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Veröffentlicht am 20.02.2026

Ein Kracher

fundamentalös
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Nadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes ...

Nadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes Nationalmuseum, geschmacklose Lichterketten an Palmen und reihenweise glänzende BMWs und Audis am Flussufer. Sie darf die Panzerglasscheibe nicht herunterlassen. Sicherheit, sagt der Fahrer und deutet auf die Dächer. Ein frenetisch hupender Fahrzeugkonvoi stoppt sie. Nadja verkrampft sich kurz, weil sie mit dem Schlimmsten rechnet, aber der Kugelhagel bleibt aus. Eine Braut steigt aus einem der SUVs und betritt ein Fünf-Sterne-Hotel. Wo ist sie hier gelandet?

Der Liebeskummer verschlug sie hierher. Rosy hatte sie völlig unerwartet gegen einen Typen ausgetauscht und quatschte plötzlich von Liebe. Jetzt hofft sie, sich mit einer neuen Aufgabe ablenken zu können. Sie wird IS-Bräute deradikalisieren. Sie musste für ihre langweilige Dozentenstelle einen Fachartikel schreiben. Zuerst war ihr partout nichts eingefallen, aber dann schrieb sie über Frauen, die ins Kalifat gegangen waren, um sich dem IS anzuschließen, die festgesetzt wurden und dann meistbietend an die Soldaten verschachert wurden. Es folgte ein Konzept zur Reintegration in die Heimatländer. Das hatte jemand von der UN gelesen und sie angeschrieben und nun war sie hier.

Sie kennt sich aus, ihre eigene Mutter hatte sie islamisiert. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie fleißig in den Herrn vertraut, dann schwand die Überzeugung langsam. Sie fühlte sich so unfrei. Karma ist Gotteslästerung. Sich außerhalb des Gebets verbeugen Gotteslästerung. Geburtstagspartys gottlos. Apostasie Enthauptung. Nun trifft sie nach ihrem gottlosen Leben in London wieder auf Muslime.

Fazit: Nussaibah Younis, Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin, hat mit ihrem Debütroman einen Kracher hingelegt. Die Geschichte dreht sich um die muslimische Nadja, die gerade von ihrer Partnerin verlassen wurde und glaubt, eine Herausforderung gegen den Kummer zu brauchen. Ahnungslos gegenüber den irakischen politischen Feinheiten, stolpert sie ins Bild und wirkt. Sie stößt auf allerlei Widerstände. Die Schiiten rebellieren gegen Arbeitslosigkeit, die Sunniten sitzen in der Regierung. Die Checkpoints werden durch kurdische Paramilitärs kontrolliert. Einige Jahre zuvor hatten alle gemeinsam gegen den IS gekämpft, dann gegeneinander und jetzt hängen sie alle in der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Arbeit der UN wird eher als koloniale Verschwörung, die scheinbar eine legale Grundlage für westliche Kriegsverbrechen schafft, betrachtet. Und dann trifft sie auf die imposante 15-jährige Sara, die sich von ihrer besten Freundin in den Irak locken ließ, weil dort das Paradies warte. Nadja will die inhaftierten Frauen befähigen, von ihren Heimatländern zurückgenommen zu werden aber die Steine, die ihren Weg kreuzen, kommen von allen Seiten. Dieser Roman hat mich gebannt. Die Autorin transportiert die Unfassbarkeit dieses gebeutelten Landes mit großer Klugheit und Slapstick Humor und macht aus einer Tragödie eine Komödie. Sie hat mir dieses Durcheinander an Zuständigkeiten nahegebracht. Das Ende hat mich tief berührt. Ich habe keine Ahnung, womit der Buchmarkt uns dieses Jahr noch überrascht, doch dieses Buch, das es 2025 auf die Shortlist des Women´s Prize for Fiction geschafft hat, kann durchaus mein persönliches Jahreshighlight sein.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Außerordentliche Erzählkunst

Oroppa
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Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig ...

Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig Kilo, der eine Lungenflügel ist zusammengefallen, der andere kämpft mit einem Bakterium. Aber dieses Schreien.

Hind stolpert mit ihrem Koffer und einem Beutel die Rivierenburt entlang, high wie drei Piloten. Sie war eine halbe Stunde zu spät und Hbib Lebyard war nirgends zu sehen. An der Haustür steckte der Schlüssel, so ein Glück, aber er ließ sich nicht drehen. Er hatte ihr das Haus einer Freundin angeboten, einer Künstlerin, Salomé Abergel. Hild arbeitete schon eine Weile in seiner Imbissbude. Zuerst war sie skeptisch, auch weil das Bewohnen sie nichts kostete. Sie sollte bloß ein bisschen sauber machen, die Blumen gießen und den Keller meiden. Hind wollte unbedingt aus dem Dachgeschoss bei Coy Mudden raus, die ihr einen Gott nahebringen wollte, der keine Nordafrikaner mochte und so nahm sie das Angebot an.

Nachdem sie eine Weile am Türschloss rumgefummelt hatte, trat sie doch in das Innere des großen alten Backsteinhauses ein und spürte direkt Beklemmungen. Nach den knarzenden Flurdielen stieß sie auf ein riesiges Bücherregal und dicke Vorhänge, die jedes Licht absorbierten. Auf dem Couchtisch eine Hand aus Glas, die sich ihr fordernd entgegenstreckte. Das Hauptschlafzimmer sah aus, als sei es gerade verlassen worden. Papiere und Kleidung auf dem Boden verteilt. Sie wird bald Hbib anrufen müssen und ein paar Fragen klären.

Fazit: Safae El Khannoussi schleift mich in ihrem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt in rasantem Tempo durch unterschiedliche Szenerien. Gleich einem Puppenspieler hält sie mehrere Fäden in der Hand, die sie bis zum Ende souverän übers Parkett führt, das ist schon große Kunst. Sie lässt mich eine Menge Menschen kennenlernen, die allesamt richtig gut gezeichnet sind. Die Geschichte ist düster, führt mich in die Folterkeller Marokkos, der späten 70-er-Jahre, nach Paris und Amsterdam. Da ist die jüdisch-marokkanische Malerin Salomé, auf der Flucht vor einer zweifelhaften Galeristin, ihr Sohn, der im marokkanischen Gefängnis zur Welt kam und sich für einen großen Abstand zur Mutter entschieden hat. Salomés ehemaliger Folterknecht, sucht sie kurz vor seinem Tod persönlich auf. Da sind die „sieben Schläfer“, die sich regelmäßig im Rainblow City, dem Coffeeshop, im orangefarbenen Schein zweier lebensgroßer Lavalampen treffen. Was wie ein Mystery-Roman beginnt, entpuppt sich zu einer Odyssee, ähnlich des Films „Short Cuts“ von Robert Altman, in dem ich blitzartige Eingebungen erhalte, die zum Ende hin miteinander verbunden werden und Sinn ergeben. Die Autorin schreibt über die Auswirkungen des Postkolonialismus, Europa als Auffanglager traumatisierter und mehr oder weniger gescheiterter Existenzen. Darüber, wie es sich anfühlt, jahrelang ohne Papiere leben zu müssen, also keine nachweisbare Identität zu haben. Ich muss gestehen, dass die Geschichte mich herausgefordert hat, weil mir lange nicht klar wurde, wohin die Reise geht. Wer allerdings in der Lage ist, das Gelesene wie ein Puzzle zusammenzusetzen, der wird mit einer außerordentlichen Erzählkunst belohnt, die etwas mitzuteilen hat.

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Veröffentlicht am 13.02.2026

Die Fallstricke des Lebens

Unbegründete Ängste
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Chris arbeitet als Fitnesstrainer und sehnt sich nach einem festen Partner. Er hat ein Auge auf Nicolas geworfen, ein Kunde des Gym. Nicolas sei Tierpfleger, erfuhr er in einem ihrer seltenen Austausche. ...

