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Veröffentlicht am 16.08.2020

Bedrückend

Der rote Apfel
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Monatelang hielt Lee Byongdo, der Serienmörder mit dem zarten Gesicht, Seoul in Atem; doch nun ist er gefasst und wartet in seiner Zelle auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Bisher lehnte er jegliche ...

Monatelang hielt Lee Byongdo, der Serienmörder mit dem zarten Gesicht, Seoul in Atem; doch nun ist er gefasst und wartet in seiner Zelle auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Bisher lehnte er jegliche Gespräche ab, aber eines Tages verlangt er ausgerechnet nach der jungen Kriminalpsychologin Sonkyong. Ihr öffnet er sich zum ersten Mal und unter der Schale des wahnsinnigen Killers wird ein zutiefst verletzter Junge sichtbar. Sonkyong hingegen hat bald mit eigenen Problemen zu kämpfen, denn ausgerechnet jetzt sollen sie und ihr Mann dessen Tochter aus erster Ehe aufnehmen - die Großeltern, bei denen das Mädchen bisher lebte, sind bei einem Brand ums Leben gekommen. Die kleine Hayong blieb wie durch ein Wunder unverletzt.

Die grundlegende Handlung von "Der rote Apfel" erinnert sehr stark an "Das Schweigen der Lämmer" - eine Parallele, mit welcher der Roman bewusst spielt. Schon seit einigen Jahren trägt Sonkyong den Spitznamen Clarice, nach der jungen FB-Agentin Clarice Starling, Lee Byongdo wird zu ihrem Hannibal Lecter. Das Geschehen wird aus den verschiedensten personalen Perspektiven erzählt, mal durch die junge Kriminalpsychologin, mal aus Sicht des Serienmörders, aber auch die kleine Hayong oder Sonkyongs Mann kommen zu Wort. Die Atmosphäre ist dabei von Beginn an bedrückend, denn nicht nur Lee Byongdos Kindheit und Jugend waren schrecklich, auch Hayong hatte stark unter ihrer verstorbenen Mutter zu leiden. Durch diese Blickwinkel wird zumindest ein wenig deutlich, wie sehr eine Kinderseele unter psychischen und physischen Misshandlungen leidet und in welche Richtung sich dies im Erwachsenenalter entwickeln kann.

Im Verlauf des Romans spitzt sich alles immer mehr zu. Lee Byongdo offenbart Grauenvolles in seinen Gesprächen mit Sonkyong und scheint gleichzeitig immer unruhiger zu werden. Die hingegen verbringt aufgrund des stressigen Jobs ihres Mannes immer mehr Zeit mit Hayong und muss feststellen, dass das Kind beunruhigendes Verhalten an den Tag legt, so dass Sonkyong sich irgendwann in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher fühlt. "Der rote Apfel" ist extrem spannend erzählt und legt ein hohes Tempo vor. Die Thrillerelemente sind vor allem psychologischer Natur, aber auch Gewalt gegen Menschen und Tiere ist in diesem Buch Thema. Wer hier also empfindlich reagiert, sollte vielleicht nicht zugreifen. Davon abgesehen ist das Buch unbedingt zu empfehlen, wobei es gerne noch 150 bis 200 Seiten länger hätte sein dürfen, denn das Ende kommt sehr plötzlich und überraschend.

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Veröffentlicht am 11.06.2020

Schöne Mischung aus Kalender und Ratgeber

Friederikefox: Mein Pflanzen-Journal
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Eigentlich ist sie als @friederikefox auf Instagram unterwegs und bloggt dort über Themen wie Interior, Lifestyle und Pflanzen. Nun widmet Julia Ruda einer dieser Leidenschaften ein ganzes Journal, welches ...

Eigentlich ist sie als @friederikefox auf Instagram unterwegs und bloggt dort über Themen wie Interior, Lifestyle und Pflanzen. Nun widmet Julia Ruda einer dieser Leidenschaften ein ganzes Journal, welches mit ästhetischen Fotos und zauberhaften Illustrationen von Kim Hoss überzeugt.

Das Buch ist dabei eine Mischung aus Jahreskalender und Ratgeber zur richtigen Pflege von Zimmerpflanzen. Zu Beginn jedes Anschnitts gibt es eine Monatsübersicht, dann folgen 5 Wochenübersichten. Da diese frei beschriftbar sind, quasi wie ein Bulletjournal, kann jederzeit im Jahr gestartet werden - super praktisch! Die Monatsübersichten bietet außerdem noch Platz für To Do's, Ziele und zwei frei wählbare Tracker. Eines Jahresüberischt darf natürlich auch nicht fehlen.

Zwischen den Kalenderseiten finden sich nun die unterschiedlichsten Pflanzenthemen: Informationen zu Schädlingen oder Krankheiten und deren Behandlung, Vorschläge für pflegeleichte Pflanzen und deren richtigen Standort, Bastelanleitungen, Tipps zum richtigen Gießverhalten und insekten- sowie haustierfreundliche Pflanzen - das sind nur einige Beispiele, die angesprochen werden. Für Anfänger werden hier defintiv alle Basics geliefert, die zur Pflanzenpflege notwendig sind.

