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Veröffentlicht am 28.07.2019

Ein zum Nachdenken anregender literarischer Genuss

Kaffee und Zigaretten
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REZENSION - Es gibt wohl keinen zweiten zeitgenössischen Schriftsteller, der wie Ferdinand von Schirach (55) plötzlich als neuer Stern am Literaturhimmel aufgetaucht ist und seitdem alle anderen überstrahlt. ...

REZENSION - Es gibt wohl keinen zweiten zeitgenössischen Schriftsteller, der wie Ferdinand von Schirach (55) plötzlich als neuer Stern am Literaturhimmel aufgetaucht ist und seitdem alle anderen überstrahlt. Erst als 45-Jähriger landete der frühere Promi-Anwalt vor zehn Jahren mit dem Erzählungsband „Verbrechen“ auf Anhieb einen Bestseller. Seitdem folgte Jahr für Jahr ein neuer, jeder vielfach übersetzt, manche verfilmt. Ob Erzählung, Essay, Theaterstück, Roman oder der bemerkenswerte philosophische Dialog „Die Herzlichkeit der Vernunft“ (2017) mit Alexander Kluge – jedes Buch ist anders, jedes aufs Neue überraschend wie auch sein neuestes Buch „Kaffee und Zigaretten“.
Es ist eine nur 190 Seiten umfassende Sammlung von Notizen, Beobachtungen und kurzen Erzählungen. Schirach beschreibt flüchtige Momente des Glücks, von Einsamkeit und Melancholie, er schreibt über Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat, denkt über Kunst und Gesellschaft und als langjähriger Strafverteidiger über die Würde des Menschen nach. „Wir erschufen eine Ethik, die nicht den Stärkeren bevorzugt, sondern den Schwächeren schützt. Das ist es, was uns im höchsten Sinn menschlich macht: die Achtung vor unserem Nebenmenschen.“ Von dieser Überzeugung ausgehend, ist es nicht weit zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen: „Hass ist der Anfang. Es ist immer der Hass, der aus der Dummheit kommt.“
Ferdinand von Schirach will uns nicht belehren. Aber er vertritt eine klare Haltung - kurz und knapp, vor allem klug formuliert. Eigentlich ist es eher das Ungesagte, dass in seinen Texten für Nachhaltigkeit sorgt - wie in Kapitel 19: Zehn kurze Zeilen, die uns, morgens beim Frühstück gelesen, den ganzen Tag lang beschäftigen können. Schirach gibt uns Lesern nur Anstöße zum Nachdenken, ohne seine eigenen Gedanken moralisierend vor uns auszubreiten.
Nur in wenigen Passagen vertritt der in einem Jesuiten-Internat humanistisch geschulte Autor seine Meinung zu Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft eindeutiger: „Die gebundene Ausgabe von 'Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich' von David Foster Wallace kostet 20 Euro. Das Ausmalbuch für Erwachsene mit dem Titel 'Alpen' ist sieben Euro teurer.“ Die Beobachtungen seiner Mitmenschen und seine daraus gezogenen Erfahrungen münden im Satz: „Irgendwann hat man keine Vorbilder mehr. Man weiß zu viel. Zu viel über sich selbst und zu viel über die anderen.“ Dies lässt den Autor an seine Jugend denken: „Ich träumte von der Zeit, als wir glaubten, dass uns alles gelingen würde, weil wir nur wenig wussten und weil die Wirklichkeit noch keine Macht über uns hatte.“
Geben Schirachs Texte nun Erdachtes oder selbst Erlebtes wider? Es dürfte beides und von beidem eine Mischung sein. Es sind 48 völlig unterschiedliche Texte, ohne jeden Zusammenhang untereinander, teils nur zehn Zeilen kurz, teils nur fünf Seiten lang. Aber jeder transportiert eine Botschaft, für deren Vermittlung andere Autoren Romanlänge brauchen. Eben diese Kürze seiner Geschichten, seine knappen Sätze, in denen jedes einzelne Wort sorgsam abgewogen und feinsinnig gefeilt scheint, sind es, die Schirachs Bücher so faszinierend, so einzigartig, so geistig anregend, so lesenswert machen.

Veröffentlicht am 28.06.2019

Was bedeutet Heimat?

