Eine schmerzhafte Kindheit in Marokko
"Die Bastion der Tränen" von Abdellah Taïa erzählt von einem Leben, das von Schmerz geprägt ist.
Youssef, ein schwuler Lehrer, der seit Jahren in Frankreich lebt, kehrt nach dem Tod seiner Mutter auf Wunsch ...
"Die Bastion der Tränen" von Abdellah Taïa erzählt von einem Leben, das von Schmerz geprägt ist.
Youssef, ein schwuler Lehrer, der seit Jahren in Frankreich lebt, kehrt nach dem Tod seiner Mutter auf Wunsch seiner sechs Schwestern nach Marokko zurück, um das Erbe zu regeln. Zurück im Land seiner Kindheit wird Youssef mit schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert; zum einen an das Leben mit seiner Familie und seinen sechs Schwestern, vor allem aber an seinen Jugendfreund und Liebhaber Najib, dessen Leben tragisch endete. Unterwegs auf den Straßen seiner Heimat blitzen alte Bilder von Schmerz, Leid, Armut und Gewalt auf.
„Meine Schwestern wussten über mich Bescheid. Sie wussten von den schrecklichen Dingen und den Vergewaltigungen, die ich erleiden musste, sobald ich einen Fuß aus dem Haus setzte. Sie taten nichts, um mich zu beschützen, nein, gar nichts. Aber zumindest urteilten sie nicht über mich. Sie waren bei mir in dieser Sache: der Homosexualität. Ich war ihr Homosexueller, der meiner Schwestern. Fremd. Seltsam. Komisch. Feminin. Nicht wie die anderen. Es war manchmal beglückend, nur für meine Schwestern diese Sache zu sein. Wir waren alle in der Homosexualität. Wir lachten. Wir tanzten. Ganz aufgeregt warteten wir gemeinsam auf die ägyptischen Filme im Fernsehen. Und danach ahmten wir die ägyptischen Schauspielerinnen und Schauspieler nach. Wir sprachen ihre Sprache. Die harte, höllische Welt da draußen machte uns keine Angst. Inzwischen weiß ich, dass auch meine Schwestern über mich urteilen. Mich verurteilen. Mich ablehnen. Was wir zusammen erlebt haben, war anscheinend nur eine Illusion. Sie tun, als würden sie sich für mich und für mein Leben interessieren. Ich glaube ihnen nicht mehr. Sie sagen leere Worte: Weißt du, Youssef, wir haben Angst um dich. Du bist ein Mann. Ein Erwachsener. Wir müssen eine Lösung für dich finden … Wenn wir Mädchen unter uns zusammenkommen, sprechen wir über dich und weinen.
Die Vorstellung, dass meine Schwestern meinetwegen weinen, alle gleichzeitig meinetwegen Tränen vergießen, erschüttert mich.“
Am Ende muss Youssef für sich selbst entscheiden, ob er die schmerzhafte Vergangenheit hinter sich lassen kann oder daran zugrunde geht wie Najib.
Obwohl mich das Schicksal von Youssef und auch von Najib sehr berührt hat; die unfassbare Gewalt, die sie in jungen Jahren in Marokko erleiden mussten, konnte mich das Buch nicht ganz begeistern. Etwa ab der Mitte empfand ich den Schreibstil sehr anstrengend, wie ein endloser Monolog. Trotz des emotionalen Themas hat mich das Buch leider nur bedingt abgeholt.
Vielen Dank an den Orlanda Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!