Was das Buch noch persönlicher macht, sind Einblicke in Julia Rudas Wohnung. Ihr Stil ist wirklich ansprechend und macht definitv Lust darauf, sich selbst mit noch mehr Pflanzen zu umgeben. Sicherlich werde ich die ein oder andere Inspiration aus diesem schönen Buch mitnehmen.

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Veröffentlicht am 21.05.2020

Ein wichtiges Buch

Unsichtbare Frauen
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"Für die beharrlichen Frauen - bleibt verdammt noch mal schwierig!" Mit dieser Widmung beginnt Caroline Criado-Perez ihr Sachbuch. "Schwierig", das ist vermutlich noch eines der netteren Worte, das sich ...

"Für die beharrlichen Frauen - bleibt verdammt noch mal schwierig!" Mit dieser Widmung beginnt Caroline Criado-Perez ihr Sachbuch. "Schwierig", das ist vermutlich noch eines der netteren Worte, das sich sicherlich jede Frau schon einmal anhören durfte, die es wagte, in den heutigen Zeiten darauf hinzuweisen, dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei Weitem nicht so fortgeschritten ist, wie wir uns gerne einbilden. Mit "Unsichtbare Frauen" gibt sie nun die entsprechende faktische Munition für solche Diskussionen an die Hand. Das Buch befasst sich mit der so genannten Gender Data Gap; diese drückt aus, dass eigentlich alle Bereiche unseres Lebens daran orientiert sind, was für den Durchschnittsmann am besten funktioniert. Die Frauen, aber auch Männer, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen (1,85m, 75kg) kommen dabei oft zu kurz.

Bereits die Einleitung des Buches macht abwechselnd erstaunt, erschrocken und wütend und verspricht keine einfache Lektüre. Anhand zahlreicher, durch Fakten belegte Beispiele und wissenschaftlicher Studien zeigt die Autorin auf, wie systematisch bei der Planung und Durchführung in verschiedensten Gebieten stets der Mann als Standard angenommen wird. Dabei unterstellt sie keinen bösen Willen, sondern erklärt anschaulich, was es bedeutet, Frauen in diese Gleichung nicht mit einzubeziehen. Dabei behandelt sie die unterschiedlichsten Themen: Autobau und Medizin, Politik und alltägliches Berufsleben, unbezahlte Care-Arbeit (Kinderbetreuung und häusliche Pflege) und Produktdesign. Um ehrlich zu sein: Das Ausmaß ist erschreckend.

Es beginnt bei "Kleinigkeiten" wie dem Pianobau, der mit der Konzeption für die durchschnittliche männliche Handspanne dazu führt, dass genau diese deutlich häufiger zu Starpianisten werden als Frauen oder Männer mit einer kleineren Handspannen. Extrem bedenklich wird es auf dem Fachgebiet der Medizin, in dem Frauen oft nicht einmal Teil wissenschaftlicher Studien sind. Zu marginal seien die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, das falle nicht ins Gewicht - so werden sogar Medizinerinnen zitiert. Das führt am Ende dazu, dass es deutlich mehr Studien zu Viagra und erektiler Dysfunktion gibt, als zu Menstruation oder Geburt. Vor allem in letzterem Fall führt dies oft zur Gefährdung, und in Entwicklungs- und Schwellenländern sogar zum Tod der Frauen im Kindbett. In diesem Kontext ist dann auch nicht weiter verwunderlich, was über die Konstruktion von Flüchtlingslagern berichtet wird. Diese fördern durch ihren Aufbau und ihre Gestaltung weltweit die sexualisierte Gewalt an Frauen.

Caroline Criado-Perez liefert hier ein wichtiges Sachbuch, das sich nicht nur Frauen zu Gemüte führen sollten. Durch die vielen Fakten, Zahlen und Studien ist es jedoch nicht immer gefällig zu lesen - möglicherweise hätte hier eine andere Aufteilung oder das Einfügen von Diagrammen die Lektüre etwas erleichtert. Auch mit der Lösung des Problems bleibt die Autorin vage, wenn auch durchaus logisch: Die Sichtbarkeit der Frauen muss in allen Bereichen des Lebens erhöht werden. Nur da, wo Frauen in Entscheidungen eingebunden sind, haben sie letztendlich auch die Macht, die Gender Data Gap zu verkleinern.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Gelungene Fortsetzung

Die Rätsel meines Großvaters
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Nach den schockierenden Erlebnissen ihres letzten großen Falles haben Kaede und ihr geliebter Großvater mit dem Spitznamen Himonya-san trotz allem nicht die Freude an spannenden Rätseln verloren. Dieses ...

Nach den schockierenden Erlebnissen ihres letzten großen Falles haben Kaede und ihr geliebter Großvater mit dem Spitznamen Himonya-san trotz allem nicht die Freude an spannenden Rätseln verloren. Dieses Mal untersuchen sie zum Beispiel eine mysteriöse Reihe von Suiziden oder den Fall des verschwundenen Weihnachtsmanns. Doch Kaede muss sich auch fragen, ob die Demenzkrankheit ihres Großvaters nicht bald zu weit fortgeschritten sein wird, um dieses gemeinsame Hobby noch weiterzuführen.