Chris arbeitet als Fitnesstrainer und sehnt sich nach einem festen Partner. Er hat ein Auge auf Nicolas geworfen, ein Kunde des Gym. Nicolas sei Tierpfleger, erfuhr er in einem ihrer seltenen Austausche. Deshalb lässt sich Chris jetzt von seinem neuen Patenhund, Bullterrier Lui, durch den Wald zerren. Gerade macht er Halt, um sich eine Zigarette anzuzünden, wohl wissend, dass der Boden unter ihm furztrocken ist, da nutzt Lui die Gunst der Stunde, reißt sich los und sprintet einen Hang hinab. Chris stolpert panisch hinterher und sieht Lui in einiger Entfernung im Müll wühlen. Von weitem nähert sich die Linie 270 rasant. Lui sieht den Bus ebenso und läuft in die Richtung. Bremsen quietschen, Chris schließt die Augen und als er sie wieder öffnet, liegt Lui auf dem Asphalt und rührt sich nicht. Die Busfahrerin steht in der geöffneten Tür und starrt Chris an.

Nachdem er stotternd seine Daten angegeben hat, geht Chris nach Hause. Während er darüber nachdenkt, wie er Nicolas das erklären könnte, hört er ein Martinshorn. Und dann sieht er sie, mehrere Feuerwehreinsatzfahrzeuge rasen an ihm vorbei in die Richtung, aus der er kommt. Chris Atem beschleunigt sich, ihm wird schlecht. Sollte jetzt auch noch der Wald wegen seiner Kippe brennen, wird er seines Lebens nicht mehr froh.

Chris trifft sich, wie jeden Samstag, mit seinen Eltern zum Sektfrühstück. Sie sitzen auf der Terrasse des Bistros, seine Mutter sieht ihn und winkt stürmisch. Kaum sitzt er, da fragt sie schon, wie es ihm geht: „Du siehst blass aus Chrissi.“ Und streicht ihm zärtlich über den Rücken. Er solle doch mal wieder in die Praxis zur Blutentnahme kommen, die letzte liege ja schon fast ein Jahr zurück. Obwohl er zuerst keinen wollte, kippt er seinen Prosecco in einem Haps runter.

Fazit: Res Sigusch (Wesentliche Bedürfnisse 2024) hat einen 30-jährigen Mann erschaffen, der schon seit seiner Jugend Bodybuilding affin ist und in einem Gym arbeitet. Er hat genug von den oberflächlichen Dates mit Männern und ist auf der Suche nach etwas Festem. Trotz der netten Kolleginnen und dem super Chef verläuft sein Leben ziemlich trist. Seine Mutter klammert an ihm und zeigt stark übergriffiges Verhalten, dem er sich kaum entziehen kann, zu groß ist seine Angst zu enttäuschen. Insgesamt ist der Protagonist ein introvertierter Typ, der allen gerecht werden will. Die AFD in Sachsen erstarkt und schwul zu sein, in dem Kaff, in dem Chris lebt, könnte künftig gefährlich sein. Im weiteren Verlauf der Geschichte rücken Bedrohungen näher und er entwickelt eine Angststörung, die ich ausnehmend gut gezeigt finde. Auch die klammernde Mutter, die ihren Sohn pausenlos belästigt, natürlich unter dem Deckmantel der Liebe, finde ich gut dargestellt. Am Ende naht Hilfe aus unerwarteten Ecken und das versöhnliche Ende tut der etwas deprimierenden Story gut. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer Roman, der mitten in die Fallstricke des Lebens greift und ein Thema verhandelt, das weit verbreitet ist. Für Leserinnen, die “ „Koller“ von Annika Büsing mögen.

