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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.04.2026

Reicht Liebe aus?

Weißer Sommer
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Weißer Sommer von Eva Pramschüfer ist ein sensibler und emotionaler Roman über Liebe, Zweifel und das Spannungsfeld zwischen Nähe und Selbstbestimmung. Im Mittelpunkt stehen Alma und Theo in ihren Zwanzigern, ...

Weißer Sommer von Eva Pramschüfer ist ein sensibler und emotionaler Roman über Liebe, Zweifel und das Spannungsfeld zwischen Nähe und Selbstbestimmung. Im Mittelpunkt stehen Alma und Theo in ihren Zwanzigern, deren Beziehung an einem entscheidenden Punkt steht: Können sie ihre Unterschiede überwinden, oder sind sie vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort füreinander?
Der Roman lebt von seiner ruhigen, aber intensiven Atmosphäre im französischen Sommerhaus von Almas Großvater. Vom hier und jetzt aus wird nach und nach die Geschichte des Liebespaares erzählt - vom ersten Kennenlernen über gemeinsame Entwicklungen bishin zu den ersten großen Konflikten. Besonders eindrucksvoll ist, wie die Autorin die inneren Konflikte der Figuren darstellt. Alma sehnt sich nach Freiheit, kreativer Selbstverwirklichung und neuen Erfahrungen, andererseits ringt sie mit ihren Gefühlen und der Bindung zu Theo. Diese Ambivalenz macht sie sehr menschlich und greifbar, und ich konnte mich aus eigenen Erfahrungen gut in die hineinversetzen. Gerade die Schwierigkeit, kreativ sein zu wollen und etwas künstlerisch erschaffen zu wollen und dabei das Gefühl zu haben von einer romantischen Beziehung gehemmt oder gebremst zu werden, war sehr realistisch beschrieben.
Thematisch stellt das Buch zentrale Fragen moderner Beziehungen: Reicht Liebe allein aus? Wie viel Freiheit braucht ein Mensch, und wann wird sie zur Distanz? Und kann man glücklich sein, ohne ständig nach „mehr“ zu streben? Gerade diese leisen, existenziellen Fragen verleihen der Geschichte Tiefe.
Eines meiner Lieblingzitate: „(Alma) wünschte, sie könnte glücklich sein, mit dem, was sie hat, nicht immer mehr wollen, nicht immer zu viel.“
Sprachlich hat mich Weißer Sommer durch eine gefühlvolle und reflektierte Erzählweise überzeugt. Teilweise wirkt es fast poetisch und ich habe mir viele Stellen markiert, weil sie so sehr zu mir gesprochen haben. Die Dialoge und Gedanken der beiden bleiben lange im Kopf, da sie authentisch und ehrlich wirken.
Insgesamt ist Weißer Sommer ein wundervoller nachdenklicher Roman über Beziehungen, Selbstfindung und die Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen, wenn Herz und Verstand nicht im Einklang sind. Ein Buch, das ich allen meinen FreundInnen in den Zwanzigern ans Herz legen würde, auch wenn es mehr durch Dialoge und Gefühle als durch Handlungen überzeugt. Es ist ein easy-to-read Buch ohne dadurch an Tiefe zu verlieren.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

spannende feministische Dystopie

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Dieses Buch habe ich mir ganz bewusst ausgesucht, nachdem ich in der englischsprachigen Booktok Welt bereits viel Positives darüber gehört hatte. Der Roman wurde dort unter anderem mit Margaret Atwoods ...