„Die Rätsel meines Großvaters“ ist der zweite Band der Reihe um Kaede und ihren Großvater aus der Feder von Masateru Konishi, der als Autor für Fernsehen und Radio arbeitet. Die Reihe ist als Trilogie angelegt und verarbeitet Erfahrungen, die Konishi bei der Pflege seines demenzkranken Vaters gesammelt hat. Die deutsche Übersetzung des Romans stammt von Karina Hermes. Die Struktur der einzelnen Handlungssegmente ist immer ähnlich: Kaede präsentiert ihrem Großvater einen neuen Fall und dieser löst ihn allein durch logisches Kombinieren und aus den Hinweisen, die er von der Schilderung der Ereignisse erhält.

Diese Art, ein Rätsel zu lösen, ist vielleicht nicht unbedingt immer stimmig, aber ich persönlich empfinde das auch nicht als den zentralen Kern der Romane. Für mich geht es umso mehr um die Lewy-Körper-Demenz des Großvaters, die ihn zeitweise unter Halluzinationen und Verwirrung leiden lässt; er beweist aber gleichzeitig, dass sein Verstand immer noch messerscharf ist und er die Empathie besitzt, sich in andere Menschen einzufühlen.

So lösen Kaede und er einige sehr persönliche Fälle in diesem gelungenen zweiten Band. Kaedes Freund Iwata beschäftigt das Schicksal seinen verschwundenen Vaters, Shiki – ihr anderer Freund – verhält sich seit einiger Zeit seltsam und eine Suizidwelle, die scheinbar etwas mit Alfred Hitchcocks Filmen zu tun hat, gibt der Polizei Rätsel auf. Besonders berührt hat mich der Fall um Suzu, die sich verflucht fühlt und den Großvater um Hilfe bittet – wow, was für eine Wendung! Ich bin schon sehr gespannt auf den dritten und letzten Band, auch wenn ich Kaede und ihren Großvater noch nicht verlassen möchte.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Schöner Roman über eine Wahlfamilie

Die Mitternachtsbäckerei
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Die „Boulangerie Kurebayashi“ hat jede Nacht nur von 23 Uhr bis 5 Uhr morgens geöffnet, eine Nachtbäckerei also. Hier kommt eines Tages Nozomi an, eine Teenagerin, die von ihrer unzuverlässigen Mutter ...

Die „Boulangerie Kurebayashi“ hat jede Nacht nur von 23 Uhr bis 5 Uhr morgens geöffnet, eine Nachtbäckerei also. Hier kommt eines Tages Nozomi an, eine Teenagerin, die von ihrer unzuverlässigen Mutter verlassen wurde. Die Inhaberin der Bäckerei, Miwako Kurebayashi, hatte ihr Hilfe zugesagt, doch dann verstarb sie ganz plötzlich. Zurück bleiben der trauernde Ehemann Yōsuke und sein Geschäftspartner und Lehrmeister in der Bäckerei, Hiroki Yanagi. Und obwohl beide Nozomi nicht kennen, bieten sie ihr einen Unterschlupf an. Da ist jedoch nur der Anfang, denn nach und nach entwickelt der Laden sich zu einer Anlaufstelle für verlorene, einsame Seelen.

„Die Mitternachtsbäckerei“ ist der Debütroman der japanischen Schriftstellerin und Drehbuchautorin Noriko Ōnuma und wurde von Karolina Heidinger ins Deutsche übertragen. Im Fokus der Handlung stehen die Oberschülerin Nozomi und ihr neues Leben in der Bäckerei. Der Erzähler lässt im weiteren Verlauf jedoch auch andere Personen zu Wort kommen, so dass wir die Schicksale des Personals und der Kund*innen der „Boulangerie Kurebayashi“ erfahren.

Der Roman spricht die unterschiedlichsten Themen an. So geht es vordergründig natürlich um Trauer, denn Yōsuke hat vor kurzem seine Frau verloren. Nozomi und der kleine Kodama, der in der Bäckerei beim Stehlen erwischt wird, leben in komplizierten Familienverhältnissen, Kundin Sophia ist trans und lebt gerade auf der Straße, während Madarame mit seinem Teleskop von seiner Wohnung aus anderen Menschen nachspioniert. Sie alle finden im Laden einen neuen Fixpunkt und unterstützen sich gegenseitig – wobei auch das ein oder andere Geheimnis gelüftet wird.

„Die Mitternachtsbäckerei“ ist eine bittersüße, episodenhafte Geschichte darüber, dass Familie manchmal schwierig sein kann, dass es aber auch nicht immer Blutsbande benötigt, um eine Familie zu sein. In der „Boulangerie Kurebayashi“ bzw. innerhalb der Handlung hat jede Figur ihre Funktion und ist bedeutsam für die anderen. Gemeinsam bringen sie nicht nur das Geschäft voran, sondern helfen sich auch gegenseitig im Privatleben. Ein wirklich schöner Roman!

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