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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein Buch mit der Wucht eines Sturm

Zugwind
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Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler ...

Die gebürtige Ukrainerin Iryna Fingerova hat mit „Zugwind“ einen Roman geschrieben, der einen beim Lesen weniger wie ein Wind, als wie ein Sturm mitten ins Herz trifft. Berührend, bewegend und mit emotionaler Tiefe!

Am 24.Februar 2022 nistet sich bei Mira Zehmann ein Zugwind ein. Mira ist Ärztin und bereits vor Jahren mit ihrem Mann Andrij, ebenfalls ein Mediziner, aus der Ukraine nach Deutschland emigriert. Hier sind sie Eltern von Tochter Rosa geworden. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa. Doch nun, mit dem Beginn der russischen Vollinvasion, verändert sich ihr privates und berufliches Leben dramatisch.

Nach der Tätigkeit in einem Krankenhaus war Mira in eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis gewechselt. Rasch wird sie nun zur Anlaufsstelle für neue ukrainische Patientinnen. Sie hoffen neben medizinischer Unterstützung nicht nur auf sprachliches sondern auch emotionales Verständnis und Gehör. Mira wird mit einer Vielzahl von Arten und Symptomen traumatischer Erfahrung konfrontiert, durchlebt von Menschen aus verschiedensten Regionen der Ukraine mit unterschiedlichen Perspektiven und Geschichten.

In der Arztpraxis kreuzt sich ein Gewirr von Lebensfäden. Die vor dem Krieg Geflüchteten tragen neben körperlichen und seelischen Leiden, auch die Sehnsucht nach der Heimat und dem Verlorenen hinein. Mittendrin steht Mira wie ein Verbindungsglied zwischen der Vergangenheit und einer möglichen Zukunft. Doch sie schwankt unter der zermürbenden Belastung und ist doch innerlich selbst zerrissen.

Mit einer ungeheuren Wucht, großer Authentizität und Emotionalität wird man als Leser
in der dramatischen Situation der Geflüchteten gewahr. Man begreift, was der vom Krieg bewirkte Sturz aus dem vorher selbstbestimmten Leben bedeutet: Abhängigkeiten, Hilflosigkeit, Identitätsverlust, Kontrollverlust, Neuanfang ohne verbliebene physische und psychische Ressourcen und so viel mehr…
„Die Menschen unterschätzten die Anstrengung, die es kostet, in einer vollkommen neuen Realität zu leben.“ S. 29

Da man sich sehr schnell mit der berührend authentischen Figur der Mira identifiziert, fühlt man ihr Ringen um Stärke, ihre innere Zerbrechlichkeit, Sensibilität mit. Mira wird im Alltag förmlich zerrissen zwischen ihrer ärztlichen Tätigkeit, der Mutterschaft, den Problemen in der Klein- und Großfamilie, den Nachrichten über das Geschehen in der Ukraine und den Botschaften aus Odesa.

Ihre eigene Gefühlswelt gerät nicht minder in Turbulenzen als die der geflüchteten Menschen: Angst, Sorge, Schuldgefühle, Scham, tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Resignation. Wie sie lebt sie eigentlich in zwei Realitäten gleichzeitig.
Mira muss stark sein, anderen Halt geben und ringt selbst darum. Ich bewundere sie dafür, dass sie ihren coolen, frischen, teilweise auch selbstironischen Erzählton beibehalten kann.
„Das 21. Jahrhundert ist ein Schuss ins Knie der Identität. Alles wird in Zweifel gezogen – Geschlecht, Nationalität, Kultur, alles blubbert und vermischt sich mit allem, kocht über und läuft aus dem Kessel. Und kaum hast du begriffen, wer du eigentlich bist, da fliegen dir die Splitter der zertrümmerten Kniescheibe um die Ohren.“ S.185

Dass Mira dann trotz Krieg und Gefahr in ihre alte Heimatstadt reist, um ihre Großmutter zu besuchen und Freunde zu treffen, ist für mich absolut nachvollziehbar. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu ertragen, eine Erinnerung daran, wer man eigentlich ist.
Die Darstellung des Lebens im kriegsgeschüttelten Odesa rundet das Geschilderte ab. In der Ukraine merkt Mira, wie Lappalien, Normalität und Routinen Halt geben können. Keine mögliche Freude wird verschoben, ganz egal, was einem in den finsteren Zeiten Licht schenkt.
„…die verstanden, dass der heutige Tag das Leben ist.“ S.35
„Und entweder man kann mit dem Gedanken „scheiß drauf, scheiß einfach drauf“ leben und bleibt, oder man geht. Aber man kann nicht tagein, tagaus Angst haben“ S. 115

