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Veröffentlicht am 04.03.2025

Ein Buch über Mut, Widerstand und Solidarität - Jin, Jiyan, Azadî!

Meine wundervollen Schwestern
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Der Ausdruck >>Patriarchat

Der Ausdruck >>Patriarchat<<< ist für sie vielleicht ein Fremdwort. Aber sie wissen, dass in ihrer von Gewalt geprägten Realität das Leben einer Frau wenig zählt. Unter den Taliban werden die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Frauen in Afghanistan ausradiert. Buchzitat, S. 292

In ihrem Buch Meine wundervollen Schwestern erzählt Khalida Popal ihre beeindruckende Lebensgeschichte. Als Mitbegründerin und Kapitänin der afghanischen Frauenfußballnationalmannschaft kämpfte sie nicht nur für das Recht, Fußball zu spielen, sondern auch gegen tief verwurzelte patriarchale Strukturen und sexuelle Gewalt im afghanischen Fußballverband. Nach Morddrohungen musste sie aus ihrer Heimat fliehen, doch ihr Einsatz für die Rechte afghanischer Frauen hörte damit nicht auf. Besonders nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 setzte sie alles daran, ihre Mitspielerinnen und andere gefährdete Frauen zu retten. Das Buch ist mehr als eine Biografie – es ist ein bewegendes Zeugnis über Mut, Widerstand und den unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit.

Meine Meinung

Bereits zu Beginn des Buches hat mich Khalida Popals Geschichte tief berührt. Sie beschreibt eindrücklich die Schwierigkeiten, mit denen sie als Frau im afghanischen Fußball konfrontiert war – von gesellschaftlicher Ächtung bis hin zu Morddrohungen. Besonders erschreckend fand ich die Schilderungen des Machtmissbrauchs durch Trainer und Offizielle sowie die systematische sexuelle Gewalt, die gedeckt und vertuscht wurde. Khalidas Mut, dies öffentlich anzuprangern, zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen ihre Stimmen erheben, auch wenn sie dadurch große persönliche Risiken eingehen.

Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat, war Khalidas unermüdlicher Einsatz für ihre Mitspielerinnen, selbst nach ihrer Flucht. Ihre Selbstlosigkeit ist bewundernswert – sie hätte sich in Sicherheit bringen können, doch sie kämpfte weiter, um auch anderen Frauen zu helfen. Dabei wird in der Erzählung sehr deutlich, wie sehr sie dieser Kampf auch persönlich belastet: Panikattacken, posttraumatische Belastungsstörungen und die ständige Angst vor erneuten Drohungen begleiten sie. Die Schilderungen ihrer psychischen Belastung haben mich tief bewegt, weil sie zeigen, wie hoch der Preis für ihren Mut war.

Besonders spannend fand ich den Einblick in das Asylsystem. Die detaillierten Schilderungen der bürokratischen Hürden, der zermürbenden Interviews und der absurden Erwartung, dass Geflüchtete jede Aussage perfekt wiederholen müssen, um nicht als unglaubwürdig zu gelten, sind erschreckend realistisch. Manche dieser Prozesse kommen mir aus Österreich bekannt vor, was das Ganze umso eindrücklicher machte. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass bestimmte Begriffe, wie etwa das „Dublin-Abkommen“, für Leser:innen ohne Vorwissen kurz erklärt werden.

Etwas kritischer sehe ich allerdings einige sprachliche Aspekte. Die Übersetzung wirkt stellenweise unreflektiert – insbesondere die Verwendung des Begriffs „Asylanten“, der im deutschen Sprachraum eine abwertende Konnotation hat, hätte sensibler gewählt werden müssen. Zudem störte mich eine Passage, in der Khalida eine Art Hierarchie des Leidens aufstellt. Kein Mensch kann das subjektive Leid eines anderen objektiv bewerten, weshalb diese Stellen für mich etwas unangenehm zu lesen waren.

Ein Lichtblick in der Geschichte ist die Figur Hendrik – ein Unterstützer, von dem ich gerne noch mehr erfahren hätte. Auch Khalidas Begegnung mit ihrem Professor in Dänemark war ein positiver Moment: Endlich wird sie ernst genommen, und zum ersten Mal erhält sie psychologische Hilfe. Gleichzeitig bleibt das Buch bis zum Schluss eine emotionale Achterbahnfahrt – besonders als Khalida 2021 erneut Verantwortung übernehmen muss, um über Leben und Tod zu entscheiden, als sie hilft, gefährdete Spielerinnen außer Landes zu bringen. Erschreckend fand ich hier, wie sich verschiedene Parteien und Medien die Rettungsaktion auf ihre Fahnen schreiben wollten. Es zeigt, dass Menschlichkeit oft nur dann zählt, wenn sie für die eigene Reputation genutzt werden kann.

