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Veröffentlicht am 26.02.2026

Ein echtes Wohlfühlbuch!

Wintern
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Ein tolles Buch, wie ein warmer Mantel oder die Lieblingskuscheldecke an einem kalten Wintertag.

„Wintern“ wurde auf vorablesen.de vorgestellt und hat mich direkt neugierig gemacht. Im Rahmen einer Rezension ...

Ein tolles Buch, wie ein warmer Mantel oder die Lieblingskuscheldecke an einem kalten Wintertag.

„Wintern“ wurde auf vorablesen.de vorgestellt und hat mich direkt neugierig gemacht. Im Rahmen einer Rezension habe ich es dann gewonnen und bin begeistert.

Schon das Cover hat mir ein Gefühl von Gemütlichkeit und Winter-Sehnsucht vermittelt. Eine einsame Hütte in einer verschneiten Landschaft mit Tannenbäumen und Wintersonne vor dem Hintergrund der Berge - da denkt man sofort an die besten Erinnerungen an die schönsten Wintertage und daran, sich in eine warme Decke gewickelt vor den Ofen zu kuscheln.
Rosa- und Beigetöne, ein Cover aus robustem, flexiblen Karton mit seidenmatter Folierung geschützt und angenehmer Struktur, halb glatt, halb rauh - gute Buch-Designs werden viel zu selten gewürdigt!
Dieses fühlt sich von Anfang an irgendwie gemütlich an, ein richtiges Wohlfühlbuch - das man auch an an einem sonnig-verschneiten Wintertag mit auf den Waldspaziergang nehmen könnte, weil ihm ein paar Schneeflocken nichts ausmachen.
Es macht Freude es anzusehen, zu befühlen und sich in aller Ruhe in das Lesen zu versenken.

Und sinngemäß geht es genau darum inhaltlich.

Zugegeben: die Einleitung ist eine sehr ausführliche persönliche Herleitung der Autorin zu ihrem Thema. Mir ist sie viel zu lang und kommt eher einer biografischen Beschreibung gleich, als einer kurzen, knackigen Hinführung zum Inhalt. Man kann sie aber prima überfliegen und überblättern, ohne allzu viel wesentliches zu verpassen.

Auch der eher nüchtern-sachliche Erzählstil, der sich durch das gesamte Buch zieht, will angenommen werden; man merkt deutlich, dass die Autorin aus einer wissenschaftlichen Orientierung heraus, forschend, an ihr Thema herangegangen ist.

Für Diejenigen, die die Serie Bones kennen, dürfte eine Assoziation mit deren Hauptfigur nahe liegen - die ich persönlich liebe und als erfrischend herzlich-unkonventionell ins Herz geschlossen habe.
Freundet man sich damit an, ist das Buch ein echtes Highlight.

Bei mir ist sofort Interesse aufgeploppt, weil das Buch sich damit beschäftigt, seine Einstellung zum Winter zu ändern, statt ihn anders haben zu wollen, als er ist. Obwohl ich den Winter liebe, schlägt auch mir das andauernd dunkle, nasse und kalte Wetter irgendwann mal auf's Gemüt und ganz besonders die Menschen, die schon im Herbst laufend beklagen, dass „jetzt schon wieder Winter“ ist und fortan minutiös ihr miserables Befinden, sowohl vorausschauend als auch echtzeitlich, ungefragt in Dauerschleife kundtun. Was für mich der eigentliche Overkill im Herbst und Winter ist!

Kari Leibowitz hat hier ein Buch geschrieben, das eine totale Entschleunigung anbietet. Ihr Schreibstil, der auch eigene Schwächen mutig ehrlich benennt, ihre Vorschläge für Perspektivwechsel und vor allem mehrere Listen mit konkret umsetzbaren Tips tun einfach gut.

Sie bietet das an, was seit Jahren in allen Medien tausendsassahaft postuliert - und im Winter immer vergessen wird: Achtsamkeit.
Wundersam, wie präsent uns dieses Thema immer und überall in allen Lebensbereichen ist und wie sehr wir es im Winter allzu schnell ausklammern und unserer Nörgeligkeit frönen - eben dann, wenn es etwas unbequemer wird, dran zu bleiben.
Das genau braucht es aber für eine positiv erlebte Winterzeit.