Nicht Anfang und nicht Ende
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REZENSION - Ein sprachlich und atmosphärisch wunderbares und beeindruckendes Buch ist der 1970 erstveröffentlichte Roman „Nicht Anfang und nicht Ende“ des Schweizer Schriftstellers Plinio Martini (1923-1979), ...

REZENSION - Ein sprachlich und atmosphärisch wunderbares und beeindruckendes Buch ist der 1970 erstveröffentlichte Roman „Nicht Anfang und nicht Ende“ des Schweizer Schriftstellers Plinio Martini (1923-1979), der zuletzt 2016 in deutschsprachiger Neuausgabe im Limmat-Verlag (Zürich) erschien. In seinem 240-seitigen „Klassiker der Schweizer Literatur“, einer berührenden Liebes- und Auswanderergeschichte, erzählt uns Martini, der selbst im kleinen Dorf Cavergno im Maggiatal als Sohn eines Bäckers mit sieben Brüdern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und später dort und im Nachbarort Cevio als Volksschullehrer tätig war, vom kargen und harten Leben der alpinen Dorfbewohner in den Jahren zwischen den Weltkriegen.
Während heute die Schweiz im Ruf steht, ein Steuerparadies, das Land der Reichen und ein teures Urlaubsziel zu sein, schildert Martini in seiner melancholischen Liebeserklärung an die Heimat eine trostlose Region voller Armut, in dem die Bewohner mangels anderer Nahrung von Kastanien und Polenta, die Ärmsten oft sogar nur von Wassersuppe leben mussten. „Wir waren eine Insel außerhalb der Zeit, die letzte Hand voll Mehl auf dem Grunde des Sackes", lässt der Autor seinen Ich-Erzähler Gori sagen. "Schon damals begannen die Sommergäste ins Val Bavona und bis auf die Alpweiden vorzudringen, um uns zu besichtigen, als ob wir Rothäute wären.“ Damals träumten die jungen Männer des Maggiatals nur noch von der Auswanderung ins gelobte Land Amerika und einer späteren Rückkehr mit vielen Dollars in den Taschen.
Der Autor lässt uns Gori aus Cavergno seine Lebensgeschichte im Rückblick erzählen. Er war - wie viele junge Männer des Maggiatals schon vor ihm - tatsächlich 1929 nach Kalifornien ausgewandert, da er in der Heimat nur Hunger und Armut kannte und keine Aussicht auf Arbeit hatte. Nach einem langweiligen Leben als einsamer Cowboy auf einer Farm weitab jeglicher Zivilisation, kehrte er erst 20 Jahre später, krank vor Heimweh, in sein geliebtes Maggiatal zurück, in dem er einst seine einzige große Liebe Maddalena zurückgelassen hatte. Bei seiner Rückkehr findet er sein Maggiatal nicht mehr so vor, wie er es einst kannte. Maddalena ist schon vor Jahren gestorben, seine alte Mutter ist behindert und der Vater gebrechlich. Das ganze Maggiatal hat sich verändert. Die in der Fremde ersehnte Heimat ist selbst fremd geworden. Am liebsten würde er wieder in die USA zurückkehren. „Mein Friede besteht in dem Wissen, dass ich, wo ich auch sein mag, immer an das denken werde, was ich verloren habe.“
Dieser Roman, der mich in seiner Poesie und Liebe zum Maggiatal, seiner Ausdruckskraft, der Naturverbundenheit und auch gelegentlichen Härte stellenweise an den grandiosen Roman „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ (2016) des Österreichers Gerhard Jäger (1966-2018) erinnerte, wirkt so ungemein authentisch, als wäre es Plinio Martinis Autobiographie. Tatsächlich ist es etwas Ähnliches. Zwar sind alle Figuren fiktiv – mit Ausnahme des katholischen Pfarrer Don Giuseppe, der seine Dorfgemeinde fest im Griff hat. Doch die Handlung basiert auf realen Erlebnissen und tatsächlichen Begebenheiten. Schließlich hatte der Autor als Einwohner des kleinen Dorfes Cavergno selbst unter ärmlichen Verhältnissen leben müssen und war als dessen späterer Dorfschullehrer über viele Jahre ein Teil des dortigen Geschehens.
„Nicht Anfang und nicht Ende“ ist die ergreifende Geschichte von sehnsüchtigem Fernweh und krankhaftem Heimweh. „Häuschen, die sich mit offenen Türen eng zusammendrängten, um einander Gesellschaft zu leisten; zu einer Tür hinaus, zur nächsten hinein, und überall bist du zu Hause, unter Leuten deiner Art, die dich kennen und gern haben", heißt es in Martinis Roman über das Leben im Maggiatal. Erscheint diese Enge zwar bedrückend, bleibt sie doch vertraute Heimat und sichert Geborgenheit, während sich die Auswanderer in den Weiten Kaliforniens verlieren. Trotz seines erbarmungslosen und entbehrungsreichen Lebens war das kleine Dorf Cavergno und das Maggiatal dem Autor und seinem Protagonisten Gori immer die Heimat.

