineinversetzen.

Logan hat für mich typische Merkmale eines Sandwichkindes. Er arbeitet zwar gewissenhaft im Bauunternehmen der Familie, hat aber seine ganz eigenen Probleme, die er mit Drogen zu dämpfen versucht. Während seiner Erzählung taucht ein Gedankengang immer wieder auf, der mich grübeln lässt. Bis zum Schluss habe ich spekuliert, was mir folgender Satz wohl sagen möchte.

„Ich bin neun Jahre alt, und das Leder knarzt unter meinem Gewicht. Das Auto riecht noch neu, obwohl ich schon seit Monaten darin mitfahre.“
Ich lasse das jetzt einmal so stehen, weil ich dir die Spannung nicht nehmen möchte. Ein zweiter Ausspruch, der sich ebenfalls wiederholt, hat eine ganz andere Intention. Um das Thema wieder ein wenig leichter zu machen, möchte ich dir auch diesen mit auf den Weg geben, der mich irgendwie an meine eigene Kindheit denken lässt.

„Rumms, wumms, rumms“, flüstert Lucy.
Die Szene, die dahinter steckt, ist einfach zu schön. Alle Kinder verstecken sich im Schlafzimmer unter der Bettdecke und erwarten die Heimkehr des Vaters nach Feierabend. Dieser poltert mit schweren Schritten die Treppe hoch und sucht seine Kinder, um dann wider Erwarten mit ihnen zu kuscheln. Ich musste hier einfach schmunzeln und habe mich bei den Erinnerungen der Geschwister an diese Zeit einfach nur gefreut.

Auch Aubrey nimmt mich ein wenig mit in ihre Kindheit, die ohne Geschwister ganz anders verläuft als Logans. Sie wächst alleine bei ihrer Mutter auf und verspürt früh den Drang, in den Ort ihrer frühesten Kindheit zurückzukehren. Hier trifft sie auf die Familie Preston und hat direkt ein Herz für den jüngsten Spross der Familie. Dieser verbringt aus bestimmten Gründen seine Zeit nach der Schule bei ihr im Laden und zeigt ihr, wofür sein Herz schlägt. Lachlan muss man einfach lieben. Mit seinen neun Jahren ist er das Nesthäkchen der Familie.

Magst du Großfamilien mit ihrer ganz eigenen Dynamik? Hast du ein Faible für die erste große Liebe? Dann schnappe dir „Losing Logan“ von Jay McLean und tauche ab in eine ganz besondere Geschichte. Sie zeigt zum einen den starken Zusammenhalt der Geschwister, aber auch die Abgründe, die eine Drogensucht mit sich bringen kann. Hier trifft ein toughes Mädchen, das genau weiß, was es vom Leben will, auf einen ernsten Jungen, der seine Gefühle hinter Wut und Trotz zu verbergen versucht. Freue dich auf die schönen Momente zwischen den beiden, aber begleite sie auch auf dem steinigen Weg, der mir die ein oder andere Träne beschert hat. Ich habe einfach nur an den Stimmen der Sprecher gehangen und konnte gar nicht aufhören, der Erzählung zu lauschen. Immer wieder war ich sprachlos und habe mit so manchem Twist nicht gerechnet. Für mich war Band zwei genauso spannend wie Band eins, besitzt aber für mein Empfinden sehr viel mehr Tiefgang. Es ist nicht einfach nur eine Young-Adult-Liebesgeschichte, die gut unterhält, sondern hält auch ganz viel zum Nachdenken und Nachsinnen bereit. Von mir gibt es eine ganz klare Lese- und Hörempfehlung und ich schnappe mir jetzt ganz schnell Band drei.

Veröffentlicht am 11.02.2026

Spannung Pur

Das Signal
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Das Cover fällt durch seine Farben sofort ins Auge. Auf schwarzem Hintergrund erkennt man eine Spirale, an deren engster Stelle ein Standortpunkt zu sehen ist. Farblich verläuft sie von Pink zu Lila. Ein ...

Das Cover fällt durch seine Farben sofort ins Auge. Auf schwarzem Hintergrund erkennt man eine Spirale, an deren engster Stelle ein Standortpunkt zu sehen ist. Farblich verläuft sie von Pink zu Lila. Ein weiterer Eye-Catcher ist die Anordnung des Titels: Das „das“ steht senkrecht, während das „Signal“ waagerecht nahezu auf einen zuspringt. Mir gefällt diese Gestaltung richtig gut.

Das Signal von Ursula Poznanski erschien im Knaur Verlag. Das dazugehörige Hörbuch wurde im Argon Verlag veröffentlicht und von Tessa Mittelstaedt eingelesen. Die Geschichte handelt von Viola Decker, die nach einem Unfall quasi ans Haus gefesselt ist. Um mehr über ihren Mann zu erfahren und verlorene Dinge wiederzufinden, bestellt sie sich kleine GPS-Tracker. Was sie damit entdeckt, ließ mich sprachlos zurück und sorgte dafür, dass ich gebannt weiterhörte.

