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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.04.2026

Ein einzigartiges Werk

Ich, die ich Männer nicht kannte
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40 Frauen unterschiedlichen Alters sind in einem unterirdischen Raum, umgeben von Gittern, gefangen gehalten. Sie werden streng von Wärtern bewacht, bekommen regelmäßige Mahlzeiten und sind ansonsten sich ...

40 Frauen unterschiedlichen Alters sind in einem unterirdischen Raum, umgeben von Gittern, gefangen gehalten. Sie werden streng von Wärtern bewacht, bekommen regelmäßige Mahlzeiten und sind ansonsten sich selbst überlassen.
Erzählt wird aus der Perspektive der "Kleinen", der jüngsten der Frauen. Sie ist so klein in den Keller gekommen, dass sie sich an kein Davor erinnern kann und keine andere Welt kennt. Doch auch die anderen Frauen können sich nicht daran erinnern, wann, wie und weshalb sie dort gelandet sind.

Jacqueline Harpman schreibt über den einseitigen und gleichförmigen Tagesablauf der Frauen, über all ihre Fragen, die im Laufe des Buches zunehmen und immer stärker existenzielle Züge annehmen. Es geht um Menschlichkeit, das Sein und den Sinn der Existenz.

Ich empfinde "Ich, die ich Männer nicht kannte" als sehr intensiv und mochte sowohl das Set Up als auch die Entwicklung, die geäußerten Gedanken und Fragen sehr, obwohl ich keinerlei Zugang zu dieser dystopischen Welt hatte und die Hintergründe bis zum Schluss nicht offenbart werden. Doch darum geht es auch gar nicht, sondern vielmehr um Orientierung und darum, sich im Unbekannten zurechtzufinden.

Veröffentlicht am 13.04.2026

Berührend, wirkt noch lange nach

Solange ein Streichholz brennt
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Alina ist Fernsehjournalistin und konnte schon den einen oder anderen Erfolg in ihrer Karriere verzeichnen. Nun steht ihr Job jedoch auf der Kippe und ihre letzte Chance beim Sender ist eine ...

Alina ist Fernsehjournalistin und konnte schon den einen oder anderen Erfolg in ihrer Karriere verzeichnen. Nun steht ihr Job jedoch auf der Kippe und ihre letzte Chance beim Sender ist eine erfolgreiche Reportage über Obdachlosigkeit. Doch eine passende, obdachlose Person zu finden, die Alina einige Tage auf der Straße begleiten kann, scheint nicht so leicht zu sein. Sie stößt auf Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt und durch gewisse Umstände gezwungen ist, auf Alinas Deal einzugehen.

So begleitet Alina Bohm auf seinen alltäglichen Wegen und die beiden lernen sich kennen. Was Bohm jedoch auf keinen Fall preisgeben möchte, ist der Grund, weshalb sein Leben aus den Fugen geraten ist und er auf der Straße lebt. Es gibt ihn, seinen alten Rucksack, seinen Hund Fox und einen mysteriösen Brief, den er auf keinen Fall öffnen möchte.

Christian Huber fängt beide Figuren so gut ein, lässt sie sich entfalten, echt wirken und macht sie nahbar - ihre Gedanken und ihre Handlungen. Die Beziehungsdynamik, die sich zwischen den beiden entwickelt, wirkt authentisch und echt. Die Obdachlosigkeit wird in der Begegnung mit Alina nicht romantisiert, sondern in sämtlichen Facetten dargestellt - mal in zarten und mal in harten Zwischentönen.

Der Schreibstil ist flüssig und die Perspektiven wechseln, was zu jedem Zeitpunkt eine passende, gut wahrnehmbare Atmosphäre schafft.

Ich habe mit Bohm und Alina mitgefühlt, gelacht, geweint und wünschte, ich könnte ihre Geschichte noch einmal zum ersten Mal lesen und mich komplett mitreißen lassen.

Veröffentlicht am 16.02.2026

Roh und pur

Half His Age
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Die 17-jährige Waldo kommt aus einfachen Verhältnissen und muss sehr viel Verantwortung für sich selbst übernehmen, weil ihre Mutter kaum da ist und die Typen in ihrem Leben priorisiert. Waldos ...

Die 17-jährige Waldo kommt aus einfachen Verhältnissen und muss sehr viel Verantwortung für sich selbst übernehmen, weil ihre Mutter kaum da ist und die Typen in ihrem Leben priorisiert. Waldos Freundin Franny ist streng religiös und regelgeleitet, weshalb sie für Waldos Inneres nur selten Verständnis aufbringt. Waldo ist einsam, stark, verletzt und sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Geborgenheit.
Sie entwickelt eine Begierde für ihren Lehrer für kreatives Schreiben: Mr. Korgy ist über 40, hat Frau und Kind und ist als Lehrer für Waldo tabu. Doch ihr Begehren wird immer stärker, sie kämpft um seine Aufmerksamkeit und dann um Liebe.