Veröffentlicht am 30.03.2026

Fast erschreckend realitätsnaher Politthriller

Der Prinz
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REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen ...

REZENSION – Schon die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist überraschend: Die seit über 40 Jahren in Berlin lebende polnische Autorin Magdalena Parys (55) veröffentlichte ihren überwiegend in der deutschen Hauptstadt spielenden zeitgenössischen Roman „Der Prinz“ zunächst 2020 in Polen. Erst sechs Jahre später erschien nun im März in einem österreichischen Kleinverlag, dem auf polnische Spannungsliteratur spezialisierten Polente Verlag, die von Lothar Quinkenstein und Hans Gregor Njemz ins Deutsche übertragene Ausgabe. Überraschend ist auch das lieblich anmutende pinkfarbene Cover-Layout, lässt es doch in Verbindung mit dem Titel „Der Prinz“ auf den ersten Blick auf einen seichten Romance-Roman schließen. Doch weit gefehlt: Es handelt sich um einen knallharten, stellenweise sogar brutalen Politthriller, der eine fast beängstigende Realitätsnähe aufweist, so dass dem Verlag die abschließende Versicherung notwendig erscheint: „Die im Buch beschriebene Geschichte hat sich von Anfang bis Ende in der Fantasie der Autorin abgespielt.“
Auch in diesem zweiten Band der Berlin-Trilogie von Magdalena Parys gehören der schon aus dem ersten Band „Der Magier“ (2025) bekannte Kommissar Tomasz Kowalski, Sohn eines polnischen Vaters und einer deutschen Mutter, sowie seine frühere Geliebte, die als Kind aus Breslau in die Bundesrepublik übergesiedelte Investigativ-Journalistin und Talkshow-Moderatorin Dagmara Bosch, zum kleinen Team des seine baldige Pensionierung erwartenden Berliner Polizeipräsidenten Tschapieski. Er soll den Mord eines im Berliner Dom gekreuzigten Priesters, den Brand in einer Brandenburger Migrantensiedlung, die Entführung einer Politiker-Ehefrau sowie den Autounfall des Verteidungsministers aufklären. Auftraggeber ist Paul Chagall, Leiter einer in den 1970er Jahren von dem durch RAF-Terrorismus gefährdeten Kanzler Helmut Schmidt gegründeten geheimen Task Force, von deren Existenz außer der jetzigen Kanzlerin niemand weiß und die absolut weisungsunabhängig handelt – zum Schutz des Landes und seiner Regierungschefin.
Paul Chagall, Geheimagent mit der Lizenz zum Töten, dessen Existenz und Identität nur der Kanzlerin bekannt ist, erkennt entgegen der öffentlichen Wahrnehmung direkte Zusammenhänge zwischen diesen Fällen. Als Drahtzieher vermutet er den „Prinzen“, den ihm noch unbekannten Anführer einer Terrorgruppe, die ihre aktiven Mitglieder und weiteren Anhänger aus rechten Kreisen der Bundeswehr und der deutschen Wirtschaft sowie über eine in Bayern gegründete rechtsextreme Partei und eine in Sachsen aufgebaute Jugendorganisation rekrutiert.
Die Autorin erzählt eine beklemmende und atmosphärisch dichte Geschichte um Manipulation von Menschen, unzeitgemäßes Elite-Denken, gezielte politische Einflussnahme und Machtstreben, deren Ursachen bis in die Nachkriegsjahre mit der vor den Alliierten geheim gehaltenen Gründung einer Schattenarmee zurückreichen. Parys zeigt auf eher unterschwellig spannende Weise, wie politische Zusammenhänge damals wie heute durch enge persönliche Beziehungen beeinflusst und gezielt inszeniert werden.
„Der Prinz“ ist weit mehr als eine leicht zu lesende Spannungslektüre. Die Autorin zwingt uns vor allem durch nüchternen Stil ohne jede künstliche Dramatik, dafür aber durch kontrollierten Aufbau ihrer Geschichte zum konzentrierten Mitdenken. Die Spannung des Romans liegt nicht in einer actionreichen Handlung, sondern vielmehr im Aufdecken von Zusammenhängen. Auch deshalb sollte man das Lesen dieses packenden, politisch interessanten Romans möglichst selten unterbrechen. Nur so lässt sich mit dem rasanten Tempo und schnellen, überraschenden Wendungen der Handlung Schritt halten und nicht der Überblick verlieren.