Das Setting hat mich sofort angesprochen, sodass ich die Geschichte unbedingt lesen wollte. Letztlich habe ich sie größtenteils gehört. Tessa Mittelstaedt hat für mich eine sehr angenehme Stimme, die die Atmosphäre hervorragend einfängt und die Gefühle der Figuren passend transportiert. Sie erweckt die Protagonistin und Ich-Erzählerin Viola zum Leben. Ich hing förmlich an ihren Lippen und konnte mich kaum vom Hörbuch lösen. Ein ganzer Vormittag war wie im Flug vergangen, weil die Geschichte so spannend war.

Besonders interessant fand ich die genaue Beschreibung der GPS-Tracker und ihrer nützlichen Funktionen. Bei der Wahl von Emoji, Name und Geräusch musste ich zwischendurch sogar schmunzeln. Doch vor allem zogen mich die durch die Tracker gewonnenen Erkenntnisse immer tiefer in den Bann. Wer war für den Einsturz im Weinkeller verantwortlich? Was hat Viola durch den Unfall alles vergessen? Und vor allem: Kann sie ihrem Mann wirklich vertrauen?

Diese Fragen begleiteten mich bis zum Schluss und sorgten dafür, dass ich nicht genug bekommen konnte. Viel zu schnell waren die 400 Seiten beziehungsweise fast 12 Stunden Hörzeit vergangen. Ein Buch, das mich vollkommen überzeugt hat und sich direkt als erstes Jahreshighlight auf meine Top Ten für 2026 geschlichen hat.

Magst du spannende Geschichten aus der Sicht des Opfers erzählt? Liebst du es, bis zum Ende zu überlegen, was am Anfang wirklich passiert ist? Dann bist du bei "Das Signal" von Ursula Poznanski genau richtig. Dich erwarten ein Unfall voller offener Fragen, eine ehrgeizige Protagonistin, die um ihre Unabhängigkeit kämpft, und ein Ehemann, der scheinbar vor Sorge um seine Frau vergeht. Freue dich auf einen starken Spannungsbogen und eine Geschichte, die noch lange nachhallt. Ich hatte unglaublich spannende Hörstunden und empfehle das Hörbuch oder Buch sehr gerne weiter.

Veröffentlicht am 11.02.2026

Ein ruhiger und atmosphärischer Roman

Mathilde und Marie
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Das Cover wirkt wie ein Ölgemälde eines kleinen Dorfes. Im Hintergrund ragen die Berge in den Himmel und rahmen den Ort mit seinen vielen roten Dächern ein. Auf mich wirkt es einfach idyllisch und lässt ...

Das Cover wirkt wie ein Ölgemälde eines kleinen Dorfes. Im Hintergrund ragen die Berge in den Himmel und rahmen den Ort mit seinen vielen roten Dächern ein. Auf mich wirkt es einfach idyllisch und lässt auf eine ruhige, atmosphärische Geschichte hoffen.

Mathilde und Marie von Torsten Woywod erschien im Argon Verlag. Das Hörbuch wurde von Sabine Arnhold eingelesen. Sie verleiht den Bewohnern von Redu ihre Stimme und trägt maßgeblich zur ganz besonderen Atmosphäre dieses Bücherdorfes bei.

Eine kleine Anmerkung vorab: Das Bücherdorf Redu gibt es tatsächlich in Belgien. Die Figuren hingegen sind der Fantasie des Autors entsprungen. Ich muss gestehen, dass ich vor der Lektüre nicht wusste, dass es solche Orte überhaupt gibt. Eine kurze Recherche zeigte mir jedoch, dass es durchaus mehrere davon gibt. Übrigens auch einen Ort namens Damme, genauso wie der Ort, in dem ich wohne, nur dass dieser ebenfalls in Belgien liegt. Ich glaube, einen solchen Ort mit ganz vielen Antiquariaten und Buchhandlungen möchte ich mir unbedingt einmal live ansehen.

Nun zurück zur Geschichte. Sie wird aus mehreren Perspektiven erzählt, überwiegend in der dritten Person. Einzig Mathilde nimmt mich als Ich-Erzählerin mit und lädt direkt dazu ein, sich mit ihrer Einsamkeit auseinanderzusetzen. Ihre Schilderungen gehen einher mit tagebuchähnlichen Einträgen, die auf einen bestimmten Tag vor mehr als 100 Tagen anspielen. Was genau dahintersteckt, verrät dir die Geschichte selbst.

Der Fokus lag für mich jedoch klar auf Marie. Sie ist Französin und strandet eher zufällig in Redu. Nach und nach freundet sie sich mit den Gegebenheiten des Dorfes an und stellt sich sogar auf nur eine Stunde Internet am Tag ein. Allein dieser Aspekt, schon im Klappentext erwähnt hat mich schmunzeln lassen.

Mit dem Hörbuch hatte ich einige ruhige, intensive Hörmomente. Ich habe die Zeit im Dorf genossen und die Eigenheiten der Bewohner nach und nach ins Herz geschlossen. Dabei durfte ich miterleben, wie Marie an ihren Herausforderungen wächst und wie Mathilde langsam einen Zugang zu den anderen findet. Für mich war es eine anrührende Geschichte, die mich so schnell nicht wieder loslassen wird.