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Schonungslos ehrliche Selbstanalyse

Einsamsein
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2021 kündigte seine Mutter an, auf „die Wolke“ zu gehen, so wie auch sein Vater schon 1984 auf die Wolke gegangen war. Der Vater hatte einen Baum gewählt, die Mutter bittet den Schweizer Sterbehilfeverein-Exit ...

2021 kündigte seine Mutter an, auf „die Wolke“ zu gehen, so wie auch sein Vater schon 1984 auf die Wolke gegangen war. Der Vater hatte einen Baum gewählt, die Mutter bittet den Schweizer Sterbehilfeverein-Exit um Hilfe. Er solle am 27. August in die Schweiz kommen und dann blieben noch zwei Tage Zeit, um alles Nähere zu klären.

Zu dieser Zeit lebte er allein in einer zugemüllten Hamburger Dachgeschosswohnung. Die Küche, wegen der Menge leerer Pfandflaschen unbegehbar, im Bad Wäscheberge, die Pizza-Kartons im Wohnzimmer erinnerten an das Innere eines Altpapiercontainers und das Bettzeug hätte schon vor Monaten gewechselt werden müssen. Erschöpfungsdepression mit psychotischen Akzenten lautete die Diagnose, also quasi:

Ihm flog nach Monaten des Schlafentzugs und panischer Angst der Vogel raus. S. 11

Nach einem Jahr als Korrespondent einer internationalen Zeitung kam der Zusammenbruch. Der Job war weg, die Kollegen verprellt und die Partnerin verjagt.

Das Haus seiner Mutter und ihres zweiten Mannes in Ascona, ein abgeriegelter Bunker mit Eingangstürattrappe und Panic (Room) Etage. Alles in Crème brûlée beige gehalten, so als wäre der Innendesigner auf Valium gewesen. Die ganze Abgeschiedenheit des alleinstehenden Hauses, die Einrichtung und die Bewohner deuten auf die, von je her, gewählte Art seiner Familie zu leben und zu vermeiden und die damit einhergehende Einsamkeit. Und nun lässt sie sich euthanasieren.

Vielleicht können wir einmal sagen, um was es wirklich geht: dass wir einsam sind, eingesperrt in unsere Rollen als Mutter, die um jeden Preis die Contenance bewahrt, und als Sohn, der Selbstzerstörung mit Revolte verwechselt. S. 32

Fazit: Daniel Haas hat ein Manifest geschrieben, das an Klugheit, Lebenserfahrung und Selbsterkenntnis kaum zu überbieten ist. Nachdem seine Mutter ihren Freitod angekündigt hat, schwelgt Daniel Haas in Erinnerungen. Er durchschaut seine Eltern, deren Vergangenheit und die Lebensentscheidung des Rückzugs aus der eigentlichen Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung. Er durchschaut ebenso seine eigenen Abwehrmechanismen, die ihn daran hindern ehrlich, diszipliniert und verbindlich zu sein. Er sieht sich als Meister der Selbstsabotage und schafft es, sich mit diversen Abhängigkeiten wie Drogensucht und Liebesbesessenheit, aber auch mit einer großen Portion Selbstmitleid und Selbstherrlichkeit von einem eigentlichen Weg abzulenken. Er verprellt Freunde, die ihn zu unterstützen versuchen, um ganz auf sich allein gestellt ins Nichts zu stürzen. Er beschreibt die Phase seiner Depression und diverser Psychiatrieaufenthalte, die abrupt in die Phase der Manie wechselt so bildhaft und verständlich, wie ich es mir in diversen anderen Büchern gewünscht hätte. Das hier ist schonungslos ehrlich über die Schmerzgrenze hinaus, erkenntnisreich und versöhnlich und liebevoll. Dabei zusehen zu dürfen, wie sich ein Mensch aus eigener Kraft verändert ist sehr wohltuend und auch mutmachend. Es ist nie zu spät, den Pfad echter Liebesfähigkeit zu finden. Was mir an dieser Autobiografie auch so gut gefällt, ist der Schreibstil auf hohem Niveau, der den Lesefluss kein bisschen erschwert. Die Stimmfarbe ist humorvoll und voller Selbstironie. Das macht den Autor so nahbar und sympathisch. Respekt für diese Selbstanalyse.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

So schmerzlich wie fesselnd

Ein Mädchen verließ das Zimmer
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2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten ...

