Ein Kracher
fundamentalösNadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes ...
Nadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes Nationalmuseum, geschmacklose Lichterketten an Palmen und reihenweise glänzende BMWs und Audis am Flussufer. Sie darf die Panzerglasscheibe nicht herunterlassen. Sicherheit, sagt der Fahrer und deutet auf die Dächer. Ein frenetisch hupender Fahrzeugkonvoi stoppt sie. Nadja verkrampft sich kurz, weil sie mit dem Schlimmsten rechnet, aber der Kugelhagel bleibt aus. Eine Braut steigt aus einem der SUVs und betritt ein Fünf-Sterne-Hotel. Wo ist sie hier gelandet?
Der Liebeskummer verschlug sie hierher. Rosy hatte sie völlig unerwartet gegen einen Typen ausgetauscht und quatschte plötzlich von Liebe. Jetzt hofft sie, sich mit einer neuen Aufgabe ablenken zu können. Sie wird IS-Bräute deradikalisieren. Sie musste für ihre langweilige Dozentenstelle einen Fachartikel schreiben. Zuerst war ihr partout nichts eingefallen, aber dann schrieb sie über Frauen, die ins Kalifat gegangen waren, um sich dem IS anzuschließen, die festgesetzt wurden und dann meistbietend an die Soldaten verschachert wurden. Es folgte ein Konzept zur Reintegration in die Heimatländer. Das hatte jemand von der UN gelesen und sie angeschrieben und nun war sie hier.
Sie kennt sich aus, ihre eigene Mutter hatte sie islamisiert. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie fleißig in den Herrn vertraut, dann schwand die Überzeugung langsam. Sie fühlte sich so unfrei. Karma ist Gotteslästerung. Sich außerhalb des Gebets verbeugen Gotteslästerung. Geburtstagspartys gottlos. Apostasie Enthauptung. Nun trifft sie nach ihrem gottlosen Leben in London wieder auf Muslime.
Fazit: Nussaibah Younis, Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin, hat mit ihrem Debütroman einen Kracher hingelegt. Die Geschichte dreht sich um die muslimische Nadja, die gerade von ihrer Partnerin verlassen wurde und glaubt, eine Herausforderung gegen den Kummer zu brauchen. Ahnungslos gegenüber den irakischen politischen Feinheiten, stolpert sie ins Bild und wirkt. Sie stößt auf allerlei Widerstände. Die Schiiten rebellieren gegen Arbeitslosigkeit, die Sunniten sitzen in der Regierung. Die Checkpoints werden durch kurdische Paramilitärs kontrolliert. Einige Jahre zuvor hatten alle gemeinsam gegen den IS gekämpft, dann gegeneinander und jetzt hängen sie alle in der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Arbeit der UN wird eher als koloniale Verschwörung, die scheinbar eine legale Grundlage für westliche Kriegsverbrechen schafft, betrachtet. Und dann trifft sie auf die imposante 15-jährige Sara, die sich von ihrer besten Freundin in den Irak locken ließ, weil dort das Paradies warte. Nadja will die inhaftierten Frauen befähigen, von ihren Heimatländern zurückgenommen zu werden aber die Steine, die ihren Weg kreuzen, kommen von allen Seiten. Dieser Roman hat mich gebannt. Die Autorin transportiert die Unfassbarkeit dieses gebeutelten Landes mit großer Klugheit und Slapstick Humor und macht aus einer Tragödie eine Komödie. Sie hat mir dieses Durcheinander an Zuständigkeiten nahegebracht. Das Ende hat mich tief berührt. Ich habe keine Ahnung, womit der Buchmarkt uns dieses Jahr noch überrascht, doch dieses Buch, das es 2025 auf die Shortlist des Women´s Prize for Fiction geschafft hat, kann durchaus mein persönliches Jahreshighlight sein.