Magst du Geschichten über Bücher und die Liebe zu ihnen? Tauchst du gern in Erzählungen ein, die das Leben selbst schreibt? Dann freue dich auf "Mathilde und Marie" von Torsten Woywod und begleite die beiden Frauen auf ihrem Weg. Dich erwarten leise Töne, eine ganz besondere Atmosphäre im Bücherdorf und das Fest der Bücher, das zahlreiche Besucher ins Dorf lockt. Von mir gibt es eine klare Lese- und Hörempfehlung.

Veröffentlicht am 09.02.2026

Unterhaltsam und einfach grandios gelesen

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Das Cover ist ganz nach meinem Geschmack. Ein schlichter dunkelblauer Hintergrund, auf dem der Titel in bunten Farben leuchtet. Jedes Wort ist in einer anderen Farbe gehalten: grün, gelb, pink, lila und ...

Das Cover ist ganz nach meinem Geschmack. Ein schlichter dunkelblauer Hintergrund, auf dem der Titel in bunten Farben leuchtet. Jedes Wort ist in einer anderen Farbe gehalten: grün, gelb, pink, lila und orange. Allein diese Farbwahl bringt mich schon zum Schmunzeln und macht neugierig auf die Geschichte.

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben von Anika Decker wurde im Audio Verlag veröffentlicht. Das Hörbuch wird von Katja Riemann und Anna Maria Mühe eingelesen. Im Mittelpunkt steht die fünfzigjährige Nina, die nach der Trennung von ihrem wohlhabenden Ehemann versucht, ihr Leben neu zu ordnen. Während er längst mit einer jungen Influencerin eine neue Familie gegründet hat, jongliert Nina zwischen Job, Familie, Wechseljahren und gesellschaftlichen Erwartungen. Inmitten dieses Chaos begegnet sie David, der zwanzig Jahre jünger ist. Doch kann sie sich gegen das Schubladendenken ihrer Umgebung behaupten und sich wirklich auf diese Beziehung einlassen?

Nina wird von Katja Riemann als Ich-Erzählerin vertont und trägt einen großen Teil der Geschichte. Alle weiteren Figuren werden von Anna Maria Mühe gelesen, die jeweils in der dritten Person erzählt. Besonders im Fokus steht Ninas jüngere Schwester Lena. Sie lebt scheinbar das perfekte Bilderbuchleben und hat stets zu ihrer großen Schwester aufgesehen. Doch auch sie gerät zunehmend in einen inneren Konflikt zwischen der heilen Familie, der Freundschaft zur neuen Frau ihres Ex-Schwagers und dem Job ihres Mannes, der moralische Fragen aufwirft. Diese Perspektiven haben mich immer wieder ins Grübeln gebracht: Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert?

Zu Katja Riemanns Stimme muss man eigentlich nicht viel sagen. Sie ist prägnant, wandelbar und transportiert sowohl leise Gedanken, als auch bissige Kommentare mit Leichtigkeit. Sie schafft es, Nina nahbar zu machen, sodass man sich schnell mit ihr identifizieren kann. Ich musste bei den Szenen mit Daniel schmunzeln und war bei den Ereignissen im Arbeitsumfeld stellenweise sprachlos. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Höre am besten selbst rein und verfolge die Abläufe, die leider oft näher an der Realität sind, als einem lieb ist.

Mit einem zwinkernden Auge erzählt Anika Decker vom Leben einer Frau im besten Alter. Nina bewegt sich zwischen erwachsenen Kindern, einer pflegebedürftigen Mutter und dem Wunsch, endlich wieder ihr eigenes Leben zu leben. Themen wie Gleichberechtigung, gesellschaftliche Doppelmoral und weibliche Selbstbestimmung ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch die Geschichte. Was bei Männern akzeptiert wird, scheint bei Frauen noch immer kritisch beäugt zu werden. Gleichzeitig zeigt der Roman, dass Liebe keine Altersgrenzen kennt und Familie weit mehr sein kann als ein klassisches Modell mit Trauschein.

Das Hörbuch hat mich rund eine Woche begleitet. Ich durfte lachen, schlucken und an manchen Stellen auch kurz innehalten. Besonders hängen geblieben sind mir Szenen rund um eine Lesebrille, das Verfallsdatum von Kondomen, sowie das Knutschen in der Öffentlichkeit und die Reaktionen der Kinder darauf. Einfach nur königlich. Diese Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit und ehrlichen Beobachtungen hat mich abgeholt.

Stehst du in der Mitte des Lebens? Magst du pointierte Geschichten, die indirekt mit dem Finger auf unseren Alltag zeigen? Dann bist du bei „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ von Anika Decker genau richtig. Lasse dich ein auf die Protagonistin und verfolge sowohl ihr Familienleben, als auch ihren Stand in der Firma. Freue dich auf unterhaltsame Szenen, die einfach zum Schmunzeln anregen, gebe aber auch den ernsten Themen einen Raum, die leider zur weiblichen Realität gehören. Für mich eine wirklich hörenswerte Geschichte, die ich sehr gerne weiter empfehle.