Dieses Buch habe ich mir ganz bewusst ausgesucht, nachdem ich in der englischsprachigen Booktok Welt bereits viel Positives darüber gehört hatte. Der Roman wurde dort unter anderem mit Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale verglichen - ein Werk, das mich sehr beeindruckt hat. Allerdings erschöpft sich die Gemeinsamkeit im Wesentlichen im Motiv des Freiheits- und Identitätsverlusts von Frauen in einer totalitären Gesellschaft. Ich habe dass Buch innerhalb weniger Tage verschlungen, weil es mich so in seinen Bann gezogen hat!
Das Buch erzählt die Geschichte einer namenlosen Erzählerin, die „das Kind“ genannt wird. Seit ihrem Kleinkindalter lebt sie mit vierzig weiteren Frauen in einem Käfig in einem unterirdischen Bunker. Alles ist künstlich reguliert: Licht simuliert Tag und Nacht, die Wächter – stets drei Männer – sprechen nicht, sondern herrschen mit Peitschen. Privatsphäre existiert nicht, selbst Berührungen sind verboten.
Erzählt wird etwa zwölf bis fünfzehn Jahre nach Beginn der Gefangenschaft. Die Frauen stammen aus unterschiedlichen Lebenswelten und erinnern sich bruchstückhaft an eine „Katastrophe“, die von Feuer, Drogen und Schmerz geprägt gewesen sein soll. Konkrete Antworten gibt es nicht. Vergangenheit und Zukunft scheinen gleichermaßen ausgelöscht.
Spannend ist vor allem die Perspektive des Kindes, das kein „Davor“ kennt. Anders als die anderen ist sie nicht von Nostalgie oder Verzweiflung geprägt. Sie beobachtet die Wächter genau, misst mithilfe ihres Herzschlags die Zeit und erkennt Muster im Ablauf des Alltags. Als sie dieses Wissen teilt, entsteht etwas Neues: ein kleines Stück Kontrolle, ein geheimes Gefühl von Selbstbestimmung.
Als plötzlich ein Alarm ertönt und die Wächter verschwinden, öffnet sich der Käfig. Doch was erwartet die Frauen draußen? Ist es wirkliche Freiheit oder nur eine andere Form von Gefangenschaft? Antworten bleiben rar, Fragen überwiegen.
Der Roman ist intensiv und sehr gut für Diskussionen! Er stellt grundlegende Fragen danach, was Identität ausmacht, und was vom Menschsein bleibt, wenn nahezu alles Äußere genommen wird. Eine große Empfehlung an alle (vor allem feministisch Interessierten) LeserInnen!

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Das Leben wieder leben

Jetzt gerade ist alles gut
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"Jetzt gerade ist alles gut" ist ein leiser, lebensbejahender Roman über einen Mann, der nach einem beinahe tödlichen Vorfall beginnt, die kleinen Momente im Leben wieder bewusster wahrzunehmen. Viel passiert ...

"Jetzt gerade ist alles gut" ist ein leiser, lebensbejahender Roman über einen Mann, der nach einem beinahe tödlichen Vorfall beginnt, die kleinen Momente im Leben wieder bewusster wahrzunehmen. Viel passiert nicht – und doch wirkt die Geschichte stark, weil sie zeigt, wie sehr kleine Veränderungen und Erinnerungen den Blick aufs Leben formen.

Die Sprache ist einfach, ruhig und gleichzeitig sehr berührend. Schäfer vermittelt seine Botschaften ohne erhobenen Zeigefinger und schafft es, die Lesenden zum Nachdenken zu bringen. Es geht um Themen wie Dankbarkeit, Aufmerksamkeit und darüber, dass das im Alltag oft untergeht. Auch dass das Thema Sepsis aufgegriffen und verständlich gemacht wird, ist ein interessanter Aspekt des Buches.
Durch kurze Kapitel und eine klare Sprache liest sich der Roman sehr angenehm und schnell. Für mich war er genau richtig: unterhaltsam, aber auch mit Tiefgang: ein kleiner Reminder, dass nichts im Leben selbstverständlich ist.
Empfehlenswert ist das Buch vor allem für Menschen, die wieder lernen möchten, die kleinen Momente im Leben zu schätzen.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Nicht die typische Lehrer-Schülerin Story

Half His Age
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Dieses Buch hat mich überrascht! Was auf den ersten Blick wie eine bekannte, vielleicht sogar vorhersehbare Lehrer-Schülerin-Geschichte wirkt, entpuppt sich schnell als vielschichtiger, emotionaler Roman ...