Ein weiterer Punkt, der mich nachdenklich gemacht hat: Warum gab es so wenig Unterstützung von männlicher Seite? Weder von afghanischen noch von internationalen Fußballern gab es spürbare Solidarität mit den Spielerinnen. In einer von Männern dominierten Sportwelt hätte ich hier mehr Engagement erwartet.

Besonders stark fand ich das Nachwort, in dem Khalida über die Macht einzelner Geschichten reflektiert. Sie macht deutlich, dass Geflüchtete mehr sind als Zahlen in Statistiken – sie sind Menschen mit Träumen, Hoffnungen und einem unermüdlichen Überlebenswillen.

Fazit

Meine wundervollen Schwestern ist ein eindringliches, feministisch geprägtes Buch über Mut, Widerstand und die Kraft der Solidarität. Khalida Popal zeigt mit ihrer Geschichte, was es bedeutet, für die eigenen Rechte zu kämpfen – und wie hoch der persönliche Preis dafür sein kann. Trotz kleinerer Kritikpunkte hat mich das Buch tief bewegt und mir neue Einblicke gegeben. Eine absolute Leseempfehlung!⭐ 4,5 von 5 Sternen ⭐

Wenn dein Team dabei ist, das Spiel zu verlieren, gibt es diesen Moment, in dem du aufgeben willst. Doch dann schaust du dich um, siehst deine Mitspielerinnen und ihren entschlossenen Blick, der dir sagt: Es ist noch nichts verloren." (Mach die Augen auf. Jin, Jiyan, Azadî!) - Buchzitat, Seite 294

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Veröffentlicht am 17.11.2024

Die Postkarte: Ein literarisches Mahnmal gegen das Vergessen

Die Postkarte
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Das Besondere dieser Katastrophe beruht auf dem Paradox ihres zugleich schleichenden und plötzlichen Eintretens. Man blickt zurück und fragt sich, warum man nicht früher reagiert hat, als man noch alle ...

Das Besondere dieser Katastrophe beruht auf dem Paradox ihres zugleich schleichenden und plötzlichen Eintretens. Man blickt zurück und fragt sich, warum man nicht früher reagiert hat, als man noch alle Zeit der Welt besaß. - Buchzitat, S. 102/103
Ich darf sie nicht vergessen, sonst gibt es niemanden mehr, der sich daran erinnert, dass sie gelebt haben. - Buchzitat, S. 536
"Die Postkarte" von Anne Berest ist eine eindringliche Familiengeschichte, die den Holocaust, Antisemitismus und Identitätssuche thematisiert. Die französische Autorin, bekannt für Werke wie "Traurig bin ich schon lange nicht mehr" und "How to be a Parisian", verbindet hier persönliche Recherche und literarische Erzählkunst. Ihr Roman wurde nicht nur ein Bestseller in Frankreich, sondern steht auch auf der Shortlist zahlreicher Literaturpreise.

Worum geht’s genau?

Im Januar 2003 findet die Mutter von Anne Berest eine Postkarte mit vier Namen – denjenigen von Angehörigen, die in Auschwitz ermordet wurden. Dieses verstörende Dokument weckt Annes Interesse an der Vergangenheit ihrer Familie, den Rabinovitchs, und den Wurzeln ihres jüdischen Erbes. Ihre intensive Recherche beginnt, als ihre eigene Tochter in der Schule Antisemitismus erfährt. Der Roman erzählt sowohl die tragische Geschichte der Familie im Holocaust als auch Annes Spurensuche in der Gegenwart. Er zeigt eindrücklich, wie die Schrecken der Vergangenheit und die Fragen nach Identität und Normalität bis heute nachwirken.

Meine Meinung

Ursprünglich hätte ich dieses Buch, vor allem wegen des Klappentextes und seines Umfangs von über 500 Seiten, nicht gelesen. Doch eine Empfehlung in einem Buchcafé hat mich neugierig gemacht – und ich wurde nicht enttäuscht. Es ist ein Werk, das durch seine Aktualität besticht: In einer Zeit, in der Antisemitismus und Rechtspopulismus wieder auf dem Vormarsch sind, ist "Die Postkarte" nicht nur literarisch, sondern auch gesellschaftlich bedeutsam.

Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, die in ihrer Länge variieren, was ich im Aufbau manchmal nicht nachvollziehbar fand, da die Längen der einzelnen Abschnitte stark variierten. Besonders aber die erste Hälfte des gesamten Buches hat mich begeistert: Die eindrucksvolle Schilderung der Lebenssituation der Rabinovitchs vor und während des Holocausts ist packend und emotional tiefgehend. Anne Berest gelingt es, die Zuspitzung der familiären und politischen Lage beklemmend darzustellen. Der zweite Teil, in dem sie ihre eigene Spurensuche beschreibt, war anfangs spannend, verlor für mich jedoch gegen Ende an Zugkraft.

Die Mischung aus autobiografischen und fiktiven Elementen bleibt für die Leser:innen unklar, was mich persönlich nicht gestört hat – im Gegenteil, es unterstreicht die komplexe Verbindung von Geschichte und persönlichem Erleben. Die wechselnden Zeitebenen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind geschickt verwoben und machen deutlich, wie Antisemitismus bis heute nachwirkt. Gerade die Passagen, die Annes Gegenwart beschreiben, mahnen, dass wir unsere Augen vor der Realität nicht verschließen dürfen.

Stilistisch war "Die Postkarte" genau nach meinem Geschmack. Anne Berests Sprache ist lebendig und bildhaft, ihre Erzählweise eine gelungene Mischung aus journalistischer Präzision und literarischem Feingefühl. Gegen Ende des Buches hatte ich fast die Befürchtung, dass wir nicht mehr erfahren, wer die Postkarte geschickt hat - aber keine Angst - das Geheimnis wird gelüftet

Fazit

"Die Postkarte" ist ein eindrucksvoller Roman, der Geschichte und Gegenwart miteinander verknüpft und wichtige Themen wie Antisemitismus und Identität behandelt. Obwohl der zweite Teil an Dynamik verliert, bleibt das Buch insgesamt ein fesselndes und relevantes Werk. 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 09.11.2024

Jede:r ist des eigenen Glückes Schmied:in... oder doch nicht?

Selbst schuld!
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„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen ...

„Selbst schuld!“ ist ein Essayband, der sich mit dem immer präsenter werdenden Druck auf das Individuum auseinandersetzt, Verantwortung und Schuld für gesellschaftliche Krisen zu übernehmen. Die Herausgeber:innen Wolfgang M. Schmitt und Ann-Kristin Tlusty gehören zu den aufstrebenden Stimmen der aktuellen Kulturkritik: Schmitt ist bekannt durch seinen Youtube-Kanal Die Filmanalyse und den wirtschaftskritischen Podcast Wohlstand für alle, Tlusty arbeitet als Kultur- und Redaktionswissenschaftlerin bei Zeit Online und hat bereits eigene Essays veröffentlicht. Sie haben für diesen Band dreizehn Autor:innen eingeladen, die in persönlichen Essays über soziale Schuldzuschreibungen und gesellschaftliche Missstände schreiben.

Worum geht's?

Die Essays widmen sich der Frage, warum das Individuum immer wieder die Schuld für gesellschaftliche Probleme tragen soll, die in Wahrheit systembedingt sind. Ob Klimawandel, Armut oder soziale Gerechtigkeit – immer öfter wird suggeriert, dass einzelne Menschen ihre Probleme nur durch Eigenverantwortung lösen könnten. Die Autor:innen gehen darauf ein, wie das neoliberale System das Individuum zum Sündenbock macht, um von strukturellen Ursachen abzulenken. Die Beiträge reichen von sachlichen Analysen über autobiografische Berichte bis hin zu Essays mit ironischen Untertönen. Ein Beispiel ist das Vorwort, in dem bereits deutlich wird, wie der „Schuldvorwurf“ als Instrument genutzt wird: Statt das System zu hinterfragen, wird Schuld auf Streikende, Betroffene sexualisierter Gewalt oder den Klimaschutz übertragen. Ein wichtiges Thema ist auch, wie sich Scham und Schuld zu einer sozialen Kontrolle verbinden und die Eigenverantwortung dem Gemeinwohl entgegenstellt.

Meine Meinung

Als große Liebhaberin von Essaybänden, besonders wenn sie aktuelle und sozialkritische Themen ansprechen, hat mich "Selbst schuld!" sofort angesprochen, und meine Erwartungen wurden wieder einmal mehr nicht enttäuscht. Essays wie „Aufstiegsgeschichten“ von Sarah-Lee Heinrich, „Recht“ von Maximilian Pichl und „Instagram“ von Şeyda Kurt bieten spannende Perspektiven auf die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen und ihre Missstände Menschen subtil zur Selbstbeschuldigung drängen. Besonders gefallen haben mir die abwechslungsreichen Formate und der Ansatz, Themen mal sachlich-analytisch und mal autobiografisch-persönlich zu behandeln, was dem Essayband eine schöne Vielfalt verleiht.