Die Geschichte wird sehr sensibel, tiefgründig, präzise beobachtet und mit großem psychologischem Verständnis erzählt. Die emotionalen Momente habe ich als sehr intensiv und persönlich empfunden.
Mich hat die Metapher des titelgebenden „Zugwindes“ überzeugt. Ein Bild einer verfolgenden, existenziellen, fast depressiven Krise, die einem wie die vielen anderen Bilder nicht so schnell loslässt. Den Ausbruch in den magischen Realismus (Kraft auf Kredit) empfand ich als einen erfrischenden Ausgleich.
Für mich passen die vielen verständnisvollen Darstellungen der Geflüchteten wie auch das Schicksal Miras selber zu dem Bild der geschichteten Realitäten:
„Die Realitäten waren so dicht übereinandergeschichtet, dass mir schwindelig wurde.“ S. 183

FAZIT
Iryna Fingerovas Roman ist mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Das Buch will langsam und mit Empathie gelesen werden. Es stecken so viele Emotionen, Wahrheiten, Poesie und Denkanstöße drin. Nichts davon möchte ich mir entgehen lassen. Ein Buch, das ich bestimmt ein zweites und drittes Mal lesen werde.
Vielleicht schenkt es auch dem einen oder anderen Verständnis, der sich wundert, warum Geflüchtete ihre Heimat im Krieg besuchen, oder warum Menschen in der Ukraine Skifahren und tanzen. Aber das nur am Rande.
Ein berührendes und auch sehr wichtiges Buch!

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Der Tanz auf dem Rande des Giftkelchs

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen ...

Steht der ideale Spion ausspähend an einer dunklen Unterführung mit hochgeschlagenem Mantelkragen und dunkler Brille? Mitnichten! Zur Spionage eignen sich extrovertierte, gesellige, neugierige Menschen viel besser. Sie sind eher „everbody’s friend“, sehr sympathisch und kommen schnell mit allen Leuten in Kontakt. Das wäre Jakob Dreiser nie in den Sinn gekommen, denn für seine Vorstellung wäre er ja als junger in der Kulturszene bekannter Dichter viel zu auffällig, um in die landläufige Vorstellung eines Spions zu passen. Aber gerade weil er sich anpassungsfähig in verschiedensten Milieus bewegt, ein Talent für Zwischenmenschliches hat und sehr viel erfährt, wirft Dieter Germersheim ein Auge auf ihn. Und der muss es ja wissen. Schließlich steht er seit 27 Jahren im Dienst des BND, inoffiziell versteht sich. Natürlich hat er einen anderen Job zur Tarnung.

Wir schreiben das Jahr 1989. Die Mauer fällt, der eiserne Vorhang löst sich genauso auf wie die UdSSR. Viele Menschen schöpfen Hoffnung, so wie der junge Künstler Jakob Dreiser: “Das ist eine Chance, wie sie nie zuvor da war, in der ganzen Geschichte nicht. Das ist das Ende der Geschichte.“ S. 35. Ist das wirklich „Das Ende der Geschichte“ (englisch End of History) wie es auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama formulierte?
Mit Zeitenwenden kennen wir Leser der Gegenwart uns ja gerade aus, im Rückblick kann man damit lockerer umgehen…

Da stehen sie, die Charaktere dieses Romans, russische Spezialitäten kostend auf der Gartenparty der russischen Botschaft in Rom, die sich plötzlich offen und gesellig gibt.
Agent Germersheim hält den frisch akquirierten Jakob Dreiser für blauäugig: „Glauben Sie wirklich, die denken plötzlich alle anders und vergessen, was sie jahrzehntelang gedacht haben? Für die sind wir immer noch der Feind. Und die für uns. Die hören doch nicht auf zu hassen.“ S. 34

Damit beweist er, wie man aus heutiger Perspektive weiß, eine große Weitsicht. Doch der Autor Kristof Magnusson katapultiert uns in diese Situation, in der noch alles voller Hoffnung und möglich scheint. Da schmunzelt man über den Agenten Germersheim, der überhaupt nicht begeistert ist, weil doch nun seine Existenz und die aller Spione und Doppelagenten auf dem Spiel steht.