Die Autorin erinnert daran, dass der Winter eine Zeit der Entschleunigung ist, des Zur-Ruhe-Kommens. Eine Zeit der Kontemplation und der Rituale. Es liegt in unserer Natur, in dieser Zeit stiller zu werden, langsamer, reflektierter. So, wie die Natur zur Ruhe kommt, eine Pause einlegt, um Kraft zu sammeln, Neues zu schaffen, gehört das auch für uns - als Teil dieser Natur - dazu. Allein schon für unsere Körper, die in dieser Zeit anders funktionieren, als in den wärmeren, helleren Jahreszeiten.
Das Lesen tut einfach gut. Sich dessen wieder gewahr zu werden und sich vor allem auch die Erlaubnis zu geben, weniger schaffen zu müssen, langsamer werden zu dürfen, Stille zu genießen, Momente und Räume nur für sich aber auch für bewusste Begegnung zu schaffen und sich selbst liebevoll zu umsorgen, klingt ja eigentlich erst einmal selbstverständlich, aber wer tut das heute noch wirklich?

Die Tips sind einfache Selbstverständlichkeiten, keine weltbewegend neuen Konzepte, die jeder kennt und ohne große Anstrengung schnell und effektiv umsetzen kann - die wir nur eben in unserem Alltag schnellstens vergessen und immer wieder aufschieben, wo sie doch eigentlich bemerkenswerte Verbesserungen herbeiführen.
Unsere (Ur-)Großmütter würden weise lächelnd nicken.

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Veröffentlicht am 26.02.2026

Selbstgemachter Rassismus, der Fragen aufwirft. Herausragend. Aufrüttelnd.

Real Americans
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Ich kann nicht so recht verstehen, wieso Real Americans so sehr gefeiert wird.
Mich hat es, vor allem auf der ersten Hälfte, eher frustriert und ist hinter meinen Erwartungen zurück geblieben.
Es ist sicher ...

Ich kann nicht so recht verstehen, wieso Real Americans so sehr gefeiert wird.
Mich hat es, vor allem auf der ersten Hälfte, eher frustriert und ist hinter meinen Erwartungen zurück geblieben.
Es ist sicher realitätsnah und schreibt authentische Charaktere, doch von so einem Buch hätte ich mir etwas mehr „feministisches Werden“, mehr weibliche Power, im Sinne von wirklich starker Selbstentwicklung und Erkenntnis, erhofft.
Das kann man allerdings klar nicht dem Buch zuschreiben, sondern eben dem unzutreffenden Bild, das ich mir im Vorhinein - warum auch immer - gemalt habe.
Real Americans ist ausgezeichnet geschrieben, flüssig zu lesen und trotz seines Umfangs in keinster Weise sperrig. Meine Frustration beruht darauf, dass selbst heute noch Frauen dieses schwache Selbstbild haben, dass sie orientierungslos in ein Leben geschickt werden, ohne zu wissen, wer sie sind und vor allem, ohne sich selbst zu lieben. Und das eben das auch so sehr durch diese Geschichte getragen und in allen Einzelheiten von der Protagonistin durchdacht wird. Es ist ein Problem, das existent ist, es ist von der Autorin außerordentlich gut aufgegriffen, es ist wichtig und richtig und sollte thematisiert werden. Doch, so ausführlich gelesen, erlebt, mitgefühlt, identifiziert man sich auch leicht damit und verstärkt es in sich. Das entscheidet ganze Werdegänge bis in die nachfolgenden Generationen, wie man hier gut sehen kann. Und das ist ja auch genau Teil dessen, was das Buch womöglich zeigen will.
Bei mir verbleibt das Gefühl, dass eher die männlichen Charaktere, deutlicher, klarer, einfühlbarer gezeichnet werden, während die weiblichen teilweise verwaschen, unklar, schwieriger nachfühlbar, unsicherer bleiben.
Besonders schwieriger Punkt war für mich die Rassismus-Frage. Die allerdings sehr pointiert getroffen ist - in meinem Leben war sie schon auf eben diese Weise Thema. Doch nervt sie mich unheimlich.
Die Protagonistin fragt an so vielen Stellen nach Unterschieden und nach Rassismus, an denen man auch einfach nach Gemeinsamkeiten schauen könnte oder Dinge einfach sein lassen, im Sinne von existieren. Diversität ist gut. Diversität ist gesund. Es ist in meinen Augen so viel selbst gemachter Rassismus, der gar nicht nötig wäre. Quasi ein sich selbst „Rassifizieren“. Das letztlich eine extrem trennende Wirkung hat und soziale Kluften verschärft. Das aus Menschen Täter macht, die gar keine sind. Mit einer großen Portion mehr Selbstliebe und Positionierung der eigenen Person, wäre ein riesengroßer Teil dieser Thematik schon vom Tisch gewischt. Man muss eben Rassismus auch nicht zwangsläufig zu einem noch größeren Monster machen, als er ohnehin ist; denn das marginalisiert ihn m.E. dort, wo er tatsächlich wütet.
Das ist ein wirklich sehr, sehr schwieriges Spannungsfeld das hier aufgeworfen wird und hinter dem tatsächlich die eigentliche Geschichte diese Romans für mich in den Hintergrund rückt - die ich im Übrigen sehr spannend und gelungen finde.
Und am Ende, ist ganz genau das vielleicht doch das, was zeigt, was dieses Buch kann, was es großartig macht - es polarisiert, es wühlt auf, es zwingt zur Auseinandersetzung, es ist unbequem und es tut weh, es verärgert, es macht wütend und es rüttelt auf. Und schließlich habe ich gelernt, ohne belehrt worden zu sein.
Real Americans ist ein Buch, das ich zweimal, vielleicht dreimal lesen muss, lesen will, um es auch nur im Ansatz richtig tief zu verstehen. Dessen Wertung ich sicher noch viele Male hinterfragen werde.
Last but not least finde ich die Gestaltung richtig schön. Die Farben, der leichte Perlglanz des Umschlags und die gezeichnete Auster sind sehr stimmig, sehen edel und wertig aus, es gibt einen inhaltlichen Bezug und es fühlt sich haptisch gut an. Ein schönes Buch.

