Dicht, klug gestrickt und hochemotional - ein phänomenales Debüt!
Auf die emotionale Tiefe und thematische Heftigkeit des Romans war ich nicht vorbereitet. Ich sehe tatsächlich ganz viele Parallelen zu „Da, wo ich dich sehen kann“ von Jasmin Schreiber, was zugleich Vor- ...
Auf die emotionale Tiefe und thematische Heftigkeit des Romans war ich nicht vorbereitet. Ich sehe tatsächlich ganz viele Parallelen zu „Da, wo ich dich sehen kann“ von Jasmin Schreiber, was zugleich Vor- wie Nachteil ist. Denn das war mein unangefochtenes Jahreshighlight 2025, mit dem ich „Die Namen“ nun logischerweise vergleiche.
Aber ich sehe eben auch ganz viel Gutes in diesem Vergleich. Die solidarischen Nebenfiguren, die Liebe zwischen ihnen sowie das Nebeneinander der verschiedenen Varianten eines Lebens führen zu einer total reizvollen und ergreifenden Art der Erzählung. Knapps Ansatz ist zudem ein ziemlich innovativer: Wie beeinflusst der Name, den Cora ihrem neugeborenen Sohn gibt, dessen weiteres Leben, aber auch das seiner älteren Schwester sowie von Cora selbst? Es sei jedoch gesagt, dass es hierbei gar nicht so sehr um den Namen an sich geht, sondern vielmehr um die Reaktion des Kindsvaters und deren Folgen..
Wie auch Schreiber wählt Knapp einen Fokus auf die Überlebenden und Hinterbliebenen, NICHT auf den Täter. Der spielt so gut wie keine Rolle, wodurch den Lesenden auch kein Raum gegeben wird, um großartig Mitgefühl für ihn zu empfinden. Und ich kann das gar nicht ausdrücklich genug loben! Denn eine Erklärung für gewaltvolles Verhalten mag es immer geben, aber es ist doch nie eine Rechtfertigung.
Ich finde es total krass, wie gut diese Autorin in ihrem Erstlingswerk (!) geplottet hat. Drei verschiedene Versionen eines Lebens zu erdenken, die sich glaubhaft genug voneinander unterscheiden, aber dennoch klar erkennen lassen, an welchem Punkt die initial andere Entscheidung zu einem anderen Leben geführt hat, ist einfach bemerkenswert. Die Dichte der Details in den verschiedenen Versionen sorgte beim Lesen auch dafür, dass ich immer mal Dinge verwechselt habe. Am Ende waren das Nebensächlichkeiten und ich nehme den Umstand auch gern in Kauf für ein so besonderes Werk wie dieses.
Denn dafür haben wir bspw. auch ganz viele Cameos von Nebenfiguren der einen Version in einer anderen bekommen und das ist so subtil geschrieben, dass ich es ganz toll finde - ein bisschen wie ein Suchspiel in Buchform! Auch das erfordert sicherlich konzentriertes Lesen, eine wiederholte Lektüre könnte sicher ebenso helfen, aber ich liebe sowas einfach. In Sachen Bildsprache und Symbolik ist Knapp auch wirklich ganz groß dabei, ohne aber poetisch zu schreiben - was ich sehr zu schätzen weiß. Die Schreibart ist vielmehr nah dran an den Figuren und dadurch so emotional wie gut greifbar.
Die Zeitsprünge im Buch sind mit jeweils sieben Jahren recht groß, was weitere Konzentration und zu Beginn jedes Abschnitts immer ein wenig Zeit erfordert hat, um sich mit den neuen Lebensumständen vertraut zu machen. Alternativ hätte das Buch aber ein dicker Schmöker werden müssen, daher bin ich fein mit dieser Entscheidung. Die Einbindung realer Ereignisse wie die Attentate 2015 in Paris oder die Corona-Pandemie hat mir sehr gut gefallen und die Authentizität der Geschichte nur noch einmal erhöht.
Ich empfehle das Buch ganz ausdrücklich! Ein so dichtes Werk, das sich nicht nur mit verschiedenen Versionen eines Lebens basierend auf einer bestimmten Entscheidung beschäftigt, sondern sich auch noch so klar politisch verortet und dadurch unter die Haut geht, hab ich bislang noch nicht gelesen. Anknüpfend an meine Empfehlung würde ich aufgrund der Detaildichte aber schon sagen, dass sich eine Lektüre ohne große Pausen wahrscheinlich bezahlt macht, um möglichst wenig zu vergessen. Ich verbleibe zutiefst beeindruckt von diesem Debüt und behalte die Autorin nun fest im Auge.
PS: Vermisst habe ich in dem Buch Triggerwarnungen und bei diesen Themen finde ich sie sehr wichtig, daher: häusliche Gewalt, Femizid, Tod