Jennette McCurdy schreibt roh, ungeschönt und vulgär, was nach meinem Empfinden sehr gut zu Waldo, ihren Sehnsüchten und vor allem ihrem Begehren passt. Die Kapitel sind kurz und haben auf mich eine regelrechte Sogwirkung entwickelt, da ich unbedingt mehr über Waldos Gedanken, ihr Handeln und die Entwicklung zwischen ihr und Mr. Korgy erfahren wollte. Das Ende war absehbar und ist meiner Meinung nach auch ein sehr gut gewähltes und für die Geschichte passendes Ende. Den Weg dorthin habe ich sehr gern und teilweise angespannt verfolgt. Auch die expliziten Szenen fand ich im Ton und in der Art der Darstellung passend gewählt.
Ein roher, authentischer Roman über Einsamkeit, Identitätsfindung, Vernachlässigung, Sehnsüchten, Klassenunterschieden und das Erwachsenwerden mit unsicheren Rahmenbedingungen.

Veröffentlicht am 16.02.2026

Eine scheinbar perfekte Familie

Alle glücklich
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"Alle glücklich" erzählt von einer scheinbar perfekten Familie: Nina, Mutter und Ehefrau, arbeitet als MTA und hält die Familie zusammen, indem sie alles erledigt, was anfällt und für alle sorgt. Allerdings ...

"Alle glücklich" erzählt von einer scheinbar perfekten Familie: Nina, Mutter und Ehefrau, arbeitet als MTA und hält die Familie zusammen, indem sie alles erledigt, was anfällt und für alle sorgt. Allerdings hat sie nachmittags noch einen Zweitjob, von dem keine*r etwas weiß und findet dort eine neue Freundin. Ihr Ehemann Alexander ist Oberarzt, strenger Fater und opfert sich aus seiner Sicht für alle auf, bekommt dafür jedoch zu wenig Dankbarkeit. Tochter Emilia ist zum ersten Mal verliebt und schwärmt sehr für ihren älteren Freund mit Auto und eigener Wohnung. Seit dieser Beziehung hat sich auch das Verhältnis zu ihrem älteren Bruder Ben distanziert. Er ist Student, hadert viel mit sich, aber überzeugt alle davon, dass es ihm doch gut gehe.
Kira Mohn zeigt anschaulich, welch kleine Risse eine scheinbar perfekte Familie braucht, damit alles aus den Fugen gerät und das heilige Familienleben in einer einzigen Katastrophe endet. Von Kapitel zu Kapitel ist spürbarer, wie sehr sich der Druck aufbaut, wie die einzelnen Figuren aus ihren Rollen fallen, aufbegehren, sich selbst behaupten und Konflikte entstehen. Kira Mohn schreibt eindringlich, psychologisch klug und hat mich nach den ersten Seiten geradezu in ihren Bann gezogen, sodass ich "Alle glücklich" geradezu verschlungen habe.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Sehr eindringlich und intensiv

Da, wo ich dich sehen kann
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Das Leben der neunjährigen Maja ändert sich schlagartig, als ihr Vater ihre Mutter tötet und sie vorübergehend zu ihren Großeltern zieht und die Beziehung zu ihrer Patentante Liv, beste Freundin ...

Das Leben der neunjährigen Maja ändert sich schlagartig, als ihr Vater ihre Mutter tötet und sie vorübergehend zu ihren Großeltern zieht und die Beziehung zu ihrer Patentante Liv, beste Freundin der Mutter, intensiviert. Ihr Papa war für Maja immer ein Held und wenn sie in den Spiegel blickt, sieht sie die Ähnlichkeit und zerstört daher sämtliche Spiegel im Haus.

Jasmin Schreiber schildert anhand der neunjährigen Maja, was nach einem Femizid mit den Hinterbliebenen geschieht. Da ist die Tochter, die zerrissen ist über die Wahrheiten, die sie über ihren Vater und ihre Mutter kennt, die sich Fragen nach Liebe und Schuld stellt. Da sind Eltern, die ihren Sohn nicht als Mörder sehen, Eltern, die um ihre ermordete Tochter trauern, eine beste Freundin, die die Gewalt unterschätzt hat, eine Gesellschaft, die von Femiziden gnadenlos überfordert ist und strukturelles Versagen seitens Behörden und Institutionen.

Durch die Erzählperspektive auf Maja wird die große Leere, das Loch, was entsteht, sehr deutlich. Sie wird zum Spielball innerhalb des Sorgerechtsstreits, muss mit sich selbst, den anderen Kindern und ihrem Verhältnis zu ihren Eltern klarkommen und sich orientieren. Außerdem muss sie einen Zugang zur Trauer finden, während um sie herum alle versuchen, irgendwie Halt zu finden.
Jasmin Schreiber schreibt eindringlich, intensiv und hat in mir sämtliche Gefühle und Emotionen geweckt. Der Roman ist an keiner Stelle reißerisch, sondern setzt dort an, wo Medienberichte in der Regel aufhören. Denn Femizide sind keine Familientragödien, geschehen nicht aus heiterem Himmel und hinterlassen überforderte Hinterbliebene. Anhand eines Beispiels wird beschrieben, wie sich Gewalt äußern, wie es zum Femizid kommen kann und wie es dazu kommt, dass dies viele Menschen nicht akzeptieren wollen.

Ein intensives Buch, das alle wichtigen Ebenen des Themenkomplexes thematisiert, anschaulich macht und das jede*r lesen sollte, um annähernd zu verstehen.