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Veröffentlicht am 26.02.2026

Viel Potenzial, leider nicht ausgeschöpft.

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Der Briefladen in dem die Zeit stillstand hat, nach Buchbeschreibung und Leseprobe, große Erwartungen in mir geweckt, die sich am Ende nicht so recht erfüllen wollten.
Es ist ein warmes, weiches, entschleunigtes ...

Der Briefladen in dem die Zeit stillstand hat, nach Buchbeschreibung und Leseprobe, große Erwartungen in mir geweckt, die sich am Ende nicht so recht erfüllen wollten.
Es ist ein warmes, weiches, entschleunigtes und ruhiges Buch mit viel Gefühl und Herz, das spürt man deutlich, trotzdem konnte es mich nicht ganz abholen. Die Idee des Buches finde ich großartig. Die Protagonistin Hyoyeong verlässt nach einer schwierigen familiären Erfahrung ihr Elternhaus, um sich abzugrenzen und das emotionale Erbe ihrer Schwester hinter sich zu lassen. Auslöser hierfür sind vor allem Briefe, die ihre Schwester, die die Familie verlassen hat, ihr schreibt. Hyoyeong, die früher selbst leidenschaftlich geschrieben, ihre Verbindung zum Schreiben aber verloren hat, entwickelt eine starke Abneigung gegen Briefe und eine tiefe Blockade, ihre Empfindungen und Gedanken auf Papier fließen zu lassen. Doch beginnt sie nun, für ihren ehemaligen Kommilitonen Seonho in dessen Briefladen zu arbeiten, der ihr hilft, eine Wohnung in Seoul zu finden und ein eigenes Leben zu beginnen. Schnell wird deutlich, dass Hyoyeong noch viel lernen darf, um sich selbst besser kennenzulernen und Freundschaft mit sich selbst zu schließen. Die Charaktere sind sehr liebevoll und authentisch menschlich gezeichnet, vor allem Seonho, der ein regelrechtes Bollwerk gegen die Negativität unserer heutigen Zeit ist und auch seine Kinder so aufzieht, hat mein Herz im Sturm erobert.
Der Kern des von ihm ersonnenen Briefladens ist der Penpal Service, ein über den Laden organisierter anonymer Brieffreunde-Dienst, der mich sofort Feuer und Flamme hat werden lassen. Diese Idee war Anlass dafür, mich für ein Vorablesen Exemplar zu bewerben. Völlig unterschiedliche Menschen können im Laden Briefe schreiben und aussuchen und kommen so mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und deren Geschichten und Ideen in Kontakt und finden darin zum Teil tiefen Trost und ihre eigenen Gaben. Besonderes Highlight: die Briefe sind zugleich fiktiv und real; sie stammen aus einem Projekt, das die Autorin für das Buch ins Leben gerufen hat.
Darin liegt aber auch die Crux. Ausgerechnet die Briefe, die nun einmal einen Großteil des Herzstücks der Geschichte ausmachen, konnten mich nicht überzeugen. Nachdem ich zu Beginn bereits die Briefe von Hyomin, der erwähnten Schwester, sehr nichtssagend fand, habe ich doch auf den Hauptteil des Buches gehofft und zunächst darüber hinweggelesen. Als dann jedoch auch die restlichen Briefe eher kurz gehalten und, bis auf wenige wirklich schöne, berührende kleine Weisheiten, eher oberflächlich gestaltet blieben, war das doch enttäuschend. Ich habe mir wesentlich mehr erhofft. Auch mit der künstlerischen Gestaltung wurde m.E. viel Potenzial verschenkt. Im Buch werden der Briefladen und die besonderen, handverlesenen Briefpapiere sehr detailreich und umfassend beschrieben. Weder das Cover noch die inhaltliche Gestaltung des Buches setzen diese Beschreibungen jedoch entsprechend um. Gerade hier hätte man so viel Möglichkeit gehabt, Bilder aufzugreifen und weiter wachsen zu lassen. Das ist wirklich schade, weil so der halbe Zauber verloren geht.