2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten Mal begegnete. Auf einer Vernissage ihres Vaters tauchte er mit ihrer Mutter hinter ihr auf. Sie blickte gerade durch das Objektiv ihrer Kamera. Ob sie Blow Up gesehen hatte, wollte er wissen. Seine Mutter stellte ihn als Schriftsteller vor. Er nahm ihr die Kamera aus der Hand und schoss ein Foto von ihr. Sie möge es ihm schicken, wenn sie es entwickelt hätte, dann habe er etwas, das ihn an sie erinnern würde.

Das Foto war schrecklich, sie haderte mit sich, kam dann aber ihrer Pflicht nach und steckte es in ein Kuvert. Den Brief, der das Bild begleiten sollte, schrieb sie dreimal um. Wenige Tage später bekam sie einen Brief von ihm, der mit den Worten, meine hübsche, hinreißende, liebe Tanja, begann. Nach wenigen Wochen des Briefwechsels konnte sie an nichts anderes mehr denken. In den einsamen Nächten streichelte sie ihr Gesicht, fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, den Hals und tauchte schließlich unter die Bettdecke nach unten, als wäre es seine Hand.

Eg forderte sie auf, mit ihm zu telefonieren, aber das traute sie sich nicht, weil sie befürchtete, dass ihr die Worte fehlten. In den Briefen war sie jemand anders, eine erwachsene Tanja, die, die sie für Eg sein wollte. Sie fieberte jedem seiner Briefe entgegen, verschlang jedes Wort:

Kannst du etwas damit anfangen, dass du mir mehr bedeutest als ich mir selbst? S. 66

Eg gestand ihr, dass er als Dozent schon einmal ein so junges Mädchen gehabt habe. Er sei ihr Erster gewesen.

Fazit: Die dänische Dichterin Ulrikka S. Gernes hat in ihrem Romandebüt eine toxische Beziehung zwischen dem 44-jährigen Eg und der 14-jährigen Tanja beleuchtet. Es beginnt mit einem harmlosen Foto. Die Autorin lässt ihre heute 30 Jahre alte Protagonistin zurückblicken. Ausgelöst durch seinen Tod beginnt die Tortur der Erinnerungen. Tanja ist vulnerabel, ihr erfolgreicher, kränklicher Vater ist mit sich selbst beschäftigt und ungenießbar, ihre Mutter leidet darunter. Die Schule langweilt sie und da trifft sie ihn. Er macht ihr schnell mit schnulzigen Worten Avancen, für die sie sehr empfänglich ist. Ab ihrem 15. Geburtstag nötigt er sie mehrfach, sich mit ihm zu treffen. Sie belügt ihre Eltern. Er manipuliert gekonnt ihre Mutter, indem er sie mit verbaler Wertschätzung überhäuft. Tanja wird emotional abhängig. Die Geschichte wirkt so real und entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Gebannt sehe ich dabei zu, wie er sie auf sich konditioniert. Tanja versucht für ihn eine erwachsene Frau zu sein und verpasst diese wichtige Entwicklungsphase, die sie nur mit Gleichaltrigen erleben kann. Alle sehen dabei zu, keiner kommt auf die Idee, dass es ihr nachhaltig schaden könnte. Dieser kranke, erfolgreiche Mann hat alles, was sie nicht hat. Er ist lebenserfahren, klug, galant, hat Freundschaften und wird bewundert. All das reicht ihm nicht. Wie ein Fass ohne Boden benutzt er sie, um sein Ego zu mästen. Ein schmerzliches, fesselndes Buch, das völlig verständlich ein Bestseller in Dänemark geworden ist.

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