Die Texte zeigen, wie tief verankert die neoliberale Überzeugung ist, dass jede:r das eigene Glück schmieden kann, und wie diese Ideologie Probleme wie Armut und Ungleichheit ignoriert oder sogar auf die Betroffenen selbst projiziert. Das Vorwort bringt dies hervorragend auf den Punkt, wenn es aufzeigt, wie bequem es ist, wenn Einzelne die Verantwortung übernehmen sollen – anstatt das System infrage zu stellen. Mich hat der Band in vielen Themen neu sensibilisiert, besonders im Hinblick auf Klassismus, den ich bisher nicht im Detail betrachtet hatte. Einzige kleine Schwäche: Einige Essays hätten einheitlich gegendert sein können, da das teils uneinheitlich gehandhabt wird, was den Lesefluss stört. Dennoch verstehe ich, dass hier die persönliche Schreibweise der Autor:innen Vorrang hatte. Und natürlich sprechen einen manche Beiträge mehr an als andere. So waren bspw. meine Highlights die Beiträge von Sarah-Lee Heinrich ("Aufstiegsgeschichten"), Maximilian Pichl ("Recht"), Özge İnan ("Sexualisierte Gewalt") Sophie Lewis ("Familie"), Şeyda Kurt ("Instagram") und Sebastian Friedrich ("Klima").

Fazit

"Selbst schuld!" ist ein hochaktueller und reflektierter Essayband, der wichtige Fragen stellt und deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht allein bei den Einzelnen liegen kann. Eine klare Empfehlung für alle, die sich kritisch mit den Mechanismen der Schuldzuschreibung und dem Einfluss des Neoliberalismus auseinandersetzen möchten. 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Im Dreieck der Überlebenden

Triskele
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"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie ...

"Triskele" von Miku Sophie Kühmel ist 2022 im S. Fischer Verlag erschienen. Drei Schwestern – 48, 32 und 16 Jahre alt – treffen nach dem Suizid ihrer Mutter in deren Wohnung in Arendsee aufeinander. Sie räumen aus, sortieren Nachlass, Erinnerungen und Zuschreibungen. Jede hatte eine andere Mutter. Und doch war sie ein und dieselbe Person

Meine Meinung

Das Buch lag viel zu lange auf meinem SuB und war dann mein Buchclub-Pick im Februar. Das erste Drittel hat sich eher schleppend gelesen, aber danach entwickelt das Buch einen Sog, der mich nicht mehr losgelassen hat. Vor allem die Sprache finde ich sehr bemerkenswert.

Kühmel erzählt aus wechselnden Perspektiven und lässt die verstorbene Mutter in Briefen „aus dem Off“ auftreten, ein starkes Stilmittel wie ich finde, das der Schwere immer wieder eine trockene, fast boshafte Komik entgegensetzt. Schon der nüchterne „Erbschein“ ganz zu beginn des Buches, in dem die Katze Muriel juristisch nicht als vierte Erbin anerkannt werden kann ist so eine Stelle.

Die Autorin zeichnet tolle Sprachbilder, die im Gedächtnis bleiben und trotz der Grund-Ernsthaftigkeit des Buches: „Die Umbrüche lauern im Kleinen. Ein Stolpern auf gebohnerter Treppe […] und ein Nervenzusammenbruch passiert gegebenenfalls ungeduscht zwischen Gurkengläsern.“ (S. 26) Diese Mischung aus Alltagsdetail und existenzieller Fallhöhe zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Besonders beeindruckt hat mich aber, wie die Autorin das Thema Trauer & Trauerbewältigung der Hinterbliebenen nach einem Suizid aufgegriffen hat: „Alle fünfzig Minuten stirbt ein Mensch an Selbsttötung. […] Und pro Tote drei Trauernde.“ (S. 102) Die Autorin mischt auch immer wieder Fakten in das romanhafte und romantisiert nichts. Sie zeigt, wie komplex Trauer ist und vor allem wie ambivalent. „Ich traute mich kaum zuzugeben, dass ich auf eine Art beruhigt war, sie nun tot zu wissen.“ (S. 234)

Neben dem zentralen Verlust verhandelt der Roman Queerness, Ost-West-Zuschreibungen, Mutterschaft, psychische Erkrankung und das schwierige Sprechen bzw. einander Fremd-(Geworden)-Sein in Familien. „Wir sprechen, aber wir reden ja nicht.“ (S. 139).