Dieses Buch hat mich überrascht! Was auf den ersten Blick wie eine bekannte, vielleicht sogar vorhersehbare Lehrer-Schülerin-Geschichte wirkt, entpuppt sich schnell als vielschichtiger, emotionaler Roman über Selbstsuche, Abhängigkeiten und das Erwachsenwerden. „Half His Age“ hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen, und ich habe es nahezu in einem Rutsch gelesen.
Die 17-jährige Protagonistin Waldo steht im Zentrum des Romans: jung, verletzlich, scharfsinnig und gleichzeitig voller innerer Widersprüche. Ihre Gedanken, Ängste und Sehnsüchte sind so glaubwürdig und feinfühlig ausgearbeitet, dass man ihr sehr nahekommt und ich vieles davon aus meiner eigenen Jugend gut nachempfinden konnte. Besonders berührend ist ihre Suche nach Zugehörigkeit, in einer Welt, in der sie sich verloren fühlt und versucht, innere Leere mit Konsum, Beziehungen und Projektionen zu füllen. Ihre Entwicklung verläuft nicht geradlinig, sondern über Umwege, Rückschläge und schmerzhafte Erkenntnisse, was sie umso menschlicher und sympathischer macht.
Die Beziehung mit ihrem Lehrer, die im Zentrum der Handlung steht, wird differenziert und ohne Klischees erzählt. Statt plumper Provokation geht es um Machtverhältnisse, emotionale Abhängigkeiten und die Frage, warum bestimmte Dynamiken überhaupt entstehen. Auch gesellschaftliche Themen wie Klassismus, Kapitalismus und familiäre Prägungen sind klug in die Geschichte eingewoben und wirken nie belehrend, sondern organisch.
Der Schreibstil ist zugleich schonungslos, gefühlvoll, und extrem einnehmend. Man leidet mit, denkt mit und bleibt auch nach der letzten Seite noch lange bei Waldo und ihrer Geschichte.
Ein intensives, kluges und bewegendes Buch, das weit mehr ist als das, was Titel, Cover oder Klappentext vermuten lassen – und definitiv keine typische Lehrer-Schülerinnen-Story.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Traumata und deren Auswirkungen

Beeren pflücken
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Der Roman „Beeren pflücken“ ist erzählt aus der Sicht von abwechselnd Norma und Joe. Norma ist ein kanadisches Mädchen, dass bei einer wohlhabenden Familie aufwächst mit einer sehr überbehütenden und psychisch ...

Der Roman „Beeren pflücken“ ist erzählt aus der Sicht von abwechselnd Norma und Joe. Norma ist ein kanadisches Mädchen, dass bei einer wohlhabenden Familie aufwächst mit einer sehr überbehütenden und psychisch auffälligen Mutter. Ihr ganzes Leben hat sie das Gefühl, dass ihr ihre Eltern und Tante etwas verheimlichen. Joe hingegen wächst mit vielen Geschwistern als Teil einer indianischen Miqmac-Familie auf und erzählt rückblickend von seinem Leben, das ins Wanken gebracht wurde, als an einem Sommertag seine vierjährige Schwester Ruthie verschwand. Joe berichtet, wie dieses Ereignis sein gesamtes Leben geprägt und ihn als Person verändert hat. Sowohl Norma als auch Joe berichten aus der Erwachsenenperspektive in Rückschau auf die vielen Jahre zuvor. Man durchlebt als Lesende Person das Leben der beiden mit, ob Kindheit, Teenageralter oder das Erwachsensein. Schon früh bemerkt man als Lesender die Connection zwischen Norma und Joe, die Autorin macht kein Geheimnis draus, aber trotzdem bleibt das Buch bis zum Ende spannend, weil man wissen will, wie sich alles zugetragen hat und mit den beiden mitfiebert. Das Buch beleuchtet dabei Abgründe und Schattenseiten des menschlichen Daseins, aber liefert gleichzeitig auch zarte Erklärungen dafür, warum sich Menschen wie verhalten. Es geht um Heimat, Herkunft und Familie, um Lügen, Gewalt, und Traumata die das Leben einer ganzen Familie verändern. Aber auch bedingungslose Liebe und Menschen, die das eigene Leben so sehr bereichern.
Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn ich nach Klappentext etwas anderes erwartet hatte. Es ist ein Buch mit Tiefgang aber auch Brutalität und kein Buch, dass versucht ein Happy End zu kreieren an dem alle glücklich sind.

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