Ausgerechnet in Rom startet nun die turbulente, witzige, immer wieder überraschende Reise der angejahrten Spione, Doppelagenten und des Dichters, der sich begeistert anwerben lässt, obwohl er kreative Lösungen dem Folgen von Anweisungen vorzieht. So verlockend dreht sich das Karussell der Geschäfte mit Militärgerät, ob in Kasachstan oder Kolumbien, inclusive Ritt auf der Rasierklinge oder - wie auf dem Cover - der Tanz auf dem Rand des Giftkelchs.
Kristof Magnusson schafft liebevoll und detailreich sehr authentische Charaktere. Der große Kontrast seiner beiden so unterschiedlichen wichtigsten männlichen Protagonisten macht ihr Zusammenspiel herrlich skurril.

Die beiden weiblichen Charaktere Dominique und Francesca Aquatone stehen nicht so im Zentrum, richten ihre Aufmerksamkeit aber auf wichtige Dinge und üben ihre Macht im Verborgenen aus. Mir gefällt besonders die kluge Francesca, die mit mehreren Identitäten jongliert und nicht unterschätzt werden sollte.

„Ich bin nicht wie Dieter, ich bin schlimmer. Dieter denkt, alles ist weiterhin genauso gefährlich als früher. Zu Sowjetzeiten war der Staat kriminell. Jetzt sind es alle.“ S. 102
Die Handlung ist mit vielen Wendungen sehr turbulent angelegt. Die Ideen und Pläne der Figuren wirken manchmal fast absurd, aber auch wenn sie mit Absicht überzeichnet sind, so zeigen sie doch, wie in dieser Umbruchszeit, einem Wendepunkt in der Geschichte, alles in Bewegung, im Zustand der Ungewissheit, Regellosigkeit und Chaos war. Auf der Reise geht so manches schief, einige Kurven und Abstürze werden noch aufgefangen. Überraschungen sind von Anfang an garantiert.

Magnusson erzählt mit viel Humor, jongliert mit Absurditäten und skurrilen Ideen. Mir sagt seine Hintersinnigkeit sehr zu. Die Figuren haben Tiefe und sind mit viel Hingabe entworfen. Die Geschichte hat Tempo, macht viel Spaß beim Lesen und gibt einem auch immer wieder zu denken.

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Faszinierende Charakterentwicklung mit Drama, Magie und emotionalen Feuer

Medea
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Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? ...

Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? Kann die Autorin vermitteln, wieviel Spannendes die griechische Mythologie uns auch heute noch erzählen kann? Kleiner Spoiler: Ja!

Der Mythos um Medea und um die Argonauten wurde von der Antike bis in die Gegenwart immer wieder literarisch verwertet. Trotzdem hatte ich von Medea und Jason bislang nur ein grob skizziertes Bild mit den üblichen Schlagworten: Medea – die Hexe, Jason – der Held der Argonauten. Damit räumt die Autorin Rosie Hewlett hier auf und haucht den antiken Figuren mit Magie, Liebe, Rache und einem sehr weiblichen Blick Leben ein.

Medea wurde als eine Prinzessin von Kolchis geboren. Die Göttin Hekate hat sie mit derselben speziellen Gabe beschenkt (eigentlich eher verflucht) wie Medeas Tante Circe - der Magie. Medeas Vater verabscheut die Magie, bis er erkennt, dass sie als machtvolle Waffe zu benutzen ist. Diese magische Kraft wird Medea anziehend für machtgierige Männer machen, die übrigen Menschen aber abstoßen.

Als Kolchis zum Hüter des goldenen Vlieses wird, das seinen Besitzer unbesiegbar machen soll, wird es Ziel griechischer Helden, die diesen Schatz erringen wollen. Unter ihnen sind auch Jason und seine Argonauten. Das Zusammentreffen mit ihnen wird Medeas Leben für immer verändern.