Nicht alles hat mich gleichermaßen erreicht; manche gedanklichen Schleifen wirkten auf mich etwas überdehnt. Aber insgesamt ist das ein sehr durchdachter, literarisch ambitionierter Roman, der viel Raum für Zwischentöne lässt.

Fazit
"Triskele" ist kein leichtes, eher ein melancholisches Buch, das sich aber meiner Meinung nach sehr lohnt. Für alle, die leise und sich-langsam-entwickelnde Familiengeschichten mögen, die mehr Fragen stellen als Antworten geben. Und für alle die besonders auf Sprache einen großen Wert legen, die hier zugleich scharf, ironisch und zart daherkommt. Wer einen stringenten Plot mit einem krassen Spannungsbogen sucht, wird hier eher ungeduldig.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Schönheitsnormen, Schuld und das Gewicht der Generationen

Das schönste aller Leben
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"Das schönste aller Leben" ist das Debüt der in Arad geborenen, heute in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin Betty Boras (@bettyboras), erschienen bei hanserblau im Februar 2026. Der Roman erzählt ...

"Das schönste aller Leben" ist das Debüt der in Arad geborenen, heute in der Nähe von Stuttgart lebenden Autorin Betty Boras (@bettyboras), erschienen bei hanserblau im Februar 2026. Der Roman erzählt die Geschichte von Vio, die kurz nach dem Sturz der Diktatur mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat nach Deutschland flieht, und verwebt diese Gegenwartserzählung mit den Erfahrungen von Theresia im 18. Jahrhundert. Es ist eine Geschichte über Herkunft, Anpassung, die Suche nach Zugehörigkeit und den Preis von Schönheit, die sich durch Generationen zieht.

Meine Meinung

Ich hatte hohe Erwartungen, weil das eines der Bücher ist, die im Vorfeld in meiner Bookstagram-Bubble sehr präsent waren. Die Themen Mutterschaft, Migration und Schönheitsideale beschäftigen mich zudem häufig, und ich habe mich sehr gefreut, ein Buch lesen zu dürfen, dessen Autorin ich auch schon vor der Veröffentlichung über Bookstagram kennenlernen durfte. Bettys Debüt enttäuscht definitiv nicht. Die Sprache ist dicht, bildhaft, manchmal schmerzlich direkt. Besonders gelungen fand ich, wie dokumentarische Elemente, Reflexionen über „pretty privilege“ oder reale Traumata von Frauen wie Turia Pitt oder Sophie Delezio in die erzählerische Fiktion eingewoben werden.

Vio als Figur ist komplex: Sie navigiert zwischen Selbstanspruch, Familienerwartungen und gesellschaftlichen Normen. Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die Erinnerungen an die Großmutter und die Verantwortung für ihre Tochter nach einem Unfall haben mich beim Lesen sehr betroffen gemacht. Die Geschichte springt zwischen den Jahrhunderten und zwischen Ich- und Erzählstimme. Der Aufbau hat mich stellenweise gefordert, macht das Buch aber erzählerisch auf jeden Fall vielschichtiger.

Das Buch ist auch durch und durch als feministisch zu lesen, was vor allem an den Stellen sichtbar wird, die die Macht von Schönheit und sozialem Status reflektieren: „Die Mädchen hießen Johanna, Charlotte oder Katharina, und bei ihnen zu Hause standen große Bücherregale … Aber Vio fühlte sich wie ein Fremdkörper“ (S. 92). Oder der Satz, der die Last der Mutterschaft zusammenfasst: „Seit dem Unfall gibt es wenig, das mir so wichtig erscheint wie das Aussehen meiner Tochter“ (S. 125).

Ein paar kleinere Kritikpunkte habe ich dennoch: Wie schon beschrieben, war mir der Wechsel zwischen den Jahrhunderten manchmal zu abrupt, und an einigen Stellen, wenn es um Theresias Erfahrungen geht, hätte ich mir mehr Kontext gewünscht. Dennoch überwiegt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, ein ehrliches, literarisch dichtes Buch gelesen zu haben, das Schmerz, Schönheit und gesellschaftliche Erwartungen auf wundersame Weise und mit einer wunderschönen Sprache reflektiert.

Fazit
"Das schönste aller Leben" ist ein bewegendes, sprachlich starkes Debüt für alle, die literarische Gegenwartsliteratur mögen und sich mit Migration, Mutterschaft und weiblicher Perspektive auseinandersetzen. Vielen Dank an Betty Boras für dieses Buch und an netgalley.de sowie hanserblau für das digitale Rezensionsexemplar.

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