Veröffentlicht am 15.03.2026

Widerstand aus Liebe zur Literatur

Die Buchhandlung der Exilanten
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REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die ...

REZENSION – Basierend auf Originalbriefen, Tagebuchaufzeichnungen und Archivstudien erzählt Literaturwissenschaftler Uwe Neumahr (54) in seinem im März beim Verlag C. H. Beck veröffentlichten Werk „Die Buchhandlung der Exilanten“ die lesenswerte Geschichte zweier bedeutender Pariser Buchhändlerinnen und Verlegerinnen, der Französin Adrienne Monnier (1892 bis 1955) und der aus Baltimore stammenden Amerikanerin Sylvia Beach (1887 bis 1962). In seiner eindrucksvollen Studie zeigt Neumahr den Wandel ihrer beiden an der Rue de l’Odéon gegenüberliegenden Buchhandlungen „La Maison des Amis des Livres“ für Freunde hauptsächlich französischer Literatur und „Shakespeare and Company“, mit der sich Beach in Paris auf die Verbreitung und Übersetzung englischsprachiger Werke spezialisiert hatte, von kulturellen Salons und Treffpunkten der literarischen Avantgarde in den 1920er Jahren – von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir – über die 1930er Jahre, in den die Buchhandlungen zu Zufluchtsorten emigrierter deutschsprachiger Schriftsteller wurden, bis hin zu ihnen als Orte nicht nur des geistigen Widerstands während der deutschen Besetzung ab 1940. Denn in jenen Jahren unterstützten beide Buchhändlerinnen vom Nazi-Regime verfolgte Autoren sowohl finanziell wie materiell, boten manchen Unterschlupf und organisierten für Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und andere deren Flucht. Doch trotz freundschaftlicher Beziehungen zu einigen literarisch ambitionierten Diplomaten und Beamten des mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regimes gefährdeten sich Monnier und Beach am Ende auch selbst. So sah sich Sylvia Beach nach längerer Gestapo-Haft schließlich 1944 gezwungen, ihre Buchhandlung „Shakespeare and Company“, die nicht mit der heute bestehenden desselben Namens verwechselt werden darf, von einem Tag auf den anderen aufzugeben und unterzutauchen.
Obwohl allein schon die Frühzeit beider Buchhandlungen eine interessante Geschichte ist, legt Neumahr mit Schilderung der Verfolgung durch die Nazis in Paris ab 1940, der folgenden Jahre des Widerstands sowie der Literatur im Exil den Schwerpunkt auf ein oft übersehenes Kapitel deutsch-französischer Geschichte. Er macht deutlich, wie anfällig kulturelle Freiheit auf äußerliche Einwirkungen ist, wie gefährdet sie ist und wie sehr gerade unter totalitären Bedingungen ihr Erhalt von mutigen Einzelpersonen abhängt, die wie Monnier und Beach Literatur nicht nur als Mittel zur Unterhaltung, sondern zur Bewahrung geistiger Freiheit verstehen.
Um der Bedeutung beider Buchhandlungen und ihrer Inhaberinnen gerecht zu werden, hat Neumahr, worauf er selbst im Vorwort hinweist, sein Buch in zwei Handlungsstränge unterteilt: Der erste Handlungsstrang beginnt während des Ersten Weltkriegs, der zweite 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Jahr 1943 führt er beide Handlungsstränge zusammen, gefolgt von der Befreiung der Buchhandlungen im August 1944 und einem Ausblick auf die weitere Lebensgeschichte beider Buchhändlerinnen.
Neumahrs Buch zeichnet sich durch wissenschaftliche Genauigkeit und erzählerische Dichte aus. Doch während einerseits diese in Einzelheiten gehende Verbindung von Literaturgeschichte und politischer Zeitgeschichte die beachtenswerte Stärke des Buches ist, sorgt andererseits – trotz des Bemühens um klare Gliederung – genau dies beim Lesen für Probleme: Die Vielzahl teils bekannter, teils weniger bekannter Namen mag manchen Leser verwirren und verlangt ein hohes Maß an Konzentration und möglichst den Verzicht auf Lesepausen. Zudem springt Neumahr bei Schilderung der vielen Einzelschicksale und deren Bedeutung für die Literatur sowie der historischen Zusammenhänge immer wieder zwischen den Jahrzehnten hin und her, so dass es manchem Leser schwerfallen kann, nicht den „roten Faden“ zu verlieren.
Dennoch ist „Die Buchhandlung der Exilanten“ eine atmosphärisch dichte, kultur- und literaturhistorisch äußerst interessante Abhandlung. Manches ist aus anderer Literatur zwar schon bekannt. Aber es gelingt dem Autor ausgezeichnet, aus dieser episodenartig erzählten Sammlung von Fakten und historischen Ereignissen ein spannend zu lesendes Gesamtbild zu schaffen. Sein Werk füllt damit ein bisher weniger beachtetes Kapitel der Literaturgeschichte und ist gerade deshalb auch als wichtige Ergänzung zu den ebenfalls im Verlag C. H. Beck erschienenen Büchern „Februar 33“ (2022) und „Marseille 1940“ (2024) von Uwe Wittstock sowie Neumahrs bereits 2023 veröffentlichten Buches „Das Schloss der Schriftsteller. Nürnberg '46“ unbedingt zu empfehlen.