Die Autorin lässt uns das packende Geschehen aus Medeas Perspektive erleben. So lernt man Medea in ihrem ganzen vielschichtigen, facettenreichen Wesen kennen. Man nimmt Teil an ihren inneren und äußeren Kämpfen, man fühlt ihre Ängste, ihre Wut, ihre Ungerechtigkeit und auch ihre Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Von ihrer traumatischen Kindheit und Entdeckung ihrer magischen Fähigkeiten, bis zu ihrer Liebesgeschichte mit Jason und darüber hinaus, folgen wir Medeas Spuren. Man bekommt ein tiefes Verständnis für Medea, warum sie so handelt und meint, es wäre ihre einzige Wahl.

Auch die wichtigen weiblichen Nebencharaktere bleiben im Gedächtnis hängen. Medeas Tante Circe belehrt ihre Nichte über die Macht der Magie und ihren positiven Gebrauch. Doch Medea spürt schon als Kind die rastlose dunkle Seite der Magie in sich, von der sich Circe nie verleiten ließ.
Circes Warnung schwingt für mich bis zum Ende der Geschichte mit:
„Manche Türen, die geöffnet werden, können nie wieder geschlossen werden.“ S. 160

Atalanta als einziges weibliches Mitglied der Argonauten punktet mit großer innerer Stärke und eindrücklicher Warnung an Medea.
Und Jason - ein charismatischer Held? (Für mich wird er von nun an ein manipulativer Mistkerl bleiben, sorry…). Da hat sich mein Blick wie auch auf die Argonauten-Truppe durch diese Geschichte deutlich geändert.

Beeindruckend ist, aus Medeas Sicht die Wirkung der dunklen Magie zu erleben. Wie diese seelische und körperliche Kraft fordert, wie ein wirbelnder, berauschender Strom mit schier grenzenlosen Kräften das Innere mitreißt.
Mir gefällt, dass Medea in diesem Roman mehr als nur die Hexe aus der Mythologie wird, denn man erlebt aus ihrer Perspektive, warum sie so handelt, wie sie es tut, ohne dass sie dabei von ihrer Schuld freigesprochen oder rehabilitiert wird. Der Autorin gelingt es zu vermitteln, wie komplex Medea als Charakter ist. Der weibliche Blickwinkel richtet den Fokus auf Medeas Verhältnis zu den Männern in ihren Leben: von der missbräuchlichen Benutzung ihrer Fähigkeiten durch den Vater und den Bruder zu den psychischen Manipulationen, unter denen sie bei Jason leidet. Man hinterfragt, wie sie durch die Umstände geformt wurde, wer Geist und Persönlichkeit beeinflusst

Wie Dunkelheit, Zorn und Leid im Kern von Medeas Geschichte liegt, macht einen tiefen Eindruck. Doch es fehlen auch nicht Möglichkeiten für Medea, sich für Licht und Frieden zu entscheiden. Warnungen gibt es genug.

Rosie Hewlett hat Klassische Literatur und Zivilisation studiert, was deutlich an ihrem Werk zu merken ist. Daneben liefert sie eine Menge an Dramatik, Leidenschaft und Feuer, genug um einen zu fesseln und zu verzaubern. Der Roman ist extrem spannend, detailreich und mit rasantem Schwung geschrieben. Die dramatischen Wendungen, die großartige und sehr authentische Entwicklung der Charaktere und die emotionale Nähe zur Protagonistin ließen mich das Buch kaum aus der Hand legen.
Deshalb fände ich es toll, wenn Hewletts Debütroman über Medusa auch ins Deutsche übersetzt wird.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Mit Herz und Humor auf Gespensterjagd

Gespensterjäger auf eisiger Spur (Band 1) - Mit 8 neu illustrierten Farbseiten
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Ist es nicht toll, wenn man beim (Vor-)Lesen merkt, wie viel Spaß die Autorin beim Schreiben hatte? Hier sprüht es vor Fantasie und Humor.

„Tompatsch!“ so nennt Toms große Schwester Lola oft abfällig ...

Ist es nicht toll, wenn man beim (Vor-)Lesen merkt, wie viel Spaß die Autorin beim Schreiben hatte? Hier sprüht es vor Fantasie und Humor.

