Zeit im Keller
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ...
„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ist mit seiner beklemmend misogyn-dystopischen Atmosphäre leider nur zu passend platziert in unserer Zeit, in der fast alle Staaten wieder rückwärts schreiten, wenn es um Frauenrechte, FLINTA-Rechte, Menschenrechte und Freiheit geht.
Die schon 1929 geborene belgische Schriftstellerin nimmt uns mit auf eine Reise in den Untergrund, ganz wortwörtlich. In einem Keller im Nirgendwo leben sie, 40 Frauen, eingesperrt in einem engen Käfig, bewacht von drei wechselnden männlichen Wächtern. Und keine weiß, wie sie dort hingekommen sind, was genau in ihrem Leben geschehen ist, was der Auslöser war. Sie heißen Thea, Dorothee, Annabelle, Emma, Marie, Bernadette usw., es sind altertümliche Namen für Frauen, die sich schon in der Mitte des Lebens befinden – auch wenn keine ihr konkretes Alter benennen kann, denn das Zeitgefühl ist verloren gegangen im Keller, in dem es nur künstliches Licht und zwei Mahlzeiten am Tag als Struktur gibt. Nur die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans ist deutlich jünger und bleibt namenlos – kam sie doch schon als Kind in den Keller und erinnert sich kaum noch an das davor. Der Keller hat sie zu einem zutiefst isolierten Menschen gemacht, nicht nur setzt ihre Pubertät nie richtig ein, sie hat vor allem kaum Zugang zu Emotionen, kann Nähe nicht ertragen und ihr fehlt es an Wissen über viele Dinge der alten Welt.
Die Frauen leben in einem merkwürdigen Vakuum. Komplett von der Außenwelt abgeschottet, vegetieren sie vor sich hin, leben von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Tag zu Nacht, ihren Bewachern ausgesetzt, die willkürliche Regeln festgesetzt haben. Niemand weiß, was der Hintergrund ist. Die Frauen haben aufgehört zu spekulieren. Anders die Protagonistin, die im Heranwachsen immer mehr Fragen stellt. Sie hinterfragt dabei nicht nur das Leben im Keller, sondern, ohne echten Kontakt zu Männern aufgewachsen, Konzepte wie Liebe und Romantik, Beziehungen, Hierarchien, letztlich jegliche Interaktion. Und langsam zeigen ihre Fragen Wirkung, zumal sie die Einzige ist, die versucht, ein Zeitsystem zu etablieren, anhand dessen die Frauen zunehmend feststellen, dass sie nicht entlang eines normalen Tag-/Nacht-Rhythmus leben. Was nur ist der Sinn hinter dieser Inhaftierung? Sämtliche Analysen scheitern, bis eines Tages etwas Unvorhergesehenes geschieht und der Begriff von Freiheit noch einmal eine ganz neue Dimension bekommt. Was in der Folge geschieht, war nicht erwartbar und entwickelt zunächst einen starken Sog – läuft allerdings irgendwann auch etwas ins Leere.
Der Roman ist dicht und atmosphärisch geschrieben und verfolgt durchaus schriftstellerischen Witz – so startet er mit einer literaturästhetischen Diskussion über das Schreiben von Vorworten beim: Schreiben eines Vorwortes. Die Frauen bekommen wenig Kontur, Harpman scheint es um etwas Größeres zu gehen als die Einzelperson – mit Ausnahme der Protagonistin. An vielen Stellen musste ich an den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 denken – vielleicht durchaus eine Inspiration. Auch hier bleibt das System bis zum Ende rätselhaft.
Wie wenig wir unsere Möglichkeiten und Freiheiten alltäglich schätzen, macht Harpman plastisch. Wie schnell ein System kippen kann und dass SINN entscheidend ist, um Dasein und Vegetieren zu Leben zu machen, wie unsinnig es ist zu überleben, wenn der Sinn sich nicht finden lässt, das ist sehr eindrücklich zu spüren. Leise Spuren feministischen Denkens weben sich durch den schmalen Band und doch wird auch deutlich, dass die reine Anwesenheit von Frauen noch nicht zu Feminismus führt.
Es ist eine spannende Lesereise, die jedoch viel offenlässt, sehr viel, für mich am Ende zu viel. Worauf auch immer der Roman sich sicherlich parabelhaft bezieht, ist nicht unbedingt zu identifizieren. Und so bleibt er bei sich, in sich – wie die Hauptfigur. Dennoch ein starkes Stück Literatur, das ich auf jeden Fall empfehle.