Veröffentlicht am 27.02.2026

historisch authentisch und spannend erzählt

TINTE und SCHWERT, Sonderedition
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REZENSION – Erst vor knapp zehn Jahren startete Matthias Soeder (64) nach 35 Jahren als Berufspilot seine zweite Karriere als Schriftsteller und begann zunächst mit Psychothrillern, in deren Handlung bereits ...

REZENSION – Erst vor knapp zehn Jahren startete Matthias Soeder (64) nach 35 Jahren als Berufspilot seine zweite Karriere als Schriftsteller und begann zunächst mit Psychothrillern, in deren Handlung bereits Rückblenden in die brutale Zeit der Bamberger Hexenprozesse (1612 bis 1631) enthalten waren. Mit seinem im Februar beim Feuertanz Verlag veröffentlichten ersten Band „Verwandlung“ der Trilogie „Tinte und Schwert“, die im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) spielt, wechselt er nun vollends ins Genre des historischen Romans und nimmt den religiösen Fanatismus jener Zeit wieder auf.
Wenn auch der Großteil der Handlung im böhmischen Pilsen und vor Budweis spielt, beginnt der Roman des fränkischen Autors im Bistum Würzburg. „Das Hochstift Würzburg und das Hochstift Bamberg gehörten zu den Epizentren der Hexenverfolgung“, nannte Soeder kürzlich in einem Interview als Grund für diesen heimatlichen Bezug. In Bachthal, einem fiktiven Dorf im Würzburger Bistum, wird zu Beginn des langen Glaubenskriegs im Jahr 1618 die Bauernfamilie Wolffen von einer Söldnerhorde des jungen skrupellosen Grafen Heinrich von Hohenfels überfallen und alle ermordet bis auf den 17-jährigen Jacob, der als frommer Katholik gerade ins Würzburger Priesterseminar aufgenommen werden wollte. Von der mörderischen Truppe verschleppt, muss er bald darauf in Böhmen im Heer des Generals Ernst von Mansfeld (1580 bis 1626) – ausgerechnet im Heer des protestantischen Feindes – bei der Belagerung von Pilsen unter brutalen Bedingungen als Schanzknecht dienen.
Unter den Schlägen seiner Aufseher wächst im frommen Katholiken die tiefe Überzeugung, Gott habe ihn nicht etwa gerettet, um Priester zu werden und zu beten, sondern um die Mörder seiner Familie zu bestrafen. Als er in der mittlerweile vom Mansfelder Heer eingenommenen Stadt zum Schreiber der Artillerie aufsteigt, bekommt er die Musterrolle mit den Namen der Mörder und deren Unterkunft in die Hand. Der anfangs noch schwache, friedfertige Katholik, der sich im Heimatdorf von den stärkeren Bauernburschen häufig hat verprügeln lassen müssen, arbeitet nun nebenbei in einer Schmiede, nimmt bei einem Fechtmeister Unterricht. Aus dem einstigen Schwächling wird – daher der Titel „Verwandlung“ dieses