„Tompatsch!“ so nennt Toms große Schwester Lola oft abfällig ihren vermeintlich tollpatschigen neunjährigen Bruder. Ja, Tom hat es nicht leicht in seiner Familie. Lola kommandiert ihn gerne herum und macht sich über seine Ängste lustig. Tom fürchtet sich, wenn er mal etwas aus dem Keller holen soll. Dabei ist es im dumpfen Kellerabteil wirklich gruselig.

Tatsächlich macht Tom dort unten recht unfreiwillig Bekanntschaft mit einem Gespenst. Gut, dass Toms Oma Zeit hat und ihm Gehör und Glauben schenkt. Gegen Gespenster weiß sie zwar keinen Rat, aber immerhin kann sie ihn zu ihrer Bekannten Frau Kümmelsaft schicken. Eine Frau mit einem satten Fachwissen, was die Gruselwesen betrifft, und die bereit ist, Tom in ihre Kenntnisse einzuweihen. Jetzt zeigt sich, was Tom wirklich auf dem Kasten hat. Er schließt unerwartete Freundschaften und ist in der Lage, seine Ängste zu überwinden.

Der Loewe- Verlag hat die „Gespensterjäger-Reihe“ mit neuen bunten Illustrationen von Franziska Blinde aufgefrischt aufgelegt. So fällt diese Reihe einer neuen Generation junger Leser*innen ins Auge. Und das ist gut so, finde ich.
Die farbenfrohen neuen Illustrationen ergänzen die Zeichnungen der Autorin ausdrucksstark. Die Gespenstergeschichte ist auch nach über 30 Jahren noch immer frisch, lebendig und überhaupt nicht angestaubt.

Der Erzählton ist für die junge Leserschaft absolut verständlich und sehr spannend. Der Umfang der Kapitel ist perfekt für die Aufmerksamkeitsspanne. Die Handlung ist mit vielen Wendungen, Überraschungen und einer kräftigen Prise Humor versehen. Das ist genau das, was mir an den Büchern von Cornelia Funke immer aufs Neue gefällt.

Was für sympathische Charaktere trifft man wieder an! Tom macht eine großartige und sehr authentische Entwicklung durch. Er stellt sich seinen Ängsten und schafft es, über sich hinauszuwachsen. Am Ende kann seine Schwester nur noch staunen über ihren mutigen und lässigen kleine Bruder. Wunderbar, dass in der Oma eine freundliche, geduldige Zuhörerin gefunden wird. Die extravagante Frau Kümmelsaft, die Tom hilft, fordert und ihm eine Menge zutraut, ist eine herrlich schrille Begleiterin.

Man lernt witzige und fantasievolle Details über Gespenster. Da wagt man sich nun neugierig und erwartungsvoll in den Keller, immer aufmerksam nach Gespensterschleim Ausschau haltend.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

So wird Rilke lebendig und bunt

Mein Freund Rilke
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Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der ...

Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der Schule leidvoll ertragen musste, kann nochmal neu Anlauf nehmen.

Herzerfrischend und mutig schenkt uns just jetzt die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin eine ganz neue, moderne und überraschende Perspektive auf den Dichter – in Form einer Graphic Novel. Hat man vielleicht Rilke eher als melancholischen, düsteren Typ mit hohem Verschleiß an Liasons abgespeichert, darf man ihn nun von seiner charmanten und witzigen Seite kennenlernen.

Die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin hat sich schon geraume Zeit gründlich mit Rilkes Lyrik beschäftigt. Bislang illustrierte sie z.B. Kinderbücher, 2020 erschien ihr erster Comic. Doch endlich setzt sie Rilke mit der Feder in Szene.
In dieser Graphic Novel ermöglicht Garanin uns eine spannende Begegnung mit Rilke, indem sie uns die Figur der Kultur-Journalistin Ellen begleiten lässt. Ellen kennt eigentlich Rilke auch nur vom Namen als bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, aber weiß kaum etwas über sein Werk.