Inhaltlich fiel es mir teilweise deshalb schwer, mich einzufinden, weil die kulturellen Unterschiede an verschiedenen Stellen immer wieder sehr stark greifbar werden und irritieren. Die asiatische Kultur ist vorwiegend geprägt von sehr starker Zurückhaltung, Höflichkeit bis Scheu oder sozialer Ängstlichkeit. Gerade in den Ballungsräumen der Großstädte sind Zahlen von Ängsten, Depressionen, Einsamkeit und Suizidalität mitunter extrem stark erhöht. Mit Seonho setzt die Autorin diesem eher distanzierten bis ängstlich geprägten mentalen Erleben zwar einen sehr starken Charakter entgegen, das finde ich wunderbar. Die anderen Protagonisten jedoch bringen diese starke Verunsicherung deutlich spürbar mit und sie zieht sich umfassend - auch in den Briefen - durch das Buch und muss erst einmal aufgelöst werden, um diese Schwere nicht mitzunehmen.
Als beispielsweise Hyoyeong einem Freund und Kunden Seonhos auf der Straße begegnet, reagieren beide mit starker Beklemmung, Verunsicherung und Ängstlichkeit. Man kenne sich noch nicht gut genug, um einander freundlich anzulächeln. Jeder Aspekt der Begegnung, der eigenen Wirkung und des eigenen Ausdrucks wird hinterfragt und bringt Sorge, Angst, Blockaden mit sich. In unserer Kultur so kaum vorstellbar. Der Autorin gelingt es außerordentlich gut, diese inneren Konflikte sichtbar zu machen, doch es bleibt für mich befremdlich.
Wie viel dessen am Ende aufgelöst werden kann, muss jeder Leser selbst herausfinden - das würde für mein Empfinden zu viel vorwegnehmen.
Zauberhaft finde ich die sehr auf sensorische Empfindungen, auf Wahrnehmung, bezogene Sprache. Das Wetter und das Gefühl sind umfassend Thema; doch nicht auf die bei uns so gebräuchliche Weise beständigen Beschwerens, sondern in einer ganz zartfühligen, annehmenden, poetisch-emotional verknüpften Weise. Das gefällt mir sehr gut. So finden beispielsweise der Duft des Sonnenlichts oder die Liebe zu regnerischem Wetter, das alle Ängste, Sorgen, das Grübeln wegspült, Erwähnung. Auch die verschiedenen Stimmungen des Lichts, Farben, die jahreszeitlichen Veränderungen in ihrem Fluss sind so auf sehr angenehme Weise Thema. Das fühlt sich richtig gut an.
Es ist insgesamt ein berührendes Buch mit einer ganz tollen Idee, deren Umsetzung mir nur leider zu flach geblieben ist. Da wäre wesentlich mehr möglich gewesen.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Idee mit Potenzial - konnte mich aber leider nicht abholen.

Mama will ihr Haus vererben
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Die Idee zu Mama will ihr Haus vererben fand ich sehr gewitzt, tatsächlich mal einzigartig und damit per se interessant.

Die Autorin hat einen angenehmen Schreibstil, der anspricht und sich fließend lesen ...

Die Idee zu Mama will ihr Haus vererben fand ich sehr gewitzt, tatsächlich mal einzigartig und damit per se interessant.