ersten Bandes – ein selbstbewusster, kräftiger Kämpfer. Bei der Durchführung seiner „von Gott befohlenen“ Rache an den Hohenfelser Mördern unterstützt ihn die gleichaltrige und lebenskluge Anna Dillenberger aus Hanau, deren Mutter als Hebamme und Heilerin auf Veranlassung des aus Bamberg nach Pilsen versetzten Hexenjägers und Pfarrers Allendorfer bereits auf dem Scheiterhaufen den grausamen Feuertod starb, und die nun selbst als Heilerin berechtigte Angst vor Verfolgung als Hexe hat. „Ich erkläre nicht die Geschichte, sondern nutze historische Fakten zu Hexenglauben, Alltag jener Epoche und militärischer Praxis als Fundament der Handlung“, beschreibt Autor Matthias Soeder im Interview sein Konzept.
Mit „Tinte und Schwert. Verwandlung“ ist ihm ein äußerst spannender, auch auf alltägliche Einzelheiten eingehender und anhand historisch Fakten überaus interessanter Roman gelungen, der trotz spürbarer Freude an Details und daraus sich gelegentlich ergebender, auch verzichtbarer Längen dennoch nie an Spannung verliert. Kurze, knappe Sätze ebenso wie lebendige Dialoge mit nicht immer salonfähiger, aber der damaligen und soldatischen Zeit angepasster Ausdrucksweise lassen den Roman authentisch wirken. Bei der Lektüre kann man sich leicht in das reale Geschehen des Dreißigjährigen Krieges hineinversetzt fühlen.
Diese Wirkung erzielt Soeder vor allem im dramatischen Höhepunkt seines ersten Bandes – der detaillierten Schilderung der Schlacht vor Budweis, in der ein Mansfelder Truppenkontingent von den Kaiserlichen vernichtend geschlagen wird. Hier wird nicht nur die taktische Aufstellung der nach Waffengattung unterschiedlichen Truppenabteilungen, sondern in der in Einzelheiten gehenden Beschreibung der Kampfszenerie die ungeheure Brutalität des Krieges in unverstellter Härte erlebbar, was allzu zartbesaitete Leser abschrecken mag. In rasanter Folge prallen nur stichwortartig, aber drehbuchreif beschriebene kurze Kampfszenen Mann gegen Mann auf den Leser ein. Besonders hier, aber auch in vorherigen Szenen des Romans spürt man die „leibhaftige“ Erfahrung, die der Autor durch seine aktive Mitgliedschaft als Musketier im Verein „Kurbairisches Dragoneregiment Johann Wolf“ in historisch nachgestellten Kampfszenen sammeln konnte.
Ergänzt durch dreijährige Recherche in Fachliteratur und Gesprächen mit Experten verschiedener Disziplinen wie Historikern und Medizinern ist dem Autor mit seinem historischen Debüt ein erstaunlich spannender, authentisch wirkender und flüssig erzählter Auftakt gelungen, auf dessen Fortsetzung man neugierig sein darf. Dieser zweite Band „Verzweiflung“ soll im Spätherbst folgen.