Mit dem Auftrag über Rilke zu recherchieren, reist sie mit ihrem Rollköfferchen zunächst nach Worpswede, wo sie gleich in eine Veranstaltung gerät, wo Leute Rilke abfeiern. Die Begegnungen mit „Rilke-Ultras“ findet sie eher schräg, will sich schleunigst entziehen und lieber auf Internetrecherche zurückgreifen. Da prallt sie förmlich mit einer „Person“ zusammen. Sie erkennt ihn im Gegensatz zu uns Leser*innen noch nicht sofort (Rilke!!!!). Schon entzündet sich ein kleiner Flirt zwischen beiden. Ellen will nun doch weiter auf biographische Spurensuche gehen, schließlich lockt Paris als nächste Station. Dort wartet bereits wieder überraschend Rilke auf sie, und es startet eine klassische Liebesgeschichte. Ellen ist geflasht von diesem charmanten, verständnisvollen, poetischen Typen. So eine Romanze wiederfährt einem ja auch nicht mehr alle Tage.

Was für herrliche, sympathische und authentische Charaktere die Autorin da geschaffen hat. Ellen ist irgendwo um die 40 Jahre herum und wie aus dem alltäglichen Leben erschaffen. Sie kämpft mit denselben Alltagsproblemen wie wir z.B. mit den bockenden Teleskopstangen des Rollkoffers oder den Tücken mit Koffer in der Pariser Metro unterwegs zu sein und manch anderen Hindernissen des Lebens.
Rilke in unser Jahrhundert zu beamen und lebendig werden zu lassen, ist ein wahrer Genuss. Seine Figur bleibt ein etwas komischer, spezieller, aber sehr liebenswerter und heiterer Typ.

Schon auf dem Cover verbindet die Autorin verschiedene Zeiten und Ebenen: wir sehen neben Rilke und Ellen die Gazelle aus einem Rilke-Gedicht.
Das führt uns zur Form: Erfreulicherweise – und für Comics untypisch – kommt diese Graphic Novel ganz ohne Sprechblasen und eckige Panels aus. Hier entwickelt Melanie Garanin eine ganz eigene, individuelle Form, die sich auch in der Gestaltung der Seiten dem Verlauf der Geschichte anpasst.

Man merkt, dass hier noch alles von Hand mit Tusche und Feder gezeichnet und mit Aquarellfarben coloriert ist. Die Vergangenheit Rilkes ist in einen altmodisch wirkenden Sepia-Ton getaucht. Mit Ellen kommt eine angenehm sanfte Farbigkeit ins Spiel.
Die Illustrationen wirken sehr bewegt, leicht und fein, immer wieder mit viel Humor gewürzt. Die Gefühlswelt und die Gedanken der Menschen werden sicht- und erlebbar. Und es sticht ins Auge, dass Garanin Tiere, vor allem Hunde sehr am Herzen liegen. Immer wieder kann man sich an den zarten windhundartigen Vierbeinern erfreuen, z.B. in den feinen Vignetten an den Kapitelanfängen und immer wieder in kleinen Details.

Die Schrifttypen sind sehr bewusst eingesetzt: Schreibschrift herrscht in der Jetztzeit vor, biographische Texte zu Rilkes Biographie in Druckschrift, Zitate aus Rilkes Gedichte erscheinen wie ausgeschnitten auf farbigen Zetteln wie Post-Its. Das trägt zu einer angenehmen Übersichtlichkeit bei. Auf diese Weise wird die Lyrik feinsinnig in die Handlung eingewebt und trägt oft Rilkes Stimmung in die Jetztzeit hinüber.
Melanie Garanin erhebt nicht den Anspruch, eine übliche Biografie zu verfassen. Aber man lernt einzelne Stationen und Eckdaten von Rilkes Lebensweg kennen ohne in die Tiefe zu gehen. Seine reichlichen Beziehungen zu Frauen werden praktisch und übersichtlich mal komplett auf zwei Doppelseiten abgehandelt.

Dafür lernt man Rilke über sein Werk kennen, denn es tauchen immer wieder Sequenzen aus seinen Gedichten auf. Seine bildreiche Lyrik lädt ja auch förmlich ein, sie zu illustrieren.
Der Witz liegt darin, biographische Elemente mit einer fiktionalen Geschichte in Wort und Bild zu verbinden. Für dieses Experiment muss man natürlich offen sein, um an Rilke mal ganz andere Facetten zu erkennen oder ihn überhaupt ganz neu kennenzulernen.
Auf jeden Fall ist diese Verbindung von Literaturwissenschaft und dem bildreichen Comic an dieser Stelle hervorragend gelungen. Es macht es Lust darauf, wieder einmal in ein paar Rilke-Gedichte einzutauchen.

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