Die Autorin hat einen angenehmen Schreibstil, der anspricht und sich fließend lesen lässt; besonders schön finde ich die hier und da eingestreute Bildsprache, die das eine oder andere liebevolle, witzige, lebendige Bild erzeugt und die Fantasie mitlesen lässt. So ist es beispielsweise nicht einfach ein Garten im Regen, sondern „das Grün im Garten“ wirkt durch den Regen wie „riesige Wasserpflanzen in einem Aquarium“. Ich mag so etwas - es bringt einen persönlichen, sympathischen und sehr menschlichen Touch ins Buch.

Die Charakteranzahl und -einführung finde ich gut gelungen und nachvollziehbar, allerdings weisen einige der Charaktere für mich große erzählerische Schwächen auf; wo einige Nebenfiguren eine überraschend starke, teilweise komplexe Wirkung mitbringen, konnte mich insbesondere die Hauptfigur, Katrin, nicht überzeugen.

Dieses Buch bringt viele Themen mit hohem Potenzial mit, greift sie aber bedauerlicherweise kaum tiefgehend auf. Gerade in Katrin, mit dem über sie vermittelten Frauenbild, lag eine Riesenchance für ein richtig großes Thema, die m.E. nicht ausgeschöpft wurde. Wir haben hier einen exzellenten Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit Emotional und Mental Load, Daughtering, Mankeeping und People Pleasing, der verpufft. Das finde ich ausgesprochen schade und ich hatte mir im Voraus gerade in dieser Hinsicht eine Auflösung mit einem tollen Learning erhofft.

Die Thematik schreit ja förmlich nach einer Katrin, die erstarkt, die aus dem toxischen familiären Irrsinn aussteigt, sich selbst findet und neu in Beziehung setzt. Die vielleicht regelrecht als eine Art neuer „Leader“ die Familie aufräumt und Heilung anstößt - in sich selbst. Umfassend, dauerhaft, langfristig. Hier bin ich mir jedoch nicht sicher, ob Katrin wirklich tiefgreifend dazu gelernt, oder ihren destruktiven Kreislauf nur für kurze Zeit unterbrochen hat. Bis die nächste Krise kommt.

Hauptproblem für mich war eine Art Verschiebung in der Erzählung. Die Informationen zum Erleben, Denken, Fühlen der jeweiligen Charaktere, die ich gebraucht hätte, um ihre Beweggründe zu verstehen, wurden verspätet und oft nur andeutungsweise in die Handlung eingearbeitet. Durch die Teilnahme an der Leserunde habe ich erkannt, dass ich die Personen so oft ganz anders verstanden habe, als sie gemeint waren oder es sind eben auch viele Fragezeichen verblieben. Wo die Handlung sich an der einen Stelle zieht und auf der Stelle tritt, poltert sie an der anderen viel zu plötzlich, viel zu schnell Knall auf Fall los und spitzt sich auf fast schon absurde Weise zu, ohne aber eine wirkliche, friedliche Auflösung anzubieten.

Das manche Lösungen drastisch verbleiben, denke ich, ist einfach lebens-realistisch. Menschen sind manchmal extrem, manches zerbricht und kann oder will nicht gekittet werden und das ist OK. Es gibt nicht immer ein Happy End und nicht immer die optimale Wunsch-Lösung. Diese Erkenntnis können wir aus Mama will ihr Haus vererben auf jeden Fall ziehen; wer seinen Frieden damit macht, lebt zufriedener.

Da darf man auch der Autorin ihren eigenen Weg und Plan akzeptierend zuschreiben. Doch was genau der ist, welche Aussage das Ziel ist, ist auch mir nicht klar geworden.

Und dennoch fehlt mir mehr Tiefe, mehr Verbindung. Was passiert zum Beispiel mit einer Pia, der man die Hand reicht? Oder mit Geschwistern, die sich ehrlich, offen mit integrer Authentizität aussprechen und klar in den Raum stellen „ja, hier läuft was schief, hier findet Missbrauch statt und wir machen das nicht mehr mit, Mama“?

Nachdem ich die Buchbeschreibung nochmal gelesen habe, muss ich aber auch resümieren, dass das Buch in keinster Weise wie von mir und scheinbar auch anderen Rezensenten erwartet angekündigt wird. Für einen reinen Unterhaltungsroman allerdings ist mir die Katrin zu schwer. Vielleicht liegt hier der Hase im Pfeffer.

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